Claude Joseph Rouget de Lisle

Woher kommt eigentlich die Marseillaise?

von Stefan Sell

14. März 2018

Als die Nationalversammlung Österreich den Krieg erklärte, traf man sich im Hause des Bürgermeisters und war sich bald einig, bevor Truppen in den Krieg ziehen, bedarf es eines patriotischen Liedes.

Der Fall scheint klar und hat bereits Lite­ra­tur­ge­schichte geschrieben. Stefan Zweig hob ihn empor zum „Genie einer Nacht“. Der Fran­zose Claude Joseph Rouget de Lisle (1760–1836) hat Text und Musik der Mar­seil­laise ver­fasst, die zunächst Chant de guerre pour l’armée du Rhin hieß.

Rouget weilte als Haupt­mann beim „Corps royal du Génie“ in Straß­burg. Als die fran­zö­si­sche Natio­nal­ver­samm­lung Öster­reich den Krieg erklärte, traf man sich am Abend des 25. April 1792 im Hause des Bür­ger­meis­ters Diet­rich und war sich bald einig, bevor Truppen in den Krieg ziehen, bedarf es eines patrio­ti­schen und schmis­sigen Liedes. Da Rouget Geige spielte und als Dichter, Libret­tist und Über­setzer wirkte, schien er geeignet, eine Hymne zu ­schreiben. Noch in der glei­chen Nacht soll er sich daran gemacht und wie in einem Rausch Verse und Melodie bis zum frühen Morgen gefunden haben. Erst zwei, drei Monate später, als meh­rere Kom­pa­nien Frei­wil­liger aus damit sin­gend nach Paris mar­schierten, bekam das Lied den Namen Marseillaise.

Bei der Spu­ren­suche aller­dings wird man stutzig. Rouget war mit dem dama­ligen Dom­ka­pell­meister des Straß­burger Müns­ters, , befreundet. Der Geiger, Pia­nist und Kom­po­nist hatte schon 1791 einen Text von Rouget unter dem Titel Hymne à la Liberté ver­tont. Warum hat Rouget hier die Musik nicht selbst geschrieben?

„Genie einer Nacht“

Pleyel stand öfter im Ver­dacht, der Kom­po­nist der Mar­seil­laise zu sein. Doch wie es scheint, war er es nicht. Pleyel wurde in den Unwäg­bar­keiten der Revo­lu­tion seines Amtes ent­hoben. Zu der Zeit, als Rouget seinen Genie­streich aus­führte, hielt Pleyel sich nicht mehr in Straß­burg auf. Er befand sich anläss­lich eines musi­ka­li­schen Wett­streits im gegen­sei­tigen Ein­ver­ständnis mit seinem Freund Haydn, dessen Schüler er lange war, in London. 1795 zog es ihn samt Familie nach Paris, wo er nicht nur Ver­leger wurde, son­dern auch noch Klavierfabrikant.

Wie aber gelangte die Melodie elf Jahre vor Rougets magi­scher Nacht in Gio­vanni Bat­tista Viottis Tema e varia­zioni? Der Geiger Guido Rimonda hat zusammen mit der Came­rata Ducale vor Kurzem eine Welt­erstein­spie­lung dieses Werkes für Vio­line und Orchester vor­ge­legt, samt einem Fak­si­mile des Auto­grafen. Wirk­lich ver­blüf­fend – hat etwa ein Ita­liener die fran­zö­si­sche Natio­nal­hymne geschrieben? Einzig das Datum auf dem Fak­si­mile trägt eine andere Hand­schrift, wirkt wie nach­träg­lich notiert: „2 mars 1781“. Der Titel des Werkes ist ita­lie­nisch, das Datum fran­zö­sisch, „mars“ statt „marzo“, warum? Nicht, dass Viotti kein Fran­zö­sisch konnte, er lebte zeit­weise in Paris, reüs­sierte 1782 mit über­ra­gendem Erfolg bei den Con­certs spi­ri­tuels und stand zwei Jahre im Dienste der Königin Marie Antoinette.

Viotti und Pleyel waren eben­falls gute Freunde, Pleyel wurde später Viottis Ver­leger. Er war so begeis­tert von dem Gei­gen­vir­tuosen, dass er ihm zwei Streich­quar­tette wid­mete. Ferner ver­bindet die beiden, dass ihnen die Schöp­fung der berühmten Melodie nach­ge­sagt wird. Wenn das Datum nicht ori­ginal ist, dann hat Viotti sich wohl eher vom Auf­bruch der auf­rüh­re­ri­schen Melodie in Stim­mung bringen lassen und in dieser Schwin­gung das Thema erst nach 1792 mit wun­der­baren Varia­tion versehen.

„Hat etwa ein Ita­liener die fran­zö­si­sche Natio­nal­hymne geschrieben“

Wenn auch auch Viotti nicht infrage kommt, wie kann es sein, dass im Dezember 1786, also sechs Jahre vor Rougets Ein­ge­bung, Mozart sein C‑Dur Kla­vier­kon­zert (KV 503) fer­tig­stellte, worin im ersten Satz, Allegro maes­toso, unüber­hörbar das Thema der Mar­seil­laise anklingt? Ein Jahr darauf, 1787, immer noch fünf Jahre zu früh, ist die Melodie bereits im Ora­to­rium Esther von Jean-Bap­tiste Gri­sons zu hören.

Viel­leicht lag die Melodie, wie so oft, ein­fach in der Luft, als Rouget in dieser Nacht auf seiner Geige eine Melodie suchte und sie sich, wer weiß woher, wie von selbst spielte, pass­genau zum Text. 1830 hat Ber­lioz den Gesang des Rouget de Lisle für großes Orchester und Dop­pel­chor ein­ge­richtet. Rouget dankte ihm in einem herz­li­chen Brief und wollte Ber­lioz treffen.

„Ich erfuhr später“, hielt Ber­lioz fest, „daß Rouget de Lisle, der, bei­läufig gesagt, noch viele andere schöne Lieder, als die Mar­seil­laise, geschaffen hat, in seiner Mappe ein Opern­buch Othello liegen hatte, das er mir in Vor­schlag bringen wollte. Aber da meine Abreise von Paris dem Emp­fangs­tage seines Briefes unmit­telbar folgte, so ent­schul­digte ich mich bei ihm und ver­schob den schul­digen Besuch auf die Zeit meiner Rück­kunft aus Ita­lien. Inzwi­schen starb der arme Mann. Ich habe ihn nie gesehen.“

Fotos: gemeinfrei