Paavo Järvi

Diri­genten sind wie Rotwein­

von Barbara Schulz

18. Februar 2018

Über die Kunst des Reifens, die Verlockung Estlands und die Kraft musikalischer Brückenschläge - ein Gespräch mit dem Dirigenten.

Über die Kunst des Reifens, die Verlo­ckung Estlands und die Kraft musi­ka­li­scher Brücken­schläge – ein Gespräch mit Diri­gent Paavo Järvi.

crescendo: Herr Järvi, Sie haben einmal gesagt, man müsse logisch an ein Werk heran­gehen. Ist das Ihre Art zu inter­pre­tieren?

: Nicht unbe­dingt. Aber Musik hat eine innere Logik, die muss man verstehen. Natür­lich gibt es nichts Lang­wei­li­geres als die pedan­ti­sche, analy­ti­sche Auffüh­rung eines Werks. Und man kann es hören, wenn ein Diri­gent die innere Logik eines Stücks nicht verstanden hat. Jeder Kompo­nist schreibt ein Stück mit einer genauen inneren Logik im Kopf, das muss man als Diri­gent wissen. Als Hörer nicht. Denn in der Auffüh­rung selbst passiert das Gegen­teil: Es soll natür­lich und orga­nisch sein und nicht akade­misch.

Sie haben ursprüng­lich Schlag­zeug gelernt. Hilft das beim Diri­gieren?

Ja, Rhythmus ist das Wich­tigste in der Musik über­haupt. Das gilt für alle Musiker. Damit meine ich nicht das klas­si­sche Takt­schlagen, sondern dass man diesen inneren Sinn für Rhythmus im Blut haben muss. Ein Orchester, das rhyth­misch nicht völlig klar ist, kann auch die Essenz von Musik nicht trans­por­tieren, egal, ob bei Wagner, Beet­hoven, Stra­winsky oder in der Barock­musik.

Noch ein Zitat von Ihnen: „Diri­genten werden mit den Jahren wie Rotwein immer besser“…

Defi­nitiv. Diri­gieren ist kein Job, es ist ein echter Beruf – im besten Sinne. Und Erfah­rung ist essen­ziell! Es geht um Weis­heit. Und für die muss man Erfah­rungen und Fehler machen. Musi­ka­li­sche, viel­leicht auch persön­liche. Ein Beispiel: . Er macht nicht viel, nur sehr kleine, konzen­trierte, fast mini­ma­lis­ti­sche Bewe­gungen – und doch macht er alles. Er hat so viel Erfah­rung, Weis­heit und Wissen, wie man etwas formen und gestalten muss. Das hilft, die Dinge anders zu sehen. Ja, irgendwie ist es ein Beruf für die zweite Lebens­hälfte.

„Hat man ein Orchester vor und 3.000 Leute hinter sich, ist Loslassen ein riskantes Geschäft

Und was ist mit Cham­pa­gner?

Je älter ich werde, umso notwen­diger finde ich es in der Musik, Spaß zu haben, zu genießen, loszu­lassen – eines der schwersten Dinge über­haupt. Hat man ein Orchester vor sich und etwa 3.000 Leute hinter sich, dann ist Loslassen ein ziem­lich riskantes Geschäft. Es aber nicht zu tun, ist auch nicht der ulti­ma­tive Weg zu einer guten Auffüh­rung. So ist es ein persön­li­cher innerer Kampf, wie sehr man es kann und will. Natür­lich auch eine Frage dessen, wie eng die Bezie­hung mit dem Orchester ist. Mit dem eigenen lässt man sich auf andere Risiken ein als mit einem, das man nicht kennt. Es ist eine komplett andere Art zu diri­gieren.

Was ist mit den natio­nalen Unter­schieden von Orches­tern?

Es ist unmög­lich, von der Gesell­schaft, in der man lebt, nicht beein­flusst zu sein. Inso­fern besteht offen­sicht­lich eine Bezie­hung zwischen der Tatsache, aus welcher Kultur das Orchester kommt und wie es funk­tio­niert. Gleich­zeitig gibt es natür­lich sehr inte­gra­tive und gemischte Orchester – ein Mikro­kosmos, in dem ein ganz eigener Sound kreiert wird.

Wie bei dem von Ihnen gegrün­deten Esto­nian Festival Orchestrn…

Das Orchester ist einzig­artig für mich, weil es ein Herzens­pro­jekt ist: Ich bin Este, ich bin wegge­gangen aus Estland und wieder­ge­kommen. Ich glaube, ich kann nütz­lich sein, um Estland und seine Musiker popu­lärer zu machen. Estland ist so klein, aber seine geogra­phi­sche Lage ist fantas­tisch. So viele Menschen wollten dieses Stück Land haben. Wir waren besetzt von den , den Dänen, zweimal von den Russen, zweimal von den Deut­schen. Jeder im finni­schen Krieg wollte diesen Zugang zum balti­schen Meer, dieses Fenster nach Europa. Und die estni­sche Geschichte ist eine euro­päi­sche Geschichte, eng verbunden mit der unserer balti­schen Nach­barn, mit Skan­di­na­vien, Russ­land und .

Foto: Kaupo Kikkas

Auch der Ort des Festi­vals, Pärnu, hat eine Geschichte…

Ich bin im russi­schen Teil Estlands aufge­wachsen, mit einer ausge­spro­chen hohen Dichte an Musi­kern, die alle unter dem sowje­ti­schen System litten. Viele von ihnen verbrachten ihre Sommer in der kleinen Stadt Pärnu, dem Spa Estlands. Dort traf man Oistrach, Rostro­powitsch, Rosch­dest­wenski, Gilels, Schosta­ko­witsch. Ich dachte also, es wäre logisch, mit einem nicht-estni­schen Album zu beginnen, zugleich aber mit etwas, das mit unserer Geschichte und diesem Ort zu tun hat. Und letzt­lich sind wir doch eine musi­ka­li­sche Orga­ni­sa­tion, die inter­na­tio­nale Brücken bauen will. Wir haben Musiker von überall her. Das Orchester ist nicht limi­tiert auf Esten.

Ab Januar 2018 gehen Sie mit dem Orchester erst­mals auf Tournee.

2018 ist ein ganz wich­tiges Jahr, denn unsere Unab­hän­gig­keit wird 100 Jahre alt – so jung sind wir. Ein Meilen­stein. Deshalb dachte ich, es sei die rich­tige Zeit, zum ersten Mal auf Tournee zu gehen und dieses Orchester vorzu­stellen. Der estni­sche Kompo­nist hat seine neue Sinfonie für uns geschrieben, wir spielen Schosta­ko­witsch und vieles mehr – es ist Outing für unser Orchester.

Daneben stehen auch Brahms, Sibe­lius und Pärt auf dem Programm.

Als ich das Esto­nian Festival Orchestra gegründet habe, war mir sehr wichtig, dass es in seinem Reper­toire nicht fest­ge­legt ist. Natür­lich werde ich gefragt, warum unser Fokus nicht auf estni­scher Musik liegt. Aber es ist ja kein estni­sches Orchester – es ist ein euro­päi­sches Orchester. Pärt, Sibe­lius, Schosta­ko­witsch und Brahms zusam­men­zu­bringen, ist inso­fern sehr wahr­haftig.

Der Spirit des Orches­ters ist also Viel­falt?

Genau das. Zugleich ist er von der Grund­zügen her sehr idea­lis­tisch. Wir alle wissen, dass wir die Welt nicht verän­dern können. Aber wir können die Botschaft in die Welt hinaus­tragen, dass die Musik Brücken schlagen kann. Die Poli­tiker aus aller Welt machen ihren Job im Moment nicht gerade gut. Und so ist es von uns eine symbo­li­sche Geste, unserem Bestreben ange­messen Ausdruck zu verleihen, die Leute durch mensch­liche Quali­täten zu vereinen.

Im Grunde nichts anderes als Baren­boims Orchester des West-Östli­chen Divans.

Ja, die Botschaft ist: Verei­ni­gung. Baren­boim ist bril­lant, ein Vorbild für mich. Er hat den Mut und die Ausdauer, die Botschaft wirk­lich voran­zu­treiben und nicht nach­zu­lassen. Es gibt so viele Plätze auf der Welt, wo es gut ist zu heilen.

Fotos: Kaupo Kikkas