Liv Stapelfeldt, Steffen Link

Elektra am Volkstheater München

750 PS Vergan­gen­heits­über­wäl­ti­gung

von Antoinette Schmelter-Kaiser

11. März 2026

Frei nach Sophokles inszeniert Lorenz Nolting am Münchner Volkstheater „ELEKTRA“ als Auseinandersetzung mit belastenden Familiengeschichten. Ein Abend voller Anklagen und Wut, der den Bogen von der Antike bis zur Gegenwart spannt – real existierende Personen inklusive.

Der Abend beginnt mit einem Lamento: Drama­tisch beklagt Orest (Max Poer­ting) den Tod seines Vaters Agamemnon, der von seiner Frau Klytaim­nestra ermordet wurde. Doch trotz großer Trauer fehlt Orest der Mut, sich an seiner Mutter zu rächen. Was erst wie eine klas­si­sche Insze­nie­rung eines Stücks von Sopho­kles wirkt, wird bald darauf stilis­tisch durch den Auftritt von Apollon gebro­chen. Als über­di­men­sio­nale Video­pro­jek­tion ruft Genet Zegay als grie­chi­scher Gott Orest auf, über seine Mutter zu richten – immer wütender und umgangs­sprach­lich-ausfal­lender im Ton.
Den Faden vom Fami­li­en­fluch ewiger Rache spinnt Regis­seur Lorenz Nolting mit einem Sprung in die Gegen­wart weiter. Eigent­lich soll Elektra (Marlene Markt) an ihrem Geburtstag eine erste große Schen­kung von ihrer Mutter Susanne Klatten (Liv Stapel­feldt) bekommen, Deutsch­lands reichster Frau und Haupt­ak­tio­närin von BMW. Doch auf Apol­lons Geheiß hinter­fragt Elektra, woher die Milli­arden kommen und welche Schuld die Unter­neh­mer­fa­milie Quandt in der Nazi-Zeit auf sich geladen hat. Rheto­risch wie emotional geschickt, reka­pi­tu­liert Susanne Klatten die Vergan­gen­heit beschö­ni­gend mit einem Exkurs über harte Arbeit, Pflicht und verdiente Erfolge. Zunächst einge­schüch­tert, dann zuse­hends frene­tisch hält Elektra mit einer Viel­zahl entlar­venden Fakten dagegen.
Die sukzes­sive Demon­tage der über­mäch­tigen Mutter insze­niert Lorenz Nolting in weiten Teilen laut, über­dreht-schrill und mit multi­me­dialen Mitteln. Es gibt aber auch stil­lere Momente: insbe­son­dere Elektras inten­siver Monolog über gravie­rende Kriegs­ver­bre­chen der Familie Quandt. Ihre „Vegan­gen­heits­über­wäl­ti­gung“ gipfelt in der Ermor­dung der Mutter, die glei­cher­maßen für Susanne Quandt wie für Klytaim­nestra steht. Doch damit nicht genug: Elektra und Orest verlassen gemeinsam das Volks­theater und fahren zur Münchner Zentrale von BMW, um als Erben über­kom­mene Macht­struk­turen anzu­pran­gern; ihr Furor wird für die Zuschauer 20 Minuten per Live-Stream über­tragen – bis Elektra mit Orest auf das BWM-Firmen­ge­lände stürmt und das Video stoppt.

>
Weitere Vorführungen am 12./13./15.3 sowie 4./10.5., https://www.muenchner-volkstheater.de/programm/schauspiel/elektra-750-ps-vergangenheitsueberwaeltigung
Fotos: Gabriela Neeb