Das mit der Einsamkeit

Erika Pluhar

Erika Pluhar über Einsamkeit

Die Kri­se um Coro­na hat vie­le Wor­te plötz­lich wie­der sehr prä­sent gemacht. Ein­sam­keit ist eines davon. Die meis­ten Men­schen haben Angst davor. Die 1939 in Wien gebo­re­ne Schau­spie­le­rin, Sän­ge­rin und Schrift­stel­le­rin Eri­ka Plu­har hat eine ganz beson­de­re Bezie­hung zu die­sem Gefühl, das sie Zeit ihres Lebens gepflegt hat.

Die Brom­beer­bü­sche wuch­sen hoch und wild und erfüll­ten einen beträcht­li­chen Teil des Gar­tens. In ihrem Inne­ren gab es Gän­ge, Höh­len­gän­ge, geschaf­fen durch hin­durch­krie­chen­de  Kin­der. Denn wenn die Bee­ren reif waren, fand man in der Tie­fe die größ­ten und dun­kels­ten. Aber auch in Zei­ten, in denen es nichts zu ern­ten gab, kroch sie gern in den Schat­ten der Hecken und kau­er­te dort, still wie ein lau­schen­des Tier.
Am liebs­ten hock­te sie allein da drin­nen. Allein und regungs­los, bei­de Arme um die Knie geschlun­gen, ohne irgend etwas oder irgend jeman­den zu ver­mis­sen, in köst­li­cher Zufrie­den­heit.
Krea­tür­li­che Ein­sam­keit wur­de ihr bewusst, oder sie emp­fand sie nur. Konn­te sich, in sie gehüllt, von sich selbst lösen.
Immer wie­der hat sie einen sol­chen Zustand, wenn es ihr gelang, ihn zu erfah­ren, als Krö­nung und Recht­fer­ti­gung ihres Lebens emp­fun­den. Wenn sie das beun­ru­hig­te Wis­sen um sich selbst able­gen konn­te, wur­de sie mit sich eins.“

Dies ist ein Aus­schnitt aus dem Beginn mei­nes Buches Am Ende des Gar­tens – Erin­ne­run­gen an eine Jugend, erschie­nen 1997. Das oben in den Brom­bee­ren beschrie­be­ne Kind, also ich, war da etwa drei Jah­re alt. Der zwei­te Welt­krieg tob­te. Kurz dar­auf wur­de Wien bom­bar­diert.

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Erika Pluhar: »Mein frühes, kindliches Wissen oder Erfühlen eines Zustandes völligen Für-sich-Seins, ja, Allein-Seins, ohne darunter zu leiden, blieb mir unvergessen.«

Da ich stets auf die Erfah­run­gen und Kom­pe­ten­zen mei­nes eige­nen Lebens zurück­zu­ge­hen pfle­ge, auch wenn dar­aus eine für die Öffent­lich­keit bestimm­te Äuße­rung wer­den soll – ich glau­be man nennt das, eigent­lich schon zum all­ge­mei­nen Über­druss, „authen­tisch sein“ –, habe ich auch mei­ne Refle­xi­on zum The­ma EINSAMKEIT jetzt in die­ser Wei­se begon­nen. Mein frü­hes, kind­li­ches Wis­sen oder Erfüh­len eines Zustan­des völ­li­gen Für-sich-Seins, ja, Allein-Seins, ohne dar­un­ter zu lei­den, blieb mir unver­ges­sen. Und hat als wesent­li­che Kom­po­nen­te mein Auf­wach­sen, mein gan­zes wei­te­res Da-Sein beglei­tet, bis heu­te.

Erika Pluhar: »Rundum werden Menschen zum Rückzug, zum Sich-Isolieren, also zum Einsamsein aufgerufen und leiden darunter.«

Ja, heu­te. Wie­der eine welt­wei­te Kri­se – ein Krieg in ganz ande­rer Form – umgibt also nach fast acht­zig Jah­ren das zur alten Frau gewor­de­ne Kind, und rund­um wer­den Men­schen zum Rück­zug, zum Sich-Iso­lie­ren, also zum Ein­s­am­sein auf­ge­ru­fen und lei­den dar­un­ter.

Ehe ich fort­fah­re, möch­te ich unbe­dingt fest­hal­ten, dass ich hier nicht  beschrei­ben möch­te, was Ver-Ein­sa­mung bedeu­tet. Also das völ­li­ge Ver­las­sen­sein, kei­nem ein­zi­gen Men­schen mehr, nur noch dem Tode zuge­hö­rig, also ein­sa­mes Zugrun­de­ge­hen. Das nicht. 

Mit sich selbst zu Rande kommen

Was ich durch­leuch­ten möch­te, ist das Ver­mö­gen oder Unver­mö­gen, als ein in halb­wegs geord­ne­ten Bah­nen leben­der Mensch mit sich selbst zu Ran­de zu kom­men. Gänz­lich und aus­schließ­lich mit sich selbst, ohne in eine ande­re kör­per­li­che oder see­li­sche Nähe, in ande­re Anfor­de­run­gen aus­wei­chen zu kön­nen. Dar­um geht es mir. Jetzt, heu­te, mehr denn je, weil die­se Fra­ge sich jetzt, heu­te mehr denn je stellt.

Erika Pluhar verbindet eine besondere Beziehung zur Einsamkeit.
Wur­de trotz ihrer Bezie­hung zur Ein­sam­keit Schau­spie­le­rin: Eri­ka Plu­har
(Foto oben und Foto: © Katha­ri­na Fröschl-Roß­bo­th )

Ich wur­de ja trotz mei­ner früh erwach­ten und lebens­be­stim­men­den  Bezie­hung zur Ein­sam­keit Schau­spie­le­rin, man den­ke! Und spä­ter eine Autorin, deren Bücher gele­sen wer­den. Ich darf es „musi­zie­ren“ nen­nen, was ich, ohne ein Instru­ment oder Noten­bil­der zu beherr­schen, nur mit einer pas­sa­blen Stim­me und einem gutem Gehör geseg­net, mit wun­der­ba­ren Musi­kern eben­falls öffent­lich tue. Ich ging also stets vor Men­schen, zu vie­len Men­schen, zu dem, was man „Publi­kum“ nennt, schau­spie­lend, kon­zer­tie­rend, lesend. Ich wur­de eine Per­son des öffent­li­chen Inter­es­ses, wie man so schön sagt.

Erika Pluhar: »Ich glaube, dass jeder künstlerische Mensch letztlich einsam ist – also Einsamkeit können muss.«

Aber ich hät­te die­sen Weg nie beschrei­ten und auch bewäl­ti­gen  kön­nen, wenn da nicht die Ein­sam­keit mich unent­wegt beglei­tet hät­te. Als mei­ne innigs­te Gefähr­tin. Ich weiß, dass ein Mensch, fern­ab jed­we­der öffent­li­chen Äuße­rung, das wohl nicht begrei­fen kann, es viel­leicht für eine char­man­te oder über­trie­be­ne Atti­tü­de hält. Aber es ist so. Und ich gehe noch wei­ter: Ich glau­be, dass jeder künst­le­ri­sche Mensch letzt­lich ein­sam ist – also Ein­sam­keit kön­nen muss. Nur dann kann sein Werk – nen­nen wir’s so – Men­schen auch errei­chen.   

Wie sehr sehr Umgang mit Kunst uns nottut

In den Nach­kriegs­jah­ren, wir alle arm­se­lig und aus Trüm­mern uns müh­sam wie­der ins intak­te Leben hoch­raf­fend – und dann im all­mäh­li­chen Kon­so­li­die­ren der Ver­hält­nis­se –, da konn­te ich erfah­ren, wie sehr der Umgang mit Kunst uns Men­schen not­tut und Lebens­qua­li­tät schenkt. Als Gym­na­si­as­tin, dann als Schau­spiel­schü­le­rin, dann am Burg­thea­ter enga­giert – ich leb­te für Lite­ra­tur, für Thea­ter, für Musik, und ich nann­te es auch „für die Kunst“.

Erika Pluhar: »Den Proben im Musikvereinssaal zu lauschen erhob mich aus allem, was Nichtigkeit war.«

Nie ver­ges­se ich mei­ne eige­ne Ergrif­fen­heit, als ich – um nur Eini­ges anzu­füh­ren – Ril­ke und Vir­gi­nia Woolf lesen, als ich Mozart und Bach hören, als ich Gor­ki und Tsche­chow spie­len durf­te. Der Pfle­ge­va­ter einer Freun­din aus der Schau­spiel­schul­zeit war Rudolf Baum­gart­ner – er lei­te­te damals das Kam­mer­or­ches­ter Fes­ti­val Strings Lucer­ne –, und vor Kon­zer­ten in Wien durf­te ich im Musik­ver­eins­saal, zwi­schen  den hoch­ragen­den gol­de­nen Frau­en, den Pro­ben lau­schen. Es erhob mich aus allem, was Nich­tig­keit war. Ich wur­de mit mir eins, wie damals unter den Brom­beer­he­cken.

Erika Pluhar: »Der Begriff KUNST wurde für mich zu einer Kostbarkeit, die man lieber verschweigt.«

Im Älter-und-Alt­wer­den begann ich dann aber, obwohl in der Kul­tur­land­schaft tätig, mehr und mehr unter der all­ge­mein sich inten­si­vie­ren­den, auch medi­al geschür­ten Sucht nach Events, nach Spek­ta­kel, nach Unter­hal­tung ohne Hal­tung, nach simp­len Ver­gnü­gun­gen, nach all dem, was  ich rund­um beob­ach­ten konn­te – ja muss­te! – zu lei­den. Ich woll­te das Wort KUNST nicht mehr hören und nicht mehr aus­spre­chen. Bei die­sem Über­schwemmt­wer­den von selbst­er­nann­ten Pseu­do-Künst­lern und den pro­fit­ori­en­tier­ten Aus­wüch­sen des Kunst-Mark­tes wur­de der Begriff KUNST für mich zu einer Kost­bar­keit, die man lie­ber ver­schweigt.

Erika Pluhar auf der Suche nach Stille
Auf der Suche nach Stil­le: Eri­ka Plu­har
(Foto: © Katha­ri­na Fröschl-Roß­bo­th)

Auch der Begriff des Rei­sens, also „eine Rei­se“ zu unter­neh­men, „auf Rei­sen zu gehen“ ver­lor sich. Nur noch Mas­sen­tou­ris­mus. Wie plötz­lich Wien oder mein gelieb­tes Lis­sa­bon zu „Dis­ney Worlds“ gerie­ten. Es gab kei­ne Rei­sen­den mehr, nur noch foto­gra­fie­ren­de Hor­den. Flü­ge nach Hin­ter­in­di­en wur­den bil­li­ger als mei­ne Taxi­fahrt zum Flug­ha­fen. Irgend­wo ein Hotel zu fin­den, das bei geöff­ne­tem Zim­mer­fens­ter (wenn über­haupt noch zu öff­nen wegen der Air­con­di­ti­on) noch Stil­le, oder wenigs­tens kei­nen Lärm anbie­ten konn­te, wur­de unmög­lich.

Eine Blase aus Wahnsinn und Verrücktheit

Viel­leicht höre ich jetzt lie­ber auf, all­zu kri­tisch und (was dann immer der Fall ist) all­zu ein­sei­tig zu beschrei­ben. Aber ich blei­be dabei: Die­se Kri­se, die­ser Virus hat auch in eine Bla­se aus Wahn­sinn und Ver­rückt­heit hin­ein­ge­sto­chen und sie zer­plat­zen las­sen. Was jedoch plötz­lich einen neu­en Sinn erhielt, war der alles beherr­schen­de Sieg des Digi­ta­len über eine schein­bar ver­al­te­te ana­lo­ge Welt. War das digi­ta­le Ver­netzt­sein. Ich gebe es zu: Gera­de ich habe teil­wei­se arg dage­gen gewet­tert. Schien es doch, als wür­de unse­re Gesell­schaft hin­ter ihren Smart­pho­nes ver­schwin­den, vor Com­pu­ter­spie­len ver­ein­sa­men, jed­we­der Kon­takt, jed­we­des Mit­ein­an­der nur noch per Postings und über Face­book mög­lich sein, als wür­de nur noch ganz sel­ten ein „mensch­li­cher“ Umgang von Mensch zu Mensch ent­ste­hen kön­nen.

Erika Pluhar: »Ohne ein tiefes Gefühl für Einsamkeit gibt es auch keine Gemeinsamkeit – die Sprache ist weise.«

Jetzt beob­ach­te ich, dass das Inter­net zu einer Quel­le von Gemein­sam­keit wur­de. Also Ein­sam­keit auf­he­ben kann. Mein eigent­li­ches The­ma also. Ein­sam­keit. Ohne ein tie­fes Gefühl für Ein­sam­keit gibt es auch kei­ne Gemein­sam­keit – die Spra­che ist wei­se.

Wir flüch­te­ten in Well­ness, Fit­ness, Ayur­ve­da, Mas­sa­gen, Grup­pen-Yoga, end­los erschöp­fen­des Dahin­wan­dern auf irgend­wel­chen Jakobs­we­gen, Jog­ging, Moun­tain­bikes, Ski­tou­ren, Fern­rei­sen, und so wei­ter, und so wei­ter… Dies alles fuß­te natür­lich auf der Suche des Men­schen, All­tags­druck, Stress, Über­for­de­rung abwer­fen zu kön­nen – ist als sol­ches gedacht oder erdacht wor­den –, es kam zum Begriff der „Ent­schleu­ni­gung“: Man fas­te­te, medi­tier­te, ließ sich eso­te­risch bera­ten – und was dabei am meis­ten blüh­te, war das Geschäft, waren die Ein­nah­men derer, die sich der Suchen­den anneh­men und dabei ihren Pro­fit suchen.   

Stillstand – für eine Weile

Jetzt herrscht Still­stand. Für eine Wei­le. Eine län­ge­re? Eine abseh­ba­re? Wir wis­sen es nicht. Natür­lich sind auch jetzt nicht alle Men­schen der Ein­sam­keit aus­ge­setzt: Es gibt Paa­re, Fami­li­en, Kin­der. Es gibt die Unge­duld, das hef­ti­ge Räu­men und Ord­nen von Lie­gen­ge­blie­be­nem, dann die anwach­sen­de Lan­ge­wei­le, zu viel Essen und Trin­ken, das erzwun­ge­ne mit­ein­an­der Aus­kom­men­müs­sen. Das Ent­beh­ren von Aus­flucht.

(Foto: © Chris­ti­na Häus­ler)

Erika Pluhar: »Und was ist? Man selbst ist. Man hat einen Körper, man hat Gedanken, man hat Empfindungen, und man hat das Gespräch mit sich selbst.«

Es gibt aber auch für sehr vie­le die Mög­lich­keit des Nichts­tuns. Der Muße. Nicht der Ablen­kung, son­dern der Kon­zen­tra­ti­on auf das, was ist. Und was ist? Man selbst ist. Man hat einen Kör­per, man hat Gedan­ken, man hat Emp­fin­dun­gen, und man hat das Gespräch mit sich selbst. Das unein­ge­schränk­te Ent­de­cken­kön­nen sei­ner urei­gens­ten Ängs­te und Freu­den. Sei­ner End­lich­keit, die es anzu­er­ken­nen gilt, egal, ob auf reli­giö­sem Weg oder nicht. Sei­nem Am-Leben-Sein.

Horchen, was die Seele in einem spricht

Sich dem zu nähern, all dies für sich selbst her­aus­zu­fin­den, ermög­licht der furcht­lo­se Umgang mit sei­ner Ein­sam­keit. Sit­zen – schau­en – wahr­neh­men. Hor­chen, was die See­le in einem so spricht. Nicht ver­drän­gen, nein. Her­vor­ho­len. Ich keh­re also am Ende mei­ner Aus­füh­run­gen schlicht zu mei­ner kind­li­chen Erkennt­nis zurück, die ich ein lan­ges Leben lang nicht ver­lor: „Wenn sie das beun­ru­hig­te Wis­sen um sich selbst able­gen konn­te, wur­de sie mit sich eins.“

Zur Web­site von Eri­ka Plu­har: www.erikapluhar.net
Die Bücher von Eri­ka Plu­har auf der Web­site des Resi­denz­ver­la­ges: www.residenzverlag.com
Ein Bei­trag über ihr Leben auf www.deutschlandfunkkultur.de

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Erika Pluhar
Erika Pluhar wurde 1939 in Wien geboren. Nach einer Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar wurde sie 1959 Mitglied des Wiener Burgtheaters. Bis zu ihrem Abschied 1999 spielte sie in fast 3000 Vorstellungen. Gastspiele führten sie u. a. an die Münchner Kammerspiele. Herausragende Bühnenerfolge hatte sie u. a. mit dem von Margarethe Krajanek nach Simone de Beauvoir dramatisierten szenischen Monolog „Eine gebrochene Frau“ und in der Hauptrolle der „Dämonen“ von Lars Noréns. Der große Durchbruch beim Publikum gelang ihr 1968 mit der Hauptrolle in Helmut Käutners Verfilmung von Guy de Maupassants „Bel ami“. Zwei Hollywood-Angebote schlug sie aus. Wim Wenders engagierte sie 1972 für die Peter-Handke-Verfilmung „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“. 1979 spielte sie in Marlene Dietrichs letztem Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo". 2001 debütierte sie als Filmregisseurin mit dem Liebesfilm „Marafona“. 1974 begann sie eine zweite Karriere als Chansonsängerin und trat als Autorin hervor. 1991 publizierte sie unter dem Titel „Als gehörte eins zum anderen – eine Geschichte“ ihren ersten Roman, gefolgt von „Marisa“ (1996). 1997 veröffentlichte sie den ersten Teil ihrer Biografie „Am Ende des Gartens“. 1999 erschien ihr Roman „Mathildas Erfindungen“. Zwei Jahre darauf kam „Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?“ heraus, ein Roman über die Begegnung zweier einsamer Menschen in Prag. In das „Reich der Verluste“ begab sie sich 2005 mit dem gleichnamigen Briefroman. In ihren Romanen „Spätes Tagebuch“ (2010), „Die öffentliche Frau“ (2013) und „Anna: Eine Kindheit“ (2018) mischen sich autobiografische Erfahrungen mit Fiktion. Erika Pluhar lebt im Wiener Vorort Grinzing.

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