Fan-Kult

Mit Haut und Haar – Hysterie um Beet­ho­vens Stirn­locke

von Stefan Sell

26. Oktober 2021

Fans vergöttern die Objekte ihrer Anbetung. Im Zusammenhang mit ihren Stars werden für sie oft die banalsten Dinge sakral. Kein Wunder, dass sprachgeschichtlich der Fan vom Fanatiker abstammt.

Ach, nur irgendein Teil der ange­be­teten Person besitzen! Ein Wunsch, der zwei Seiten hat. hielt sich einen Hund, dessen Fell die gleiche Farbe hatte wie seine Locken, um der enormen Nach­frage nach Strähnen aus seinem Haar nach­zu­kommen. Über­haupt hielt man sein Haar für so exotisch, dass man eine in Kolum­bien behei­ma­tete Affen­gat­tung nach ihm benannte, den „Lisztaffen“.

„Wer weiß, ob das Haar echt ist?“

Auch bei Beet­hoven gab es ein Miss­ver­hältnis zwischen Angebot und Nach­frage in Sachen exklu­siver Fanar­tikel. Als die Frau seines Kollegen Anton Halm ihn um eine Locke bat, waren es Bart­haare eines Ziegen­bocks, die sie beglü­cken sollten. Zweifel säte Cellist Carl Groß: „Wer weiß, ob das Haar echt ist?“ Erst gab es Ärger, dann aber doch noch eine echte Locke. In London beim Aukti­ons­haus Sotheby’s brachte sie 35.000 Pfund. Zum Vergleich: Eine Locke Mozarts bringt etwa 38.000 Pfund, eine von John Lennon etwa 35.000 Dollar.

Beet­ho­vens Leichenzug vor dem Schwarz­spa­nier­kloster in , 1827 – Aqua­rell von Franz Xaver Stöber
(Quelle: Beet­hoven-Haus, )

„Am 29. März (1827), als ich mit meinem Vater in die Trau­er­woh­nung hinüber­ging und einige Haare Beet­ho­vens abschneiden wollte – Vater hatte mir dies erst gegen Ende der Aufbah­rung tun zu dürfen zuge­standen, um das Aussehen Beet­ho­vens nicht früher zu verun­stalten –, fanden wir, dass fremde Hände bereits alle abge­schnitten hatten“, erin­nerte sich der spätere Arzt Gerhard von Breu­ning, Sohn von Beet­ho­vens lang­jäh­rigem Freund Stephan von Breu­ning. Der kleine Gerhard hatte Beet­hoven erst ein Jahr vor dessen Tod kennen­ge­lernt und Beet­hoven hatte ihn liebe­voll „Hosen­knopf“ und „Ariel“ gerufen. Fans im Jagd­fieber also: Am Tag seiner Beer­di­gung war Beet­ho­vens Haupt abra­siert wie ein Stop­pel­feld. 20.000 Menschen sollen seinem Sarg gefolgt sein, das hieß: Halb Wien stand kopf.

Beet­ho­vens Stirn­locke

Auch Ausnah­mesän­gerin Wilhel­mine Schröder-Devrient, von der es hieß „ihre Töne entquellen mehr dem Herzen als der Kehle“, hatte ein Trophäe ergat­tert – Beet­ho­vens Stirn­locke, die sie in Gold gebettet bis ins Grab bei sich trug, war ihr ein „wahres und wirk­li­ches Heiligtum“. Beet­ho­vens Grab galt ihr als „der einzige Altar, an dem ich mit Inbrunst beten kann. Dorthin muss man pilgern, dort ist das Heiligtum, der Tempel!“.

Paga­nini auf dem Toten­bett, 1920

1828, ein Jahr später, rangelten in Wien die Paga­nini-Fans mitein­ander. Wahre Pilger­ströme eilten in die sagen­um­wo­benen Konzerte, man stritt sich um Eintritts­karten. In den vier Monaten seines Wiener Gast­spiels „war nur Paga­nini der Gegen­stand aller Gedanken und Gespräche“, schon „nach seinen ersten beiden Konzerten nur ein Name, der seinige, auf allen Lippen“.

Paga­nini-Bonbons und Zucker-Paga­ninis

Live dabei war Julius Max Schottky, öster­rei­chi­scher Schrift­steller und späterer Biograf Paga­ninis: „Kein Wiener Fiaker sprach mehr von einem Fünf­gulden-Schein, umso mehr aber von den ‚Paga­ni­nerln‘, entweder weil fünf Gulden der gewöhn­liche Einlass-Preis zu Paga­ninis Konzerten waren, oder weil – wie ein anderes Gerücht behauptet, der Künstler für jede Ausfahrt, klein oder groß, durch die Bank fünf Gulden zu bezahlen pflegte.“ Außerdem kam „des Künst­lers Portrait bald in allen Größen zum Vorschein, selbst in jenem Taschen­format, das man als Bonbon-Format bezeichnen muss, da die Zucker­bä­cker ebenso Paga­nini-Bonbons verkaufen, als auch ganze, obwohl sehr verklei­nerte Zucker-Paga­ninis“. Laut Schottky war die gesamte Gastro­nomie betroffen: „In den Gast­häu­sern war die erste Frage der Kellner: Schaffen Euer Gnaden à la Paga­nini zu speisen? Das heißt, das Extra­beste? Da gab es Paga­nini-Brot und Paga­nini-Semmel in Eigen­ge­stalt, Paga­nini-Kote­letts, und was sonst Cata­lani-Schnitzel, Borgondio-Kipfel, Salmi-Zwie­back, Ester­házy-Rost­br­atel etc. hieß, wurde schnell, wenn auch nur für einige Zeit, umge­tauft à la Paga­nini.“ Weiter gab es: „Haar-Zöpfe à la Paga­nini, Bänder und Schleifen à la Paga­nini, Knöpfe, Stöcke, Zigar­ren­büchsen, Pfeif­fen­röhren à la Paga­nini, Kaffee­tü­cher à la Paga­nini, Hals‑, Busen­tü­cher, Busen­na­deln à la Paga­nini“.

Franz Liszt gibt ein Konzert für Kaiser Franz Joseph I. auf einem Flügel von Bösen­dorfer

Paga­nini wurde zum Vorbild für Liszt. Als Liszt die Konzert­säle eroberte und als Virtuose zum Super­star avan­cierte, raste das Publikum, und selbst Hein­rich Heine wurde trotz anfäng­li­cher Zweifel zum Fan: „Wenn ich früherhin von dem Schwindel hörte, der in und nament­lich in Berlin ausbrach, als sich Liszt dort zeigte, zuckte ich mitleidig die Achsel und dachte: Das stille sabbat­liche Deutsch­land will die Gele­gen­heit nicht versäumen, um sich ein biss­chen erlaubte Bewe­gung zu machen. Es ist ihnen, dacht’ ich, bei dem Spek­takel um den Spek­takel selbst zu tun, um den Spek­takel an sich, gleich­viel wie dessen Veran­las­sung heiße. So dachte ich, so erklärte ich mir die Lisz­to­manie, und ich nahm sie für ein Merkmal des poli­tisch unfreien Zustandes jenseits des Rheins. Aber ich habe mich doch geirrt, und das merkte ich vorige Woche im italie­ni­schen Opern­haus, wo Liszt sein erstes Konzert gab, und zwar vor einer Versamm­lung, die man wohl die Blüte der hiesigen Gesell­schaft nennen konnte. Wie unge­stüm war der Beifall, der ihm entgegen klatschte! Auch Buketts wurden ihm zu Füßen geworfen! Es war ein erha­bener Anblick, wie der Trium­phator mit Seelen­ruhe die Blumen­sträuße auf sich regnen ließ, und endlich, graziöse lächelnd, eine rote Kamelia, die er aus einem solchen Bukett hervorzog, an seine Brust steckte. Welcher Jubel! Eine wahre Verrückt­heit, wie sie uner­hört in den Annalen der Furore!“

Prügelei um einen Hand­schuh von Liszt

Fried­rich Engels, ja, der von Marx und Engels, schrieb am 16.April 1842 über das, was Liszt auslöste, einen Brief an seine Schwester Marie: „Dass der Herr Liszt hier gewesen ist und durch sein Klavier­spielen alle Damen entzückt hat, wirst Du wohl noch nicht gehört haben. Die Berliner Damen sind aber so vernarrt gewesen, dass sie sich im Konzert um einen Hand­schuh von Liszt, den er hatte fallen­lassen, komplett geprü­gelt haben, und zwei Schwes­tern, deren eine ihn der andern abnahm, deshalb in ewige Feind­schaft gerieten. Den Tee, den der große Liszt in einer Tasse stehen ließ, goss sich die Gräfin Schlip­pen­bach in ihr Eau-de-Cologne-Flakon, nachdem sie die Eau de Cologne auf die Erde gegossen hatte; seitdem hat sie dies Flakon versie­gelt und auf ihren Sekretär zum ewigen Andenken hinge­stellt und entzückt sich jeden Morgen daran, wie auf einer deshalb erschienen Kari­katur zu sehen ist. Es ist ein Skandal gewesen wie bisher noch nie.“

Als jemand, der sich schon damals für die Eman­zi­pa­tion der Frauen enga­gierte, konnte die Schrift­stel­lerin Fanny Lewald wohl nur erstaunt den Kopf schüt­teln, wenn sie von den Liszt-Konzerten berich­tete: „Frauen und Mädchen lachten und weinten, warfen Taschen­tü­cher auf ihr Idol und sich selbst zu seinen Füßen, rangelten um Souve­nirs und wurden ohnmächtig.“

Fari­nelli, der berühmte Kastra­tensänger, auf einem Gemälde von Jacopo Amigoni (Detail), um 1734
(Quelle: Natio­nal­mu­seum Buka­rest)

Nicht nur Locken wurden entfernt, es gab eine Zeit, da skan­dierten die Fans: „Es lebe das Messer­chen!“ und verehrten Kastraten wie Popstars. Das Publikum geriet in eine Hysterie sonder­glei­chen ob der engels­glei­chen Gesangs­künste. Was da aber gesam­melt und als Heiligtum gehütet und verehrt wurde, ist nicht bekannt.

Fotos: Josef Danhauser: Franz Liszt am Flügel phantasierend