Ein Anruf bei Jörg Piringer vom Vegetable Orchestra Gemüse-Musik

Ein Anruf bei Jörg Piringer, Musiker bei The Vegetable Orchestra, einem Wiener Ensemble, das ausschließlich auf frischem Obst und Gemüse musiziert.

crescendo: Herr Piringer, The Vegetable ­Orchestra macht ausschließlich Musik auf Obst und Gemüse? Wie kam es dazu?

Jörg Piringer: Als wir vor 20 Jahren begonnen haben, wollten wir einfach Musik auf ungewöhnlichen Gegenständen machen. Da fiel uns Gemüse ein. Ursprünglich sollte es nur eine einzelne Performance damit geben, aber es kam so gut an, dass wir dabei geblieben sind. Es stellte sich he­raus, dass mit Gemüse unheimlich viel anzufangen ist. Es ermöglicht eine Klangvielfalt, die uns bis heute interessiert.

Begonnen hat alles ausgerechnet mit Tomaten?

Es gibt ein Stück, bei dem jeder Musiker zwei Tomaten in der Hand hat, die er gegeneinanderschlägt. Im Laufe des Stücks werden die Tomaten immer weicher, wodurch sich der Klang verändert – von perkussiv zu mehr feucht und matschig. Das Stück endet, wenn die Tomaten kaputt sind.

Wie kommt Ihr Repertoire zustande?

Es gibt nur wenige Stücke, die wir nicht selbst schreiben. Sie werden von einzelnen Mitglieder unserer zehnköpfigen Ensembles komponiert oder entstehen aus der Improvisation. Und wenn wir fremde Stücke spielen, verändern wir diese stark, denn es ist eben Gemüse-Musik – und die ist sehr speziell.

Ihr persönliches Lieblingsinstrument?

ANZEIGE

Ich spiele gerne Flöten, die aus Karotten oder Rettichen gemacht sind. Karotten sind sehr universell, weil sie sehr hart und gut schnitzbar sind. Aber es gibt so vieles: Zwei aneinandergeriebene Krautblätter geben einen Quietschklang, der – richtig gespielt – sehr spanned und subtil sein kann. Wichtig für uns ist auch der Kürbis, der als Paukenersatz verwendet wird. Generell gibt es viele Perkussions­instrumente: gegeneinandergeschlagene Auberginen, ausgehölte Sellerieknollen. Dann viele Flötenarten – im Block- oder Panflötenstil. Das Gurkofon ist eher den Blechblasinstrumenten nachempfunden: ein trompetenartiges Instrument aus einer Salatgurke. Gemüse ist so vielfältig – selbst wir kommen bei jeder Probe auf etwas Neues!

„Gemüse ist so vielfältig – selbst wir kommen bei jeder Probe auf etwas Neues“

Zu jedem Konzert müssen Sie Ihr Instrumentarium neu bauen. Ist man da nicht mehr mit Bauen als mit Musizieren beschäftigt?

Tatsächlich dauert die Vorbereitung immer einen ganzen Tag: Zum Bauen brauchen wir circa zwei bis drei Stunden. Danach gibt es einen ausführlichen Soundcheck, da ja alles immer wieder neu ist.

Wie schaut es mit der „Entsorgung“ des Instrumentariums aus?

Nach jedem Konzert gibt es für das Publikum eine Suppe aus dem nicht verwendeten Gemüse. Die gespielten Instrumente, in die wir teils schon hi­neingeblasen haben, verkochen wir natürlich nicht, verschenken sie aber ans Publikum. Da sieht man dann Menschen mit unseren Instrumenten durch die Straßen gehen. Wir werfen also relativ wenig weg. Beim Schneiden der Instrumente fällt natürlich, wie in jeder Küche, ein bisschen Abfall an.

Führt die unterschiedliche Beschaffenheit des Gemüses oft zu Pannen und Problemen?

Natürlich. Das planen wir zum Teil mit ein, zum anderen merken wir schon beim Bauen, was weniger haltbar ist. Dann muss man das Instrument anders bearbeiten oder ersetzen oder baut einfach zwei, um Ersatz zu haben. Dass der Klang nie perfekt ist, das wissen wir, und damit spielen wir bewusst.

Sie haben auch Alben aufgenommen, aber kommt es bei Gemüse-Musik nicht besonders auf die Optik an?

Uns ist sehr wichtig, dass die Musik auch auf rein akustischer Ebene funktioniert. Aber natürlich ist es spannend, uns auch zu sehen: Man kennt die Instrumente nicht, und es tritt live ein Verfall ein. Das sieht man, das hört man, und wenn man in den ersten Reihen sitzt, dann riecht man das auch. Manche unserer Instrumente geben einen starken Duft ab. Ein multisensorisches Erlebnis!

Aktuelle Konzerttermine und Infos zu The Vegetable Orchestra finden Sie unter www.vegetableorchestra.org.

Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here