Daniel Hope trifft Albrecht MayerKeine amerikanischen Verhältnisse

Foto: Daniel Hope / privat

Daniel Hope im Gespräch mit Oboist Albrecht Mayer über Hochkultur, Meinungsfreiheit und den Umgang mit Kritik.

Daniel Hope: Neulich wurde ich im Flugzeug von einem plastischen Chirurgen angesprochen. Er erzählte mir, dass deine Musik ihn so inspirieren würde, dass er immer dazu arbeitet. Durch dein letztes Album hätte er die schönsten Lippen seines Lebens gebaut. Was bedeuten dir solche Komplimente?

Albrecht Mayer: Das ist ein sehr schönes Kompliment. In einer Zeit, in der sich das Gefühl für und die Kenntnis um die klassische Musik stark verändert haben, versuche ich, nicht nur für Menschen Musik zu machen, die klassische Musik über alles lieben und sich bestens auskennen, sondern auch für Menschen, die sich vielleicht nach der Arbeit, nach der Schule oder dem Kochen einfach nur entspannen wollen, die von Klassik gar keine Ahnung haben.

Es ist en vogue, über den Zustand der klassischen Musik zu sprechen; oft werden große Schwierigkeiten prophezeit

Glücklicherweise haben wir beide keine Probleme, große Säle zu füllen. Aber wenn ich sehe, dass der meiste Musikunterricht in Deutschland entweder stark eingeschränkt ist oder gleich ganz ausfällt, macht mir das Sorgen. Auf der anderen Seite erlebe ich auf meinen Auslandsreisen zum Beispiel in Japan, China oder – um ein krasses Beispiel zu bringen – in der Türkei volle Säle mit jungen Leuten, die großen Spaß an der klassischen Musik haben – ein Gegensatz zu unserem Abonnementpublikum mit oft sehr reifen Menschen, die sich hochpreisige Tickets leisten können. Ich frage mich, ob wir nicht ein kleines bisschen umdenken sollten. Wir wissen, dass Deutschland eigentlich ein Hochkulturland ist und vor allem war. Es wäre schade, wenn wir amerikanische Verhältnisse einreißen ließen, in denen Musik einem sehr kleinen, elitären Kreis vorbehalten bleibt.

In unserem gemeinsamen Silvesterkonzert hast du eine fantastische Paraphrase von Klemcke über eine Donizetti-Arie gespielt. Wie wichtig ist es dir, das Repertoire für die Oboe zu erweitern?

Einerseits gibt es ein riesiges Repertoire für die Oboe. Allein das 18. Jahrhundert hat so viele Oboenkonzerte hervorgebracht wie für Flöte, Klarinette, Trompete, Bratsche und Horn zusammen. So viele Originalwerke, die nur darauf warten, gespielt zu werden! Andererseits gibt es viele Stücke, die irgendwo liegen und nicht gespielt werden. Ohnehin sind da nicht so viele reisende, konzertierende Oboisten auf dem Markt und die werden meistens eben doch für das Strauss- oder Mozart-Oboenkonzert oder das Bach-Doppelkonzert mit Geige angefragt. Das ist schade, denn das Repertoire ist unerschöpflich – in allen Epochen!

Du hast neulich mit I Musici di Roma eine fantastische Tournee gemacht. Trotzdem wurde in einer Kritik nur über deine Schuhe berichtet.

Journalisten haben Gott sei Dank in Deutschland noch eine gewisse Meinungsfreiheit. Trotzdem spiegelt das, was in Kritiken geschrieben wird, weder das wider, was im Konzert an Spannung oder Stimmung spürbar war, noch die Meinung des Publikums. Bei 2.500 Leuten in einer ausverkauften Berliner Philharmonie, die vielleicht begeistert waren, kann der Kritiker vorher etwas Schlechtes gegessen haben, und es gefällt ihm nicht. Das lesen dann 50.000 Leute, die nicht im Konzert waren, und denken: „Das war aber ein grauenhaftes Konzert.“ Man darf nicht erwarten, dass eine Kritik ein Abbild des Konzerts ist!

Ist es erlaubt, dass ein Künstler auf eine Kritik – zum Beispiel als Kommentar auf seiner Website – reagiert?

Da bin ich konservativ und hatte auch viel Glück in meinem Leben. Trotzdem muss jeder von uns auch mal eine schlechte Kritik einstecken. Und wir müssen uns eingestehen, dass nicht jedes Konzert gleich gut ist, das wäre unmenschlich. Wenn eine Kritik nicht beleidigend wird, würde ich darauf nicht reagieren. Bei Beleidigungen würde ich wohl andere Maßnahmen ergreifen. Ich würde nicht selbst antworten, es gibt genügend Fans, die leidenschaftlich für mich in die Bresche sprängen.

Dein Rat für einen jungen talentierten Oboisten am Karrierebeginn?

Offensichtlich ist es nur wenigen vergönnt, ein solistisches Leben als Oboist zu haben. Deshalb sollen sie ihr ganzes Herzblut und ihre Leidensfähigkeit zusammenraffen und so viel arbeiten, wie es geht! Und auf den Zug aufspringen, wenn er vorbeifährt!

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