Daniel Hope trifft Albrecht Mayer

Keine ameri­ka­ni­schen Verhält­nisse

von crescendo Redaktion

6. Februar 2018

Daniel Hope im Gespräch mit Oboist Albrecht Mayer über Hochkultur, Meinungsfreiheit und den Umgang mit Kritik.

Daniel Hope im Gespräch mit Oboist Albrecht Mayer über Hoch­kultur, Meinungs­frei­heit und den Umgang mit Kritik.

Daniel Hope: Neulich wurde ich im Flug­zeug von einem plas­ti­schen Chir­urgen ange­spro­chen. Er erzählte mir, dass deine Musik ihn so inspi­rieren würde, dass er immer dazu arbeitet. Durch dein letztes Album hätte er die schönsten Lippen seines Lebens gebaut. Was bedeuten dir solche Kompli­mente?

: Das ist ein sehr schönes Kompli­ment. In einer Zeit, in der sich das Gefühl für und die Kenntnis um die klas­si­sche Musik stark verän­dert haben, versuche ich, nicht nur für Menschen Musik zu machen, die klas­si­sche Musik über alles lieben und sich bestens auskennen, sondern auch für Menschen, die sich viel­leicht nach der Arbeit, nach der Schule oder dem Kochen einfach nur entspannen wollen, die von Klassik gar keine Ahnung haben.

Es ist en vogue, über den Zustand der klas­si­schen Musik zu spre­chen; oft werden große Schwie­rig­keiten prophe­zeit

Glück­li­cher­weise haben wir beide keine Probleme, große Säle zu füllen. Aber wenn ich sehe, dass der meiste Musik­un­ter­richt in entweder stark einge­schränkt ist oder gleich ganz ausfällt, macht mir das Sorgen. Auf der anderen Seite erlebe ich auf meinen Auslands­reisen zum Beispiel in , oder – um ein krasses Beispiel zu bringen – in der volle Säle mit jungen Leuten, die großen Spaß an der klas­si­schen Musik haben – ein Gegen­satz zu unserem Abon­ne­ment­pu­blikum mit oft sehr reifen Menschen, die sich hoch­prei­sige Tickets leisten können. Ich frage mich, ob wir nicht ein kleines biss­chen umdenken sollten. Wir wissen, dass Deutsch­land eigent­lich ein Hoch­kul­tur­land ist und vor allem war. Es wäre schade, wenn wir ameri­ka­ni­sche Verhält­nisse einreißen ließen, in denen Musik einem sehr kleinen, elitären Kreis vorbe­halten bleibt.

In unserem gemein­samen Silves­ter­kon­zert hast du eine fantas­ti­sche Para­phrase von Klemcke über eine Doni­zetti-Arie gespielt. Wie wichtig ist es dir, das Reper­toire für die Oboe zu erwei­tern?

Einer­seits gibt es ein riesiges Reper­toire für die Oboe. Allein das 18. Jahr­hun­dert hat so viele Oboen­kon­zerte hervor­ge­bracht wie für Flöte, Klari­nette, Trom­pete, Brat­sche und Horn zusammen. So viele Origi­nal­werke, die nur darauf warten, gespielt zu werden! Ande­rer­seits gibt es viele Stücke, die irgendwo liegen und nicht gespielt werden. Ohnehin sind da nicht so viele reisende, konzer­tie­rende Oboisten auf dem Markt und die werden meis­tens eben doch für das Strauss- oder Mozart-Oboen­kon­zert oder das Bach-Doppel­kon­zert mit Geige ange­fragt. Das ist schade, denn das Reper­toire ist uner­schöpf­lich – in allen Epochen!

Du hast neulich mit I Musici di Roma eine fantas­ti­sche Tournee gemacht. Trotzdem wurde in einer Kritik nur über deine Schuhe berichtet.

Jour­na­listen haben Gott sei Dank in Deutsch­land noch eine gewisse Meinungs­frei­heit. Trotzdem spie­gelt das, was in Kritiken geschrieben wird, weder das wider, was im Konzert an Span­nung oder Stim­mung spürbar war, noch die Meinung des Publi­kums. Bei 2.500 Leuten in einer ausver­kauften Berliner Phil­har­monie, die viel­leicht begeis­tert waren, kann der Kritiker vorher etwas Schlechtes gegessen haben, und es gefällt ihm nicht. Das lesen dann 50.000 Leute, die nicht im Konzert waren, und denken: „Das war aber ein grau­en­haftes Konzert.“ Man darf nicht erwarten, dass eine Kritik ein Abbild des Konzerts ist!

Ist es erlaubt, dass ein Künstler auf eine Kritik – zum Beispiel als Kommentar auf seiner Website – reagiert?

Da bin ich konser­vativ und hatte auch viel Glück in meinem Leben. Trotzdem muss jeder von uns auch mal eine schlechte Kritik einste­cken. Und wir müssen uns einge­stehen, dass nicht jedes Konzert gleich gut ist, das wäre unmensch­lich. Wenn eine Kritik nicht belei­di­gend wird, würde ich darauf nicht reagieren. Bei Belei­di­gungen würde ich wohl andere Maßnahmen ergreifen. Ich würde nicht selbst antworten, es gibt genü­gend Fans, die leiden­schaft­lich für mich in die Bresche sprängen.

Dein Rat für einen jungen talen­tierten Oboisten am Karrie­re­be­ginn?

Offen­sicht­lich ist es nur wenigen vergönnt, ein solis­ti­sches Leben als Oboist zu haben. Deshalb sollen sie ihr ganzes Herz­blut und ihre Leidens­fä­hig­keit zusam­men­raffen und so viel arbeiten, wie es geht! Und auf den Zug aufspringen, wenn er vorbei­fährt!

Fotos: Daniel Hope privat