KlassikWoche 29/2020

Von Irrungen und Wirrungen alter Männer

von Axel Brüggemann

13. Juli 2020

Die Salzburger Festspiele als große Hoffnung, das überraschende Wiederauftauchen von James Levine am Pult, die Nachfolge von Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

Sommer­pause? Von wegen! Es ist noch immer etwas los in der Welt der Klassik. Und für alle, die noch nicht auf Urlaub sind, unter­nehmen wir heute eine kleine Städte-Reise: von Salz­burg über bis nach !

TRANS­PA­RENZ IN SALZ­BURG

Der gesamte Betrieb schaut dieser Tage nach Salz­burg – die sind die große Hoff­nung für Theater und Konzert­häuser. Wenn sie gut über die Bühne gehen, gibt es Aufwind für alle, geht was schief, wird es schwer. An dieser Stelle hat schon vor zwei Wochen gesagt, dass all das „ein Gang auf einem ziem­lich dünnen Eis“ sei. Nun gab es im Mitar­bei­ter­stab eine erste Infek­tion. Und die Fest­spiele haben vorbild­lich gehan­delt: komplette Trans­pa­renz, Einsicht in das Mitar­beiter-Tage­buch, weitere Tests mit Kontakt­per­sonen. So geht glaub­wür­diges und gutes Krisen-Manage­ment! Der Schwä­bi­schen Zeitung hat Markus Hinter­häuser inzwi­schen erklärt: „Vor ein paar Wochen habe ich mit anderen 100 Konzert­be­su­chern einen Klavier­abend von im Wiener Musik­verein gehört. Ich war sehr melan­cho­lisch gestimmt, als ich in den fast leeren Saal ging. Während des Konzertes war es ganz still. Niemand hat es gewagt zu husten, jeder hatte viel Raum um sich. Ich möchte das wirk­lich nicht als Dauer­zu­stand, aber ich konnte beson­ders intensiv zuhören.“ 

Salz­burg ist auch Hoff­nung für den Tourismus und die Politik. Öster­reichs Präsi­dent, Alex­ander van der Bellen, kommt zu drei Vorstel­lungen der Fest­spiele: Gemeinsam mit seiner Frau Doris Schmi­dauer besucht er am 1. August ´ Oper „Elektra“. Am 22. August sitzt das Paar für den „Jeder­mann“ am Domplatz – exakt 100 Jahre nach der Fest­spiel-Première des Stücks. Und: Auch Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ am 2. August im Landes­theater lassen sich die beiden nicht entgehen. So sehr wir den Fest­spielen in Salz­burg für ihre Verant­wor­tung und Trans­pa­renz danken, so sehr wundern wir uns über Wladimir Putin, der das Ganze – trotz kata­stro­phaler Corona-Zahlen – etwas entspannter zu sehen scheint: Pianist soll am 1. August die Vorstel­lungen in Moskau wieder eröffnen – alle mit 50 Prozent Auslas­tung. Hoffent­lich geht das gut!

ALTE MÄNNER IN FLORENZ

Was soll man dazu noch sagen? Diri­gent wird zum ersten Mal, nachdem die MET ihn wegen angeb­li­chen Miss­brauchs entlassen hatte, wieder diri­gieren. Der von Parkinson gezeich­nete Diri­gent wurde zum Maggio Musi­cale nach Florenz einge­laden – ausge­rechnet für Berlioz’ Oper „La damna­tion de Faust“ mit großem Kinder­chor-Finale. Ebenso dabei: Diri­gent , vom Amster­damer Concert­ge­bou­wor­kest wegen sexu­eller Über­griffe entlassen, und Plácido Domingo, der Über­griffe öffent­lich bereits einge­standen hat. Wer plant so etwas? Ein anderer alter Mann, Inten­dant Alex­ander Pereira, oder doch eher der alte Wegge­fährte, der in Florenz noch immer die Strippen zieht, Diri­gent Zubin Mehta? Die Zukunft der Klassik auf jeden Fall sieht anders aus. In einer Umfrage, die ich in meiner Insta­gram-Story gemacht habe, haben sich 85 Prozent gegen derar­tige Auftritte ausge­spro­chen. 

HILFERUF IN WIEN

Bevor Wiens Ex-Staats­opern-Inten­dant an die Mailänder wech­selte, bekam er noch die Ehren­mit­glied­schaft der verliehen. Das pikante Detail: Diese Ehren­mit­glied­schaft wird in der Regel vom Staats­opern-Inten­danten persön­lich vergeben. Meyer ehrte an diesem Abend also Meyer! Und so richtig Abschied nehmen wollte er wohl auch nicht: Nach­folger Bogdan Roščić begeg­nete dem „Alten“ an seinen ersten offi­zi­ellen Dienst­tagen fast täglich – dabei hatte er doch bereits den vorletzten Inten­danten der Wiener Staats­oper, Ioan Holender, als bera­tenden „Über­vater“ auser­koren.

Ganz andere Sorgen hat das . Inten­dant Matthias Naske schrieb in einem Beitrag für den „Stan­dard“ eine eindring­liche Warnung: „Langsam geht uns im Wiener Konzert­haus die Luft aus: Den Betrieb ab Herbst aus eigener Kraft zu sichern, ist trotz allen Einsatzes eine beinahe unmög­liche Heraus­for­de­rung. Nach den Wochen der Angst und des Still­stands folgen die Wochen der schritt­weisen Locke­rungen, die bei den kultu­rellen Betrieben nur mit beson­ders gravie­render Verzö­ge­rung ankommen. Eine Folge dieser Einschrän­kungen werden weit­rei­chende nega­tive betriebs­wirt­schaft­liche Konse­quenzen sein.“ 

KULTUR­LOSES FRANK­REICH

Neue Regie­rung, ein beacht­li­cher Zuge­winn für die Grünen – so weit die aktu­elle Lage in Frank­reich. Inter­es­sant war der Blick der FAZ in die fran­zö­si­sche Tages­zei­tung „Libé­ra­tion“, die sich nach den der Grünen noch einmal das Wahl­pro­gramm der Partei ange­schaut hat und zu dem Ergebnis gekommen ist: Es geht um alles, außer um die Kultur: „In der Rubrik ‚Kleine Partei, große Ideen‘ geht es um die Tiere und die Natur. Um die Frauen, den Frieden, Europa und die soziale Gerech­tig­keit. Nicht um Kultur. Bei der Präsi­den­ten­wahl von 2017 präsen­tierten die Grünen eine Liste der Prio­ri­täten, auf der sie erst an drei­ßigster Stelle auftauchte: ‚Kultur für alle. Ein Prozent des Staats­haus­halts für die Kultur.’ Dieses ‚Kultur­pro­zent‘ war von den Sozia­listen vor einem halben Jahr­hun­dert einge­führt worden. Es stand für das utopi­sche Verspre­chen einer ‚Kultur für alle‘.“ All das, so Libé­ra­tion, sei aus dem aktu­ellen Programm der Grünen verschwunden.

BRAT­WURST IN BAYREUTH

Die Vorbe­rei­tungen zum Tag der frän­ki­schen Brat­wurst am 25. Juli laufen auf Hoch­touren. Was die treiben – das versteht wohl niemand mehr. Erhel­lender ist da schon das Inter­view, das der Regis­seur des geplanten 2020er „RingesValentin Schwarz Frederik Hanssen im „Tages­spiegel“ gegeben hat. Unter anderem spricht Schwarz über die Frage, ob er sein Konzept für 2022 über­ar­beiten müsse: „Hier tritt der große Vorteil eines so univer­sellen und viel­schich­tigen Werkes zutage: Wo ohnehin ein ganzes Kalei­do­skop von Themen und Emotionen abge­han­delt wird, wäre es im Gegen­teil total über­stürzt, wollte man jetzt auf Biegen und Brechen seine Corona-Erfah­rungen darin einpflegen oder krampf­haft der Tages­po­litik hinter­her­laufen. Und da wir in der ‚Werk­statt Bayreuth‘ ja jeden Fest­spiel­sommer weiter arbeiten, gibt es genü­gend Möglich­keiten, bei Bedarf szenisch ‚up to date‘ zu bleiben.

SUCHE IN MÜNCHEN

Vom lieben SZ-Kollegen Rein­hard J. Brem­beck ist man gewohnt, dass er gern Partei ergreift – am liebsten für Diri­genten, die schon länger in seiner Heimat  arbeiten. Am Ende war Brem­beck wahr­schein­lich der einzige, der Kent Nagano wirk­lich in jedem Text bedin­gungslos gefeiert hat. Nun legt sich der Jour­na­list schon vor einer Entschei­dung des Sympho­nie­or­ches­ters des Baye­ri­schen Rund­funks über einen neuen Chef­di­ri­genten auf einen Favo­riten fest und fordert unver­hohlen: „Holt !“ Der aber will offen­sicht­lich lieber als Pilot und Freier durch die Welt cruisen. Hinter den Kulissen tobt es offen­sicht­lich schon seit längerer Zeit zwischen Orchester und Manager Niko­laus Pont – bereits vor dem Tod von Mariss Jansons soll es hier zur Gret­chen­frage gekommen sein. Nun muss irgend­wann eine Entschei­dung über die Nach­folge getroffen werden, wenn das Schiff BRSO nicht schlin­gern soll: In den letzten Konzerten hat das Orchester offen­sicht­lich Nähe zu und gesucht – durchaus ernst­hafte und würdige Kandi­daten. Franz Welser-Möst, der letzte Woche noch mit einem erstaun­lich offen­her­zigen Bashing von Ex Staats­opern-Chef Domi­nique Meyer auf sich aufmerksam gemacht hat, gab dem sehr geschätzten Kollegen Markus Thiel vom Merkur nun ein span­nendes Inter­view, in dem er fest­stellte, dass die Klassik auf einem „viel zu hohen Ross“ sitze. Brisanz gewinnt die Situa­tion in München auch dadurch, dass BR-Inten­dant Ulrich Wilhelm keine weitere Amts­zeit mehr anstrebt, erklärt Robert Braun­müller in der Abend­zei­tung. Wilhelm hatte sich immer hinter das Orchester gestellt. Wenn er geht, muss wohl auch gespart werden: Der macht vor, wie es geht, und auch beim SWR wurde eine knall­harte Fusion zweier Klang­körper hinter dem Namen versteckt. Das BRSO braucht also einen neuen, klugen Leiter.

KOHLE IN DÜSSEL­DORF 

Mich haben immer wieder Mails erreicht, in denen Käufer von Karten über die schlechte Abwick­lung von Corona-Ausfällen lamen­tiert haben. Beson­ders an Häusern wie der Wiener Staats­oper sei der Umtausch Karte gegen Geld lang­wierig – und zuweilen zermür­bend. Aber es gibt auch andere Beispiele, etwa bei der Düssel­dorfer Tonhalle: Seit Beginn der Corona-Pandemie hat das Publikum rund 170.000 Euro für die Musik gespendet. Mehr als 1.800 Kunden ausge­fal­lener Konzerte hätten ihr Eintritts­geld nicht zurück­ver­langt, teilte das Haus mit. Sie konnten auswählen, wem ihre Spende zugu­te­kommen soll, dabei gingen 100.000 Euro an die Tonhalle und 70.000 Euro an frei­schaf­fende Musiker.

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Bevor wir zu den Personen kommen, noch ein kleiner Exkurs nach Potsdam: Hier wurden Bänke aufge­stellt, und wenn man sich nieder­lässt und einen QR-Code scannt, kann man kostenlos eine Auffüh­rung des Niko­lai­saals hören – unter freiem Himmel. Schöne Idee. +++ Der Gustav-Mahler-Diri­gen­ten­wett­be­werb nur Schie­bung? Das behauptet Norman Lebrecht in seinem Blog und unter­stellt, dass die Jury Eigen­in­ter­essen hatte. Aber hatte auch Lebrecht eigene Inter­essen? Zeitungen wie die SZ und andere waren auf jeden Fall begeis­tert. +++ empfindet die Opern­welt als „brutal“ und schwärmt davon, gemeinsam mit seinem Partner Vater von Leonard Cohens Enkel zu sein: „Ich verspürte das Bedürfnis, der Opern­welt etwas zurück­zu­geben für all die Inspi­ra­tion, die sie mir gab. So legte ich los, schrieb ein paar Opern und ließ sie insze­nieren. Es war eine tolle Zeit, aber es war auch ziem­lich brutal … Ich musste mit Klauen und Zähnen kämpfen, um mir Respekt zu verschaffen.“ +++ Äußerst amüsant geht Thomas Schmoll in seiner ntv-Kolumne mit dem Auftritt der Hornistin beim -Radio ins Gericht: Gemeinsam mit der Mode­ra­torin wurden, passend zu Willis neuer CD „Mozart y Mambo“ – erst­klas­sige Kuba-Klischees bedient: „‚Mozart wäre ein guter Kubaner gewesen“, behaup­tete Frau Willis bei . ‚Der war ein Ladies Man und die Kubaner denken eben auch so: Hey, Chica!‘“ Schmoll fragt: „Was wäre, wenn Annette Widmann-Mauz, die Vorsit­zende der Frauen-Union, über männ­liche Besu­cher des Münchner Okto­ber­festes sagen würde: Mozart war ein Ladies Man und ich kenne einige Deut­sche, die denken eben auch: Servus, Mädel!« „. +++ Die Veran­stal­tung „Staats­oper für alle“ der Staats­oper soll auch diesen Sommer statt­finden, am 6. September – unter den dann geltenden Sicher­heits­vor­keh­rungen: Auf dem Programm, das in diesem Jahr das 450-jährige Jubi­läum der feiert, stehen Beet­ho­vens Klavier­kon­zert Nr. zwei mit sowie die Ode an die Freude mit , , und als Gesangs­so­listen. +++ Die Corona-Zeit war für Pianist haupt­säch­lich eine große Sause, wie er dem BR erklärte: „Plötz­lich konnte ich spielen, was ich wollte, wie ich wollte, wo ich wollte. Und von meinem Publikum kam mir ein enormes Vertrauen entgegen, für das ich auf ewig dankbar sein werde. Im Nach­hinein betrachtet, war es eine wirk­lich einzig­ar­tige Zeit für mich!“ Mal wieder eines dieser „Ich, Ich, Ich“-Interviews. Fast schon süß, wenn Levit fordert „Löst die musi­ka­li­schen Hier­ar­chien auf“, nachdem er ein Konzert vor 100 ausge­wählten Menschen in München gespielt hat. +++ Einen wich­tigen Beitrag hat die SZ zum Tod von Ex-Papst-Bruder und Domspatzen-Chef Georg Ratz­inger geschrieben und daran erin­nert, dass über 500 Jungen in körper­liche Gewalt erlitten haben und 67 Opfer sexu­eller Gewalt wurden – eben­falls dabei: Georg Ratz­inger. 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de