Willkommen in der neuen KlassikWoche,

2020 neigt sich dem Ende entgegen – zum Glück! Aber noch ist keine Ruhe eingekehrt: Zoff in Bayreuth, Unklarheiten in Mörbisch, und Beethovens Geburtstag – ziemlich in den Sand gesetzt.

PERSONA NON GRATA IN BAYREUTH

Dr. Sven Friedrich, Leiter von Haus Wahnfried und damit inoffizieller Wagner-Gralshüter, ist, ja wie soll ich das sagen, so etwas wie ein Vorzeige-Konservativer: Provokant, gern auf Angriff, mit allerhand klugen Zwischentönen und humorvollem Zynismus. Kurz gesagt: ein cooler Typ, der aber klare Grenzen zieht, gerade wenn es um die Vergangenheit geht, um faschistisches Gedankengut, oder wenn das Braune Denken zum Leitmotiv für irgendeinen Wagnerianer zu werden droht. Nun hat der Pianist und Wagner-Erklärer Stefan Mickisch den Rubikon überschritten, als er sich auf seiner Facebook-Seite mit Hans Scholl, dem Widerstandskämpfer der Weißen Rose, verglich.

Friedrich schrieb eine öffentliche Erwiderung, die unbedingt lesenswert ist: „Herr Stefan Mickisch! Wir kennen uns jetzt seit gut 20 Jahren. Ich habe Sie als humorvollen und witzigen Interpreten und Erklärer Wagners kennen und schätzen gelernt. Aber was in aller Welt ist Ihnen bloß zu Kopfe gestiegen? (…) Eigentlich hatten Sie da schon den Rubikon überschritten. Der unten zitierte Vergleich ist nun nicht einmal mehr geschmacklos, sondern widerwärtig! Indem Sie die Worte Hans Scholls im gegenwärtigen Zusammenhang der Corona-Pandemie zu Ihren eigenen machen, schänden Sie nicht nur das Andenken eines der wenigen Zeitgenossen im 20. Jahrhundert, auf die wir stolz sein können, sondern missbrauchen ihn auch noch als vermeintlichen Zeugen für den geistigen Abschaum der Gegenwart, mit dem Sie sich so gemein machen und in eine Reihe stellen. Und Sie stellen damit unsere Regierung auf eine Stufe mit dem NS-Regime. Damit ist das Maß für mich persönlich endgültig voll!“ Und dann schreibt Sven Friedrich: „In einer Mischung aus Traurigkeit und Zorn entziehe ich Ihnen hiermit (und übrigens zum ersten Mal in meinem Leben) das vertrauliche „Du“ und erkläre Sie zur persona non grata im Haus Wahnfried!

BLAMAGE BEETHOVEN

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

In den letzten Tagen konnte man sich denken, zum Glück ist Beethoven schon einige Jahre tot und musste die Feierlichkeiten zu seinem 250. nicht mehr miterleben. Zufällig habe ich die Einschätzung von Uwe Friedrich im Deutschlandfunk gehört, der vollkommen zu Recht anmerkte, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier doch wenigstens einen Redenschreiber haben müsse, der irgendeine Ahnung von klassischer Musik und der Befindlichkeit klassischer Musiker in der Krise haben sollte. Denkste! Stattdessen palaverte er vom „Lebensmittel Kultur“, und zu Beethoven fielen ihm nichts als Plattitüden ein, die so wenig neues Licht auf den Komponisten warfen wie das gelangweilte Dirigat der „Fünften“ von Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra in dem durch Glühbirnen zum Zirkuszelt entstellten Opernhaus in Bonn. 

Das also war der Höhepunkt der Beethoven-Feierlichkeiten? Kein Geburtstag, sondern ein Trauerspiel! Und dann noch das: Ich bin grundsätzlich heute-journal- und Claus-Kleber-Fan, aber wer bitte hat denn am 17. Dezember die Moderation zum Beethoven-Jubiläum verschrubelt? Da wurde unter anderem vom „Geburtstagsboy“ Beethoven gequatscht. Offensichtlich vertraut man der Klassik beim ZDF nicht mehr und entschuldigt sich inzwischen für jeden Musik-Beitrag, als würde man einen Porno ohne Einschaltquote senden: „Die Mondscheinsonate ist so oft gespielt worden, dass es einem schon auf die Nerven geht“, wurde dem Kleber da in den Mund gelegt, „aber nicht, wenn Herr Levit sie spielt.“ Und dann spielte der Herr Levit die Mondscheinsonate, quasi als Begleitmusik für einen nichtssagenden Beitrag, in dem auch der Herr Levit nicht zu Wort kam. Mensch, Igor Levit, es ist gut, für irgendwelche Bäume zu kämpfen. Aber hättest Du 2020 nicht auch gegen dieses mediale Trauerspiel protestieren und einen derartigen Beitrag einfach mal boykottieren können?

KEIN WITZ: CURRENTZIS MIT GOTTSCHALK 

Teodor Currentzis und Thomas Gottschalk

Wenn wir irgendetwas im Jahre 2020 gelernt haben, dann, dass es immer noch schlimmer geht! Was, lieber SWR, habt Ihr Euch denn dabei gedacht? Das Neujahrskonzert der ARD wird dieses Mal den Dirigenten Teodor Currentzis und den Entertainer Thomas Gottschalk zeigen, beziehungsweise ein Best-of der Currentzis-Programme aus der Konserve mit Talk (die Berliner Philharmoniker spielen öffentlich-rechtlich auf arte)? Ist die ARD wirklich so verzweifelt, dass sie dem ZDF ihren OPUS-Klassik-Moderator abluchst? Es passiert selten: Aber mir fehlen die Worte.

MÖRBISCHE UNKLARHEITEN

Haben die Festspiele im österreichischen Mörbisch nun zwei Intendanten? Der amtierende Chef, Peter Edelmann, pocht in der Wiener Zeitung auf die Erfüllung seines Vertrages, nachdem das Burgenland TV-Mann Alfons Haider als Generalintendanten eingesetzt hat, zuständig für das Operettenfestival Mörbisch und eine Opernreihe namens „Jopera“ in Jennersdorf. Haider, 63-jähriger Bühnendarsteller und Moderator, soll das neue Amt (de facto eine Doppelintendanz) ab Januar bekleiden. Zwar steht Haider mit der leichten Muse auf Du und Du, hat das Open Air Festival Stockerau mehr als zehn Sommer mit Musicals bespielt. Nach Jahren des soliden Stadtplatzglamours und manch künstlerischem Bauchfleck („C’est la vie“) trennte sich die Stadt allerdings aus Kostengründen vom Intendanten und dem Musicalfach. Mich erreichten zahlreiche Zuschriften von Künstlern, die über diesen Schritt nicht informiert wurden, und die nicht wissen, ob die abgeschlossenen Verträge Bestand haben. Sicher ist, dass das Burgenland seine kostspieligen Kulturbetriebe in Zukunft wohl ähnlich organisieren will wie das Land Niederösterreich mit der Kultur-Gesellschaft NÖKU. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Opernhaus Stuttgart

Kennen Sie Ulrich Fuchs? Sollten Sie vielleicht – der deutsche Kulturmanager und Dozent mit Wohnsitz Marseille tingelt nach Stationen als Kulturhauptstadt-Manager und Juryvorsitzender als oberster Nachhilfelehrer für Bewerberstädte über den Kontinent und berät Bewerber-Städte. Die SZ beschreibt seine Machenschaften in einem spannenden Text. +++ Nun kehrt Ex-Premierminister Tony Blair (67) zurück auf die Bühne – allerdings nur als Hauptfigur einer Oper. „Tony! (A Tony Blair Rock Opera)“ soll vom 4. bis 6. Februar im Londoner Turbine Theatre gezeigt werden. Das Stück solle Blairs Leben „schnell und locker mit den Fakten“ erzählen, teilte das Theater am Montag mit.

Nach mehreren Debattenrunden hat sich das Bürgerforum zur Sanierung der Staatsoper in Stuttgart für den umstrittenen Umbau des denkmalgeschützten Gebäudes ausgesprochen. Der Littmann-Bau solle die zentrale Opern- und Ballettspielstätte im Herzen von Stuttgart bleiben, heißt es in einem Votum, das Vertreter des mit 57 Zufallsbürgern besetzten Gremiums am Mittwoch an Politiker von Stadt und Land übergaben. +++ Justin Doyle bleibt weitere fünf Jahre Chefdirigent des RIAS Kammerchors in Berlin. Sein Vertrag ist bis Ende Juli 2027 verlängert worden. +++ Für alle, die es interessiert: Thilo Komma-Pöllath vom Bad Blog hat die Causae Igor Levit, Helmut Mauró und anderer Protagonisten aus München wie Siegfried Mauser noch mal spektakulär aufgedröselt. +++ Ernst-Moritz Lipp, Vorsitzender des Stiftungsvorstands der Kulturstiftung Festspielhaus Baden-Baden teilte mit, dass Förderer und der Freundeskreis mehr als sechs Millionen Euro aufbrachten, um das von Corona gebeutelte Haus zu unterstützen. Allein durch Spenden von Eintrittskarten seien 500.000 Euro zusammengekommen. +++ Der große Chorleiter der „Turnvater Jahn des Gesangs“, Gotthilf Fischer, ist gestorben, es gab viele Nachrufe, u.a. in der FAZ und beim Deutschlandfunk.

UND SONST SO, HERR BRÜGGEMANN?

Ich bin ja selber in die Aufführung der Zehnten Beethoven-Sinfonie von der Deutschen Telekom involviert, die durch Künstliche Intelligenz komponiert wird. Das hält mich aber nicht davon ab, mich über diesen bitterbösen Text von Dramatiker Moritz Rinke in der FAZ zu freuen: „Ich stelle mir vor, wie Beethoven dann am ersten Tag auf ein Bankett der Deutschen Telekom gerät, kurz vor dem Ausbruch von Corona. Er sieht Menschen, zu seiner Enttäuschung fast nur Männer, die sich permanent die Hände schütteln (…) Die Männer sagen sogar Telekom und Beethoven in einem Atemzug. Irgendwann tippt Beethoven einem Telekom-Mann auf die Schulter: ‚Entschuldigen Sie, Beethovens Zehnte ist gar nicht vollendet, da gibt es nur ein Notizbuch, ein rotes, mit Skizzen, mit Fragmenten.‘…“ Weiterlesen unbedingt empfohlen!

Zu Weihnachten schicke ich Ihnen nun noch einen Gruß aus meiner Heimatstadt: hier der Solohornist der Bremer Philharmoniker, Matthias Berkel, mit seiner Version von „Mary, did you know“.

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Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit einen guten Rutsch, danke allen, die mich 2020 an dieser Stelle begleitet haben, Freunde und Kritiker, und mache nun zwei Wochen Pause. In der Zwischenzeit werden meine KollegInnen von CRESCENDO Sie jeden Montag mit aktuellen Streaming-Tipps der Plattform FOYER.de unterhalten. Und am 11. Januar lesen wir uns dann an dieser Stelle wieder. 

Bis dahin: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr Axel Brüggemann

[email protected]de

P.S.: Für die ganz Starken unter Ihnen, die glauben, man muss erst ins Dschungelcamp, um ganz unten anzukommen, oder Plattenlabels würden ihre Sänger im Zweifelsfall schützen, klicken Sie (ACHTUNG, ICH HABE SIE GEWARNT!!!!) einfach diesen Link. 

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