Maximilian Haberstock

Maximilian Haberstock

Der Klang­vi­sionär

von Barbara Schulz

22. März 2026

Im Alter von 21 Jahren bereits ein paar Jahre auf dem Dirigentenpult zu stehen und selbst von Berufsorchestern respektiert zu werden, ist durchaus ungewöhnlich. Dabei könnte Maximilian Haberstock genauso gut ein gefeierter Pianist sein. Ein Gespräch mit dem gebürtigen Münchner, der sein Leben schon in sehr jungen Jahren dem spätromantischen Klang verschrieben hat.

Darf man das schreiben, dass ein junger Mann buch­stäb­lich ein Bilder­buch-Diri­gent ist? Dass es scheint, als seien ihm Frack und Takt­stock in die Wiege gelegt? Tadellos elegant, feinste Manieren, dabei aber nicht aufge­setzt, sondern irgendwie alte Schule im besten Sinne, dazu eloquent und belesen, so beweist Maxi­mi­lian Haber­stock im Inter­view, dass er diese für sein Alter unge­wöhn­lich makel­lose Fassade durchaus einlösen kann: mit Geist, Wissen, Mut, Ziel­stre­big­keit, Führungs­qua­li­täten und sozialer Kompe­tenz. Dass bei aller Ernst­haf­tig­keit immer wieder jungen­hafter Humor und Unbe­küm­mert­heit aufblitzt, lässt den jungen Diri­genten auf char­mante Weise geerdet erscheinen. 

Herr Haber­stock, Sie sind erst 21 Jahre jung, Ihre Karriere ist bereits beein­dru­ckend! Aber das hören Sie nicht zum ersten Mal …

Ja, das erlebe ich öfter!

Und alles begann erst im Alter von neun Jahren, als Sie zum ersten Mal in einem sympho­ni­schen Konzert waren?

Tatsäch­lich begann mein Inter­esse fürs Diri­gieren dort. Durch meine Eltern war ich schon in sehr jungen Jahren in Konzerten, da aber zum ersten Mal in einem sympho­ni­schen Konzert. Riccardo Muti und die Wiener Phil­har­mo­niker waren auf Tournee und spielten im alten Gasteig. Ich erin­nere mich noch daran, als wär’s gestern, auch an das Programm.

Aber Sie hatten vorher bereits ange­fangen Klavier zu lernen.

Ja, mit sechs Jahren hatte ich meinen ersten Klavier­un­ter­richt. Eigent­lich recht typisch: Ich komme aus einer kunst- und musik­lie­benden Familie, ein Flügel war bereits da und noch bevor ich selbst einen Ton gespielt habe, hat mich Musik tief faszi­niert. Im Grunde hat sich von dort aus alles entwi­ckelt.

Und dann dieses beson­dere Konzert­er­lebnis – was ist da passiert mit Ihnen?

Es war dieser klang­liche Farben­reichtum des Orches­ters, der mich in einen unwi­der­steh­li­chen Bann gezogen hat, diese einzig­ar­tige Kraft und Wucht des Orches­ters!! 

Was geschah nach dieser Initi­al­zün­dung?

Ohne Frage war es ein Schlüs­sel­er­lebnis, aber ich möchte die Tatsache, dass ich Diri­gent werden wollte, nicht auf diese eine Sache beschränken. Auch wenn das Klavier­spiel in viel­fäl­tiger und inten­siver Weise immer zu meinem Leben gehören wird, habe ich damals bereits deut­lich empfunden, dass es mich stark in eine mehr­di­men­sio­nale Klang- und Musi­zier­welt drängt: in das Orchester.

Diese Faszi­na­tion für das Orchester hat Sie zu einer beson­deren Bezie­hung geführt …

So ist es! Güns­tige Umstände ermög­lichten mir, hier in München sehr zeitig und für mich tief prägend Mariss Jansons persön­lich kennen­zu­lernen. Ich war bei unserer ersten Begeg­nung erst elf!

Span­nend! Wie kam es dazu?

Durch eine wohl­wol­lende Vermitt­lung von Ulrich Wilhelm, dem dama­ligen Inten­danten des Baye­ri­schen Rund­funks, ergab es sich, dass ich ihn treffen und ihm vorspielen konnte. Natür­lich hieß es, er habe nur sehr wenig Zeit, viel­leicht fünf Minuten, und ich solle mir deshalb ein entspre­chend kurzes Stück aussu­chen. Ich sagte, ich würde gern ein Schu­bert-Impromptu spielen, das aber sieben­ein­halb Minuten dauert. Wenn er vorher gehen müsse, dann solle er mich einfach unter­bre­chen. Er blieb dann einein­halb Stunden! Es war einfach wunderbar! Wir unter­hielten uns, nachdem ich gespielt hatte, über alles Mögliche, über verschie­denste Kompo­nisten. Schließ­lich setzte er sich selbst ans Klavier, um mein Gehör zu testen.
Am Ende umarmte er mich und sagte, ich sei bei all seinen Proben immer will­kommen, ich könne auch jeder­zeit zu ihm kommen und mit ihm spre­chen.

Was Sie getan haben …

Natür­lich! In der Praxis sah das so aus, dass ich die nächsten vier Jahre, also bis zu seinem Tod, wirk­lich dauernd in seinen Proben und Konzerten saß. Und so alle zwei Monate berief er mich zu einer „Audienz“ ein. Da saßen wir dann eine gute Stunde zusammen, spra­chen über die Programme, die er gerade diri­gierte, aber auch über andere Kompo­nisten. Er erzählte dann auch einfach Geschichten, ein biss­chen aus seiner Biografie, über seine Zeit mit Karajan …

Eine fast väter­liche Figur also …

Ja, aber immer nur in diesem profes­sio­nellen Umfeld, nie außer­halb. 

Und er hat Sie offenbar bestärkt weiter­zu­ma­chen.

Auf jeden Fall!

Hatten Sie denn von Ihrem Wunsch erzählt, Diri­gent zu werden?

Ja, das war ziem­lich genau zu der Zeit, als ich zum ersten Mal – unab­hängig von Jansons – mit dem Beruf in Berüh­rung kam. Ich durfte zum ersten Mal das Schul­or­chester bei uns diri­gieren und hatte meinen aller­ersten Diri­gier­un­ter­richt an der Musik­schule genommen.
In der dichten Begeg­nung mit Jansons habe ich dann ange­fangen zu erahnen, was dieser Beruf über­haupt bedeutet könnte. Bei ihm konnte ich erleben, was inten­sive Proben­ar­beit tagtäg­lich bedeutet, wie akri­bisch er den Klang geformt, das Musi­zieren einge­for­dert hat. Was mich vor allem aber bei Jansons so faszi­niert hat, war, dass er eigent­lich eher selten ausschließ­lich auf das kommende Konzert hin geprobt hat, sondern über das bevor­ste­hende Konzert hinaus gene­rell diesen Klang­körper künst­le­risch prägen wollte. Ich habe das damals in mich aufge­sogen, als wäre es das Natür­lichste der Welt, aber im Nach­hinein musste ich fest­stellen, dass das ganz und gar nicht üblich ist.

Diri­gieren ist Erfah­rung, das lernt man nicht vorm Spiegel.

Und wie sah nun der Weg vom Wunsch bis zum Diri­gen­ten­pult aus?

Mit zwölf Jahren habe ich meinen ersten Diri­gier­un­ter­richt bekommen und durfte ein wenig das Musik­schul­or­chester diri­gieren. Aber ich wollte viel mehr erleben, auspro­bieren und diri­gieren. Denn nicht nur Jansons hatte mir gesagt, das Diri­gieren sei nun mal ein Erfah­rungs­beruf, das lerne man nicht vorm Spiegel. Lear­ning by doing, anders ginge es nicht. Also begann ich mit 14 Jahren konkret zu planen, ein Orchester zusam­men­zu­stellen. Mit 15 wurde es dann Wirk­lich­keit!

Wie war das, mit 15 Jahren vor dem eigenen Orchester zu stehen?

Herr­lich! Natür­lich war mein Orchester damals anders als heute. Aber es war das erste Mal, dass ich ein sympho­ni­sches Konzert durch­di­ri­giert habe. Wir waren damals 20 Musiker aus der Münchner Musik­hoch­schule, an der ich damals bereits Jung­stu­dent war. Zusammen haben wir Ende 2019 mit einem Haydn-Programm ange­fangen. Es lief so toll, dass wir im Folge­jahr mit einem Mozart-Programm aufge­treten sind.

In diesen Jahren waren Sie schon mehr­fach beim Verbier Musik­fes­tival…

Genau! Ich war insge­samt bis 2021 dreimal dort: zunächst 2018 als Pianist und 2019 als Junior Conduc­ting Fellow. Dadurch hatte ich auch die beson­dere Möglich­keit, sehr persön­liche Gespräche mit verschie­denen inter­na­tio­nalen Künstler- und Diri­gen­ten­per­sön­lich­keiten zu führen, so zum Beispiel mit Fabio Luisi, Manfred Honeck und auch Gergijew, mit dem sich einmal ein einein­halb­stün­diges Gespräch ergab. Und 2019 lernte mich dann James Gaffigan in einem seiner 20-Minuten-Meis­ter­kurse kennen, der mich daraufhin als Assis­tent für das Verbier Festival Junior Orchester 2021 auswählte.

Der Ritter­schlag also …

Das kann man so sagen! Ich war dann quasi „Mädchen für alles“, habe Orches­ter­proben geleitet, wenn erfor­der­lich den Orches­ter­kla­vier­part gespielt und durfte im zweiten Konzert mit einer Berlioz-Ouver­türe das Konzert eröffnen sowie im Konzert­haus diri­gieren.

Und wie ging es mit Ihrem Orchester weiter?

Es kam alles ganz folge­richtig: Die Tatsache, dass ich in Verbier mehr­mals drei Wochen lang mit dem inter­na­tio­nalen Spit­zen­nach­wuchs meiner Gene­ra­tion in so engem Kontakt stand, war der Grund­stock dafür, dass ich 2023 sozu­sagen ein „Verbier-Festival-Reunion-Project“ starten konnte. Und so grün­dete ich, ergänzt durch junge Musiker aus der Musik­hoch­schule München, das Junge Phil­har­mo­ni­sche Orchester München. Wir waren damals 52 Musiker, und unser erstes Konzert mit Mendels­sohns Schot­ti­scher Symphonie und Tschai­kow­skis Rokoko-Varia­tionen mit Alban Gerhardt war so erfolg­reich, dass wir alle weiter­ma­chen wollten. Inzwi­schen sind wir fast 100 Musiker und stehen in offi­zi­eller Koope­ra­tion mit dem Verbier Musik­fes­tival.

Man muss sich mit seiner ganzen Persön­lich­keit mitteilen können.

Nun sind das ja alles junge Leute. Wie aber werden Sie denn von Berufs­or­ches­tern respek­tiert? Da sitzen ja deut­lich ältere Musiker …

Ich habe die klare Erfah­rung gemacht, dass es zwei Quali­täten gibt, die Musiker in einem Diri­genten überall suchen: Die erste ist, dass er genau weiß, was er will, eine klare Konzep­tion hat von dem, was er macht, und diese ehrlich im Geiste der Partitur vertritt.
Und die zweite ist, alles auch so zu kommu­ni­zieren, dass es verständ­lich wird, also dass es nicht nur im Kopf bleibt. Man muss sich mit seiner ganzen Persön­lich­keit mitteilen können. Dann sind der Respekt und die Bereit­schaft, dem zu folgen, meiner Erfah­rung nach da. Mein Diri­gier­pro­fessor sagt daher oft sehr poin­tiert: „Das Diri­gieren ist ein Führungs- und Kommu­ni­ka­ti­ons­beruf, der rein zufällig etwas mit Musik zu tun hat.“ Mariss Jansons lebte das wie kaum kein anderer, nicht stereotyp, sondern auf seine eigene, ganz beson­dere und liebe­volle Art.

Wo sehen Sie sich selbst in diesem Zusam­men­hang?

Eine span­nende Frage, die sich jeder junge Diri­gent immer wieder selbst stellen muss. Wichtig ist für mich dabei, dass ich authen­tisch meinen inneren Vorstel­lungen folge und alle Musiker mitnehme.

Gibt es weitere Vorbilder für Sie?

Selbst­ver­ständ­lich: Karajan und Furtwängler, auch Willem Mengel­berg schätze ich sehr. Und wenn ich all jene zusam­men­fassen darf, die ich erlebt habe, dann sind da natür­lich – neben Jansons als Nummer eins – Gergijew und Thie­le­mann. Letzt­ge­nannte sind beide für mich auf ihre eigene Art sehr faszi­nie­rend, vor allem in ihrer klang­sinn­li­chen, spon­tanen und mitunter sogar riskanten Musi­zier­be­reit­schaft. 

Kennen Sie das auch?

Nicht in dem Grad. Ich sehe mich bei aller starken Klang­be­geis­te­rung schon als struk­tu­riert und syste­ma­tisch, intensiv und am Detail feilend in den Proben, aber in keiner Weise als Kontrol­leur im Konzert.

Elemente ähnlich wie bei Teodor Curr­entzis?

Ja, er faszi­niert mich auch sehr! Was ich an ihm so sehr schätze, ist sein Wille, eine künst­le­ri­sche Einzig­ar­tig­keit konse­quent und umfas­send auszu­leben. Auch ist er enorm struk­tu­riert, zwin­gend klar. „Tages­form“ gibt es bei ihm nicht! Dazu ist er extrem zuver­lässig und geht unbe­ein­druckt von allen Wider­ständen seinen Weg. Zudem ist er ein Arti­ku­la­ti­ons­fa­na­tiker wie ich es auch bin.

Gehen die Musiker da mit?

Unbe­dingt, wenn die Forde­rung aus dem ehrli­chen inneren Gespräch mit der Partitur kommt!

Was ist denn das Charak­te­ris­ti­sche Ihrer Inter­pre­ta­tionen?

Auf alle Fälle der Klang! Dieser intensiv warme, breite, volle, große Klang. Und schließ­lich das große Thema Arti­ku­la­tion. Es gibt in dem Zusam­men­hang einen wunder­baren Satz von Karajan: „Jede schnelle Musik klingt lang­weilig, wenn sie nicht gut arti­ku­liert ist.“
Inso­fern suche ich immer wieder nach dieser beson­deren Balance, denn bei aller Breite und Größe und Dichte soll es niemals weich­ge­spült klingen, sodass daher die Strahl­kraft nicht verloren geht.

Wo sehen Sie in musi­ka­li­scher Hinsicht Ihre Schwer­punkte bezie­hungs­weise Stärken?

Ganz klar bei Beet­hoven und der deut­schen Romantik. Selbst­ver­ständ­lich liebe ich auch einen Tschai­kowsky und diri­giere sehr gern bereits oft Oper, wie letz­tens Mozarts Don Giovanni.

Und was ist mit zeit­ge­nös­si­scher Musik?

In aller Ehrlich­keit: Sie ist nicht mein Stecken­pferd. Ich habe ja auch eine gewisse Zeit lang kompo­niert – jetzt komme ich leider nicht mehr dazu –, habe auch Kompo­si­ti­ons­meis­ter­kurse gemacht. Aber ich war immer der Einzige, der tonal geschrieben hat – im spät­ro­man­ti­schen Stil von Wagner oder Strauss.

Sie wollen aber dennoch mit Ihrer spät­ro­man­ti­schen Auffas­sung in Ihre Gene­ra­tion strahlen?

Absolut! Und ich erlebe nicht nur in mir, sondern sowohl bei sehr vielen Musi­kern als auch beim Publikum, wie tief und begeis­tert gerade die Klang­vor­stel­lungen des ausge­henden 19. Jahr­hun­derts aufge­nommen werden. Hier leben sich erfri­schend neue Klang­welten aus, die in einer großen Kultur­tra­di­tion wurzeln mit ihren Impulsen aus Lite­ratur, Kunst und Philo­so­phie. Dazu gibt es sinn­gemäß einen wunder­baren Satz von Brahms: „Übt eine Stunde weniger am Tag und lest statt­dessen ein gutes Buch mehr.“
Entspre­chend finde ich, dass man einen Robert Schu­mann viel besser verstehen kann, wenn man einen Hein­rich Heine oder Joseph von Eichen­dorff dazu gelesen hat.

Ich will der klas­si­schen deut­schen Diri­gen­ten­schule wieder zur Aktua­lität verhelfen. 

Der Weg zum tiefen Verständnis der Musik verlangt also eine gute Bildung.

Aus meiner Sicht: klar!! Und vor allem wird diese umfas­sende Bildung zu Recht auch von einem Diri­genten erwartet – nein, eigent­lich als Notwen­dig­keit voraus­ge­setzt.
Ich fühle mich daher persön­lich sehr der klas­si­schen deut­schen Diri­gen­ten­schule verhaftet, von Wagner herkom­mend über Mottl, Wein­gartner, Furtwängler, und habe mir musi­ka­lisch betrachtet zur Aufgabe gestellt, dieser Tradi­tion wieder zu der klang­li­chen Aktua­lität zu verhelfen, die sie aus meiner Sicht verdient, derzeit aber so gut wie nicht hat.

Sie wollen also zurück in die alte Tradi­tion …

Nein, ich möchte in keiner Weise zurück, ich möchte sie in unsere heutige Zeit über­tragen und weiter­führen: beispiels­weise in der Art wie ein Furtwängler, der die Tradi­tion Wagners in einer Linie fort­ge­führt hat, deshalb aber keine Kopie von Wagner war. 

Lassen Sie uns über Ihre Tournee spre­chen, die jetzt ansteht.

Gerne! Nachdem wir also 2023 und 2024 mit dem – unter anderem durch die Koope­ra­tion mit Verbier – so ausge­zeichnet gewach­senen und künst­le­risch profi­lierten Orchester je ein Projekt im Carl-Orff-Saal in München gemacht hatten, gab es mehr­fach (so auch von Teodor Curr­entzis) die Empfeh­lung, ein derar­tiges Projekt mit so einem enormen Aufwand mit Musi­kern aus 20 Nationen nicht nur wegen eines Konzerts zu veran­stalten, sondern eine Konzert­tournee daraus zu machen.

Leichter gesagt als getan, oder?

Ja, aber wir haben selbst gespürt, dass es an der Zeit ist, die vorhan­denen Ressourcen auszu­bauen. 2025 haben wir dann die Zwei-Tage-Tournee Salzburg–München gemacht. Und jetzt geht es zum ersten Mal auf große Tournee: nach Prag in den Smeta­na­saal, danach Wies­baden, weiter in die Alte Oper Frank­furt, schließ­lich in den Herku­les­saal nach München.

Mit welchem Programm?

Meis­ter­singer-Vorspiel, Liszt-Klavier­kon­zert Nr. 2 und Beet­ho­vens Fünfte. Beet­hoven ist und bleibt mein Kern­re­per­toire. Die Fünfte als ein kompo­si­to­ri­scher Zenit wird uns alle in den Bann ziehen. Die geis­tige Brücke ist mit Wagners Meis­ter­singer-Vorspiel perfekt gegeben. Der Solist im Konzert ist ein alter Freund von mir aus den USA, Maxim Lando. Wir haben uns über Lang Lang – wir waren beide Meis­ter­schüler bei ihm – und beim Stars and Rising Stars Festival hier in München kennen­ge­lernt. Er ist ein phäno­me­naler Pianist, und Liszt liegt ihm sehr. Ich habe gezielt das zweite Liszt-Klavier­kon­zert gewählt, da es auch eines meiner Lieb­lings­kla­vier­kon­zerte ist und sehr gut zu Wagner passt.

Wer spon­sert das alles für Sie? Wer bemüht sich darum? Fund­rai­sing ist ja unglaub­lich aufwendig.

Ja, das ist eine große Sache, in die ich bewusst viel Zeit inves­tiere. Fund­rai­sing ist immer Chef­sache, weil es ein Gesicht, eine persön­liche Brücke braucht. Und ich bin das Gesicht des Orches­ters. Keiner wird an das Orchester glauben und auch nur einen Cent inves­tieren, ohne mich kennen­ge­lernt zu haben. Aber dankens­wer­ter­weise haben wir viele Leute, die uns bei den zahl­rei­chen Bemü­hungen sehr unter­stützen. Nirgends spürt man deut­li­cher, dass es in der ganzen Branche auch immer darum geht, sich ein leben­diges Netz­werk aufzu­bauen, künst­le­risch wie wirt­schaft­lich.

Ich habe ein starkes Bewusst­sein meiner inneren Vision.

Wie gehen Sie eigent­lich mit Kritik um?

Das muss man sehr diffe­ren­ziert betrachten. Kritik ist etwas Wich­tiges. Sie ist das, was einen davon abhält, im luft­leeren Raum zu träumen. Sie hält einen auf dem Boden. Aber: Sie sollte aus einer Vertrau­ens­basis, einem Wohl­wollen und einer Iden­ti­fi­ka­tion mit der Sache gespeist sein. Moti­viert sie einen zum Nach­denken, zum Weiter­kommen oder will sie nur mit konkur­rie­render Herab­las­sung bril­lieren? Dazu fällt mir ein Zitat von Beet­hoven ein, als er kriti­siert wurde: „Mücken­stiche werden ein tapferes Pferd in seinem Lauf nicht aufhalten.“
Das starke Bewusst­sein meiner inneren Vision hält mich in der Regel davon ab, zu sehr auf das „Gerede“ zu achten.

Was ist für Sie das Geheimnis eines guten Diri­genten?

Das Diri­gieren ist deshalb ein so faszi­nie­render Beruf, weil es der Beweis dafür ist, wie viel Kommu­ni­ka­tion nonverbal passiert, wie ganz­heit­lich, viel­schichtig die Anfor­de­rungen an eine ganz persön­liche Verwirk­li­chung von geistig-musi­ka­li­schen Welten sind. Dabei sind die Hände wichtig, aber nur ein kleiner Teil im Tableau der Befä­hi­gungen. Ebenso verhält es sich beim Blick, bei den Augen, einer guten Körper­mitte. Auch bei allen großen Diri­genten sind es nicht nur die Hände. Und auch nicht nur – wie so oft behauptet – die Augen. Es gibt hier keine eindeu­tige Kausal­kette – es bleibt nur der ganz indi­vi­du­elle Weg. Bei sich zu bleiben, und das optimal trotz aller Schwie­rig­keiten ein ganzes Leben lang auszu­formen, ist die Meis­ter­schaft!

Ein letztes Wort?

Gern! Ein etwas zuge­spitzter Satz, den mir der Schweizer Kompo­nist und Diri­gent Michel Tabachnik einmal gesagt hat. Viel­leicht ist er gar nicht von ihm, aber er fasst es natür­lich schön zusammen: „Es ist die Aufgabe des Musi­kers, all das zu produ­zieren, was schwarz auf dem Noten­blatt steht – Noten, Vorzei­chen, Pausen, Systeme, Tempi. Die des Diri­genten ist es, all das umzu­setzen und lebendig zu machen, was weiß ist.“

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Termine:
15. März: Prag, Smetanasaal
17. März: Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal
18. März: Frankfurt/Main, Alte Oper
19. März: München, Herkulessaal

Wagner: „Meistersinger“-Vorspiel,
Liszt: Klavierkonzert Nr. 2
Beethoven: Sinfonie Nr. 5
Mit Maxim Lando und dem Jungen Philharmonischen Orchester München