Moritz Eggert über GrenzenlosigkeitMusik kennt keinen Rassismus!

Musik über­win­det alle Gren­zen, heißt es immer wie­der. Die­ses Kon­zept hat gera­de heut­zu­ta­ge, wäh­rend sich Euro­pa zuneh­mend abschot­tet, eini­ges an Spreng­kraft. In der euro­päi­schen Kul­tur­ge­schich­te spielt Musik eine gro­ße Rol­le, gleich­zei­tig wur­de die Musik Euro­pas welt­weit in ande­re Län­der ver­brei­tet, durch Mis­sio­na­re, durch Kolo­nia­lis­mus und auch – man kann dies nicht beschö­ni­gen – durch schlich­ten Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus, der ört­li­che Musik­kul­tu­ren ver­dräng­te. Dies gibt uns immer wie­der die (fal­sche) Illu­si­on, dass unse­re Art der Musik die ein­zig gül­ti­ge sei, dass es eher­ne Geset­ze der „moda­len Tona­li­tät“ oder der „klas­si­schen Har­mo­nie­leh­re“ gäbe, die auch bit­te­schön im Regen­wald oder auf Bali gül­tig sein müs­sen, was natür­lich nicht der Fall ist.

Faszination des Fremden

Dabei ver­ges­sen wir ger­ne, dass unse­re euro­päi­schen Musik­ge­schich­te gar nicht so exis­tie­ren wür­de, hät­te es nicht zahl­rei­che ent­schei­den­de Fremd­ein­flüs­se gege­ben. Kul­tu­rel­ler Aus­tausch fin­det meist bei­der­sei­tig statt. Die für die Ent­ste­hung der Poly­pho­nie so wich­ti­ge Tra­di­ti­on der gre­go­ria­ni­schen Cho­rä­le geht zum Bei­spiel auf jüdi­sche Ritu­al­mu­sik zurück, die von den frü­hen christ­li­chen Gemein­den adap­tiert wur­de. Es gäbe kaum Schlag­in­stru­men­te und wesent­lich weni­ger Rhyth­mus im klas­si­schen Orches­ter, hät­te es kei­ne Fas­zi­na­ti­on für osma­ni­sche Jani­tscha­ren­mu­sik gege­ben, die schon Rameau, Gluck und Mozart zur Nach­ah­mung inspi­rier­te. Impres­sio­nis­mus in der Musik mit allen Fol­ge­sti­len bis hin zu Spek­tral­mu­sik wäre unvor­stell­bar ohne Debus­sys Begeis­te­rung für exo­ti­sche Gamel­an­mu­sik. Ohne Jazz und Rag­time wie­der­um wäre die gesam­te Musik­ge­schich­te im 20. Jahr­hun­dert voll­kom­men anders ver­lau­fen, was wir letzt­lich der außer­ge­wöhn­li­chen musi­ka­li­schen Bega­bung der aus ihrer Hei­mat ent­führ­ten afri­ka­ni­scher Skla­ven zu ver­dan­ken haben.

Beethoven, Mozart und Brahms waren „Ausländer“

Dass es die­se musi­ka­li­sche Viel­falt gibt, an der wir uns alle erfreu­en und die wir auch als für unse­re Kul­tur iden­ti­täts­stif­tend emp­fin­den, ist also dem stän­di­gen Aus­tausch musi­ka­li­scher Kul­tu­ren zu ver­dan­ken, kei­nes­wegs der Abschot­tung oder der Iso­la­ti­on. Die gro­ßen Metro­po­len in der Geschich­te der klas­si­schen Musik – zum Bei­spiel Flo­renz, Vene­dig, Paris, Wien etc. – waren zu ihren bes­ten Zei­ten immer Orte, an denen die unter­schied­lichs­ten Natio­na­li­tä­ten zusam­men­ka­men und auch Chan­cen fan­den. Beet­ho­ven und Brahms waren Aus­län­der in Wien. Und selbst ein Mozart zog nach Wien ins „Aus­land“, denn Salz­burg war damals qua­si noch Bay­ern, auch wenn man sich damals abge­spal­ten hat­te (Damals wie heu­te bedeu­te­te die Benut­zung der glei­chen Spra­che kei­nes­wegs, dass man sich im sel­ben Land befand oder sich mit den­sel­ben Wer­ten iden­ti­fi­zier­te, und natür­lich war Bay­ern damals noch nicht „Deutsch­land“).

Musikgeschichte ist eine Geschichte der Grenzübertretungen

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Und nicht zuletzt begrün­de­ten die vie­len als „ent­ar­tet“ dekla­rier­ten Kom­po­nis­ten die wäh­rend der Nazi­zeit ins Aus­land flo­hen (alle­samt auch nach heu­ti­ger Betrach­tungs­wei­se Flücht­lin­ge und Asy­lan­ten), in den Län­dern die sie ret­tend auf­nah­men und die ihnen Chan­cen gaben, bedeu­ten­de musi­ka­li­sche Tra­di­tio­nen. Wo man also hin­schaut – die klas­si­sche Musik, ja die Musik der Welt in ihrer Gesamt­heit ist eine Geschich­te der Rei­sen, der Wan­de­run­gen und der Grenz­über­tre­tun­gen. Umso merk­wür­di­ger scheint es also, dass wir aus­ge­rech­net jetzt in Deutsch­land – in einer Zeit des Wohl­stan­des und des Über­flus­ses – eine zuneh­mend natio­na­lis­ti­sche Sicht ent­wi­ckeln, in der aus­län­di­sche Künst­ler plötz­lich miss­trau­isch beäugt wer­den.

Aus internationale Konkurrenz entsteht Niveau!

Es ist eine neue Kul­tur der Miss­gunst ent­stan­den, die aus­län­di­schen Künst­lern in unse­rem Land ihren Erfolg nicht mehr gönnt. Als ich neu­lich den Sti­pen­di­ums-Erfolg einer ehe­ma­li­gen ukrai­ni­schen Kom­po­si­ti­ons­stu­den­tin auf Face­book pos­te­te, gab es plötz­lich Kom­men­ta­re wie „War­um hat die­ses Sti­pen­di­um kei­ne Deut­sche bekom­men kön­nen?“, obwohl es sich um ein inter­na­tio­nal aus­ge­schrie­be­nes Sti­pen­di­um han­del­te. Man mag dies mit dem Wahl­er­folg einer gewis­sen Par­tei begrün­den, dass plötz­lich sol­che Gedan­ken aus­ge­spro­chen wer­den. Aber war­um der Neid? Kommt hier etwa irgend­je­mand zu kurz? Es ist rich­tig: Deutsch­land ist eines der Län­der, wel­ches welt­weit Künst­lern aus dem Aus­land enor­me Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten bie­tet. Die Stu­di­en­ge­büh­ren sind am unters­ten Ende des inter­na­tio­na­len Stan­dards, es gibt zahl­lo­se Prei­se, Auf­ent­halts-und För­dersti­pen­di­en, die kei­nes­wegs an die deut­sche Natio­na­li­tät gebun­den sind. Sogar die alt­ehr­wür­di­ge Insti­tu­ti­on des „Rom­prei­ses“ (Vil­la Mas­si­mo) steht inzwi­schen Künst­lern aller Natio­na­li­tä­ten offen. Und das ist gut so, auch für unse­re eige­nen Talen­te, denn nur in die­ser Kon­fron­ta­ti­on mit der inter­na­tio­na­len Kon­kur­renz ent­steht ein Niveau, das sich welt­weit sehen las­sen kann. Unse­re Thea­ter, Opern­häu­ser und Orches­ter sind, was die Qua­li­tät angeht, gera­de des­we­gen im obers­ten Bereich der inter­na­tio­na­len Kon­kur­renz. Vie­le der zuge­reis­ten Talen­te ver­su­chen daher auch, in Deutsch­land zu blei­ben, ande­re wie­der­um brin­gen das, was sie bei uns gelernt haben, in ihre eige­nen Län­der zurück.

Es sind genug Stipendien für alle da!

Eigent­lich also eine win-win-Situa­ti­on. Wir pro­fi­tie­ren von der Talent­zu­wan­de­rung, aber sowohl unse­re Kul­tur als auch unse­re Spra­che wer­den zuneh­mend wich­tig im Aus­land. Dies wie­der­um wirkt sich direkt auf den Ruf unse­res Lan­des aus, was wie­der­um ganz kon­kre­te wirt­schaft­li­che Fol­gen hat (Indus­trie, Export, Tou­ris­mus), also auch vie­len, vie­len Men­schen zugu­te­kommt, die mit Kul­tur gar nicht direkt zu tun haben. Gleich­zei­tig gibt es aber auch eine rei­che Land­schaft zur För­de­rung unse­rer eige­nen Talen­te, die in ande­ren Län­dern ihres­glei­chen sucht. Von „Jugend Musi­ziert“ ange­fan­gen bis zum Deut­schen Musik­wett­be­werb – ein kur­zer Blick auf die Gesamt­über­sicht „Musik­prei­se, Sti­pen­di­en, Aus­zeich­nun­gen“ auf der infor­ma­ti­ven Web­sei­te www.miz.de (Musik­in­for­ma­ti­ons­zen­trum des Deut­schen Musik­rats) zeigt eine fast unüber­schau­ba­re Anzahl von För­der­mög­lich­kei­ten spe­zi­ell auch für hei­mi­sche Künst­ler. Die müss­ten sich also auf kei­nen Fall zu kurz gekom­men füh­len. Aber wenn es so etwas wie Neid in der Musik­sze­ne gibt (und den gibt es natür­lich) so rich­tet sich die­ser zuneh­mend auf Künst­ler aus ande­ren Län­dern, die in unse­rem Land arbei­ten. Das ist trau­rig und vor allem voll­kom­men unnö­tig, denn je mehr wir Talen­te nach Deutsch­land holen des­to mehr wer­den wir alle davon pro­fi­tie­ren, das gilt für Kul­tur wie auch für Wis­sen­schaft, For­schung und Indus­trie. Es ist eine Situa­ti­on die sowohl für die „Zuge­reis­ten“ wie auch für uns ein Gewinn ist.

Musikunterricht am Limit

Aller­dings gibt es für die zuneh­men­den Abschot­tungs­ten­den­zen in unse­rem Land auch Grün­de. Wäh­rend sehr viel Geld in Kul­tur­maß­nah­men zur För­de­rung von Musik geflos­sen ist, hat man es ver­säumt, die­sel­ben Anstren­gun­gen in der Bil­dung zu unter­neh­men. So ist Musik-und Kunst­un­ter­richt an öffent­li­chen Schu­len zuneh­mend unwich­tig, zusam­men­ge­kürzt oder mar­gi­na­li­siert, öffent­li­che Musik­schu­len ope­rie­ren am Limit was die Gehäl­ter der Unter­richts­kräf­te angeht und es gibt wei­te Schich­ten der Bevöl­ke­rung, in denen nicht mehr aktiv gesun­gen oder musi­ziert wird, da unse­re Leis­tungs­ge­sell­schaft zuneh­mend ande­re Akti­vi­tä­ten als „wich­ti­ger“ erach­tet. Sogar für die Stu­den­ten an den Musik­hoch­schu­len wird das künst­le­ri­sche Stu­di­um seit Ein­füh­run­gen letzt­lich unkla­rer inter­na­tio­na­ler Stan­dards zuneh­mend zu einem Abha­ken von ECTS-Punk­ten, anstatt dass man eigen­stän­di­ge Künst­ler­per­sön­lich­kei­ten erzieht. Da fühlt sich man­cher abge­hängt, und reagiert dar­auf mit Ängs­ten anstatt sich über den gro­ßen Reich­tum unse­rer Kul­tur­land­schaft zu freu­en. Wer der Musik also Gren­zen setzt, setzt auch der eige­nen Ent­fal­tung Gren­zen. Und das wer­den die kom­men­den Genera­tio­nen zu spü­ren bekom­men. Und den­je­ni­gen, die jetzt nei­disch sind, wird es dann kei­nes­wegs bes­ser­ge­hen als vor­her – sie wer­den auch wei­ter­hin das Gefühl haben, dass ihnen irgend­je­mand in die Sup­pe spuckt, wäh­rend sie ohne­hin schon nur ihr eige­nes Süpp­chen kochen.

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Moritz Eggert
Moritz Eggert komponiert, spielt Klavier und singt (zum Entsetzen seiner Nachbarn), tritt gelegentlich auch als Schauspieler auf, moderiert, dirigiert, schreibt und sammelt Anekdoten über die Flegeljahre von Adorno. Entgegen der landläufigen Meinung schreibt Eggert am liebsten Lobeshymnen über Kollegen oder macht sich über die Pornofikation der Klassik Gedanken. Eggert lebt mit seinen 17 Kindern, 6 Nebenfrauen sowie 4 magersüchtigen Cockerspanieln in einem vollkommen uninteressanten Vorort von München, den er nur selten zum Komponieren, Klavier spielen oder „performen“ wie man das heute nennt verlässt.

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