Plädoyer für eine Weiterentwicklung historischer Musikinstrumente mit neuen Techniken, neuen Materialien und den Möglichkeiten des 3D-Drucks. 

Evolution“ ist ein ganz schön aufgeheiztes Wort! Nicht nur wegen des ewigen Kulturkampfs darum, seine Bedeutung wird auch permanent missverstanden. Die meisten verbinden Evolution mit Entwicklung, implizit also auch mit Überlegenheit und Verbesserung. Dabei ist das Konzept ein anderes: Evolution erklärt einfach nur, wie biologische oder kulturelle Einheiten sich durch winzige Variationen verändern und die geeignetste überlebt. Das Geeignetste muss unter bestimmten Gegebenheiten aber nicht das Beste oder Ausgefeilteste sein. Jeder Homo sapiens darf sich gut und gerne intelligenter als ein Krokodil fühlen – eine Spezies, die sich in den letzten 100 Millionen Jahren kaum verändert hat. Sperrt man die beiden in einen Käfig, wird trotzdem das Krokodil überleben, egal wie gebildet der Homo sapiens daherkommt.

Gewonnen an Tonumfang, Dynamik und Agilität

Ähnlich hat sich die Evolution von Musikinstrumenten vollzogen, Schritt für Schritt, immer gemessen daran, wie effizient sie die ästhetischen Anforderungen einer Epoche erfüllten. Grundsätzlich haben Musikinstrumente an Tonumfang, Dynamik und Agilität gewonnen. Andererseits heißt es, dass sie dadurch an Klangqualität und Charme eingebüßt hätten, dass gerade die Unregelmäßigkeiten der frühen Instrumente beim Spielen chromatischer Passagen kein Makel, sondern eine Bereicherung seien, die die Komponisten gezielt eingesetzt hätten. Der Streit zwischen historisch informierter gegenüber moderner Aufführungspraxis ist eine der natürlichen Konsequenzen daraus.

Entwickelt seit dem Mittelalter

Unabhängig von Qualitätsgewinn oder ‑verlust und ihrer subjektiven Wahrnehmung, steht fest, dass Musikinstrumente sich seit dem Mittelalter entwickelt haben. Dieser Prozess lässt sich an den vielen Instrumentenfamilien und Unterfamilien festmachen, die überlebt haben oder verschwanden wie die Lebewesen in den Stammbäumen eines Biologielehrbuchs. Trotzdem haben sich die heutigen Musikinstrumente seit Jahrhunderten kaum verändert. Ihre Evolution scheint wie stehengeblieben. Immerhin konnten sich manche dank der Elektrizität weiterentwickeln, wofür die E‑Gitarre oder das Keyboard prominente Beispiele sind. Das Design blieb trotzdem fast unverändert, selbst wenn unter der Oberfläche Elektronik eingepflanzt wurde. Warum? Gab es keine technischen Innovationen, die eine Weiterentwicklung erlaubt hätten?

Musikinstrumente aus dem 3D-Drucker
Neue Techniken ermöglichen es: Blasinstrumente aus dem 3D-Drucker
(Foto © Ricardo Simian)

Doch! Wir besitzen fast unendlich viele Mittel, um neue Formen, Oberflächen und Objekte zu kreieren, von denen Stradivari nur träumen konnte. Trotzdem beschränken sich unsere Designs bei Musikinstrumenten fast ausschließlich auf Formen und Strukturen, die auch ein Geigenbauer aus dem Barock hätte fabrizieren können. Fast jedes Instrument hat ausschließlich runde, gerade Bohrungen oder Löcher und 90-Grad-Winkel – denn das sind die einzigen Formen, die man mit herkömmlichem Zimmermannswerkzeug produzieren kann. Sogar die wunderbar schwungvollen Kurven einer Violine täuschen nur darüber hinweg, dass Decke, Boden und Zargen im 90-Grad-Winkel zueinander stehen – genau wie bei einer Schublade. Ist das wirklich das ultimative Design? Haben wir in Bezug auf mögliche Formen von Musikinstrumenten schon alles ausgeschöpft und brauchen keine weitere Evolution? Dann würden Musiker nicht wild darum kämpfen ihre Körper darauf zu drillen, überhaupt über mehrere Stunden spielen zu können. So gut wie jeder Musiker hat schon einmal unter einer Sehnenscheidenentzündung oder anderen Krankheit gelitten – nur weil er geübt hat. 

Musikinstrumente aus dem 3D-Drucker
Streichinstrumente aus neuen Materialien und ohne Zwang zum 90-Grad-Winkel
(Foto © Ricardo Simian)

Neue Techniken, neues Material und die Revolution des 3D-Drucks geben uns Mittel an die Hand, die für die Musikinstrumentenherstellung noch kaum herangezogen wurden. Das sollten wir schleunigst ändern, die Möglichkeiten begrüßen und die nächste Generation von Musikinstrumenten erfinden und erkunden – und die bestehenden damit verbessern. Die Möglichkeiten sind grenzenlos! Noch wurden keine systematischen und repräsentativen Tests durchgeführt zu Bohrlöchern, die nicht rund sind, zu geschwungenen Formen, die rechte Winkel ersetzen oder komplexen Formen, die aus einem Stück gegossen sind. Noch gibt es kein Konzept für personalisierte Musikinstrumente, was mit parametrischer 3D-Modellierung spielend möglich wäre. 

Neue Wege entdecken

Im konservativen Kosmos der Musik pflegen wir Tradition um der Tradition willen. Wir setzen voraus, dass ein „warmer“ Klang nur von natürlichem Holz kommen kann, ohne auch nur ein einziges Mal eine der neuen Polymere ausprobiert zu haben, die nun auf dem Markt sind und die sich perfekt dafür eignen könnten. So viel wartet darauf, ausprobiert zu werden! Und es gibt nichts zu verlieren: Wenn wir feststellen, dass die alten Versionen doch die besseren sind, behalten wir sie einfach, wie wir das seit Jahrhunderten tun. Aber wir sollten den Mut, die Offenheit und auch die Unterstützung der Institutionen haben, um nach einer langen Zeit der Stagnation neue Welten zu entdecken! 

(Übersetzt auf dem Englischen von Maria Goeth)

Foto Titelbild: Ricardo Simian