Nachruf: Claudio Abbado

Zum Tod von Claudio Abbado

von crescendo Redaktion

20. Januar 2014

Wenn man ihn kürz­lich in einer der wenigen Konzerte, die er noch diri­gierte, erleben durfte, dann sah man einen Mann, der von Alter und Krank­heit gezeichnet war – und der doch noch immer eine umwer­fende musi­ka­li­sche Energie besaß. Da war jeder Musiker ganz beim Maestro und mit jeder noch so kleinen Hand­be­we­gung zauberte mit der Musik.
Das briti­sche Magazin Gramo­phone wählte den Diri­genten 2012 unter die „50 Personen, die die klas­si­sche Musik verän­derten“ und schrieb tref­fend: „Was Claudio Abbado zu einem großen Musiker macht, ist sein Huma­nismus, seine außer­or­dent­liche Fähig­keit, den Klang eines Orches­ters vermit­tels einer einzigen Geste zu verän­dern… seine Auffüh­rungen können ein Leben verän­dern.“

Das Aufein­an­der­hören als Grund­vor­aus­set­zung nicht nur des Musi­zie­rens, sondern auch des mensch­li­chen Zusam­men­le­bens im Allge­meinen blieb für Abbado auch als Diri­gent großer Orchester zentral, ob als Chef an der Scala, bei den Wiener und Berliner Phil­har­mo­ni­kern, in London und Chicago, bei seinen Jugend­orchestern oder am Pult des , des und des . Dass Musik nicht nur einer kleinen Élite, sondern allen Menschen, unab­hängig von Alter, Herkunft und Vorbil­dung, zugäng­lich sein sollte, versuchte er an der Scala dadurch zu errei­chen, dass er das tradi­tio­nelle Opern­haus auch für Arbeiter und Studenten öffnete. Mit seinen Freunden, dem Pianisten Maurizio Pollini und dem Kompo­nisten , orga­ni­sierte er Auffüh­rungen in Fabriken und Gesprächs­kon­zerte, um neuen Hörer­schichten vor allem auch zeit­ge­nös­si­sche Musik nahe­zu­bringen.

Auch die musi­ka­li­sche Jugend war Abbado ein großes Anliegen, so grün­dete er unter anderem das Euro­pean Youth Orchestra, das Mahler Chamber Orchestra, das Orchestra und im Jahr 2004 das Orchestra Mozart.

Der 1933 in als Sohn einer Musi­ker­fa­milie gebo­rene Diri­gent und bedeu­tender Schüler des Wiener „Diri­gen­ten­ma­chers“ Hans Swarowsky war kein Mann der großen Maestro-Geste, sondern ein Orches­ter­leiter mit leiser, sanfter Auto­rität. Ihm ging es nicht um seine Person, sondern einzig um die Sache an sich: „Musik ist notwendig für das Leben. Sie kann es verän­dern, verbes­sern und in einigen Fällen sogar retten“.

Neben seinem musi­ka­li­schen Enga­ge­ment war Abbado passio­nierter Umwelt­schützer. Sein Verständnis von Natur ließ sich in gewisser Weise auch auf sein Wirken über­tragen. So sagte , Solo-Oboist der , über seine Arbeit mit Abbado einmal, er fühle sich wie ein Vogel an einer sehr langen Leine, frei und doch unter Kontrolle.

Im Alter von 80 Jahren ist Claudio Abbado, der große Maestro, am 20. Januar in Bologna gestorben.

(red)

Fotos: Marco Caselli Nirmal