Aja von Loeper

Weiß und aus dem Weiß: Struktur

von Nora Gomringer

19. November 2020

Die bildende Künstlerin Aja von Loeper ist Erfinderin. Das Wesen solcher genialen Entdecker ist gekennzeichnet von Neugierde, explorativer Sehnsucht und Beharrlichkeit. Ein Porträt von Nora Gomringer.

Und tatsäch­lich! All diese Eigen­schaften begrüßen einen mit freund­li­chem Lächeln, wenn man die Künst­lerin in ihrer Wohn- und Arbeits­welt in Nürn­bergs Winkel­gassen aufsucht. Der Titel eines Textes, den Eugen Gomringer einst für Günther Uecker schrieb, lautet: „wie weiss ist, wissen die weisen“. Weis(s)heit hat von Loeper längst verstanden. Seit Jahr­zehnten bear­beitet und kennt ihre Exper­tise den Werk­stoff Papier und seine stär­kere Vari­ante: den Karton.

In den wegsu­chenden Jahren in der Kunst­aka­demie und denen danach war ihr ein Ort exis­ten­ziell, der stän­dige Wieder­kehr erlaubte: ein Baum, genauer eine Birke, nahe dem Gelände der Akademie. Tagein, tagaus suchte von Loeper die Nähe dieser Birke, saß an ihrem Stamm, beob­ach­tete, lernte, wurde Zeugin. Mit den Verän­de­rungen des Baumes über die Jahre änderte sich von Loepers Sicht auf die Abläufe in der Natur, fand, verfei­nerte und erwei­terte sich ihre Technik, festigte sich diese letzten Endes zur Erschaf­fung der groß­for­ma­tigen Arbeiten, mit denen die Künst­lerin lebt. Sie alle zeigen dem stau­nenden Betrachter Struk­tur­ka­ta­loge. Pathe­tisch könnte man sich zu der Annahme hinreißen lassen, dass, würde jemals eine offi­zi­elle Stelle ein Inventar der Struk­turen und Fähig­keiten von Schnee, Papier, Glet­schern oder Fell in Auftrag geben, umge­hend Auskunft erteilen könnte, da sie seit Jahr­zehnten an einem solchen Inventar arbeitet, es so verstanden und verfei­nert hat, dass alle Phäno­mene der Natur hier in die Kunst über­setzt werden. Das hat etwas Gewal­tiges. Und wie vieles Mäch­tige ist es gleich­zeitig zart. Mithilfe von kleinen Kolben aus Buchen­holz, die die Künst­lerin selbst bear­beitet, damit sie ihr als Griffel zum Strei­chen und Schaben dienen und gut in der Hand liegen, den Finger­ge­lenken Spiel und doch direkte Kraft­über­tra­gung garan­tieren, arbeitet sie die Ober­fläche und die Schichten des Kartons in einer Weise auf, dass das Papier sich zu ergeben scheint.

Aja von Loeper scheint das weiße Blatt direkt zu bespre­chen.

Ein „Noch-viel-Mehr“ an Weiß gibt es preis und während es im wahrsten Sinne durch Reibung und Druck gereizt, aufgeht, offen­bart es sich uns. Von Loeper hat über Jahre heraus­ge­funden, was die Eigen­schaften des Mate­rials an Nuancen für ihr Werk bedeuten. Sie kann Aussagen über Papier treffen, die man in ihrer Präzi­sion und Vereh­rung selten hört. Dichter reden über Blätter und Bäume als Bilder in der Gedan­ken­welt. Von Loeper scheint das weiße Blatt direkt zu bespre­chen und es aus seiner Starre und Bündig­keit zu lösen durch einen Akt der „Über­re­dung“, der auch eine Über­win­dung von mate­ri­al­ge­ge­benen Grenzen ist. Was man in der Kunst ein Werk nennt, ist bei von Loeper das Ergebnis langer, körper­lich inten­siver Arbeit am Blatt. Meist ist es auf den Boden gestreckt und bietet ihrem leichten Körper, der darauf kniet, lehnt, wenn nicht liegt, genug Gegen­spiel, biegt sich; knit­tert oder reißt aber nicht. Mit Ausdauer raut die Künst­lerin mithilfe ihrer Buchen­kolben große Flächen ihrer Kartons auf. Ungläu­bige Betrachter sind allzu schnell bei der Beur­tei­lung und spre­chen von Prägungen. Das Gegen­teil ist der Fall.

Aja von Loepers Arbeits­weise erlaubt Erstaun­li­ches: Ein drei­di­men­sio­naler Körper scheint sich aus der Fläche zu erheben.

Die Künst­lerin prägt nicht, sie hebt, regt die Ober­fläche des 250-Gramm-Kartons an, sich zu wölben, ihrem Griffel noch mehr Fläche zu schenken, die dann in kleiner Geste, die einer Schraf­fur­be­we­gung gleicht, aufge­löst wird. Diese Auflö­sung ist immer im Rahmen von Trans­for­ma­tion, nicht Destruk­tion gehalten. Es entstehen keine „Wunden“ im Mate­rial. Seit Jahren über­legt von Loeper mit Patent­an­wälten und Kunst­his­to­ri­kern im Bunde, wie ihre Arbeits­weise zu beschreiben, ja präzise zu benennen sei, um ihr den Status der Erfin­derin ein für alle Mal zu sichern. Ihre Arbeits­weise erlaubt Erstaun­li­ches: Ein drei­di­men­sio­naler Körper scheint sich aus der Fläche zu erheben. Er wird zuneh­mend ausdif­fe­ren­ziert, bietet dem Auge an der einen Stelle Glätte, an anderer Aufge­r­aut­heit. Diese Komple­xi­täten sind – man muss es wieder­holen – nicht wie auf Schau­land­karten und ‑tafeln aus alten Schul­zeiten bekannt durch Prägung, sondern durch eine inten­sive Reizung oder besser „Lockung“ des Mate­rials selbst entstanden. Was die langen Fasern im Mate­rial erlauben in ihrer Festig­keit bei gleich­zei­tiger Flexi­bi­lität, nutzt von Loeper mit Kenntnis und Virtuo­sität, um klei­nere – manchmal auch einge­färbte – und über­große Arbeiten entstehen zu lassen.

Aja von Loeper schafft große Monu­mente der Zeit und Entropie, alle Kraft, die in die Arbeiten eingeht, tritt aus ihnen hervor, wird sichtbar, beinahe fühlbar.

Als Vorbilder und Grund­lagen nennt die Künst­lerin unter anderem den argen­ti­nisch­stäm­migen Künstler Lucio Fontana, der die Lein­wand letzt­lich zerschnitt oder punk­tierte, um das Dahinter hervor­treten zu lassen, die Reali­täts­ebenen aufzu­zeigen, den künst­le­ri­schen Gestus zu bekräf­tigen, das Messer zum Pinsel werden zu lassen, das Schneiden dem Schnei­denden von Technik oder Sujet entge­gen­zu­setzen. „Spatial Art“ wurde in den 1950er-Jahren geboren und noch heute beschäf­tigt Künst­le­rinnen und Künstler die Kraft des weißen Blattes, der Impe­rativ, die Anklage, die Medi­ta­tion und das Schweigen, die von ihm ausgehen. Auch mögen dies die Faktoren gewesen sein, die Aja von Loeper immer wieder zur Birke nahe dem Akade­mie­ge­lände geführt haben. Jedem Anfang, somit auch dem unbe­schrie­benen Blatt, wohnt ein Zauber inne, doch ist es mit dem Zaubern so eine Sache. Die Mächte, die einen leiten und die, die man befreit, sind – so lehrt es schon die Erfah­rung des Goethe’schen Zauber­lehr­lings– nahezu unbe­herrschbar.

Das eingangs eröff­nete Wort­spiel mit den Begriffen „Weis­heit“ und „Weiss­heit“ in Bezug auf den deut­schen Bild­hauer Günther Uecker greift auch hier. Fast scheint es, als bliebe dem Künstler neben der Addi­tion und Appli­ka­tion von Farbe auf die Lein­wand nach Abschluss der philo­so­phi­schen Betrach­tung der ihm gebo­tenen Fläche nur mehr ein Angriff auf sie, ihre Erwei­te­rung ins Dimen­sio­nale durch die direkte Arbeit an ihrer Mate­ria­lität. Der Angriff wird als künst­le­ri­scher Gestus von Männern geprägt und beherrscht. Man möchte dagegen von Loepers Arbeits­weise als diplo­ma­ti­sche Erwei­te­rung verstehen, die sie mit Beharr­lich­keit, stra­te­gisch-takti­schem Geschick und Über­le­gungen der Ästhetik erschafft, addiert – nicht zerstört oder verletzt. Das Papier gibt seine Eigen­schaften bereit­willig in die Verhand­lungen der Künst­lerin. Ausdruck, Gestalt und ästhe­ti­sche Wirkung werden von beiden Part­nern, der Künst­lerin und ihrem Mate­rial, gleich­wertig einge­bracht. Die Künst­lerin schafft so große Monu­mente der Zeit und Entropie, alle Kraft, die in die Arbeiten eingeht, tritt aus ihnen hervor, wird sichtbar, beinahe fühlbar, ohne sie zu verlassen. Aja von Loeper ist die Über­set­zerin dieser Kraft, eine, die um das Weiß weiß – ohne Zweifel.

>

Zur digitalen Vernissage von Aja von Loeper unter: CRESCENDO.DE

Fotos: Aja von Loeper: Weißes Blatt L, Ausschnitt