Daniel Hope trifft Alexey Botvinov
(c)Dmitry Skvortsov

Alexey Botvinov, Festivalgründer am ukrainischen Schwarzmeerhafen, enthüllt die Reize der vielleicht europäischsten Stadt der ehemaligen Sowjetunion.

Daniel Hope: Alexey, du bist Gründer des Odessa Classics Festival in der Ukraine. Erzähl uns davon!

Alexey Botvinov: Der Impuls war, ein Festival auf europäischem Niveau zu schaffen, Odessa auf die Landkarte zurückzubringen. Der Grund dafür ist offensichtlich: Die Ukraine ist ein junger Staat, den es erst seit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 gibt. Der Austausch zwischen Europa und Odessa war für zwei Jahrzehnte gestört. Dabei haben wir exzellente Künstler und Veranstaltungsorte.

Als Geiger denke ich bei Odessa an Pjotr Stoljarski mit seiner berühmten Violinschule und an David Oistrach, der für mich der absolute Violingott ist. Was mir bisher nicht bewusst war, ist die unglaubliche Schönheit Odessas, ein architektonischer Mikrokosmos. Wie konnten die Leute diese Stadt nahezu vergessen?

Das hat in erster Linie politisch-ökonomische Gründe. Das Land war bitterarm. Fast die ganze musikalische Praxis kam zum Stillstand – es war schlicht kein Geld da. Nun beginnt sich alles wieder zu entwickeln. Zum Glück haben wir unsere musikalische Tradition nicht verloren – vor allem mit unseren Geigern, Pianisten und Sängern. Odessa war auch in der sowjetischen Periode schon etwas Besonderes, der Versuch, eine Stadt mit europäischen Standards aufzubauen. Ein Riesenerfolg! Ab dem 19. Jahrhundert erlangte Odessa innerhalb von 100 Jahren enorme Bedeutung als Hafenstadt, wurde größter Hafen der Sowjetunion, aber auch wichtige Kulturmetropole. So entstand das Opernhaus, das ich für eines der besten der Welt halte. Alle waren sie dort: von Caruso und Tschaikowsky bis Rachmaninow. In der Sowjetzeit gab es dann eben Stoljarski mit seiner berühmten Geigenschule, aber auch die Klaviertradition mit den zwei großen Namen Swjatoslaw Richter und Emil Gilels. Diese spezielle Schule, der spezielle Klang prägen bis heute den Geist der Stadt!

Der Impuls war, ein Festival auf europäischem Niveau zu schaffen, Odessa auf die Landkarte zurückzubringen“

Und wir stehen hier direkt neben Puschkins Haus …

Ja, auch Puschkin! Hier ist einfach Platz für Kunst! Odessa ist immer noch der europäischste Ort in der ganzen ehemaligen UdSSR. Und wir haben ein wunderbares Publikum: sehr konzentriert und dennoch sehr warmherzig.

Das kann ich nur bestätigen! Wie machst du die Programmplanung? Dieses Jahr eröffnete Maxim Vengerov das Festival, aber ihr gebt auch Open-Air-Konzerte, widmet Euch unterschiedlichen Genres …

Das Festival konzentriert sich nicht nur auf großartige Musik, sondern erkundet auch die Fusion mit anderen Künsten. Im ersten Jahr stemmten wir eine große Theaterproduktion, dieses Jahr ein Kinoprojekt mit dem Sohn des berühmten Filmemachers Andrei Tarkowski. Jedes Jahr gibt es auch Kunstausstellungen, Literatur und leichtere Musik: letztes Jahr mit dem wunderbaren David Orlowsky Trio, dieses Jahr mit Roby Lakatos und Ensemble. Außerdem bedeutet uns die Open-Air-Tradition sehr viel. Ich habe vor zehn Jahren mit großen Open-Air-Konzerten in der Ukraine angefangen, inklusive Lichtshows und Videoprojektionen, was die junge Zuhörerschaft anzieht und sehr beliebt ist. Jedes Jahr spielen wir an einem anderen Ort: dieses Jahr zum Beispiel vor über 10.000 Zuschauern auf
der Potemkinschen Treppe, die viele aus dem Eisenstein-Filmklassiker Panzerkreuzer Potemkin kennen. Und morgens vor den Konzerten kann man noch im Schwarzen Meer baden gehen. Für das Publikum in Odessa bedeutet ein gutes Konzert vielleicht sogar noch mehr als in Zentral­europa: Die Leute sind so bewegt, so emotional, sie denken monatelang daran. Kunst hat hier einen riesigen Stellenwert! Odessa ist ein versteckter Schatz, der von Europa wiederentdeckt werden sollte!

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