Daniel Hope trifft Alexey Botvinov

Odessa ist ein versteckter Schatz!

von Daniel Hope

13. Oktober 2018

Alexey Botvinov, Festivalgründer am ukrainischen Schwarzmeerhafen, enthüllt die Reize der vielleicht europäischsten Stadt der ehemaligen Sowjetunion.

Alexey Botvinov, Festi­val­gründer am ukrai­ni­schen Schwarz­meer­hafen, enthüllt die Reize der viel­leicht euro­päischsten Stadt der ehema­ligen Sowjet­union.

Daniel Hope: Alexey, du bist Gründer des Odessa Clas­sics Festival in der Ukraine. Erzähl uns davon!

: Der Impuls war, ein Festival auf euro­päi­schem Niveau zu schaffen, auf die Land­karte zurück­zu­bringen. Der Grund dafür ist offen­sicht­lich: Die ist ein junger Staat, den es erst seit der Auflö­sung der Sowjet­union im Jahr 1991 gibt. Der Austausch zwischen Europa und Odessa war für zwei Jahr­zehnte gestört. Dabei haben wir exzel­lente Künstler und Veran­stal­tungs­orte.

Als Geiger denke ich bei Odessa an Pjotr Stol­jarski mit seiner berühmten Violin­schule und an David Oistrach, der für mich der abso­lute Violin­gott ist. Was mir bisher nicht bewusst war, ist die unglaub­liche Schön­heit Odessas, ein archi­tek­to­ni­scher Mikro­kosmos. Wie konnten die Leute diese Stadt nahezu vergessen?

Das hat in erster Linie poli­tisch-ökono­mi­sche Gründe. Das Land war bitterarm. Fast die ganze musi­ka­li­sche Praxis kam zum Still­stand – es war schlicht kein Geld da. Nun beginnt sich alles wieder zu entwi­ckeln. Zum Glück haben wir unsere musi­ka­li­sche Tradi­tion nicht verloren – vor allem mit unseren Geigern, Pianisten und Sängern. Odessa war auch in der sowje­ti­schen Periode schon etwas Beson­deres, der Versuch, eine Stadt mit euro­päi­schen Stan­dards aufzu­bauen. Ein Riesen­er­folg! Ab dem 19. Jahr­hun­dert erlangte Odessa inner­halb von 100 Jahren enorme Bedeu­tung als Hafen­stadt, wurde größter Hafen der Sowjet­union, aber auch wich­tige Kultur­me­tro­pole. So entstand das Opern­haus, das ich für eines der besten der Welt halte. Alle waren sie dort: von Caruso und Tschai­kowsky bis Rach­ma­ninow. In der Sowjet­zeit gab es dann eben Stol­jarski mit seiner berühmten Geigen­schule, aber auch die Klavier­tra­di­tion mit den zwei großen Namen Swja­to­slaw Richter und Emil Gilels. Diese spezi­elle Schule, der spezi­elle Klang prägen bis heute den Geist der Stadt!

„Der Impuls war, ein Festival auf euro­päi­schem Niveau zu schaffen, Odessa auf die Land­karte zurück­zu­bringen“

Und wir stehen hier direkt neben Pusch­kins Haus …

Ja, auch Puschkin! Hier ist einfach Platz für Kunst! Odessa ist immer noch der euro­päischste Ort in der ganzen ehema­ligen UdSSR. Und wir haben ein wunder­bares Publikum: sehr konzen­triert und dennoch sehr warm­herzig.

Das kann ich nur bestä­tigen! Wie machst du die Programm­pla­nung? Dieses Jahr eröff­nete Maxim Vengerov das Festival, aber ihr gebt auch Open-Air-Konzerte, widmet Euch unter­schied­li­chen Genres …

Das Festival konzen­triert sich nicht nur auf groß­ar­tige Musik, sondern erkundet auch die Fusion mit anderen Künsten. Im ersten Jahr stemmten wir eine große Thea­ter­pro­duk­tion, dieses Jahr ein Kino­pro­jekt mit dem Sohn des berühmten Filme­ma­chers Andrei Tarkowski. Jedes Jahr gibt es auch Kunst­aus­stel­lungen, Lite­ratur und leich­tere Musik: letztes Jahr mit dem wunder­baren David Orlowsky Trio, dieses Jahr mit Roby Lakatos und Ensemble. Außerdem bedeutet uns die Open-Air-Tradi­tion sehr viel. Ich habe vor zehn Jahren mit großen Open-Air-Konzerten in der Ukraine ange­fangen, inklu­sive Licht­shows und Video­pro­jek­tionen, was die junge Zuhö­rer­schaft anzieht und sehr beliebt ist. Jedes Jahr spielen wir an einem anderen Ort: dieses Jahr zum Beispiel vor über 10.000 Zuschauern auf
der Potem­kin­schen Treppe, die viele aus dem Eisen­stein-Film­klas­siker Panzer­kreuzer Potemkin kennen. Und morgens vor den Konzerten kann man noch im Schwarzen Meer gehen. Für das Publikum in Odessa bedeutet ein gutes Konzert viel­leicht sogar noch mehr als in Zentral­europa: Die Leute sind so bewegt, so emotional, sie denken mona­te­lang daran. Kunst hat hier einen riesigen Stel­len­wert! Odessa ist ein versteckter Schatz, der von Europa wieder­ent­deckt werden sollte!

Fotos: Dmitry Skvortsov