Staatstheater am GärtnerplatzOhrwürmer, CanCan und Wiener Schmäh

Foto: Thomas Dashuber

Im Oktober 2017 öffnete das Münchner Gärtnerplatztheater nach fünfjährigem Umbau wieder seine frisch renovierten Pforten. Wir sprachen mit der Grande Dame des Hauses, Gisela Ehrensperger, und Newcomer Maximilian Mayer.

crescendo: Wie kamen Sie zur Operette?

Gise­la Ehren­sper­ger: Indem ich immer am Gärt­ner­platz­thea­ter war. Wo die Zie­ge ange­bun­den ist, muss sie ihr Gras fres­sen! Ich bin nun 50 Jah­re hier, und es wird eben alles gespielt, neben Oper und Musi­cal auch Ope­ret­te. Es war kei­ne bewuss­te Ent­schei­dung, aber es war eine bewuss­te Ent­schei­dung, dass ich Sän­ge­rin wer­den und zum Thea­ter gehen will – was man dort machen muss­te, hat man gemacht! Aber ich wäre wohl nicht am Thea­ter geblie­ben, wenn ich stän­dig die­se leta­len Rol­len hät­te sin­gen müs­sen, ster­ben­de Mimis und so wei­ter, da wird man ver­rückt! Das ist zwi­schen­durch mal ganz schön, aber nicht immer!
Maxi­mi­li­an May­er: Auch ich habe mich nicht bewusst für die Ope­ret­te ent­schie­den. Ich habe in Öster­reich stu­diert, wo die Ope­ret­te noch mehr Tra­di­ti­on, mehr Stel­len­wert hat als in Deutsch­land. Des­halb waren mei­ne ers­ten Enga­ge­ments in Ope­ret­ten. An der Uni­ver­si­tät selbst wur­de das gar nicht gemacht, ein biss­chen belä­chelt. Aber sobald man aus der Uni raus­geht und ins Berufs­le­ben ein­tritt, merkt man vor allem in Öster­reich, dass Ope­ret­te sehr prä­sent ist. Mein Vor­teil war, dass ich Mut­ter­sprach­ler bin. Das hat­te ich mei­nen aus­län­di­sche Kol­le­gen vor­aus, weil zur Ope­ret­te eben der Dia­log und ein gewis­ser Schmäh gehö­ren, den man als Mut­ter­sprach­ler noch bes­ser rüber­brin­gen kann.

Sie machen beides, Oper und Operette. Was ist für Sie als Darsteller anspruchsvoller?

Ehren­sper­ger: Ope­ret­te ist schwe­rer! Weil eben Schau­spiel, Spra­che und auch Tanz dazu­kom­men. Oper ist oft sehr sta­tisch, das reicht mir nicht. Man muss eine Figur füh­len, spie­len – nicht nur gucken, dass das hohe C wun­der­bar kommt!
May­er: … und es muss in der Ope­ret­te genau­so gut kom­men! Es kommt viel­leicht sogar schwe­rer, weil man davor einen lan­gen Dia­log oder einen Tanz hat­te. Außer­dem sind in der Oper die The­men oft dra­ma­tisch, in der Ope­ret­te eher komö­di­an­tisch. Ich glau­be, dass es schwie­ri­ger ist, Komö­die glaub­haft, berüh­rend zu prä­sen­tie­ren. Es ist leich­ter, die Leu­te zum Wei­nen zu brin­gen als zum Lachen. Zur Komö­die braucht es ech­tes Hand­werk: Timing, kla­re Abläu­fe – was für die Arbeit alles ande­re als lus­tig ist. Aber nur so funk­tio­niert Humor.

Ope­ret­te ist gera­de in unse­rer Zeit, wo alles immer mehr zu wan­ken beginnt, noch ein Stück­chen hei­le Welt.

Operette hat ein Image-Problem. Was macht sie trotzdem attraktiv?

Ehren­sper­ger: Bis auf das Fina­le zwei­ter Akt, das meis­tens dra­ma­tisch ist – das Pär­chen wird getrennt, im drit­ten Akt ver­söh­nen sie sich wie­der – ist sie in der Regel unter­halt­sam. Und die Leu­te haben doch sehr vie­le Pro­ble­me mit sich, mit dem Leben und mit allem. Sie möch­ten im Thea­ter ger­ne unter­hal­ten wer­den und nicht so sehr belehrt. Sie wol­len kei­ne unlo­gi­schen Din­ge sehen oder sich für teu­res Geld für blöd ver­kau­fen las­sen, son­dern eine Geschich­te mit Hand und Fuß, aber auch sich ver­zau­bern las­sen.
May­er: Ope­ret­te ist gera­de in unse­rer Zeit, wo alles immer mehr zu wan­ken beginnt, noch ein Stück­chen hei­le Welt. Für ein paar Stun­den kann man hier Erho­lung fin­den.

Was sagen Sie zum Repertoire?

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Ehren­sper­ger: So wahn­sin­nig vie­le Stü­cke gibt es ja nicht. Klar, dass es sich wie­der­holt und trotz­dem nie das­sel­be ist: ande­re Büh­nen­bil­der, ande­re Regis­seu­re, ande­re Dar­stel­ler …

Na ja, es gäbe da noch viele vergessene Werke zu entdecken…

Ehren­sper­ger: Vie­le Aus­gra­bun­gen wären tat­säch­lich bes­ser in Ver­ges­sen­heit geblie­ben…
May­er: Es hat schon einen Grund, war­um immer Die Fle­der­maus, Die Csár­dás­fürs­tin und Die lus­ti­ge Wit­we gespielt wer­den. Das sind ein­fach unglaub­li­che Ohr­wür­mer! Wenn man im Som­mer eine Fle­der­maus macht, bringt man sicher bis Weih­nach­ten die Musik nicht aus dem Kopf.

Entscheidet auch der Text, nicht die Musik über die Popularität?

Ehren­sper­ger: Ich ken­ne kei­ne Ope­ret­te, wo das so ist!

May­er: Im Gegen­teil! Zum Bei­spiel der Gerichts­die­ner Frosch in der Fle­der­maus lebt ja davon, aktu­el­le, oft poli­ti­sche Wit­ze zu machen. Über die Wit­ze von vor 100 Jah­ren wür­de kei­ner lachen. Das macht es aus: Die Ver­bin­dung von his­to­ri­scher Musik und aktu­el­len Tex­ten! Ich glau­be, dass die Tex­te im Ursprung nicht für den gro­ßen Erfolg der Ope­ret­te ver­ant­wort­lich sind, son­dern die Musik. Und die aktua­li­sier­ten Tex­te sind dafür ver­ant­wort­lich, dass Ope­ret­te heu­te noch funk­tio­niert! Mei­ne Ver­ant­wor­tung als ganz jun­ger Sän­ger ist, fri­schen Wind in die Ope­ret­te zu brin­gen, sie zu ent­stau­ben und Leu­te in mei­nem Alter wie­der dafür zu begeis­tern.

Das macht es aus: Die Ver­bin­dung von his­to­ri­scher Musik und aktu­el­len Tex­ten!

Wird man als Operettensänger als Opernsänger zweiter Klasse behandelt?

Ehren­sper­ger: Ich habe nie als seriö­se Sän­ge­rin gegol­ten, weil ich jedes Gen­re bedient habe. Zumin­dest damals hat­te man damit gro­ße Schwie­rig­kei­ten, ein Kir­chen- oder ande­res Kon­zert zu bekom­men. Das hat mich gestört, ich woll­te alles machen! Eine Mes­se sin­gen ist Bal­sam für die Stim­me! Wenn ich das nur sel­ten konn­te, hat mir und mei­ner Stim­me etwas gefehlt.

May­er: Ich kann es noch nicht so ein­schät­zen, weil es bei mir ja jetzt erst los­geht. Aber ich glau­be, dass es nach wie vor ein Pro­blem ist. Ich wür­de mich selbst immer als Opern­sän­ger bezeich­nen und nicht als Ope­ret­tensän­ger. Der Begriff Ope­ret­ten­te­nor schließt die Oper irgend­wie aus. Opern­sän­ger ist der Über­be­griff, der wie­der­um die Ope­ret­te nicht aus­schließt. Das Inter­es­san­te ist, dass das Vor­ur­teil, dass Sän­ger, die auch Ope­ret­te und Musi­al machen, weni­ger seriö­se Opern­sän­ger sind, nicht vom Publi­kum kommt, son­dern von den Kri­ti­kern, Inten­dan­ten und Agen­ten. Das Pro­blem sind also die Macher!

Dass das Publikum anders denkt, spiegelt sich auch darin wieder, dass sich die crescendo-Leser den Themenschwerpunkt Operette explizit gewünscht haben! Ein besonders unvergessliches Erlebnis aus Ihrem Operettenleben?

Ehren­sper­ger: Lus­ti­ge Wit­we in St. Gal­len. Ich spiel­te die Valen­ci­en­ne und tanz­te Can­can. Ich schlug Rad und blieb mit einem Absatz in der Schlep­pe hän­gen. Ich habe mich platt auf mei­nen Aller­wer­tes­ten gesetzt. Die Leu­te haben applau­diert, fan­den es toll, dach­ten, es wäre insze­niert. Der ange­knacks­te Steiß hat wochen­lang weh­ge­tan. Unge­fähr 45 Jah­re habe ich nichts mehr gemerkt, aber seit ein paar Jah­ren kann ich lei­der nicht mehr lan­ge sit­zen.

May­er: Ver­gan­ge­nen Som­mer sang ich bei den welt­weit wohl größ­ten Ope­ret­ten­fest­spie­len, den See­fest­spie­len Mör­bisch. Bei unge­fähr 6.000 Sitz­plät­zen geht das nur mit Mikro­fon. Bei einer Kos­tüm­pro­be gab es Unei­nig­keit über mei­ne Mas­ken­zeit. Erst soll­te ich ohne Mas­ke spie­len, dann mit – es soll­te abge­bro­chen wer­den, und ich war sozu­sa­gen der „Dum­me“. Ich habe mich über das Hin und Her beschwert und dar­über, dass wir als Sän­ger immer die „Blö­den“ sind. Mein Mikro­fon war nicht abge­dreht und alles kam für das kom­plet­te Team hör­bar über die gro­ße Anla­ge. Ich habe mich schon im Inten­dan­ten­bü­ro gese­hen und gefürch­tet, dass ich am nächs­ten Tag nicht mehr besetzt bin, aber plötz­lich waren alle zucker­süß und freund­lich. Manch­mal muss man viel­leicht doch auch auf den Tisch klop­fen und ein wenig Diva sein!

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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