Kevin Clarke

Die Fund­grube der Genre­ge­schichte

von Guido Krawinkel

5. Dezember 2017

»Warum haben wir von vielen Stücken ein so katastrophales Bild?«, fragt Kevin Clarke vom Operetta Research Center (ORC). Der Musikwissenschaftler und Journalist erforscht die kurze, aber wechselvolle Geschichte dieser oft belächelten Gattung.

CRESCENDO: Wo liegt heut­zu­tage das Problem der Operette?

: Es gibt dieses Klischee, dass Operette banal sei, dass es da nichts zu entde­cken gibt, weder inhalt­lich noch musi­ka­lisch noch im Hinblick auf den histo­ri­schen Kontext. Eines der Ziele des Operetta Rese­arch Center ist es darauf hinzu­weisen, dass es diesen inter­es­santen Kontext doch gibt.

Was macht das Operetta Rese­arch Center genau?

Wir versu­chen als weit­ge­hend privat finan­zierte Insti­tu­tion, Infor­ma­tionen rund um das Thema Operette zusam­men­zu­tragen. Dabei ist das Ziel zum einen, möglichst auf die Verbin­dung von Operette und Musical hinzu­weisen, und zum anderen, das Genre auch als inter­na­tional zu begreifen, also sich zum Beispiel nicht nur auf die Wiener Operette oder Offen­bach zu beschränken, sondern zu zeigen, dass es zwischen all diesen Arten der Operette Verbindungs­linien gibt.

Was ist denn über­haupt eine Operette? Wie kann man dieses Genre histo­risch und gattungs­ge­schicht­lich fassen?

Die Operette ist vor allem als histo­ri­sche Form des kommer­zi­ellen Unter­hal­tungs­thea­ters zu defi­nieren. Das, was wir heute als Operette verstehen, geht im Wesent­li­chen auf das zurück, was circa 1850 in Paris durch Offen­bach und entstanden ist. Das war eine sehr spezi­elle des Musik­thea­ters, die auch an anderen Bühnen und nicht nur an der Opéra comique lief, sondern in soge­nannten Off-Thea­tern, wie man heute sagen würde. Bei Emile Zola werden beispiels­weise Theater beschrieben, die auch als „Bordell“ bezeichnet wurden. Da verkehrte ein sehr elitäres männ­li­ches Publikum um sich mit Halb­welt-Damen zu treffen. Man setzte sich aber auch ab von den Etablis­se­ments, die das Bürgertum frequen­tierte. Diese beson­dere gesell­schaft­liche Situa­tion hat es erst möglich gemacht, dass in der Operette Geschichten erzählt werden konnten, die von der Norm abwei­chen. Es gab sehr viel mehr sexu­elle Frei­heiten. Dadurch waren gerade die frühen Stücke von Offen­bach und Hervé oft ein Skandal, aber auch unglaub­lich populär, vornehm­lich bei einem Männer­pu­blikum. Das war die Urform der Operette.

Wie kam es dann zu diesem Bedeu­tungs­schwund, unter dem die Operette bis heute leidet?

In den 1880er-Jahren kam es zu einem Umschwung. Das Genre wurde populär, immer mehr Menschen wollten Operetten sehen. Und in dem Moment, in dem der Main­stream dort ankam und Wiener-Walzer-Selig­keit haben wollte, verschoben sich die Koor­di­naten, weil dieser Main­stream natür­lich ganz andere Moral­vor­stel­lungen hatte. Es entwi­ckelte sich eine andere Form der Operette, die sehr viel mora­li­scher war und in die „gute alte Zeit“ zurück­blickte. Ein eroti­scher Kitzel sollte bleiben, aber zum Schluss sollten die Helden dann doch im Hafen der Ehe landen. Die Operette vom Typus Offen­bachs und Hervés wanderte ab den 1890er-Jahren in Form von Vaude­ville- oder Cabaret-Operetten auf klei­nere Bühnen ab. Im weiteren Verlauf bewegt sich die Operet­ten­ge­schichte zwischen diesen beiden Extrem­polen, aller­dings gibt es viele verschie­dene Spiel­arten, zum Beispiel die Revue-Operette, die Walzer-Operette, die Jazz-Operette. In ging die Entwick­lung bis 1933, weil die Natio­nal­so­zia­listen die elitäre, eigent­lich auch sehr inno­va­tive Form der Operette dann komplett gekappt und die nost­al­gi­sche Operette prote­giert haben. Und dieses Bild lebt seitdem leider fast ausschließ­lich fort.

Die große Sünderin
Eduard Künne­ckes Operette Die große Sünderin, insze­niert von Alex­andra Frank­mann an der Musi­ka­li­schen Komödie in

Wie beur­teilen Sie vor diesem Hinter­grund denn die Diskus­sion um die Insze­nie­rung der Operette Die große Sünderin von Eduard Künnecke in Leipzig, die derzeit in der Presse sehr kontro­vers disku­tiert wird? Die Operette ist einer­seits als popu­läres Unter­hal­tungs­stück in der Nazi-Zeit entstanden, ande­rer­seits war das zeit­wei­lige NSDAP-Mitglied Künnecke bis zu seinem Partei­aus­schluss wegen „nich­tari­scher Versip­pung“ auch unter den Nazis noch mit Sonder­ge­neh­mi­gung tätig.

Ich finde sehr span­nend, dass das Theater das macht. Es ist nicht nur legitim, sondern auch gut, dass diese Werke zur Diskus­sion gestellt werden. In diesem Fall vermisse ich aber ein biss­chen die Diskus­sion, was das eigent­lich für ein Werk ist, wieso etwa dieses Werk 1935 an der Staats­oper Unter den Linden aufge­führt worden ist. Histo­risch ist das wahn­sinnig span­nend. Wenn man das aber als 08/15-Operette aufführt, dann fällt man wieder auf diese fatale Nazi-Falle rein, dass Operette eben keinen intel­lek­tu­ellen Anspruch habe und dass das nur eine Berie­se­lungs­musik sei. Das ist sehr schade. Das spricht mich ästhe­tisch nicht an und verharm­lost ein Stück, bei dem es sehr viel mehr raus­zu­holen gäbe. Es hätte Möglich­keiten gegeben, ein Bewusst­sein für den Kontext zu schaffen.

Spielt die Operette bis auf die Auffüh­rung von histo­ri­schen Werken heut­zu­tage noch eine Rolle oder wird sie durch das Musical als kommer­zi­elles Unter­hal­tungs­theater abge­löst?

Das ist schon lange passiert. In Deutsch­land haben wir dabei eine beson­dere Situa­tion, da die Geschichte der Operette ab 1933 poli­tisch vorge­geben war. In und gibt es eine andere Situa­tion. Da beginnt schon in den 1920er-Jahren eine Auftei­lung. Bis in die 1930er-Jahre bleibt die Operette am Broadway das kommer­ziell erfolg­reichste Genre. Dann wird dort die Operette zuneh­mend zu einem nost­al­gi­schen Genre und gleich­zeitig entwi­ckelt sich das Musical als zeit­ge­nös­si­sche Form mit zeit­ge­nös­si­schen Geschichten. Nach dem Zweiten Welt­krieg trennt sich das radikal: Ab dann hat die Operette den Ruf weg, altmo­disch zu sein und von einem älteren Publikum konsu­miert zu werden, während sich das Musical als das hippe, inno­va­tive Genre weiter­ent­wi­ckelt. Ab den 1950er-Jahren ist die Operette als Genre tot. Die krea­tiven neuen Kräfte im Unter­hal­tungs­theater sind alle im Musical-Bereich. In den letzten 10 bis 15 Jahren gab es verein­zelt aber durchaus inter­es­sante Versuche, mit dem Genre zu spielen, etwa 2006 in Los Angeles The Beastly Bombing.

Welche vernach­läs­sigten Werke lohnte es dennoch zu entde­cken?

Gerade um Offen­bach und Hervé gibt es noch vieles! Hervé war seiner­zeit genauso erfolg­reich wie Offen­bach und ist heute fast völlig vergessen. Zum anderen gibt es in der Zeit vor dem Ersten Welt­krieg die Berliner Operette um und . Da gibt es auch viele Schätze zu heben.

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Weitere Informationen zum Operetta Research Center auf: operetta-research-center.org

Fotos: Ida Zenna