Paula Bosch probiert

Noble Pfalz, Gott erhalt’s!

von Paula Bosch

13. Oktober 2021

Feigen, Oleander, Palmen und Zypressen – die Pfalz ist ein gesegnetes Stückchen Erde, das auch hervorragenden Wein gedeihen lässt. Sommelière Paula Bosch über wegweisende Winzerkunst.

Zuge­geben, im Lied­text der Operette von Carl Zeller wird die „Fröh­lich Pfalz“ besungen. Doch produ­zieren die Winzer am Rhein so edle Tropfen, dass das kleine Upgrade mehr als gerecht­fer­tigt ist. Bei der Zeile „Lockt der Wein, schenk ich ein“ halten wir uns hingegen gern wieder ans Original…

, die 2021 ihren 90. Geburtstag feierte, streift singend durch die Wein­berge der Pfalz

Neben dem Weinbau ist die Region Pfalz dank der geogra­fi­schen Lage von der Natur gesegnet. Mandel­bäume, Feigen und Kasta­nien, selbst Glyzi­nien, Oleander, Palmen, Zypressen und Zitronen fühlen sich hier wohl. Die Pfälzer sind entspannt und fröh­lich, feiern gern und genießen das Leben. Von vielen Beispielen seien zunächst zwei Ausnah­me­wein­güter beschrieben, die für eine dyna­mi­sche, mutige und fort­schritt­liche Entwick­lung ihrer Wein­bau­tra­di­tion stehen. Schließ­lich ein spek­ta­ku­lärer Neube­ginn von 1994, der seines­glei­chen sucht. Alle verkos­teten Weine kann ich Ihnen als Wein­kenner wie Wein­freund glei­cher­maßen empfehlen: Drei völlig unter­schied­liche Betriebe, die für mich wegwei­send im deut­schen Weinbau sind.

DAS WEINGUT KNIPSER IN LAUMERS­HEIM

Die Brüder Knipser in ihrem Weinkeller
Begeis­tert für inter­na­tio­nale Weine: die Brüder Volker, Werner und Stephan Knipser
(Foto: Weingut Knipser)

Die Pioniere für inter­na­tio­nale Rebsorten, auch für den Ausbau in neuen Barri­ques, sind ohne Zweifel die Knipser-Brüder aus Laumers­heim. Eine enorme Begeis­te­rung für inter­na­tio­nale Weine, beson­ders aus Frank­reich, beglei­tete sie schon in den frühen 1980er-Jahren. Damals, erzählt Werner Knipser gerne, wurden als Versuchs­weinbau getarnte Rebsorten vom Char­donnay bis Syrah, Merlot und Cabernet gepflanzt.

Blick über die Wein­gärten der Knipser-Brüder auf den Turm der St.-Bartholomäus-Kirche von Laumers­heim
(Foto: Weingut Knipser)

Ausge­baut wurden sie alle nach Vorbil­dern aus und Burgund in fran­zö­si­schen Barri­ques und haben in der deut­schen Wein­szene neue Maßstäbe gesetzt. Trotz der anfangs jugend­li­chen Rebstöcke waren die Weine erst­klas­sige Beispiele für deut­sches Winzer­hand­werk. Das ist bis heute so: Knip­sers Weine zählen zum Besten, was der deut­sche Weinbau zu bieten hat.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut Knipser unter: weingut​-knipser​.de

2015 Char­donnay *** Barrique

Ein Char­donnay von den Kalk­böden der nörd­li­chen Pfalz, ausge­baut in kleinen Holz­fäs­sern mit einem ordent­li­chen neuen Holz­an­teil. Strah­lend helles Zitro­nen­gelb. Inten­siver Duft, der eingangs noch etwas schüch­tern wirkt, mit Tempe­ratur dann zur Hoch­form aufläuft. Mira­bellen, Honig­me­lone, Quitten, Apri­kose. Rauchige Noten mit getrock­neten Feigen, Feuer­stein. Cremige Textur, dennoch straff mit strammer Säure, sogar etwas Gerb­säure, die einen enormen Kick an Frische liefert. Ein großer Jahr­gang mit sehr viel Reife­po­ten­tial.

Zu beziehen unter: shop​.weingut​-knipser​.de

2015 Cuvèe XR Barrique

Sattes, dichtes Schwarz­kirschrot vom Kern bis zum Glas­rand weckt spontan erste Trink­ge­lüste. Dann der Nasen­kon­takt, der, geprägt von wilder Frucht, die geheim­nis­voll aus dem Glas kriecht, schiere Eleganz und Tiefe erahnen lässt. Kühl, erfri­schend mit Noten von Euka­lyptus, Minze, Tabak. Gaumen­fül­lend, mit einer Extra­por­tion edler Holz­noten und Gewürzen, grüne und schwarze Pfef­fer­körner, Nelken, Zimt. Und dann die fein­ge­schlif­fenen, reifen Tannine – wow! Ein blut­junges, viel­schich­tiges, noch forderndes Geschöpf mit großem Zukunfts­po­ten­zial. Ein Welt­klas­se­wein feinster Herkunft, aris­to­kra­tisch – und das aus . In Groß­fla­schen (drei oder sechs Liter) übri­gens eine Inves­ti­tion für die Zukunft!

Die Cuvée XR wird als Quint­essenz der Cuvèe X nur in großen Jahren produ­ziert und ist den klas­si­schen Blends aus Bordeaux nach­emp­funden, eine Cuvée aus 45 Prozent Merlot, 30 Prozent Cabernet Franc, 25 Prozent­Ca­bernet Sauvi­gnon mit drei­jäh­riger Reife­zeit in der Flasche.

Zu beziehen unter: shop​.weingut​-knipser​.de

DAS WEINGUT MARKUS SCHNEIDER IN ELLER­STADT

Der Winzer Markus Schneider
Stellte die Wein­phi­lo­so­phie ganzer Genera­tionen auf den Kopf: Markus Schneider aus Eller­stadt.
(Foto: Weingut Markus Schneider)

Vor etwa 25 Jahren ist mir Markus Schneider zum ersten Mal begegnet. Er brachte ein paar sehr über­zeu­gende Wein­proben ins Tantris, die auch kurz darauf den Keller und die Wein­karte berei­cherten. Unver­gess­lich bis heute blieb ein Wein namens „Rotwein“, gekel­tert aus der Rebsorte Blauer Portu­gieser. Was Markus schon damals aus dieser verpönten Rebsorte in die Flasche füllte, sucht heute (erst recht preis­lich) seines­glei­chen.

Weingärten von Markus Schneider
Blick über die Wein­gärten von Markus Schneider
(Foto: Weingut Markus Schneider)

Mit der Familie kaufte er in den 1990ern in Eller­stadt ein Weingut und machte daraus einen Vorzei­ge­be­trieb. Was mit einem Hektar Reben begann, sind heute 92. Schnei­ders zahl­reiche Talente sind erstaun­lich. Der natür­liche Umgang mit Wein und Mensch wurde ihm in die Wiege gelegt – beneidet wird er darum von Kollegen, Wein­händ­lern, Marke­ting­spe­zia­listen und vielen anderen glei­cher­maßen. Zahl­reiche weitere Wein­pro­jekte mit Topweinen von der , und Südafrika sind unter dem Projekt­namen MS-Collec­tion vereint. Laut Markus war das nicht geplant, sondern hat sich so ergeben. Mit seinen Weinen hat er eine Marke für eine neue, junge und quali­täts­be­wusste Genera­tion geschaffen.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut Markus Schneider unter: black​-print​.net

2020 Sauvi­gnon Blanc Kaitui

Eine Hommage Markus Schnei­ders an , was er schon mit dem Namen Kaitui (Schneider) verrät. Im Duft wirkt der Jahr­gang 2020 etwas reifer als seine neusee­län­di­sche Verwandt­schaft. Viel Apri­kose, reife Pfir­siche, Schwarzer Johan­nis­beerjus, Limette, Spargel, Basi­likum und vieles mehr. In einem Wort: ein umwer­fendes Parfüm, ein sommer­li­cher Duft, der Begierden weckt, den Wein nicht tröpf­chen­weise, sondern in großen Schlu­cken zu genießen. Im Gaumen saftige Frische, harmo­nisch balan­cierte Säure, Zitrus­fri­sche mit herr­li­chem Nach­spiel.

Zu beziehen von diesen Händ­lern: black​-print​.net

2017 Portu­gieser Einzel­stück

Ich bin mir nicht sicher, was mich an diesem von Wild­heit geprägten Wein mehr begeis­tert: der opulente Duft oder die barocke, füllige Struktur im Mund. Tief­dunkles Kirschrot, satt bis zum Glas­rand. Breit­ge­fä­chertes Bukett mit jeder Menge dunkel­bee­riger Frucht, Brom­beere, Holunder, Aronia­saft, frische rote Bete gemischt mit pfeff­rigen Noten, Lorbeer und Wacholder. Im Gaumen siegt Fülle, Opulenz, runde und geschmei­dige Stof­fig­keit. Edle Bitter­scho­ko­lade, Mon-Chéri-Kirsche, die einen nahezu samtig süßli­chen Nach­klang hinter­lässt – eine wilde Schön­heit!

Zu beziehen von diesen Händ­lern: black​-print​.net

DAS WEINGUT VON WINNING IN DEIDES­HEIM

Im Weinkeller des Weinguts Von Winning
Stephan Attman, der Geschäfts­führer des Wein­guts Von Winning verkostet die Weine aus den fran­zö­si­schen Holz­fässen.
(Foto: Markus Bassler)

Stephan Attman, seit 2007 Geschäfts­führer bei Von Winning (ehemals Dr. Deinhard), hat dieses Weingut seit seinem Einstieg gnadenlos und mit Voll­dampf voraus wieder an die Spitze der deut­schen Wein­güter geführt. Mit allem, was er davor gelernt und gesehen hatte, inklu­sive einem lodernden Wein­feuer im Herzen, stürzte er sich in die Arbeit, selek­tierte die Quint­essenz seiner Lehr- und Wander­jahre und machte das Weingut in kürzester Zeit zu einem Vorzei­ge­be­trieb.

Die Weinberge des Guts Von Winning
Blick über die Wein­berge des Wein­guts Von Winning
(Foto: Markus Bassler)

Aus den besten Wein­bergen und Lagen der nörd­li­chen Pfalz zaubert Attmann aus Ries­ling, Sauvi­gnon Blanc, Weiß­bur­gunder, Char­donnay und jetzt auch aus Spät­bur­gunder Weine von spek­ta­ku­lärer Klasse.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut Von Winning in Deides­heim unter: www​.von​-winning​.de

2019 Ries­ling Pech­stein GG

Mein Favorit in der großen Ries­ling Kollek­tion. Pech­stein hat einen ganz beson­deren, feinen, tief­grün­digen Charakter, durchaus mit Fülle und Kraft, aber ohne seine fines­sen­reiche Viel­schich­tig­keit zu verlieren. Mit 2019 hat Attmann mit der ganzen Mann­schaft seinem Talent, seinem Können und seinem Wein­ver­stand die Krone aufge­setzt. Was für eine Kollek­tion, was für ein Pech­stein vom schwarzen Stein mit viel Basalt! Die spek­ta­ku­läre Lage neben den Größen Unge­heuer und Kirchen­stück präsen­tiert hier ihre Klasse. Der exoti­sche Duft wird neben weißen Blüten von einer Reihe Zitrus- und Oran­gen­tönen begleitet. Viel Extrakt, auch dessen Fülle und Tiefe, dicht und felsen­fest. Erfri­schend von Beginn, Limet­ten­blätter, mine­ra­lisch, Jodtinktur, erdige Töne wie nasser Stein. Knall­fri­sche, straff gehal­tene Säure, Salz auf den Lippen, ein über­ra­gendes Gefühl mit unend­li­cher Länge. Gerne ein ganzes Fass davon!

Zu beziehen unter: www​.von​-winning​.de

2018 Pinot Noir an den Acht­morgen GG

Dieser Pinot, aus dem Herz­stück des Reiter­pfads, wird in die Rotwein­ge­schichte des Wein­guts eingehen, wurde er doch erst­malig als Großes Gewächs abge­füllt. Schon mit dem einem viel­ver­spre­chenden Duft der ersten Nase freut man sich auf den ersten Schluck. Die opulente beerige Würze beginnt mit Sauer­kir­sche, Zwetschge und roter Johan­nis­beere. Lakritze, Toast und Rauch bis zur feinen Vanille und Holzaro­matik folgen. Unver­kenn­bare Gerad­li­nig­keit eines Deut­schen Pinot Noir mit der Eleganz und Tief­grün­dig­keit eines Burgun­ders aus feinsten Lagen Côte de Nuits sind hier vereint und zeigen, was in der Flasche steckt – auf die man ein paar Jahre warten sollte. Die viel­ver­spre­chende Frucht­süße und Reife danken es mit einem Gaumen­feu­er­werk.

Zu beziehen unter: www​.von​-winning​.de

Fotos: Winning_Markus Bassler