Nach meiner ausführlichen und ernüchternden Statistik der Spielzeit 2017/2018, die man sicherlich noch wesentlich ausführlicherer und ernüchternder bald vom Deutschen Bühnenverein bekommen kann, will ich darüber sprechen, was ich mir als Möglichkeiten für eine Erneuerung des Opernbetriebes vorstellen kann. Ich führe über dieses Thema seit vielen Jahren zahlreiche Gespräche, bekomme viele Zuschriften, von Mitarbeitern wie auch Verantwortlichen an Opernhäusern, von Sängern wie auch Musikern aber auch von Zuschauern und Opernliebhabern. Die Meinungen gehen gar nicht so weit auseinander, wie man meinen würde, und gerade in jüngerer Zeit ist auffällig, dass immer öfter der Satz zu hören ist „Es muss sich etwas ändern“. Es gibt immer mehr Traditionalisten, die erkennen, dass ein andauernder Museumsbetrieb, der krampfhaft immer dieselben alten Stücke auf „neu“ trimmt irgendwann in eine künstlerische Sackgasse führen MUSS.

Es ist wahrlich schwer vorstellbar, dass man im Jahre 2100 immer noch vornehmlich genau dasselbe Opernrepertoire wie jetzt spielt, mit kleinen Einsprengseln von Uraufführungen zum gegenseitigen Auf-die-Schulter-Klopfen, und dass es dann noch jemanden interessiert. Aber der ganze Betrieb und sämtliche Strukturen sind momentan darauf eingerichtet, dass es exakt so bleiben wird. Man läuft damit lieber irgendwann gegen die Wand, anstatt jetzt eine neue Ausrichtung einzuleiten.

„Die ganze Debatte wird immer wieder unglücklicherweise in eine Richtung gelenkt, die auf eine reine Qualitätsdiskussion hinausläuft“

Die ganze Debatte wird immer wieder unglücklicherweise in eine Richtung gelenkt, die auf eine reine Qualitätsdiskussion hinausläuft, mit den typischen Sprüchen wie „diese modernen Opern berühren die Menschen nicht so wie die alten“ oder „diese modernen Opern will ja kein Mensch hören“.  Zuerst einmal ist das eine unzulässige Verallgemeinerung. Welche Opern sind denn mit „diese modernen Opern“ denn genau gemeint? Lachenmann oder Philip Glass? Nono oder John Adams? Genau wie in der Literatur, im Film und in der Bildenden Kunst gibt es unzählige ästhetische Ansätze, es wäre fahrlässig hier den heutigen Opern an sich die Möglichkeit zur emotionalen Involvierung von Zuschauern abzusprechen, wenn man es doch immer wieder bei erfolgreichen Premieren erleben kann (die es übrigens ständig gibt). Wenn man etwas genauer fragt, können die meisten Feinde neuer Opern noch nicht einmal einen einzigen heutigen Opernkomponisten nennen, kennen keine vielgespielten und weltweit erfolgreichen neuen Werke und entlarven sich recht schnell als Banausen, die etwas nicht gut finden wollen, was sie gar nicht richtig kennen. Das ist ungefähr so wie wenn sich jemand, der sich ausschließlich von Leberkäse und gutbürgerlichem deutschen Essen ernährt, sich plötzlich als Kenner indischer Cuisine aufspielt und diese als allgemein „ungenießbar“ deklariert.

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Eine ästhetische Diskussion über bestimmte Klischees der sogenannten „neuen Oper“, dem meist unbekannten Wesen, kann für die Schöpfer herausfordernd und nützlich sein, ist aber für die kranke Situation des Opernbetriebes an sich vollkommen irrelevant. Mir scheint eine grundsätzliche Ablehnung des Neuen ungefähr so sinnvoll zu sein, wie die seit Menschengedenken ewige Klage, dass junge Menschen ja gar nicht mehr dieselben Werte haben wie die vorherigen Generationen, und dass alles den Bach runter geht. Würde man daher auf den Gedanken kommen, die Jugend abzuschaffen und Kinderkriegen zu verbieten? Der Vergleich mit Kindern ist alles andere als künstlich – ohne Kinder stirbt jede Gesellschaft irgendwann aus, und ohne neue Opern stirbt die Oper aus, egal wie lange man sie als betagtes und immer wieder aufgehübschtes Schlachtschiff künstlich am Leben erhält. That’s a fact. Irgendwann muss die nächste Generation ran. Und das ist lange, lange überfällig.

„Der Vergleich mit Kindern ist alles andere als künstlich – ohne Kinder stirbt jede Gesellschaft irgendwann aus, und ohne neue Opern stirbt die Oper aus“

In den vergangenen 70 Jahren war die Oper der Gegenwart größtenteils marginalisiert und randständig, das ungeliebte und „schwierige“ Kind, das man lieber verschweigt und versteckt, anstatt dazu zu stehen. Fast aus Trotz entwickelte sich daher eine eher intellektuell ausgerichtete und oft überstrenge Avantgarde-Ästhetik, die stets versuchte, die Idee der Oper an sich ständig zu hinterfragen. Manchmal mit sehr spannenden und von der Fachwelt gewürdigten Resultaten, die bei vom allgemeinen Publikum kaum wahrgenommenen Expertenfestivals beklatscht wurden, oft aber auch mit Stücken, die selbst diese Zuschauer eher ratlos zurückließen. Das Grundproblem war dabei, dass das Publikum nicht als tatsächlich ernst zu nehmendes Gegenüber betrachtet wurde, und Witz, Dramatik, Tempo und Begeisterungsfähigkeit eines Stückes nicht als wichtige künstlerische Kriterien angesehen wurden. Die künstlerische Kritik der Avantgarde, die die Oper als „bourgeoise Kunst“ diffamierte (vielleicht auch mit Recht) geschah meistens durch Protagonisten, die es sich genau in dieser Bourgeoisie sehr bequem gemacht hatten (siehe z.B. Pierre Boulez).

Diese Haltung ist aber schon lange nicht mehr aktuell. Schon seit einigen Jahrzehnten drängt eine neue Generation von jungen Opernkomponisten ins Licht der Öffentlichkeit, die die Oper wieder als Ort sinnlicher Erlebnisse und als „Kraftwerk der Gefühle“ (Alexander Kluge) begreifen. Diese Entwicklung führt in Regionen wie Skandinavien oder in Ländern wie England zum Beispiel dazu, dass ein großer Bedarf an „heutigen“ Opern herrscht und diese auch mehr Platz in den Spielplänen haben als hierzulande. Im Gegensatz zu Deutschland widmet sich diese Entwicklung dort aber eher den regionalen Opernkomponisten, die wesentlich mehr gefördert werden als hierzulande.

„Schon seit einigen Jahrzehnten drängt eine neue Generation von jungen Opernkomponisten ins Licht der Öffentlichkeit“

Wie könnte man nun dafür sorgen, dass hierzulande wieder mehr Leben in die Alte Bude Oper einkehrt? Es ist im Grunde ganz einfach: der Spielplan sollte zu 50% aus „neuen“ Opern bestehen (hiermit meine ich Stücke, die nicht älter als 50 Jahre sind), und zu 50% aus „alten“ Opern (hiermit meine ich das “klassische“ Kernrepertoire der Operngeschichte, mit Platz für auch Neuentdeckungen). Vielen beinharten Traditionalisten mag bei dieser Vorstellung der Atem stocken, aber ich bitte auch diese, sich die Sache Mal mit mir durchzudenken.

Was würde das nämlich faktisch für die Opernbesucher bedeuten? Nichts weniger als eine Art „Zweiteilung“ der Opernhäuser, und zwar in einen „historischen“ Spielbetrieb, der vielleicht ähnlich wie in der wichtigen „Alte Musik“ – Bewegung wieder mehr Wert auf historische Aufführungspraktiken legen würde, und in dem es vor allem darum geht, die wichtige und großartige Tradition der Oper lebendig zu erhalten, ohne sie krampfhaft „auf neu“ trimmen zu müssen. Und in einen „zeitgenössischen“ Spielbetrieb, in dem alle Spielarten heutiger Oper zur Geltung kommen sollen, von experimentellen bis hin auch zu populären Ansätzen, mit viel Fokus auf der Wiederaufführung und Neuinterpretation von erfolgreichen aktuellen Stücken (damit diese neues Repertoire bilden können) und natürlich auch Uraufführungen.

Es ist vorstellbar, dass diese Programmpolitik unterschiedliches Publikum anziehen wird, aber das macht ja überhaupt nichts, es gehen ja auch nicht immer dieselben Menschen ins Kino, und alle haben einen unterschiedlichen Geschmack.

Und mal ehrlich – geht wirklich die Welt unter, wenn es anstatt 9 Premieren von Don Giovanni (so wie in dieser Spielzeit) es nur noch 4-5 Premieren dieses Stückes gäbe, diese dafür aber wieder mehr mit dem Ziel, dem Stück wie es ursprünglich komponiert und aufgeführt wurde, gerecht zu werden, anstatt es um jeden Preis für ein heutiges Publikum aufzupimpen? Und sich all diejenigen, die sich nach neuer Ästhetik, nach neuen Theateransätzen und nach neuen Darbietungsformen sehnen, sich nach Herzenslust austoben könnten, und zwar anhand neuer, heute geschriebener Stücke, die sich aktueller Themen annehmen und wirklich die Perspektive heutiger Menschen abbilden?

„Es gehen ja auch nicht immer dieselben Menschen ins Kino, und alle haben einen unterschiedlichen Geschmack“

Beide Ansätze – der historische wie auch der aktuelle Ansatz – könnten sich dabei auf fruchtbare Weise gegenseitig durchdringen, so wie jede wirklich gute Komponistin, jeder wirklich gute Komponist natürlich auch die Tradition kennt, in der sie/er komponiert.

In dem Moment, in dem sich ein Opernhaus zu einer solchen Programmpolitik bekennen würde, gäbe es zum ersten Mal seit langem die Chance, wirklich dauerhaft ein neues Opernpublikum zu finden, das über das Neue auch den Weg zum Alten finden kann. Und auch diejenigen, die nur die alte Oper schätzen, werden plötzlich mit wesentlich mehr Qualität im Bereich der Neuen Oper konfrontiert, überwinden vielleicht ihre falschen Vorurteile und werden neugieriger. Im Grunde wäre es also eine Situation, in der es nur Gewinner gäbe, und vor allem endlich wieder einmal neue Impulse für Regisseure und Dramaturgen, sich endlich einmal nicht mehr vornehmlich an der 150.000sten Neuinterpretation eines alten Stückes abzuarbeiten, sondern von vornherein ganz neue und wesentlich freiere Wege zu gehen, vom Regietheater zu einem neuen Autorentheater, wie ich es nennen würde.

All das wäre so einfach und ist so verlockend, dass man sich wirklich die Frage stellen muss, warum es noch niemand versucht hat. Wahrscheinlich aus einer Form von natürlicher Trägheit des satten und hochsubventionierten Opernbetriebes. Aber heißt das auch, dass deswegen alles gut ist, und man nie etwas ändern muss? Ich denke nein – der Zukunft und vor allem der Gegenwart zuliebe.

 

Moritz Eggert
Moritz Eggert komponiert, spielt Klavier und singt (zum Entsetzen seiner Nachbarn), tritt gelegentlich auch als Schauspieler auf, moderiert, dirigiert, schreibt und sammelt Anekdoten über die Flegeljahre von Adorno. Entgegen der landläufigen Meinung schreibt Eggert am liebsten Lobeshymnen über Kollegen oder macht sich über die Pornofikation der Klassik Gedanken. Eggert lebt mit seinen 17 Kindern, 6 Nebenfrauen sowie 4 magersüchtigen Cockerspanieln in einem vollkommen uninteressanten Vorort von München, den er nur selten zum Komponieren, Klavier spielen oder „performen“ wie man das heute nennt verlässt.

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