Moritz Eggert über Spielpläne Die Liste der ewig Gestrigen I

Ein lobenswertes Beispiel: Die Münchner Biennale. Hier mit
Foto: Adrienne Meister

Kein Kino würde sich trauen, hauptsächlich Stummfilme aus den 20er Jahren zu zeigen. Kein Museum mit Wechselausstellungen würde sich trauen, hauptsächlich Ölschinken aus dem 19. Jahrhundert auszustellen. Und kein Buchverlag würde sich trauen, hauptsächlich Publikationen in Sütterlin-Schriftbild zu veröffentlichen.

Aber genau das, lie­be Freun­de der Musik, machen unse­re Opern­häu­ser. Klar, da spie­len die 19. Jahr­hun­dert-Opern (die unge­fähr 85% des Reper­toires aus­ma­chen) mal im KZ, mal auf dem Mars oder auch mal unter dem Rock von Iva­na Trump, aber – da beißt die Maus kei­nen Faden ab – die Musik ist die­sel­be. Und um die geht es doch letzt­lich, sonst müss­te man kei­ne Oper machen. Und tau­sen­de von Sän­gern wer­den allein dar­auf­hin aus­ge­bil­det, allein in einem Vokal­stil zu sin­gen, der genau an die­se 19. Jahr­hun­der­t­opern ange­passt ist (aller­dings nicht an alles, was davor oder danach kam).

Solan­ge das so ist, ist unse­re Opern­land­schaft tot, ver­armt und erbärm­lich, egal wie die Qua­li­tät der Insze­nie­run­gen ist – und die ist sicher­lich gene­rell hoch hier­zu­lan­de. Es kann doch nicht wahr sein, dass man bis in alle Ewig­kei­ten haupt­säch­lich 19. Jahr­hun­dert spielt, das ist falsch, dumm und tut auch dem Reper­toire des 19. Jahr­hun­derts nicht gut. Die Welt wür­de nicht unter­ge­hen, wenn man mal ein paar Jah­re lang kei­nen Wag­ner oder Ver­di spie­len wür­de, danach wären die bei­den wie­der frisch und neu und man wür­de sich rich­tig freu­en, deren Opern zu sehen. So wie es ist, ist es ein­fach immer nur same old, same old, bis zur Uner­träg­lich­keit. Man kann man­che Stü­cke schon gar nicht mehr neu inter­pre­tie­ren, so „durch“ sind die Stof­fe. Es ist ein ewi­ges Wie­der­käu­en des Immer­glei­chen ver­bun­den mit krampf­haf­ten Ver­su­chen, das Gan­ze in ein oft nicht pas­sen­des Kor­sett zu zwän­gen. Man­che Stü­cke soll­te man viel­leicht ein­fach so machen, wie sie ursprüng­lich inten­diert waren, das wäre dann schon fast das Radi­kals­te.

Es ist ein ewi­ges Wie­der­käu­en des Immer­glei­chen“

War­um zur Höl­le kann es nicht ein­fach so sein wie am Thea­ter, wo der Anteil klas­si­scher Stü­cke zu neu­en Stü­cken unge­fähr 50/50 ist (so wie es sich gehört), und so wie es sich ein sprach- und the­mensen­si­bles Publi­kum auch wünscht? Man könn­te es im Thea­ter über­haupt nicht ertra­gen, stän­dig nur Men­schen in der Spra­che von Shake­speare oder Goe­the reden zu hören, aber in der Oper liebt man die­se Alt­sprach­lich­keit anschei­nend, wahr­schein­lich, weil man den Text eh nicht ver­steht.

ANZEIGE

Ein belieb­tes Argu­ment ver­zag­ter Inten­dan­ten ist der omi­nö­se „Publi­kums­ge­schmack“ und auch das gran­dio­se Miss­ver­ständ­nis, dass neue Oper ent­we­der fast nur aus Geräu­schen und alter­na­ti­ver Klang­er­zeu­gung bestehen (so wie bei Lachen­mann) oder aus hys­te­ri­schen Wei­bern, die einen zwei Stun­den lang im höchs­ten Regis­ter ankrei­schen (so wie bei Rei­mann), oder irgend­wie eine Art „Labor“ sind, bei dem man rein gar nichts ver­steht und die Dar­stel­ler als Gur­ken und Früch­te ver­klei­det sind (so wie vor Ewig­kei­ten Mal in einer Han­dy-Wer­bung).

Ich per­sön­lich lie­be sowohl Lachen­mann als auch Rei­mann, und als Gur­ken ver­klei­de­te Sän­ger im Mün­che­ner-Bien­na­le-Labor vor drei Zuschau­ern gebe ich mir auch ger­ne, aber es ist ein­fach Blöd­sinn, wenn das heu­ti­ge Opern­re­per­toire allein auf sol­che Stü­cke redu­ziert wird. Tat­säch­lich gibt es zahl­lo­se her­vor­ra­gen­de Stü­cke, die zual­ler­erst ein­mal Opern sind und nicht allei­ne Ästhe­tik oder intel­lek­tu­el­len Dis­kurs zum The­ma haben.

Das Ergeb­nis ist nie­der­schmet­ternd und depri­mie­rend“

Auch im Thea­ter gibt es expe­ri­men­tel­le und radi­ka­le Stü­cke aber eben auch Mal ein gut geschrie­be­nes Kon­ver­sa­ti­ons­stück mit heu­ti­gen Dia­lo­gen, Wort­witz und Unter­hal­tungs­wert. Oder ein Stück, dass ein­fach aktu­el­le und für unse­re Gegen­wart rele­van­te The­men behan­delt, ohne gleich jedes Mal das Thea­ter an sich kom­plett neu erfin­den zu müs­sen. Mei­ner Ansicht nach braucht ein gutes und aus­ge­wo­ge­nes Reper­toire bei­de Arten von Stü­cken, die expe­ri­men­tel­len und die ein­fach nur zeit­ge­nös­si­schen, dann kann man von einem leben­di­gen Spiel­be­trieb spre­chen, ansons­ten nicht.

Der Spiel­be­trieb des heu­ti­gen Opern­be­trie­bes ist also extrem besorg­nis­er­re­gend in sei­nem immer stär­ker wer­den­den Ana­chro­nis­mus. Jede Insze­nie­rung muss ent­we­der eine „radi­ka­le Neu­deu­tung“ eines schon tau­send Mal durch­ge­kau­ten Stof­fes sein, oder es geht bei der neu­en Urauf­füh­rung von XY gleich um die Neu­erfin­dung des gesam­ten Gen­res. Das resul­tiert in einem ewi­gen Ver­har­ren auf der Spur der Gest­rig­keit, denn die (durch­aus auch mal funk­tio­nie­ren­den) Neu­erfin­dun­gen des Gen­res, wer­den qua­si nicht nach­ge­spielt, sodass das Gen­re am Ende doch genau bei dem bleibt, was es ohne­hin schon die gan­ze Zeit haupt­säch­lich anbie­tet: Wag­ner, Ver­di und Mozart. Viel­leicht auch mal Ver­di und Mozart und Wag­ner. Oder Wag­ner, Ver­di, und gleich noch­mal Wag­ner, aber dafür halt kein Mozart. Usw. und sofort.

Ich habe anhand der Spiel­plä­ne mal den gro­ßen Opern­check gemacht. Und das Ergeb­nis ist nie­der­schmet­ternd und depri­mie­rend. Wie vie­le neue Stü­cke wer­den gespielt? Wie viel Platz gibt es für Erst- und (viel wich­ti­ger!) Zweit- und Mehr­fach­auf­füh­run­gen neu­er Stü­cke? Mein Sys­tem war ein­fach. Ich habe alle Pre­mie­ren der aktu­el­len Spiel­zeit in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz dar­auf­hin ange­schaut, wie das Ver­hält­nis neu/alt bei den Pre­mie­ren ist. Als „neu“ defi­nie­re ich alles, was nicht älter als 50 Jah­re ist, und das ist schon ziem­lich freund­lich im Ver­gleich zu den Zei­ten von Mozart, in denen eigent­lich fast gar nichts auf­ge­führt wur­de, was nicht gera­de eben erst geschrie­ben wor­den war.
Ich schau­te aus­schließ­lich auf Opern­pre­mie­ren, nicht etwa auf Bal­lett oder Tanz­thea­ter (dort ist die Musik zwar viel öfter „neu“ als in der Oper, aber fast aus­schließ­lich von der Kon­ser­ve und nur sel­ten spe­zi­ell als „Werk“ hier­für kom­po­niert son­dern meis­tens ein Mix aus ver­schie­de­nen Musi­ken). Eben­so aus­ge­schlos­sen habe ich die Spar­te „Musi­cal“, weil es sich hier um ein rela­tiv jun­ges Sub­gen­re han­delt und daher auto­ma­tisch die meis­ten Stü­cke nicht älter als 50 Jah­re sind. Meis­tens sind es aber auch dort immer die­sel­ben Stü­cke, das wäre aber einen eige­nen Arti­kel wert.

Musi­cals waren auch mal poli­tisch, heu­te sind sie es fast nicht mehr“

Nicht aus­ge­nom­men habe ich die Spar­te „Ope­ret­te“, dort scheint das Reper­toire aller­dings vor allem aus der „Lus­ti­gen Wit­we“ zu bestehen, ab und zu ein­mal abge­löst von „Der Vet­ter aus Dings­da“ oder mei­net­we­gen „Orpheus in der Unter­welt“. Okay, es gibt noch zwei, drei Stü­cke mehr in der Rota­ti­on, aber es ist gera­de­zu erschüt­ternd mit wie erbärm­lich weni­gen Stü­cken die Ope­ret­te heu­te aus­kommt. Ein­zi­ge Aus­nah­me in die­ser Spiel­zeit ist der geschätz­te Kol­le­ge Ben­ja­min Schweit­zer, aber der wird dann natür­lich auch (zu Unrecht) dafür geschol­ten und wie ein bös­ar­ti­ger Fremd­kör­per behan­delt. Dabei bräuch­ten wir heut­zu­ta­ge mehr denn je zeit­ge­nös­si­sche Offen­bachs oder Pepuschs, die dem gan­zen bös­ar­ti­gen und wider­wär­ti­gen Trump-LePen-AfD- Affen­arsch­zir­kus fre­che und vor allem poli­ti­sche neue Ope­ret­ten ent­ge­gen­set­zen könn­ten. Wo sind sie? Da nie­mand in unse­ren Opern­häu­sern nach ihnen fragt, gibt es sie nicht. Musi­cals waren auch mal poli­tisch, heu­te sind sie es fast nicht mehr. Und bei Musi­cals wer­den auch nur ganz sel­ten neue Stü­cke gespielt, meis­tens sind es die „Oldies“ von vor über 50 Jah­ren (wie „West Side Sto­ry“ oder „My Fair Lady“, das manch­mal als Ope­ret­te, manch­mal als Musi­cal durch­geht, und daher qua­si dop­pelt vor­kommt).

Der aller­ers­te Blick ist – was die Opern-Pre­mie­ren allein im soge­nann­ten „Gro­ßen Haus“ angeht, rela­tiv ernüch­ternd. Im Schnitt haben die Opern­häu­ser 6–8 Pre­mie­ren, davon ist maxi­mal eine ein neu­es Stück, oft eine Urauf­füh­rung. Und die­se gibt es meis­tens nur in den avan­cier­te­ren Häu­sern, ande­re Häu­ser haben Spiel­plä­ne, die kom­plett unbe­rührt von irgend­et­was sind, das sich nach der Grün­dung des Mün­che­ner Fuß­ball­clubs 1860 ereig­ne­te. Im Grun­de könn­te man da gleich ein Muse­ums­schild davor hän­gen (das wäre wenigs­tens ehr­lich), nur… selbst die alter­tüm­lichs­ten Muse­en sind noch moder­ner und auf­re­gen­der als die­se Häu­ser!

Deut­lich bes­ser schaut es bei den soge­nann­ten „Jugend- und Kindertheater“-Premieren aus. Hier ist die Gewich­tung ganz klar in Rich­tung neue­rer Stü­cke, was einer­seits den vie­len Initia­ti­ven zur Qua­li­täts­ver­bes­se­rung von Musik­thea­ter für jun­ges Publi­kum zu ver­dan­ken ist, ande­rer­seits ein­fach aber auch der Tat­sa­che geschul­det ist, dass Jugend­li­che und Kin­der ein­fach zu klug sind, um sich allein mit Old Fashio­ned-Kram ins Thea­ter locken zu las­sen. Und sie es natür­lich auch noch nicht so wich­tig fin­den, ihre Juwe­len oder ihre Bay­reuth- bzw. Opern­lo­gen­ti­ckets zur Schau zu stel­len, um gesell­schaft­lich irgend­wie rele­vant zu sein.

Wel­che Opern­häu­ser haben nun ein­fach GAR KEINE neu­en Stü­cke?“

Aber machen wir uns nichts vor – an vie­len Häu­sern gilt das Jugend­thea­ter als eine Art Second-Rate-Beschäf­ti­gung für aus­zu­beu­ten­de und schlecht bezahl­te jun­ge Talen­te. Und das obwohl die Kin­der­auf­füh­run­gen oft viel bes­ser besucht sind, als die Erwach­se­nen­auf­füh­run­gen: Es gibt näm­lich einen ech­ten Bedarf an qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gem Enter­tain­ment für jun­ge Zuschau­er. Den­noch fin­den sol­che Auf­füh­run­gen meist auf den „klei­nen“ Büh­nen statt, oder auf Pro­be­büh­ne 27B im 3. Stock. Dafür lau­fen sie aber oft viel län­ger als die Pres­ti­geopern im Gro­ßen Haus, und es gibt auch wesent­lich mehr Zweit­auf­füh­run­gen von erfolg­rei­chen Stü­cken. Immer­hin.

Noch ernüch­tern­der ist aber nicht allein der Blick die Pre­mie­ren, son­dern auf den tat­säch­li­chen Spiel­plan des gan­zen Jah­res, nicht nur die Pre­mie­ren son­dern auch die Wie­der­ho­lun­gen schon auf­ge­führ­ter Insze­nie­run­gen. Da stellt man schnell fest, dass die 45673te Auf­füh­rung von „Car­men“ in der alten Insze­nie­rung von 1951 im Jahr 70 Mal gespielt wird, die neue Oper von X.Y. Pen­de­gratz­ki-Mrn­za aber eben nur sechs Mal. Aber über die liest man wenigs­tens im Feuil­le­ton, über die zahl­rei­chen Kin­der­stü­cke dage­gen gar nichts.

Schaut man sich also den Spiel­plan an, kommt man auf einen sehr, sehr nied­ri­gen Anteil von neu­en Stü­cken, es wird leicht bes­ser, wenn man die Kin­der­stü­cke dazu nimmt, aber das ist auch alles.
Wel­che Opern­häu­ser haben nun ein­fach GAR KEINE neu­en Stü­cke? Wer gehört auf die schwar­ze Lis­te der ewig Gest­ri­gen?

Aber da läuft auch meist nur Schwa­nen­see oder Nut­fu­cker“

Hier sind die Häu­ser, in denen im Jah­re 2016/17 kei­ne ein­zi­ge Pre­mie­re erklingt, in der Musik aus unse­rer Zeit exis­tiert, wohl­ge­merkt aus­ge­nom­men Musi­cal und Tanztheater/Ballett, aber da läuft auch meist nur Schwa­nen­see oder Nut­fu­cker, äh, Nut­cra­cker.

  • Anna­berg-Buch­holz
  • Baut­zen (hat aller­dings gene­rell kei­ne Pre­mie­ren son­dern nur Revu­es mit gemisch­tem Pro­gramm)
  • Cott­bus
  • Erfurt („Turn of the Screw“ zählt nicht, ist von 1954)
  • Essen (beson­ders depri­mie­rend, wenn man bedenkt, dass Essen eine gro­ße Stadt ist)
  • Frei­berg-Döbeln
  • Hal­ber­stadt
  • Heil­bronn
  • Hof (Sor­ry, aber die „Kar­me­li­te­rin­nen“ von Pou­lenc wur­den 1957 geschrie­ben)
  • Kiel
  • Kla­gen­furt
  • Lands­hut (Auch das „Schlaue Füchslein“/Janacek: von 1923!)
  • Leip­zig
  • Lübeck
  • Lüne­burg (Bei „Schla­fes Bru­der“ könn­te man an Enjott Schnei­der den­ken, aber nein, „Musik: J. S. Bach“ – viel­leicht ein Feh­ler?)
  • Mün­chen (Staats­oper) („Der Kon­sul“ von Menot­ti ist das mit Abstand moderns­te Stück, Pre­mie­re 1950, also 67 Jah­re alt)
  • Neu-Bran­den­burg
  • Nürn­berg (das Moderns­te ist hier allen Erns­tes… Mus­sorg­ski!)
  • Pots­dam (zwar nur eine Pre­mie­re, aber den­noch… Hän­del?)
  • Ros­tock („Zar und Zim­mer­mann“ von Hans Wer­ner Lort­zing, äh…Lortzing)
  • Saar­brü­cken (auch hier Jana­cek als „Der Moder­ne“)
  • Schles­wig (immer­hin „Lulu“, aber den­noch: fast hun­dert Jah­re alt!)
  • Schwe­rin („Peter Gri­mes“ von 1945 ist hier das Moderns­te)
  • Ulm (auch mit dem „Ever­green der uns das Publi­kum nicht ver­schreckt weil es Nacker­te und Sex gibt“: Lulu!)
  • Wien (Staats­oper) (Das Moderns­te: „Pel­leas“ von Debus­sy, Pre­mie­re 1902, also 115 Jah­re alt!)
  • Wies­ba­den (Natür­lich der „Ring“, und – man glau­be es kaum – „Peter Gri­mes“ als das „moder­ne Stück“) (Und: Nur ein ein­zi­ges Mal wie­der­hol­te Urauf­füh­run­gen bei Fes­ti­vals zäh­len nicht, es geht um das Kern­re­per­toire im nor­ma­len Spiel­be­trieb)

Ein paar Kommentare zu dieser Liste

Hal­le wur­de raus­ge­nom­men, es gibt dort eine Pre­mie­re von der Gott­sei­dank leben­den Sarah Nemt­sov, die aller­dings nicht in der Spiel­plan­vor­schau auf­ge­lis­tet war.
Es fällt auf, dass vie­le der oben­ge­nann­ten Opern­häu­ser im Osten ste­hen. Ohne jetzt hier eine Ost-West-Dis­kus­si­on auf­ma­chen zu wol­len, aber sicher­lich sind die finan­zi­el­len Mit­tel einer Oper wie Baut­zen ande­re als die von zum Bei­spiel Wies­ba­den. Bei­de Häu­ser aber sind auf der Lis­te. Urauf­füh­run­gen sind teu­rer als Zweit­auf­füh­run­gen, aber… müs­sen es immer Urauf­füh­run­gen sein? Müs­sen es immer rie­si­ge und auf­wän­di­ge Stü­cke wie „Die Sol­da­ten“ sein? Wür­de es sich nicht loh­nen, gera­de gute (neue!) Stü­cke wie­der­auf­zu­füh­ren, die auch an klei­ne­ren Häu­sern auf­zu­füh­ren sind? Da besteht – auch kom­po­si­to­risch – noch Nach­hol­be­darf nach man­chem Exzess der Moder­ne, der auf die tat­säch­li­che Pra­xis kaum Rück­sicht nimmt. Ande­rer­seits ist gera­de die­se Pra­xis auch einem Instru­men­ta­ti­ons­mo­dell des 19. Jahr­hun­dert ver­pflich­tet, und man kann die Kom­po­nis­ten ver­ste­hen, die da aus­bre­chen wol­len.

Urauf­füh­run­gen sind teu­rer als Zweit­auf­füh­run­gen“

Auch inter­es­sant: Nur ein ein­zi­ges Haus aus der Schweiz oder Öster­reich kann es sich anschei­nend leis­ten, kei­ner­lei moder­ne Pre­mie­ren zu haben. Opern­häu­ser sind dort weni­ger dicht gestaf­felt wie in Deutsch­land, und pro­fi­tie­ren oft davon, ein grö­ße­res Ein­zugs­ge­biet zu haben, was mehr Mut ermög­licht. Das eine Haus dem das Wurscht ist, ist natür­lich… die Wie­ner Staats­oper. Die Tou­ris­ten wer­den wahr­schein­lich schon „Pel­léas und Méli­san­de“ zu gewagt fin­den, aber die­ses über 100 Jah­re alte Stück zählt hier wohl für „Die Moder­ne“.

Leip­zig: war­um traut sich die­ses Opern­haus nicht mehr, obwohl es in einer Stadt steht, die durch­aus von vie­len jun­gen Men­schen bewohnt wird? Muss man da allein „Frei­schütz“, „Turan­dot“, „Lucia di Lam­mer­moor“ und „Salo­me“ anbie­ten (gähn), ergänzt von einer eher unbe­kann­ten Oper von Goun­od, „Der Rebell des Königs“? Geht da nicht auch ein biss­chen mehr? Traut euch!

Baye­ri­sche Staats­oper – die Fra­ge ist hier, war­um ein so rei­ches und tol­les Haus mit fan­tas­ti­schem Orches­ter und den tolls­ten Sän­gern es sich über­haupt leis­ten kann, eine Spiel­zeit ohne zeit­ge­nös­si­sche Pre­mie­re zu haben (so wie die­ses Jahr)…

Und über­haupt: war­um suchen Dra­ma­tur­gen lie­ber eine bis­her unent­deck­te Oper aus der Ver­gan­gen­heit zur Auf­füh­rung aus (was den jewei­li­gen Kom­po­nis­ten nie etwas bringt, da sie schon lan­ge unter der Erde sind), anstatt sich nach zu wenig auf­ge­führ­ten aktu­el­len Stü­cken umzu­se­hen? Ich bin ja nicht dage­gen, dass man die Musik­ge­schich­te um bis­her unbe­kann­te Facet­ten erwei­tert, aber wäre es nicht span­nen­der, in einem leben­di­gen Aus­tausch mit der fuck­ing Gegen­wart zu sein?

Man betrach­te dies bit­te nicht als Hohn und Spott“

Man könn­te also die obi­ge Lis­te tat­säch­lich als eine Art „List of Shame“ betrach­ten. Und ja, ich weiß, dass vie­le der obi­gen Häu­ser nur ein bis zwei Pre­mie­ren pro Spiel­zeit haben. Aber nein, das allein ist für mich kei­ne Ent­schul­di­gung, zumin­dest nicht in die­sem Jahr. Ein Kino, das nur Chap­lin-Fil­me (so groß­ar­tig die auch sind) zeigt, geht irgend­wann plei­te, ein Opern­haus dage­gen wird sub­ven­tio­niert. Und bevor ich jetzt lau­ter zor­ni­ge Brie­fe von Inten­dan­ten und Dra­ma­tur­gen bekom­me, die mir von ihren radi­ka­len Urauf­füh­run­gen im Jah­re 2015 vor­schwär­men – zählt nicht für die­se Lis­te. Hier geht es um 2016/17, und nächs­tes Jahr mache ich viel­leicht eine neue „List of Shame“. Man betrach­te dies bit­te nicht als Hohn und Spott gegen­über den genann­ten Häu­sern, son­dern als Ver­such einer kon­struk­ti­ven Kri­tik mit Auf­for­de­rungs­cha­rak­ter. Und: lie­be Oper Cott­bus: Euer „Woz­zeck“ ist auch hun­dert Jah­re alt, sor­ry, zählt nicht. Tol­les Stück übri­gens, aber wir ken­nen es schon lan­ge.

Und nun zu den Häu­sern, die bei ihren Pre­mie­ren den größ­ten Anteil neu­er Stü­cke haben, man soll ja auch loben.
Trom­mel­wir­bel.….

Der Bad Blog Award für aus­ge­wo­ge­ne Pro­gramm­pla­nung geht die­ses Jahr an:

  • Basel
  • Dort­mund
  • Gör­litz

Basel hat viel­leicht das span­nends­te Lin­eup: mit Stock­hau­sen, Ayres, Xen­a­kis und Glass sind näm­lich erfreu­lich unter­schied­li­che Stil­rich­tun­gen des spä­ten 20. wie frü­hen 21. Jahr­hun­derts ver­tre­ten, das kann man ohne wei­te­res ste­hen las­sen. In Dort­mund gibt es sogar mehr neue Stü­cke als Pre­mie­ren als alte, auch dies beson­ders lobens­wert. Gör­litz pro­fi­tiert wie­der­um davon, dass zwei von nur drei Pre­mie­ren neue­re Stü­cke sind, aber auch dies lobens­wert. Als „run­ner up“ kann die Ber­li­ner Staats­oper gel­ten, die fünf von zwölf Pre­mie­ren neue­ren Stü­cken wid­met.

Die Toten haben ein­deu­tig gewon­nen“

Nun aber zur Gret­chen­fra­ge: Wie vie­le Pre­mie­ren sind von eigent­lich aktu­ell leben­den Kom­po­nis­ten, wie vie­le von toten Kom­po­nis­ten? Ich habe es ein­fach Mal gezählt:
Es gab 556 Opern/Operettenpremieren.

Davon waren 497 Pre­mie­ren von Kom­po­nis­ten, die lei­der die Pre­mie­ren­fei­er nicht mehr besu­chen kön­nen, sprich: unter der Erde, sprich: tot sind.

Nur mage­re 63 Pre­mie­ren waren von Kom­po­nis­ten, die tat­säch­lich aktu­ell auf die­sem Pla­ne­ten prä­sent sind, sprich: leben.

Das Ver­hält­nis von toten zu leben­den Kom­po­nis­ten ist ca. 8:1.

Die Toten haben ein­deu­tig gewon­nen.

 

Vorheriger ArtikelSo was haben Sie noch nie gehört!
Nächster ArtikelVom Hall getragen
Moritz Eggert
Moritz Eggert komponiert, spielt Klavier und singt (zum Entsetzen seiner Nachbarn), tritt gelegentlich auch als Schauspieler auf, moderiert, dirigiert, schreibt und sammelt Anekdoten über die Flegeljahre von Adorno. Entgegen der landläufigen Meinung schreibt Eggert am liebsten Lobeshymnen über Kollegen oder macht sich über die Pornofikation der Klassik Gedanken. Eggert lebt mit seinen 17 Kindern, 6 Nebenfrauen sowie 4 magersüchtigen Cockerspanieln in einem vollkommen uninteressanten Vorort von München, den er nur selten zum Komponieren, Klavier spielen oder „performen“ wie man das heute nennt verlässt.

4 Kommentare

  1. Lie­ber Herr Eggert, ich freue mich, Sie in der kom­men­den Spiel­zeit am Thea­ter Vor­pom­mern zur Pre­mie­re von André Pre­vins „A Street­car Named Desi­re“ (1998) und zur Urauf­füh­rung von Ste­phan Marc Schnei­ders Auf­trags­ar­beit „Don Qui­jo­te“ ein­la­den zu kön­nen.

  2. Lie­ber Herr Eggert, kom­men Sie doch am Frei­tag, den 17.3.2017 nach Lübeck. Bern­stein hat zwar auch Musi­cals geschrie­ben, „Mass“ ist aber gar keins, und auch kein Tanz­thea­ter. Dass der Kom­po­nist nicht mehr lebt, bedaue­re ich auch. Aber mer­ken Sie sich doch schon mal den 16.3.2018 vor … Es grüßt herz­lich und gänz­lich unver­zagt, Katha­ri­na Kost-Tol­mein

  3. Hm, lie­ber Herr Eggert: von den übli­chen sechs Opern-Pre­mie­ren pro Spiel­zeit sind bei uns an der Staats­oper Han­no­ver allein im gro­ßen Haus ein Drit­tel Wer­ke des aus­ge­hen­den 20. bzw. frü­hen 21. Jahr­hun­derts: Hen­zes „Die eng­li­sche Kat­ze“ (1983) und ab Sams­tag, 1.4., Bat­ti­stel­lis „Lot“ (geschrie­ben 2015).
    In der Jun­gen Oper füh­ren wir im Mai 2017 die aus dem letz­ten Jahr stam­men­de Neu­fas­sung von Det­lev Gla­nerts „Ley­la und Med­j­nun“ (UA 1987/88) auf und hat­ten im Sep­tem­ber 2017 als Urauf­füh­rung „Moby Dick“ von Mischa Tan­gi­an, der Teil unse­res Com­po­sers-in-Resi­dence-Pro­gramms ist. Die Pro­duk­tio­nen der nächs­ten Spiel­zeit darf ich Ihnen lei­der noch nicht ver­ra­ten!
    Außer­dem wur­den wir in die­ser Spiel­zeit für unser inno­va­ti­ves Pro­gramm mit dem Preis der deut­schen Thea­ter­ver­la­ge aus­ge­zeich­net. Zumin­dest in Han­no­ver ist es also nicht so schlimm um die Zeitgenoss*innen bestellt …
    Herz­li­che Grü­ße aus Han­no­ver,
    Ihr Olaf Roth

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here