Moritz Eggert über die alternde Gattung Oper

Was man tun könnte…

von Moritz Eggert

5. Juni 2018

Nach meiner ausführlichen und ernüchternden Statistik der Spielzeit 2017/2018 will ich darüber sprechen, was ich mir als Möglichkeiten für eine Erneuerung des Opernbetriebes vorstellen kann.

Nach meiner ausführ­li­chen und ernüch­ternden Statistik der Spiel­zeit 2017/2018, die man sicher­lich noch wesent­lich ausführ­li­cherer und ernüch­ternder bald vom Deut­schen Bühnen­verein bekommen kann, will ich darüber spre­chen, was ich mir als Möglich­keiten für eine Erneue­rung des Opern­be­triebes vorstellen kann. Ich führe über dieses Thema seit vielen Jahren zahl­reiche Gespräche, bekomme viele Zuschriften, von Mitar­bei­tern wie auch Verant­wort­li­chen an Opern­häu­sern, von Sängern wie auch Musi­kern aber auch von Zuschauern und Opern­lieb­ha­bern. Die Meinungen gehen gar nicht so weit ausein­ander, wie man meinen würde, und gerade in jüngerer Zeit ist auffällig, dass immer öfter der Satz zu hören ist „Es muss sich etwas ändern“. Es gibt immer mehr Tradi­tio­na­listen, die erkennen, dass ein andau­ernder Muse­ums­be­trieb, der krampf­haft immer dieselben alten Stücke auf „neu“ trimmt irgend­wann in eine künst­le­ri­sche Sack­gasse führen MUSS.

Es ist wahr­lich schwer vorstellbar, dass man im Jahre 2100 immer noch vornehm­lich genau dasselbe Opern­re­per­toire wie jetzt spielt, mit kleinen Einspreng­seln von Urauf­füh­rungen zum gegen­sei­tigen Auf-die-Schulter-Klopfen, und dass es dann noch jemanden inter­es­siert. Aber der ganze Betrieb und sämt­liche Struk­turen sind momentan darauf einge­richtet, dass es exakt so bleiben wird. Man läuft damit lieber irgend­wann gegen die Wand, anstatt jetzt eine neue Ausrich­tung einzu­leiten.

„Die ganze Debatte wird immer wieder unglück­li­cher­weise in eine Rich­tung gelenkt, die auf eine reine Quali­täts­dis­kus­sion hinaus­läuft“

Die ganze Debatte wird immer wieder unglück­li­cher­weise in eine Rich­tung gelenkt, die auf eine reine Quali­täts­dis­kus­sion hinaus­läuft, mit den typi­schen Sprü­chen wie „diese modernen Opern berühren die Menschen nicht so wie die alten“ oder „diese modernen Opern will ja kein Mensch hören“. Zuerst einmal ist das eine unzu­läs­sige Verall­ge­mei­ne­rung. Welche Opern sind denn mit „diese modernen Opern“ denn genau gemeint? Lachen­mann oder ? Nono oder ? Genau wie in der Lite­ratur, im Film und in der Bildenden Kunst gibt es unzäh­lige ästhe­ti­sche Ansätze, es wäre fahr­lässig hier den heutigen Opern an sich die Möglich­keit zur emotio­nalen Invol­vie­rung von Zuschauern abzu­spre­chen, wenn man es doch immer wieder bei erfolg­rei­chen Premieren erleben kann (die es übri­gens ständig gibt). Wenn man etwas genauer fragt, können die meisten Feinde neuer Opern noch nicht einmal einen einzigen heutigen Opern­kom­po­nisten nennen, kennen keine viel­ge­spielten und welt­weit erfolg­rei­chen neuen Werke und entlarven sich recht schnell als Banausen, die etwas nicht gut finden wollen, was sie gar nicht richtig kennen. Das ist ungefä so wie wenn sich jemand, der sich ausschließ­lich von Leber­käse und gutbür­ger­li­chem deut­schen ernährt, sich plötz­lich als Kenner indi­scher Cuisine aufspielt und diese als allge­mein „unge­nießbar“ dekla­riert.

Eine ästhe­ti­sche Diskus­sion über bestimmte Klischees der soge­nannten „neuen Oper“, dem meist unbe­kannten Wesen, kann für die Schöpfer heraus­for­dernd und nütz­lich sein, ist aber für die kranke Situa­tion des Opern­be­triebes an sich voll­kommen irrele­vant. Mir scheint eine grund­sätz­liche Ableh­nung des Neuen unge­fähr so sinn­voll zu sein, wie die seit Menschen­ge­denken ewige Klage, dass junge Menschen ja gar nicht mehr dieselben Werte haben wie die vorhe­rigen Genera­tionen, und dass alles den Bach runter geht. Würde man daher auf den Gedanken kommen, die Jugend abzu­schaffen und Kinder­kriegen zu verbieten? Der Vergleich mit Kindern ist alles andere als künst­lich – ohne Kinder stirbt jede Gesell­schaft irgend­wann aus, und ohne neue Opern stirbt die Oper aus, egal wie lange man sie als betagtes und immer wieder aufge­hübschtes Schlacht­schiff künst­lich am Leben erhält. That’s a fact. Irgend­wann muss die nächste Genera­tion ran. Und das ist lange, lange über­fällig.

„Der Vergleich mit Kindern ist alles andere als künst­lich – ohne Kinder stirbt jede Gesell­schaft irgend­wann aus, und ohne neue Opern stirbt die Oper aus“

In den vergan­genen 70 Jahren war die Oper der Gegen­wart größ­ten­teils margi­na­li­siert und rand­ständig, das unge­liebte und „schwie­rige“ Kind, das man lieber verschweigt und versteckt, anstatt dazu zu stehen. Fast aus Trotz entwi­ckelte sich daher eine eher intel­lek­tuell ausge­rich­tete und oft über­s­trenge Avant­garde-Ästhetik, die stets versuchte, die Idee der Oper an sich ständig zu hinter­fragen. Manchmal mit sehr span­nenden und von der Fach­welt gewür­digten Resul­taten, die bei vom allge­meinen Publikum kaum wahr­ge­nom­menen Exper­ten­fes­ti­vals beklatscht wurden, oft aber auch mit Stücken, die selbst diese Zuschauer eher ratlos zurück­ließen. Das Grund­pro­blem war dabei, dass das Publikum nicht als tatsäch­lich ernst zu nehmendes Gegen­über betrachtet wurde, und Witz, Dramatik, Tempo und Begeis­te­rungs­fä­hig­keit eines Stückes nicht als wich­tige künst­le­ri­sche Krite­rien ange­sehen wurden. Die künst­le­ri­sche Kritik der Avant­garde, die die Oper als „bour­geoise Kunst“ diffa­mierte (viel­leicht auch mit Recht) geschah meis­tens durch Prot­ago­nisten, die es sich genau in dieser Bour­geoisie sehr bequem gemacht hatten (siehe z.B. ).

Diese Haltung ist aber schon lange nicht mehr aktuell. Schon seit einigen Jahr­zehnten drängt eine neue Genera­tion von jungen Opern­kom­po­nisten ins Licht der Öffent­lich­keit, die die Oper wieder als Ort sinn­li­cher Erleb­nisse und als „Kraft­werk der Gefühle“ (Alex­ander Kluge) begreifen. Diese Entwick­lung führt in Regionen wie Skan­di­na­vien oder in Ländern wie zum Beispiel dazu, dass ein großer Bedarf an „heutigen“ Opern herrscht und diese auch mehr Platz in den Spiel­plänen haben als hier­zu­lande. Im Gegen­satz zu widmet sich diese Entwick­lung dort aber eher den regio­nalen Opern­kom­po­nisten, die wesent­lich mehr geför­dert werden als hier­zu­lande.

„Schon seit einigen Jahr­zehnten drängt eine neue Genera­tion von jungen Opern­kom­po­nisten ins Licht der Öffent­lich­keit“

Wie könnte man nun dafür sorgen, dass hier­zu­lande wieder mehr Leben in die Alte Bude Oper einkehrt? Es ist im Grunde ganz einfach: der Spiel­plan sollte zu 50% aus „neuen“ Opern bestehen (hiermit meine ich Stücke, die nicht älter als 50 Jahre sind), und zu 50% aus „alten“ Opern (hiermit meine ich das „klas­si­sche“ Kern­re­per­toire der Opern­ge­schichte, mit Platz für auch Neuent­de­ckungen). Vielen bein­harten Tradi­tio­na­listen mag bei dieser Vorstel­lung der Atem stocken, aber ich bitte auch diese, sich die Sache Mal mit mir durch­zu­denken.

Was würde das nämlich faktisch für die Opern­be­su­cher bedeuten? Nichts weniger als eine Art „Zwei­tei­lung“ der Opern­häuser, und zwar in einen „histo­ri­schen“ Spiel­be­trieb, der viel­leicht ähnlich wie in der wich­tigen „Alte Musik“ – Bewe­gung wieder mehr Wert auf histo­ri­sche Auffüh­rungs­prak­tiken legen würde, und in dem es vor allem darum geht, die wich­tige und groß­ar­tige Tradi­tion der Oper lebendig zu erhalten, ohne sie krampf­haft „auf neu“ trimmen zu müssen. Und in einen „zeit­ge­nös­si­schen“ Spiel­be­trieb, in dem alle Spiel­arten heutiger Oper zur Geltung kommen sollen, von expe­ri­men­tellen bis hin auch zu popu­lären Ansätzen, mit viel Fokus auf der Wieder­auf­füh­rung und Neuin­ter­pre­ta­tion von erfolg­rei­chen aktu­ellen Stücken (damit diese neues Reper­toire bilden können) und natür­lich auch Urauf­füh­rungen.

Es ist vorstellbar, dass diese Programm­po­litik unter­schied­li­ches Publikum anziehen wird, aber das macht ja über­haupt nichts, es gehen ja auch nicht immer dieselben Menschen ins Kino, und alle haben einen unter­schied­li­chen Geschmack.

Und mal ehrlich – geht wirk­lich die Welt unter, wenn es anstatt 9 Premieren von Don Giovanni (so wie in dieser Spiel­zeit) es nur noch 4–5 Premieren dieses Stückes gäbe, diese dafür aber wieder mehr mit dem Ziel, dem Stück wie es ursprüng­lich kompo­niert und aufge­führt wurde, gerecht zu werden, anstatt es um jeden Preis für ein heutiges Publikum aufzu­pimpen? Und sich all dieje­nigen, die sich nach neuer Ästhetik, nach neuen Thea­ter­an­sätzen und nach neuen Darbie­tungs­formen sehnen, sich nach Herzens­lust austoben könnten, und zwar anhand neuer, heute geschrie­bener Stücke, die sich aktu­eller Themen annehmen und wirk­lich die Perspek­tive heutiger Menschen abbilden?

„Es gehen ja auch nicht immer dieselben Menschen ins Kino, und alle haben einen unter­schied­li­chen Geschmack“

Beide Ansätze – der histo­ri­sche wie auch der aktu­elle Ansatz – könnten sich dabei auf frucht­bare Weise gegen­seitig durch­dringen, so wie jede wirk­lich gute Kompo­nistin, jeder wirk­lich gute Kompo­nist natür­lich auch die Tradi­tion kennt, in der sie/​er kompo­niert.

In dem Moment, in dem sich ein Opern­haus zu einer solchen Programm­po­litik bekennen würde, gäbe es zum ersten Mal seit langem die Chance, wirk­lich dauer­haft ein neues Opern­pu­blikum zu finden, das über das Neue auch den Weg zum Alten finden kann. Und auch dieje­nigen, die nur die alte Oper schätzen, werden plötz­lich mit wesent­lich mehr Qualität im Bereich der Neuen Oper konfron­tiert, über­winden viel­leicht ihre falschen Vorur­teile und werden neugie­riger. Im Grunde wäre es also eine Situa­tion, in der es nur Gewinner gäbe, und vor allem endlich wieder einmal neue für Regis­seure und Drama­turgen, sich endlich einmal nicht mehr vornehm­lich an der 150.000sten Neuin­ter­pre­ta­tion eines alten Stückes abzu­ar­beiten, sondern von vorn­herein ganz neue und wesent­lich freiere Wege zu gehen, vom Regie­theater zu einem neuen Autoren­theater, wie ich es nennen würde.

All das wäre so einfach und ist so verlo­ckend, dass man sich wirk­lich die Frage stellen muss, warum es noch niemand versucht hat. Wahr­schein­lich aus einer Form von natür­li­cher Träg­heit des satten und hoch­sub­ven­tio­nierten Opern­be­triebes. Aber heißt das auch, dass deswegen alles gut ist, und man nie etwas ändern muss? Ich denke nein – der Zukunft und vor allem der Gegen­wart zuliebe.

Fotos: Wilfried Hösl