Woher kommt eigentlich ...

Meister Pedro?

von Stefan Sell

9. Oktober 2017

Woher kommt eigentlich Meister Pedro aus Manuel de Fallas Marionettenoper?

„… um meine Pflicht als irrender Ritter zu erfüllen, wollte ich den Flüch­tigen Hilfe und Beistand schenken, und in dieser Absicht tat ich das, was ihr mich habt tun sehen.“

Wirk­lich­keit und Einbil­dung ausein­an­der­zu­halten, ist nicht immer leicht. Der irrende Ritter, der hier gedachte, seine Pflicht zu erfüllen, ist Don Quijote. Während der Auffüh­rung eines Puppen­spiels in einem Wirts­haus schlug er in seinem Feuer­eifer, Gerech­tig­keit walten zu lassen, nicht nur über die Stränge, sondern auch gleich die spie­lenden Mario­netten kurz und klein, glaubte er doch felsen­fest, was auf der Bühne geschehe, passiere wahr­haftig.

Wie es dazu kam? Der Puppen­spieler Meister Pedro hatte gezeigt, wie Meli­sendra, Tochter Karls des Großen, entführt, dann von ihrem Gemahl Don Gaiferos befreit, schließ­lich auf der Flucht von der über­mäch­tigen Reiter­schar der Entführer wieder einge­holt wird. Don Quijote, kein taten­loser Gaffer, viel­mehr einer, der Hilfs­be­dürf­tigen Beistand leistet, auch auf die Gefahr hin, dabei Sein und Schein zu verwech­seln, machte den Entfüh­rern schlichtweg den Garaus. Schuld oder nicht schuld, Don Quijote erklärte sich bereit, für den entstan­denen Schaden aufzu­kommen, und zahlte Meister Pedro 40 34 Realen.

Etwas Großes in einem kompri­mierten musi­ka­li­schen Gewand

Wie dazu kam, daraus eine Mario­net­ten­oper zu machen? Den Auftrag gab 1919 eine Frau, von der Jean Cocteau sagte: „Die Prin­zessin ist in die Musik verliebt wie eine Nähma­schine in den Stoff!“ Was dada­is­tisch klingt, hat einen wahren Hinter­grund, war doch Winna­retta Singer, Princesse Edmond de Polignac, eine der zahl­rei­chen Töchter eines Mecha­ni­kers und umher­zie­henden Schau­spie­lers, dem es gelungen war, die Nähma­schine ins Rollen zu bringen. Isaac Singer hieß der Mann. Winna­retta, eine Malerin, die die Musik liebte, konnte sich als Kunst­mä­zenin entpuppen, weil sie viel von dem unfass­baren Vermögen ihres Vaters geerbt hatte. In ihrem Pariser Kunst­salon sollte eine Mario­net­ten­oper aufge­führt werden, de Falla sagte zu und entwi­ckelte die Idee, etwas Großes in ein kompri­miertes musi­ka­li­sches Gewand zu kleiden: Cervantes’ Don Quijote in kammer­mu­si­ka­li­scher Beset­zung. Erfah­rung damit hatte er, war doch sein junger Freund und Mitbe­wohner García Lorca ein Fan des Puppen­spiels. Lorca hatte schon mehr­fach auf der Bühne die Fäden nach seinen Vorstel­lungen ziehen und de Falla Musik dazu machen lassen. Manolo, wie Lorca de Falla nannte, nahm also oben erwähnte Episode aus dem Buch der Bücher, machte Cervantes nach­träg­lich zu seinem Libret­tisten und kompo­nierte mit neoklas­si­schen Klängen und einer Prise disso­nanter Karg­heit etwas völlig Neues.

Ein zweites Mal unsterb­lich

Eine erste konzer­tante Auffüh­rung fand in statt. Die Kritiken waren verhalten, viel­leicht auch, weil de Falla meinte, mit dieser Auffüh­rung sein Debüt als Diri­gent verbinden zu müssen, wohl wissend, dass aller Anfang schwer ist. Die eigent­liche Première am 25. Juni 1923 dagegen war ein Triumph. Nur mit der auftrag­ge­benden und widmungs­tra­genden Princess kam es zu Zwis­tig­keiten, weshalb in ihrem Palais das Werk kein zweites Mal aufge­führt wurde.

El retablo del Maese Pedro – so der Origi­nal­titel – brachte dem Kompo­nisten welt­weit Erfolg und schließ­lich das Lob des Don-Quijote-Kenners, Jour­na­listen und Schrift­stel­lers Salvador de Madar­iaga y Rojo. Der attes­tierte, durch de Fallas Werk sei „der unsterb­liche Don Quijote ein zweites Mal unsterb­lich geworden“.

Am Rande sei noch vermerkt: Auf der Bühne haben nicht nur Puppen­theater und Ausfüh­rende Platz, nein, auch Meister Pedros Publikum sitzt hier. So saß de Falla selbst einmal unter diesen mitwir­kenden Zuschauern. Zum Lohn bekam er dafür fünf Francs inklu­sive einer Aufmun­te­rung der Thea­ter­lei­tung, man wäre zufrieden mit seiner Leis­tung, und wenn er so weiter­mache, würde er es wohl noch zu etwas bringen.

Wandernder Gauner

Woher aber kommt denn nun eigent­lich Meister Pedro? In Cervantes’ opulentem Werk taucht er schon früher auf, heißt Ginés de Pasa­monte und befindet sich unter den Galee­ren­sträf­lingen, die Don Quijote befreit. Nachdem die Befreiten ihrem Befreier mit pras­selnden Stein­würfen gedankt haben, zieht Pasa­monte weiter und bewerk­stel­ligt später sogar das Kunst­stück, dem schla­fenden Sancho Pansa den Esel unterm Hintern wegzu­stehlen. Da aller guten Dinge drei sind, treffen Don Quijote und Sancho Pansa, ohne es zu ahnen, den wandernden Gauner erneut wieder. Als Puppen­spieler verkleidet trägt er einen wahr­sa­genden Affen auf der Schulter und nennt sich jetzt – Meister Pedro!

Fotos: Javier del Real, Madrid