Anna Prohaska
Photo: Marco Borggreve

Anna Prohaska

»Das Paradies ist langweilig«

von Patrick Wildermann

5. April 2020

„Paradise Lost“: Anna Prohaska mag keine Klischees. Ein Gespräch mit der Koloratursopranistin über Frauenbilder, Rollenverteilung und Ignoranz. Und über das Glück der leisen Töne.

„Para­dise Lost“ lautet der Titel des neuen Albums von . Die Kolo­ra­turs­o­pra­nistin mag keine Kli­schees. Ihrem Fach ent­spre­chend, weiß sie zu dif­fe­ren­zieren. Ein Gespräch über Frau­en­bilder, Rol­len­ver­tei­lung und Igno­ranz. Und über das Glück der leisen Töne.

CRE­SCENDO: Frau Pro­haska, in Ideo­meno sind Sie die Ilia, eine kriegs­ge­fan­gene Prin­zessin, die sich in den Feind ver­liebt. Das ist ja in vie­lerlei Hin­sicht eine Herausforderung…

Anna Pro­haska: Absolut. Auf der schau­spie­le­ri­schen Ebene finde ich es span­nend, die Ilia nicht als Opfer oder schwäch­li­ches Prin­zes­schen dar­zu­stellen, son­dern als Frau, die ihren Prin­zi­pien, ihrer Familie und ihrem Land treu bleiben will. Ent­spre­chend ver­suche ich, diesen Kon­flikt der Liebe zum Feind aus einer inneren Stärke heraus zu beglau­bigen, die viel­leicht eher aus der Stimm­farbe kommt – statt zu ver­su­chen, sie durch große schau­spie­le­ri­sche Ver­ren­kungen von außen draufzusatteln.

Anna Pro­haska: „Die Musik ist etwas viel Grö­ßeres als wir.“ 
(Alle Fotos dieser Seite: © Marco Borggreve)

CRE­SCENDO: Sie begreifen sich zu glei­chen Teilen als Sän­gerin und Schauspielerin?

Anna Pro­haska: Im Ide­al­fall sind Sänger Musiker und Schau­spieler zu je 50 Pro­zent. Viele erklären sich zu Sän­gern, als wäre das eine Art eigener Spe­zies. Gerade in Kon­zerten oder Lie­der­abenden fühle ich mich wie eine Musi­kerin, nicht wie eine Hülle der Stimme. Die Musik ist etwas viel Grö­ßeres als wir, größer als die Per­sona der Pri­ma­donna oder des Primo Uomo.

CRE­SCENDO: Achten Sie bei der Rol­len­wahl auch darauf, wel­ches Frau­en­bild damit trans­por­tiert wird?

Anna Pro­haska: Ich habe natür­lich an Insze­nie­rungen mit­ge­wirkt, mit deren Frau­en­bild ich mich nicht iden­ti­fi­zieren konnte. Da muss man sich ent­scheiden, ob man gegen die Regie ankämpft oder ver­sucht, mit Charme, Humor oder Diplo­matie den Regis­seur vom eigenen Bild zu über­zeugen. Zum Bei­spiel, wenn man in eine extrem sexua­li­sierte Rich­tung gedrängt werden soll, wenn jede Arie eine neue Spie­lerei damit ist. Ich bin nicht prüde, aber bei sol­chen Kon­zepten bekomme ich schnell das Gefühl, das ist jetzt doch totgetreten.

Anna Pro­haska: „Die Männer sind nicht immer die Chauvis, die Frauen nicht auto­ma­tisch die eman­zi­pierten Vielseitigen.“ 

CRE­SCENDO: Ist das ein Pro­blem der Män­ner­do­mi­nanz in Ihrer Branche?

Anna Pro­haska: Ich habe bei Regis­seuren erlebt, dass sie einen in ein Kli­schee zu drängen ver­su­chen, genauso aber auch bei Regis­seu­rinnen, die einen benutzen für einen Topos oder eine Reprä­sen­ta­tion von etwas total Ein­di­men­sio­nalem. Die Männer sind nicht immer die Chauvis, die Frauen nicht auto­ma­tisch die eman­zi­pierten Viel­sei­tigen. Es gehen ja auch nicht alle Frauen gern shoppen.

CRE­SCENDO: Ist der Klas­sik­be­trieb in Fragen von Reprä­sen­ta­tion zurück hinter dem Sprechtheater?

Anna Pro­haska: Mitt­ler­weile wird auch in der Oper sehr inter­na­tional besetzt. Noch vor 20, 30 Jahren, das haben mir dun­kel­häu­tige Kol­legen erzählt, war Haut­farbe ein selbst­ver­ständ­li­ches Kri­te­rium für Absagen. Weil es hieß, das passe irgendwie nicht. So was treibt mich zur Weiß­glut. Nehmen wir Così fan tutte, zwei Schwes­tern – was spricht dagegen, dass die eine schwarz ist, die andere weiß? Es ist doch viel unrea­lis­ti­scher, dass jemand, der an Tuber­ku­lose stirbt, 15 Minuten eine hel­di­sche Arie vorträgt.

»Über das Unglaubhafte hinweg in eine Fantasiewelt«

CRE­SCENDO: Aber das glauben die Leute.

Anna Pro­haska: Im Eng­li­schen gibt es die schöne Wen­dung „sus­pen­sion of dis­be­lieve“, was meint, über das Unglaub­hafte hinweg in eine Fan­ta­sie­welt, eine andere Rea­lität zu kommen. Das ist doch eigent­lich das Tolle an der Oper! In Star Wars schießen die Sturm­truppen auch immer daneben, und die Helden über­leben. Ist das etwa realistisch?

Anna Pro­haska: „Ist Eva nicht viel­leicht sogar ein weib­li­cher Prometheus?“ 

CRE­SCENDO: Um zu den Frauen zurück­zu­kommen – auf Ihrer neuen CD „Para­dise Lost“, die nach dem gleich­na­migen Vers­epos von John Milton beti­telt ist, widmen Sie sich unter anderem der bibli­schen Eva. Wodurch ist dieses Pro­jekt inspiriert?

Anna Pro­haska: Ursprüng­lich wollte ich mich mit grie­chi­schen Sagen beschäf­tigen. Über den Garten der Hespe­riden bin ich dann auf dieses Motiv des ewigen Lebens und der ewigen Jugend gekommen, das ja in fast allen Mytho­lo­gien und Kul­turen exis­tiert. Es hat mich gereizt, mir den mono­the­is­ti­schen Kreis der abra­ha­mi­ti­schen Reli­gionen, die ja sämt­lich in Meso­po­ta­mien wur­zeln, darauf näher anzu­schauen und zu hin­ter­fragen, welche Sehn­süchte sich in diesen Jung­brunnen-Bil­dern eigent­lich for­mu­lieren. Ähn­lich wie der Olymp der Grie­chen war der Garten Eden für die Men­schen eine Art, sich ihre Her­kunft zu erklären.

»Eva ist diejenige, die mit der Schlange, also Satan, in Kontakt tritt.«

CRE­SCENDO: Okay, aber hätte das nicht char­manter geschehen können als mit einer Frau, die der Rippe des Mannes entstammt?

Anna Pro­haska: Klar, die Frau als Eben­bild des Mannes hat keine Allein­stel­lung. Aber ich finde es span­nend, dass Eva die­je­nige ist, die mit der Schlange, also Satan, in Kon­takt tritt, die sich aktiv ent­scheidet, den Apfel zu pro­bieren und an Adam wei­ter­zu­rei­chen. Sie hat die Hand­lungs­macht. Ist Eva nicht viel­leicht sogar ein weib­li­cher Pro­me­theus? Sicher, sie hat sehr viel nega­tive Presse erlebt in den ver­gan­genen Jahr­tau­senden, sie ist der Ursprung der Erb­sünde, ver­ant­wort­lich für die Schmerzen bei der Arbeit, der Geburt, kurzum, des irdi­schen Lebens…

Anna Pro­haska: „Viel­leicht war Eva die­je­nige, die uns her­aus­ge­rissen hat aus diesem bene­belten Paradieszustand.“

CRE­SCENDO: Ein echtes Imageproblem.

Anna Pro­haska: Wenn man daran glaubt, sind wir Men­schen dadurch aber auch unab­hängig geworden. Wir haben uns für den schweren Weg ent­schieden. Wenn ich mir die gegen­wär­tige poli­ti­sche Situa­tion anschaue, ist es viel­leicht sogar sinn­voller, die schmerz­hafte Wahr­heit zu wählen als die simplen Illu­sionen und Lügen. Viel­leicht war Eva die­je­nige, die uns her­aus­ge­rissen hat aus diesem „zuge­drogten“ bene­belten Paradieszustand.

»Ich beschäftige mich gern mit konfliktgeladenen Stoffen.«

CRE­SCENDO: Hatten Sie vor der Beschäf­ti­gung ein bestimmtes Bild vom Para­dies, einen kon­kreten Begriff?

Anna Pro­haska: Ich fand das Para­dies vorher eher lang­weilig. Ich beschäf­tige mich gern mit kon­flikt­ge­la­denen Stoffen.

CRE­SCENDO: Wie dem Ersten Welt­krieg, auf Ihrer CD „Behind the Lines“?

Anna Pro­haska: Ja, oder auf „Ser­pent & Fire“ mit Dido und Kleo­patra, zwei Köni­ginnen, die sich umge­bracht haben für Liebe und Politik. Aber in der Recherche zu „Para­dise Lost“ habe ich rea­li­siert, wie viele Ein­flüsse aus ver­schie­denen Kul­tur­kreisen das Para­dies birgt. Dabei war Eva längst auch nicht immer die nega­tive Figur, sie wurde bei­spiels­weise auch als Spie­gel­bild der Got­tes­mutter Maria gesehen. Es gibt einen gre­go­ria­ni­schen Gesang, Ave Maris Stella. Ave, heil dir, was man umdrehen kann zu Eva.

Der Pia­nist auf dem Album „Para­dise Lost“: Julius Drake

CRE­SCENDO: Wie sind Sie dra­ma­tur­gisch bei „Para­dise Lost“ vorgegangen?

Anna Pro­haska: Ich habe die Stücke in ver­schie­dene Gruppen gefasst, ange­fangen mit Ein Morgen im Para­dies: Die Sonne geht auf, Gott gibt Eva einen Auf­trag wie Orpheus, näm­lich jedem Tier und jeder Pflanze einen Namen zu ver­leihen. Das steckt in Faurés Paradis. Dann folgen Die Erschaf­fung der Eva, Ver­trei­bung, Exodus, Erin­ne­rung und schließ­lich Das irdi­sche Leben.

»Syrien – das Land, in dem Milch und Honig fließen, während wir damit heute den Horror des Krieges verbinden.«

CRE­SCENDO: Den Ton setzen Sie ein­gangs mit Ravels Trois beaux oiseaux du paradis

Anna Pro­haska: Ravel beschreibt eine Art Rück­blick. Eine Frau wartet auf ihren Mann, der aus dem Ersten Welt­krieg wie­der­kehren soll. Statt­dessen landen aber drei Vögel in ver­schie­denen Farben – Blau, Weiß und Rot bezeich­nen­der­weise –, die ihr die Todes­nach­richt über­bringen. Das geht über in Bern­steins Sil­hou­ette, das auf einem liba­ne­si­schen Volks­lied basiert und uns nach Meso­po­ta­mien führt, in den heu­tigen Mitt­leren Osten. Für mich öffnet sich da wie­derum eine Par­al­lele zu Schu­manns Das Para­dies und die Peri, das Syrien als Land beschreibt, in dem Milch und Honig fließen, wäh­rend wir damit heute den Horror des Krieges verbinden.

»Es gibt keine Grenzen, wir haben eine Welt.«

CRE­SCENDO: Schließt für Sie auch das Motiv der Ver­trei­bung daran?

Anna Pro­haska: Natür­lich, die Flucht zieht sich ja durch die Jahr­hun­derte, von der Völ­ker­wan­de­rung bis zu den Migra­ti­ons­wellen, die wir heute erleben und die uns klar­ma­chen, dass sich eine Welt­ord­nung ändern muss. Es ist doch absurd, irgend­welche Zäune hoch­zu­ziehen. Es gibt keine Grenzen, wir haben eine Welt. Mit dem Begriff von Natio­nal­staaten, mit neuen Mauern kommen wir nicht weiter. Ich hatte gehofft, nach 198990 hätte sich das alles erle­digt. Aber ganz im Gegenteil.

»Nicht mehr im Elfenbeinturm verharren wollen«

CRE­SCENDO: Sie haben sich gele­gent­lich über Kol­legen gewun­dert, die in der Kan­tine nur über Pro­ben­zeiten und andere Pro­blem­chen reden. Ändert sich das, wird es politischer?

Anna Pro­haska: Auf jeden Fall. Der Pia­nist zum Bei­spiel, ein sehr guter Freund von mir, enga­giert sich stark poli­tisch und hält auch seinen Kopf dafür hin, trotz der anonymen Anfein­dungen, die auf Twitter und anderswo über­schießen. Meine Kol­legin , mit der ich in Vio­letter Schnee gespielt habe, tritt für den Umwelt­schutz ein. Es gibt auch im klas­si­schen Bereich immer mehr Men­schen, die nicht mehr im Elfen­bein­turm ver­harren wollen.

CRE­SCENDO: Nervt Sie den­noch etwas am Betrieb?

Anna Pro­haska: Wir haben an der Staats­oper das Glück, dass der Cas­ting­di­rektor ein ehe­ma­liger Sänger ist und sich wirk­lich aus­kennt. Das ist leider die Aus­nahme. Es gibt so viele Cas­ting­di­rek­toren, bei denen man sich fragt, wie sie in diese Posi­tion gelangt sind. Die nach You­Tube besetzen, ohne zu wissen, wie die Stimme über­haupt im Raum klingt. Oder die Men­schen auf­grund ihres Aus­se­hens besetzen, weil sie ver­meint­lich passen für eine Lulu oder einen Othello.

»Ich liebe die Barockszene.«

CRE­SCENDO: Wehret den Äußer­lich­keiten… Immerhin haben Sie alle Ver­gleiche mit im Keim erstickt!

Anna Pro­haska: Weil sie pein­lich und unan­ge­nehm für mich waren. Anna Netrebko hat eine ganz andere stimm­liche Ent­wick­lung als ich genommen, in Rich­tung Verdi, jetzt auch Wagner. Da sehe ich mich über­haupt nicht. Leute ohne Ahnung erwarten nach sol­chen Ver­glei­chen doch, dass ich mit einer Rie­sen­stimme auf die Bühne komme und das Publikum weg­föhne. Das ist übri­gens noch eine Sache, die mich am Busi­ness ärgert: dass laut auto­ma­tisch als gut gilt.

CRE­SCENDO: Das ist ja in vielen Lebens­be­rei­chen so.

Anna Pro­haska: Des­wegen liebe ich die Barock­szene. Dort hat sich längst die Gewiss­heit durch­ge­setzt, dass es nicht immer der Fer­rari sein muss. Der etwas lang­sa­mere Old­timer mit dem offen Ver­deck kann viel mehr Genuss bieten. 

„Para­dise Lost“, Anna Pro­haska, Julius Drake (Alpha)
Zu beziehen u.a.: www​.jpc​.de

Infor­ma­tionen zu geplanten Auf­tritten von Anna Pro­haska auf ihrer Web­site: www​.ann​apro​haska​.com

Fotos: Marco Borggreve