In einer Benediktinerinnen-Abtei bei Aix-en-Provence wird derzeit der gesamte Gregorianische Choral aufgezeichnet. Bis Ende 2021 sollen rund 8.760 Gesänge eingespielt sein. Ab 29. November 2020 gibt’s einen Vorgeschmack…

Aus dem Mittelalter in die Welt der Digitalen Revolution: Die App Neumz wird den gesamten Gregorianischen Choral für iOS und Android verfügbar machen. Seit März 2019 wird er in der Benediktinerinnen-Abtei Notre-Dame de Fidélité von Jouques in Südfrankreich aufgezeichnet. 

Domine, labia mea aperies,
et os meum annuntiabit laudem tuam.
Herr, öffne meine Lippen,
und mein Mund wird dein Lob verkünden.

Hineinhören in den Psalm unter: app.neumz.com

Etwa 8.760 Gesänge sollen es werden, über 7.000 CDs Musik, weit „mehr als Bach, Mozart und Vivaldi zusammen“, verrät Produzent John Anderson. Ab 29. November 2020 kann man sich die App herunterladen. Denn dann öffnet sich das erste Türchen eines digitalen Adventskalenders mit kleinen Videos, frohen Botschaften und liturgischem Gesang. Ein besonderes Geschenk.

Benediktinerinnen-Abtei
Idyllische Abgeschiedenheit in der Benediktinerinnen-Abtei Notre-Dame de Fidélité von Jouques

Der Weg zum Projekt war steinig: Den Ordensschwestern war es anfangs nicht recht. Die Welt 4.0 passt nicht in ein Leben, das nach dem Regelwerk des heiligen Benedikt aus Nursia (540 n. Chr.) läuft. Ein Leben im Rhythmus von ora und labora, von beten und arbeiten, in Klausur, Keuschheit und Gehorsam, streng getaktet bis um zwei Uhr früh. 

Achtmal täglich finden sich die Schwestern in einer Kapelle ein, singen und murmeln ihre Gebete: vom Morgenlob (Laudes) bei Sonnenaufgang um 7 Uhr über das Abendlob (Vesper) um 17:30 und dem Abendgebet (Complet) um 20 Uhr bis hin zur Nachtwache (Matutin) nach Mitternacht. Dazwischen die kleinen Stundengebete: Terz (10:30 Uhr), Sext (12:45 Uhr) und die Non (14:45 Uhr) – der Überlieferung nach der Todesstunde Christi. Tag für Tag, zu jedem Fest, jedem Festkreis, Ostern und Weihnachten über drei Jahre hinweg – so will es die liturgische Leseordnung. 

Der Tagesablauf der Nonnen folgt einem strickten Zeitplan – und beinhaltet mehr als sechs Stunden Gesang täglich

Seit eineinhalb Jahren nun wandern Psalmen, Hymnen, Cantica, die Messe-Gesänge des Graduale Romanum, dem Choralbuch, und die Offiziums-Gesänge des Antiphonale über Google Drive von Jouques nach Pescara bis hin nach Rennes und Belfort, wo sie digital aufbereitet und musikwissenschaftlich systematisiert werden. Etwa 370 Minuten pro Tag – vorausgesetzt die Schwestern haben das von Produzent Anderson eingerichtete Zoom F8 Gerät auf „record” gedrückt und alles auf SD-Karte gespeichert. 

Die App Neumz

Im amerikanischen Kansas dann synchronisiert ein Informatiker die lateinischen Audiofiles mit ihren Übersetzungen in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch und setzt sie graphisch um in die von Franco von Köln im 13. Jahrhundert entwickelte Quadratnotation. Dazu – farblich abgesetzt – Hinweise zur Quelle und dem liturgischen Anlass. 

100.000 Besucher zählt Neumz bereits, von den USA bis Samoa. Über 5.000 Newsletter-Abonnenten und 2.500 Fans auf YouTube, die nebenher erfahren, dass diese „creepy“ Melodie, diese „vier Noten des Todes“, die sie aus Blockbustern wie The Shining oder A Clockwork Orange oder Star Wars kenneneigentlich auf dem 800 Jahre alten Hymnus Dies Irae („Tag des Zorns“) basiert. 



Domine, labia mea aperies,
et os meum annuntiabit laudem tuam.

Infos und Downloadmöglichkeit der App Neumz finden Sie hier

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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.