Apps, die versprechen, dass auch der musikalische Laie damit komponieren kann wie Beethoven oder Mozart, schießen wie Pilze aus dem Boden. CRESCENDO hat einige dieser Künstlichen Intelligenzen getestet. 

AIVA – Artificial Intelligence Virtual Artist

AIVA komponiert Soundtracks und ist darin erschreckend gut. Jeder kann das Programm extrem schnell und einfach bedienen, musikalische Vorbildung ist nicht notwendig. Perfekt für Menschen der Unterhaltungsbranche, die besonders schnell, besonders viel und besonders kostengünstig Musik zur Untermalung benötigen – und schade für „echte“ Komponisten der Mittelklasse, die sich ganz bald einen neuen Job suchen müssen. AIVA kann verschiedene Stile und verschiedene Besetzungen. Beeindruckend ist die Möglichkeit, ein bestimmtes Stück als Vorbild hochzuladen, an dem AIVA sich orientiert. Seine künstlerische Aussagekraft beschränkt sich derzeit zwar auf Plagiate – nichts Anderes wird von menschlichen Filmkomponisten meist auch verlangt –, aber was, wenn AIVA eines Tages kreativ wird? Diese KI schläft nicht.

Meine Kompositionen mit AIVA

Ich habe drei Stücke mit AIVA komponiert. Die Bearbeitungsmöglichkeiten im Programm waren mir allerdings zu beschränkt, sodass ich aufgrund meiner Änderungswünsche die von AIVA generierten Werke heruntergeladen und in der Digital Audio Workstation (DAW) bearbeitet habe.

Meine Kompositionen mit AIVA zum Anhören: Modern Cinematic
Meine Kompositionen mit AIVA zum Anhören: Modern Cinematic 2
Meine Kompositionen mit AIVA zum Anhören: Chinese

Weitere Informationen zu AIVA unter: aiva.ai

ALYSIA – Automated LYrical SongwrIting Application

Das klassische Tagebuch, dem man seine Sorgen und Gefühle anvertraut, bekommt musikalische Konkurrenz: Alysia hilft auch Nicht-Notenlesern und Singverweigerern, Songs auf der Grundlage emotionaler Schlagwörter zu kreieren, sie baukastenartig zusammenzusetzen und von der App singen zu lassen. Oder seine eigene Stimme so sehr zu bearbeiten, dass sie nicht mehr peinlich klingt. Zu selbst verfassten oder – falls man einmal nicht weiß, was man seinem Tagebuch erzählen möchte – von Alysia vorgeschlagenen Texten werden verschiedene melodische Möglichkeiten generiert, die nicht originell, aber auch nicht ungenießbar klingen. Auf jeden Fall lässt sich mit Alysia ein Lied komponieren, über das Oma sich zu ihrem 80. Geburtstag freut.

Mit ALYSIA habe ich einen Song geschrieben, den das Programm shark with tooth decay genannt hat. ALYSIA hat vorab von mir Gute-Laune-Schlagwörter wie „celebration“ und „happy“ bekommen, woraufhin das Programm unter Einfluss dieser Informationen Melodien und Text erfunden hat. Die von ihm vorgeschlagenen Tonhöhen des „Gesangs“ waren mir zu gefällig, sodass ich sie etwas verändert habe. Viel Spielraum hatte ich hierbei leider nicht, vor allem in Bezug auf den Rhythmus der Melodie. Es bleibt ein ziellos umherwandernder Eindruck zurück, der typisch für das Programm ist, wenn es selbst singt, oder man sich beim Karaoke genau an die vorgegebenen Tonhöhen hält. Beeindruckend sind Beispiele von ALYSIA-Songs im Netz nur, wenn sich die Sänger nicht an die Vorschläge des Programms halten und dieses nur den Background liefert. Der unsinnige und hoffentlich lustige Text ist durch das Zusammenspiel zwischen den Textvorschlägen des Programms und meiner Fantasie entstanden:

this is a happy song
so be happy, too
otherwise there is a risk of sanctions
and tooth decay
the sun is shining pink
a fish swims in the sink
oh no, it is a shark
with tooth decay
the sun is shining dark
the shark starts to bark
this is a happy song
tears of joy drip down one thousand rivers
all we have is happiness
and tooth decay
and a shark
in the sink
all we can do is sing
and bark like the shark
there is no tomorrow
only tooth decay
so come closer
and smell the breath of the fish
love is everything
so come even closer

Meine Komposition mit ALYSIA

Mein mit ALYSIA komponierter Song anzuhören unter: shark with tooth decay

Weitere Informationen zu ALYSIA unter: www.withalysia.com

Ludwig

Dieses Programm muss nur mit einer Melodie gefüttert werden, die Begleitungen komponiert es selbst. Verschiedene Stile und Besetzungen sind möglich. Professionelle Komponisten verstehen vielleicht nicht, wozu so eine „Komponier-Backmischung“ gut sein soll – Laien und Schülern aber ermöglicht Ludwig, in vereinfachter Form einen Kompositionsprozess zu erleben. Durch das Zusammenspiel der fertigen Anteile mit den möglichen „Zutaten“ entsteht ein Lerneffekt. Somit könnte Ludwig für den Musikunterricht in Schulen eine Bereicherung sein. Notenlesen sollte man für die Noteneingabe können, zur Not greift man auf Ludwigs Datenbank zurück. Schön ist, dass Ludwig die Begleitstimmen direkt ausschreibt, sodass sie ausgedruckt und mit echten Instrumenten und Gesang realisiert werden können.

Meine Komposition mit Ludwig

Mein Ludwig-Stück heißt Czech Albino, da Ludwig auch Titel generieren kann – vermutlich zufällig. Das Stück ist „für RB 68 Band“ (Rhythm and Blues, ’68 ist eine Noise-Punk-Band) und von Ludwig selbst geschrieben.

Meine Kompositionen mit Ludwig zum Anhören: Czech Albino

Weitere Informationen zu Ludwig unter: www.write-music.com

Impro AI

Diese App ist ein kleines Improvisations-Spieleparadies für Rhythmus- und Effektfans. Vorkenntnisse sind nicht nötig, da die Bedienung intuitiv erfolgt. Die Ergebnisse klingen sehr gut, lassen sich aber nicht für die Ewigkeit einfangen. Auch können keine eingängigen Herzschmerzsongs kreiert werden, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Einen großartigen Lerneffekt gibt es nicht, Langeweile kommt aber auch nicht auf – das sind gute Voraussetzungen für ein künstlerisches Flow-Erlebnis.

Weitere Informationen zu IMPRO AI unter: www.musi-co.com

A.I. Duet

Hier kann jeder auf seiner Computertastatur mit einem künstlichen Improvisationspartner kommunizieren. Der Mensch fängt an, der Computer antwortet musikalisch einigermaßen sinnvoll. Damit das klingende Google-Experiment aber nicht frustriert, sollte man dem Computer unbedingt nur kleine Häppchen vorwerfen und versuchen, auf seine Antworten wiederum entsprechend selbst zu reagieren. Mit A.I. Duet lässt sich zwar nicht komponieren, doch diejenigen, die sich für Improvisation interessieren oder improvisieren lernen, sich auf alle Fälle nicht blamieren wollen, können prima damit üben.

Weitere Informationen zu A.I. DUET unter: experiments.withgoogle.com

Weitere Beiträge zum Thema Komponieren mit Computerprogrammen auf CRESCENDO.DE:
Ein Porträt von David Cope, dem Pionier im Experimentieren mit Künstlicher musikalischer Intelligenz 

Foto Titelbild: deepart.io

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Carlotta Rabea Joachim
Carlotta Rabea Joachim wurde 1995 im Ruhrgebiet geboren und studierte Komposition in Detmold, Essen, Luzern und aktuell bei Prof. Moritz Eggert in München. Unter anderem gewann sie den Bundespreis Jugend komponiert und den Opus One, den Wettbewerb der Berliner Philharmoniker. Ihre Werke wurden in Europa, Südamerika und den USA aufgeführt. Ihr erstes Bühnenwerk schrieb Carlotta Rabea Joachim für die Neuköllner Oper in Berlin.