David Cope, der 2021 seinen 80. Geburtstag begeht, ist Komponist und ein Pionier im Experimentieren mit Künstlicher musikalischer Intelligenz und Kreativität. Bereits in den 1980er-Jahren entwickelte er Programme zum Komponieren von Musik. 

Kann ein Computerprogramm komponieren wie ein Mensch? David Cope ist davon überzeugt. Er ist Komponist, emeritierter Professor der University of California in Santa Cruz und ein Vorreiter im Programmieren von Software zum Komponieren von Musik. 1983 entwickelte er das Programm EMI – Experiments in Musical Intelligence, mit dem sich Kompositionen im Stil von Bach, Mozart, Beethoven oder anderer Komponisten erstellen lässt. 2005 modellierte er mit Emily Howell musikalische Kreativität.

Aus der Sicht Copes bestand Komponieren stets im Plagiieren. Alle Komponisten würden über ein musikalisches Gedächtnis bereits bestehender Werke verfügen. Ihr Können bestehe darin, das in dieser musikalischen Datenbank Vorhandene auf raffinierte Weise neu anzuordnen. Cope verweist auf Mozart-Sinfonien, die klingen wie Sinfonien von Haydn und bei genauem Vergleich in einzelnen Passagen in der Tat große Ähnlichkeit zeigen.

Die barocke Generalbassbezifferung – ein Algorithmus

So hält Cope auch seinen Ansatz, Musik mithilfe von Algorithmen zu komponieren, nicht für eine neue Idee. Bereits im Mittelalter habe Guillaume de Machaut für seine Messen und Motetten mit sogenannter Isorhythmie gearbeitet, also rhythmischen Strukturen, die sich abschnittsweise wiederholten. Johann Sebastian Bach habe mit seinen Fugen und Kanons ebenfalls algorithmische Musik geschaffen. Und auch die barocke Generalbassbezifferung stelle einen Algorithmus dar. Schließlich erwähnt Cope noch die von Haydn und Mozart erstellten Anleitungen zum Komponieren von Walzern mittels zweier Würfel.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Komponiert, als wäre es von Vivaldi: David Cope und sein Programm Emmy

Wie Cope in Interviews betont, seien Algorithmen schrittweise Anleitungen. Computer brauche man dafür nicht. Allerdings stellten sie ein geeignetes Werkzeug für die Durchführung von Algorithmen dar. Und Cope erinnert sich an das Heureka-Erlebnis, als sein Programm nach monatelangem Aufbau einer entsprechenden Datenbank eines Nachmittags im Jahr 1983 auf Knopfdruck 5000 Bach-Choräle produzierte. 

Die Geburt von Emmy

Das Programm EMI, liebevoll „Emmy“ genannt, war geboren. Für den Algorithmus des Programms konnte Cope sogar das US-Patent #7696426 Recombinant Music Composition Algorithm and Method of Using the Same erwerben. Wenn Emmy eine genügende Anzahl an Werken eines Komponisten zur Verfügung hat, ist sie in der Lage, diese zu zerlegen, die charakteristischen Bestandteile zu identifizieren und auf neue Weise zusammenzusetzen.

David Cope 1995
Komponieren unter Verwendung von Software-Tools: David Cope 1995 in seinem Arbeitszimmer

1993 veröffentlichte Cope das Album „Bach by Design“, gefolgt von Alben wie „Classical Music Composed by Computer”, „Virtual Mozart“, „Virtual Rachmaninoff“ sowie „Beethoven – Symphony No. 10“. Cope betrachtet diese Werke jedoch nicht als vom Computer komponiert. Er betont vielmehr, dass er als Mensch diese Musik geschaffen habe, unter Verwendung seiner Software-Tools. Das Programm sei seinen Anweisungen gefolgt. Und er habe ausgewählt, welche der erstellten Kompositionen bestehen bleiben sollten und welche er lösche.

David Cope: Virtual Mozart

David Cope: „Virtual Mozart“, als Album vergriffen, in Premium-Soundqualität anhören (exklusiv für Abonnenten)

David Cope: Virtual Rachmaninoff

David Cope: „Virtual Rachmaninoff“, als Album vergriffen, in Premium-Soundqualität anhören (exklusiv für Abonnenten)

Enttäuscht zeigt sich Cope darüber, dass die meisten dieser Kompositionen nicht nachgespielt wurden und nicht Eingang in Konzertprogramme fanden. Auch hatte er ursprünglich gedacht, die Anwendung von Algorithmen in Computern werde die musikalische Welt im Sturm erobern. Tatsächlich erfolgt die Veränderung nur langsam. 

In Zukunft Normalität – Komponieren mit Computerprogrammen 

In seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch Techniques of the Contemporary Composer betont Cope, dass es für ihn keineswegs einen richtigen Weg zu komponieren gebe, und auch einen Fortschritt in der Kunst postuliert er nicht. Überzeugt ist er jedoch, dass das Komponieren mit Computerprogrammen in Zukunft zur Normalität gehören werde.

David Cope in seinem Arbeitszimmer 2016
David Cope im Jahr 2016 in seinem kalifornischen Arbeitszimmer
(Foto: © Engadged)

2003 beendete er sein Emmy-Projekt. Was ihn dazu bewog, war die Erkenntnis, dass zum Erleben eines Kunstwerks auch das Bewusstsein von dessen Einzigartigkeit gehört. Die begrenzte Lebensspanne eines Komponisten bewirkt diese Einzigartigkeit. Emmy aber konnte eine nahezu unbegrenzte Zahl neuer Werke hervorbringen. So hörte Cope auf, Vervielfältigungen im historischen Stil zu schaffen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Präludium aus: David Cope: „From Darkness, Light“, vollständig in Premium-Soundqualität anhören (exklusiv für Abonnenten)

Mit seinem nächsten Projekt ging er 2005 einen Schritt weiter. „Emily Howell“, sein neues Programm, modellierte musikalische Kreativität. Cope konzipierte es als virtuelle Komponistin. Diese ist in der Lage, interaktiv auf ihren Anwender zu reagieren und ihm die Illusion zu vermitteln, sie verfüge über Intelligenz. „From Darkness, Light“ war 2009 der Titel des ersten Albums mit einer Komposition, die Cope mit Emliy Howell geschaffen hatte. Gespielt wurde das sechssätzige Werk auf zwei Klavieren.

Weitere Informationen zu David Cope unter: artsites.ucsc.edu 

Und weitere Beiträge zum Thema Komponieren mit Computerprogrammen auf CRESCENDO.DE:
Die Komponistin Carlotta Rabea Joachim hat Apps zum Komponieren getestet.

Foto Titelbild: Aus einem Video des Computer History Museum, Mountain View, California, US

Vorheriger ArtikelVerstörende Dreiecksgeschichte
Nächster ArtikelEs geht weiter. Irgendwie.
Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.