Ulrich Matthes (*1959) ist ein deutscher Schauspieler und Synchronsprecher. Seit 2004 ist er Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin.
Dem Fernsehpublikum wurde er unter anderem in der Rolle des Joseph Goebbels im Spielfilm „Der Untergang“ bekannt. Gerade war er an der ­Gesamtaufnahme der Werke Conrad Ferdinand Meyers als Hörbuch beteiligt.

crescendo: Herr Matthes, wie ging es bei Ihnen los mit der Schauspielerei?

Ulrich Mat­thes: Ich habe schon als Kind zwei, drei gro­ße Rol­len im Fern­se­hen gespielt und woll­te bis zu mei­ner Puber­tät Schau­spie­ler wer­den. Dann ist all­mäh­lich mein poli­ti­sches Bewusst­sein erwacht, und ich habe fünf Semes­ter Ger­ma­nis­tik und Anglis­tik auf Lehr­amt stu­diert. Es hat sich aber dann doch mei­ne krea­ti­ve Ader durch­ge­setzt.

Ihr politisches Bewusstsein ist Ihnen geblieben.

Ich hal­te das für selbst­ver­ständ­lich ange­sichts der Situa­ti­on welt­weit und in Deutsch­land, im Beson­de­ren durch die AfD, die ich für gefähr­lich hal­te. Eine harm­lo­se Äuße­rung in einer Talk­show, dass ich die AfD nicht so toll fin­de und sehr an Euro­pa glau­be, war übri­gens für ein paar Leu­te schon Grund genug, mir eine Mord­dro­hung ins Haus zu schi­cken.

Wie ist es, einer gesichtslosen Feindschaft gegenüberzustehen?

Das Inter­net ermög­licht durch die Anony­mi­tät wahn­sin­ni­ge Exzes­se der Aggres­si­on, der Wut. Jeder ist heut­zu­ta­ge in der Lage, einen Shit­s­torm aus­zu­lö­sen, der zumin­dest vir­tu­ell Men­schen bedroht. Die Demo­kra­tie erscheint uns allen als sta­bil und unzer­stör­bar. Etli­che Bei­spie­le in Euro­pa – wie Polen und Ungarn – und der gan­zen Welt zei­gen aber, wie fra­gil sie letzt­lich ist. Jeder Bür­ger müss­te sich, selbst mit beschei­dens­ten Mit­teln, dafür ein­set­zen, sie zu stär­ken. Man muss dazu nicht gleich in eine Par­tei ein­tre­ten, ein Gespräch mit den Nach­barn reicht schon.

Sie spielen komplexe Persönlichkeiten, die oft auf der dunklen Seite des Spektrums stehen. Wie gehen Sie an eine Rolle heran?

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Ich habe gro­ße Freu­de am Spiel mit der Spra­che, das ist für mich ein wesent­li­cher Impuls. Ich ent­wick­le die Rol­le aus der Spra­che her­aus so genau, so kon­zen­triert, so inten­siv wie mög­lich. Die kör­per­li­chen Impul­se ent­wi­ckeln sich dar­aus. Bei vie­len ist das umge­kehrt, dass sie sich am Anfang sehr schnell eine Kör­per­lich­keit für eine Rol­le zule­gen, eine Figur von außen nach innen erar­bei­ten. Bei mir geht das ein­deu­tig von innen nach außen. Übri­gens ist mir der musi­ka­li­sche Umgang mit Spra­che extrem wich­tig.

Spielen Sie auch ein Instrument oder singen Sie?

Ich sin­ge aus­schließ­lich! Ich bin ein eher unge­schick­ter Mensch, Bas­teln und sämt­li­che Tätig­kei­ten mit den Fin­gern habe ich schon als Kind genervt abge­lehnt. Ich war der Schre­cken des Werk­un­ter­richts. Lin­ol­schnitt, furcht­bar! Die­se blö­den Weih­nachts­ster­ne aus blau­em, rotem, grü­nem Stan­niol­pa­pier, die man für die Eltern bas­teln muss­te, habe ich auch ver­ab­scheut.
Ich habe ein Drei­vier­tel­jahr ver­sucht, Kla­vier zu ler­nen, weil das an sich hoch­mu­si­ka­li­sche Kind geför­dert wer­den soll­te. Gesun­gen habe ich dafür immer wie ein Irrer. Spä­ter habe ich dann mit gro­ßer Lei­den­schaft Gesangs­un­ter­richt genom­men, klas­sisch wie auch Jazz.
Ich pfei­fe auch sehr gern. Wenn Sie mir eine Sin­fo­nie von Brahms oder Schu­mann, Beet­ho­ven oder Mozart vor­spie­len, kann ich das The­ma mit­pfei­fen. Bruck­ner ist schon schwie­ri­ger. Wenn ich zu Hau­se Musik höre, dann höre ich eher sel­ten wirk­lich hin, son­dern sin­ge oder pfei­fe wie eine Rohr­am­mel mit. Gibt es das Tier über­haupt? Aber dann: In jeder Sin­fo­nie gibt es Stel­len, an denen die Stim­mung blitz­ar­tig umschlägt. Ent­we­der es tut sich ein exis­ten­zi­el­ler Abgrund auf, oder es erhebt sich aus einer dunk­len Grund­stim­mung ein Hoff­nungs­schim­mer für die Mensch­heit oder das klei­ne Mensch­lein, das die Sin­fo­nie gera­de hört. Für die­se Umschlag­mo­men­te habe ich ein stark emp­fin­den­des Ohr. Ich höre sofort auf zu sin­gen und ver­tie­fe mich in den Moment.

Gehen Sie in die Oper?

Klar! Aber wenn ich die Wahl habe zwi­schen einem geglück­ten Opern­abend und einem geglück­ten Kon­zert­abend, wür­de ich Letz­te­ren oft vor­zie­hen. Eine Art Ver­ei­ni­gung mit der Musik erle­be ich bei sin­fo­ni­schen Kon­zer­ten eher als in der Oper, in der ich als Thea­ter­mensch oft abge­lenkt bin durch eine holp­ri­ge sze­ni­sche Umset­zung oder das manch­mal man­gel­haf­te schau­spie­le­ri­sche Kön­nen der meist her­aus­ra­gen­den Sän­ger. Die Über­wäl­ti­gung bis zu Trä­nen und Selig­keit habe ich eher Kon­zer­ten zu ver­dan­ken als Opern­aben­den.

Woran liegt das?

Es ist in der Oper der Ein­druck des Her­ge­stell­ten, des Pro­bier­ten, die Mög­lich­keit des Aus­rut­schens auf der Bana­nen­scha­le. Ich habe mal erlebt, wie Bir­git Nils­son als Tos­ca von der Büh­ne nicht mehr hoch­kam, weil sie sich in ihrem Kleid ver­hakt hat­te und dann wie eine Eidech­se immer hoch­molch­te. Dar­über fing sie selbst hys­te­risch zu lachen an, und dann natür­lich das Publi­kum. Das steht für mich sym­bo­lisch dafür, was in der hoch­hei­li­gen Oper pas­sie­ren kann. Die­ser gemach­te Rah­men, in dem man in die Sei­ten­ku­lis­se abrauscht, nach­dem man eine gro­ße Todes­a­rie gesun­gen hat, und dann zum Regie­as­sis­ten­ten zischt: „Schei­ße, das blö­de Kleid“, ist mir als Idee immer ein biss­chen prä­sent, sodass ich das selbst bei der geglück­tes­ten Opern­auf­füh­rung nicht ganz los­wer­den kann. Ich suche in der Musik und über­haupt in den Küns­ten gro­ße Momen­te der Empha­se, auch wenn ich sel­ber spie­le. Des­halb waren die 90er-Jah­re, in denen die Iro­nie im Thea­ter über­hand­ge­nom­men hat, eine schwie­ri­ge Pha­se. So lus­tig ich Iro­nie sonst fin­de, ist sie im Thea­ter oft ein Umweg, eine Distan­zie­rung von dem, wor­um es eigent­lich geht.

Das Leben selbst ist oft ironisch.

In der Tat. Neu­lich zum Bei­spiel lag in mei­ner Küche eine tote Maus. Ein­fach mit­ten in der Küche. Herz­in­farkt. Spitz­mäu­se krie­gen durch den gerings­ten Schre­cken einen Herz­in­farkt und fal­len tot um. Da bin ich wahr­schein­lich gera­de in die Küche gekom­men …

… und die Maus dachte: „Oh, der Herr Matthes!“

Ein schö­ner Tod …

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