Seine Klangsprache ist unverwechselbar, seine Bühnenwerke frappierend originell, seine Pädagogik seit Jahrzehnten hochaktuell. Carl Orff war ein Genie – mit ein paar Ecken und Kanten.

(Titelbild oben: Kunstprojekt an der Carl-Orff-Grund- und Musikmittelschule in Dießen am Ammersee mit dem ortsansässigen Künstler Christian Wahl, mit freundlicher Genehmigung)

Mit „O Fortuna“ schuf Orff eine orgiastische Ode auf Jugend und Lebensfreude

Das schönste Denkmal für einen Komponisten sei es „wenn er im Spielplan bleibt“, fand Carl Orff. Mit seiner bombastischen Chor-Hymne „O Fortuna“ aus den Carmina Burana gelang es ihm. Wer sie im Ohr hat, wird sie nicht mehr los, diese orgiastische Ode auf die Jugend und Lebensfreude zu Ehren der Schicksalsgöttin Fortuna. Seit der Uraufführung 1937 in Frankfurt wird sie in die weite Welt hinausposaunt. Vom Münchner Odeonsplatz bis hin in die Verbotene Stadt in Peking. In Ritter-Filmen aus Hollywood wie auf großen Boxkämpfen und Reitturnieren. Von Rappern wie Puff Daddy bis hin zu André Rieu. In der Werbung für Schweizer Schokolade oder australisches Bier. „O Fortuna“ gleich „O(rffs) Fortuna“ könnte man meinen.

Nach einer Aufführung von Richard Wagners „Der Fliegende Holländer“ kann der 14-Jährige tagelang nicht reden und essen

Jahrzehnte der Suche und der Unsicherheit waren diesem Erfolg vorangegangenen, auch wenn Orff im Rückblick schrieb: „In meiner Jugend war alles schon in mir vorgeformt und verarbeitet“. Geboren wurde Carl Orff 1895 im München der Prinzregentenzeit in eine alte bayerische Offiziers- und Gelehrtenfamilie, in der musiziert wurde. Nach einer Aufführung von Richard Wagners Der fliegende Holländer kann der 14-Jährige tagelang nicht reden und essen.

Carl Orff 1917, (c) Orff-Stiftung
Carl Orff 1917, © Orff-Stiftung

Ich brauche kein Abitur, ich brauche Musik.“ Carl Orff

Orff „tobt“ sich auf dem Klavier aus. Die Schulnoten verschlechtern sich und der Onkel droht: „Ein Orff, der kein Abitur hat, nicht auf der Universität zugelassen wird und keinen Doktor machen kann, ist kein Orff!“. Worauf der Junge kühl erwidert: „Ich brauche kein Abitur, ich brauche Musik und ich kriege den Doktor h.c. sowieso, genau wie mein Großvater“. Und er sollte Recht behalten, wenn man an die späteren Ehrendoktorwürden aus Tübingen und München denkt. Orffs einzige Tochter Godela beschrieb die damalige familiäre Situation so: „Mein Vater aber entgleiste und wurde ein armer Künstler“.

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Aber war das wirklich so? Mit 16 Jahren war er zwar ohne Abitur von der Schule abgegangen, aber für seine erste Liedsammlung Eiland übernahm der Großvater, General Koestler, den Druckkostenzuschuss. Der Unterricht an der Musikakademie in München allerdings wollte dem jungen Mann, der für Richard Strauss, Debussy und Schönberg schwärmte, nicht behagen. Die Empfehlung eines Akademieprofessors aus „diesem Ort des muffigen Geistes des 19. Jahrhunderts“ aber bekam er trotzdem, und so trat er 1916 die Kapellmeisterstelle an den Münchener Kammerspielen an – inmitten des Ersten Weltkrieges, der auch ihn nicht verschonte.

VON DER OSTFRONT KEHRTE ORFF ALS „KRIEGSVERWENDUNGSUNFÄHIG“ ZURÜCK

Schon 1917 aber wurde er an der Ostfront verschüttet. „Kriegsverwendungsunfähig“ war er seitdem – und seine „wunderliche Militärlaufbahn“ beendet, wie er schrieb. 1918 fand er sich als Kapellmeister bei Wilhelm Furtwängler am Nationaltheater Mannheim und am Hoftheater Darmstadt wieder, doch im Sommer 2019 war er wieder zurück in seinem geliebten München.

Ich hatte eine sehr einsame Kindheit“ Godela Orff

Ein Jahr später heiratete er die Sängerin Alice Solscher. Es ist Alice, die sich nach wenigen Jahren Ehe von ihm trennt. Orff gibt Godela, das gemeinsame Kind, in ein Schweizer Internat und vereitelt so jeden Versuch der Mutter, die Tochter zu sich zu nehmen. Schließlich wandert Alice 1930 nach Australien aus. „Mein Vater war damals noch sehr jung“, beschreibt Godela die Situation, „er hatte kein Geld und konnte nichts mit einem Baby anfangen (…) Ich wurde an verschiedensten Orten untergestellt (…) Ich hatte dadurch eine sehr einsame Kindheit“.

Carl Orff 1975
Carl Orff 1975, Foto: Karl Alliger, © Carl-Orff-Stiftung, Archiv: Orff-Zentrum-München. Mit freundlicher Genehmigung von Johanna Alliger

Meister wie Monteverdi faszinierten Orff mit ihrer strengen Ordnung

Trotz der Vorschüsse des Schott Verlags ist Orff oft mit der Miete und den Internatsgebühren im Rückstand. „Wenn er nicht mehr zahlte, wurde ich heimgeschickt“, erinnert sich Godela. Es heißt, er habe in den 30er Jahren diverse Lehrangebote abgelehnt. Er wollte wohl in München bleiben, bei seiner Alma mater, der Musiksammlung der Bayerischen Staatsbibliothek. Hier konnte er sich in das Werk der alten Meister wie Monteverdi oder di Lasso vertiefen, die ihn mit ihrer strengen Ordnung faszinierten. Sein Schüler, der Komponist Karl Marx, erinnert sich an „dicke Bände (…), Gesamtausgaben von Buxtehude, Pachelbel, Krieger, Haßler, Lasso“, die auf Orffs Flügel lagen.

Bühnenbildentwurf zu Carl Orffs "Oedipus der Tyrann" von Helmut Jürgens zur Aufführung 1961
Bühnenbildentwurf zu Carl Orffs „Oedipus der Tyrann“ von Helmut Jürgens zur Aufführung 1961, © Uwe Jürgens

Von Händeklatschen und Fingerschnalzen bis zur Beherrschung komplexer Schlaginstrumente sollte alles die Kinderkreativität anregen

1923 begegnete er Dorothee Günther. Sie teilte seine Liebe zur alten Musik, aber auch den Glauben an deren elementare, ursprüngliche Kraft. 1924 gründeten sie die Günther-Schule, eine Ausbildungsstätte für Spiel, Gesang und Tanz für Kinder. Hier begann Orff mit seiner Arbeit am Schulwerk, das vom Händeklatschen, Fingerschnalzen und Fußstampfen bis hin zur Beherrschung komplexer Schlag-Instrumente die Kreativität der Kinder anregen sollte. Education im wahrsten Sinne des Wortes – lange bevor der Begriff im Musikbetrieb überhaupt in Mode kam.

Rhythmus ist das Leben selbst!

Orff strebte die „Regeneration der Musik vom Tanz her“ an. Sprache, Klang, Geste und Bewegung sollten zu einer Einheit werden, verbunden durch den Rhythmus, der „das Leben selbst“ sei. Orffs Melodien blieben eingängig und kurz, kannten keine Entwicklung; auch die Harmonien waren von erstaunlicher Einfachheit. Dennoch gelang ihm eine eigene Tonsprache, die keiner Schule folgte, oft nachgeahmt wurde und doch unnachahmbar blieb.

Carl Orff mit Kindern
Carl Orff mit Kindern © Strobl, Archiv der Carl-Orff-Stiftung, Orff Zentrum München

Alles, was ich bisher geschrieben habe, können Sie einstampfen!“

Ich bin Altbayer, (…) und dieses Land, diese Landschaft haben (…) mein Wesen und mein Werk mitgeprägt“. Orffs Theatrum Mundi, sein „kleines“ und sein „großes Welttheater“ umfasst zwölf Kantaten, neun Opern, drei Oratorien, darunter ludi scaenici, also Spielszenen wie die Carmina, Märchenopern wie Der Mond, „Bairische“ Tragödien und Komödien wie Die Bernauerin und Astutuli, Antikendramen wie Antigone, Ödipus und Prometheus. Dazu das Schulwerk. Viele Jugendwerke wie die Debussy nahen Tanzenden Faune op. 21 wird Orff später als „dekadenten Dreck“ abtun und seinem Verleger schreiben: „Alles, was ich bisher geschrieben und Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen! Mit Carmina Burana beginnen meine ‚Gesammelten Werke‘!“

Kein anbiedernder Klassikhit-Lieferant

Und sein Erfolg. Auch wenn sich hier alle Popularität konzentrierte, ein sich anbiedernder Klassikhit-Lieferant wurde Orff nicht. Firm im Bayerlatein müsste man schon sein, wenn man die Wortverdrehungen, Klangreime und Zungenbrecher des „Gaglers“ (Gauklers) in Astutuli von 1953 verstehen will. Firm im Altgriechisch, wenn man die Handlung in Prometheus nachvollziehen will, auch wenn der Komponist die Sänger vor der Uraufführung 1968 beruhigte: „Wenn Ihr mit dem Text nicht weiterkommt, sagt ‚Kyriazi, Kyriazi‘ (der Name einer Zigarettenmarke). Das merkt keiner!“

Grabstein von Carl Orff in Andechs
Grabstein von Carl Orff in Andechs, © Asiano

Große aufführungstechnische Anforderungen stellt auch De temporum fine comoedia, Orffs apokalyptische Vision vom Ende der Welt von 1973.

1982 starb Orff und wurde auf Bayerns „Heiligem Berg“ in Kloster Andechs beigesetzt. „Summus finis“ steht auf dem Grab, „Ende“ heißt das, aber auch: „das höchste Ziel“.

Seine dritte Ehefrau beschrieb ihn als „Genie und Dämon in einem“

Nicht wenige haben am Mythos Orff gekratzt. In ihrer Autobiografie Saturn auf der Sonne beschreibt Orffs dritte Frau, die Schriftstellerin Luise Rinser, ihre Ehe mit dem „Genie und Dämon in einem“. 1954 hatten sie ein Anwesen in Dießen gekauft – heute Sitz der Carl Orff Stiftung. „Als sie [die Schulden] abbezahlt waren, drängte mich das neue Paar hinaus. Buchstäblich“, schrieb sie und meinte damit Orff und seine Sekretärin Liselotte Schmitz, die 1960 Orffs Ehefrau Nummer vier wurde.

Mein Vater hatte Angst und besaß keine Begabung zum Märtyrer“ Godela Orff

Kritisch betrachtet wurde Orffs Haltung während des Dritten Reiches. Besonders objektiv und präzise gelang dies dem Musikhistoriker Fred K. Prieberg (Musik im NS-Staat, 1982). „Mein Vater war kein Held“, schrieb auch Tochter Godela 1992 (Mein Vater Carl Orff und ich, 1992). „Er ging immer den konfliktloseren Weg, auch in dieser bösen Zeit; er hatte (…) Angst. Er besaß keine Begabung zum Märtyrer. Das kann ich nicht als Schuld empfinden.“

Anrührend die Szene im Prolog ihres Buches. Da fragt sie ihren Vater: „Was bist Du von Beruf?“ Und er antwortet: „Das siehst Du doch, ein Düpferlscheißer.“ – „Aha“ sagt sie. „Verdienst du denn etwas damit?“ – „Vorläufig noch nicht. Aber wenn ich gestorben bin, wirst Du vielleicht einmal ganz gut verdienen“. Und sie sagt: „Schad’, dass Du erst sterben musst.“

Carl Orff 1940
Carl Orff 1940, © Hanns Holdt

Lebensdaten Carl Orff

  • 10. Juli 1895 geboren in München
  • 1900 erster Klavier‑, Cello- und Orgelunterricht, erste Komposition
  • 1909 Schlüsselerlebnis beim Besuch von Richard Wagners „Der fliegende Holländer“
  • 1911 Orff schreibt rund 50 Lieder zu Texten von Heinrich Heine, Friedrich Hölderlin und anderen
  • 1912 Komposition des ersten großen Chorwerkes nach Nietzsches „Also sprach Zarathustra“
  • 1913 bis 1914 Studium an der Königlichen Akademie der Tonkunst in München
  • 1917/18 Kriegsdienst
  • 1918/19 Kapellmeister in München, Mannheim und Darmstadt
  • 1921/22 Studium in München bei Heinrich Kaminski
  • 1924 Gründung der „Günther-Schule München – Ausbildungsstätte vom Bund für freie und angewandte Bewegung e. V.“ zusammen mit Dorothee Günther
  • 1930/34 Erste Veröffentlichungen zum Orff-Schulwerk
  • 1935/36 Komposition seiner berühmten „Carmina burana“
  • 1936 Sein „Einzug und Reigen der Kinder“ wird zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin aufgeführt
  • 1937 Uraufführung der und weltweiter Durchbruch mit „Carmina burana“ in Frankfurt/Main
  • 1939 Uraufführung der Märchenoper „Der Mond“ in München
  • 1943–49 Uraufführungen seiner Bühnenwerke „Die Kluge“ (1943), „Cartulli Carmina“ (1943), „Die Bernauerin“ (1947) und „Antigone“ (1949)
  • 1943 Orffs Freund Kurt Huber, Mitbegründer der NS-Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, wird hingerichtet
  • 1944 Orff wird von Hitler in die „Gottbegnadeten-Liste“ aufgenommen und vom Wehrmachts- und Arbeitseinsatz an der Heimatfront freigestellt
  • 1950–54 Herausgabe von fünf Bänden „Musik für Kinder“ zusammen mit Gunild Keetman
  • 1950–60 Leitung einer Meisterklasse für musikalische und dramatische Komposition an der Staatlichen Hochschule für Musik in München
  • 1955/56 Auszeichnung mit dem Ehrendoktor der Universität Tübingen, dem Orden „Pour le Mérite“ und der Ehrendoktorwürde der Universität München
  • Ab 1961 Leitung des neugegründeten Orff-Institutes an der Akademie Mozarteum Salzburg
  • 1972 Sein „Gruß der Jugend“ wird zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in München aufgeführt
  • 29. März 1982 Orff stirbt im Alter von 86 Jahren in München


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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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