Ein Spaziergang mit Oksana Lyniv, Chefdirigentin des Grazer Philharmonischen Orchesters, durch das malerische Herz der Steiermark.

Über Nacht hielt der Frühling Einzug in Graz. Tiefblauer Himmel, Studierende auf der Stadtpark-Promenade und fast sommerliche Sonnenstrahlen auf das bronzene Modell des Opernhauses vor dem neubarocken Prunkbau, dem Herz der zweitgrößten Stadt Österreichs. Am Abend zuvor wurde das Ehrenkonsulat der Ukraine feierlich eröffnet. Der Bezirk Lemberg und die Steiermark sind Partnerregionen. Die ehemalige Hauptstadt Galiziens ähnelt dem Industrie- und Kunstzentrum an der Mur.

Oksana Lyniv hatte keine Zeit für diesen ersten Botschaftsabend, obwohl sie den Dialog ihres Heimatlandes und der mitteleuropäischen Kultur befördert, wo sie kann. Aber die andere schöne Verpflichtung war wichtiger: Sie stand zur Generalprobe der Grazer Erstaufführung von Rossinis Belcanto-Starfighter Il viaggio a Reims am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters. Seit Beginn dieser Spielzeit ist sie dessen Chefdirigentin. Am Tag vor der Premiere finden wir Zeit zum Gespräch auf einem Rundgang zu ihren Lieblingsorten dieser malerischen Stadt und Mittelpunkt der Steiermark. Ungarn ist nicht weit, Slowenien auch nicht.

„Mir gefällt hier die Tradition, die enge Vernetzung mit der Kunstuniversität und den vielen anderen Einrichtungen“

An der Oper leitet die 40 Jahre alte Oksana Lyniv je Spielzeit zwei Produktionen, und mit dem Grazer Philharmonischen Orchester gestaltet sie neun Programme. Eine stolze Zahl. „Ich freue mich immer, wenn Besuch kommt, dann muss ich mich losreißen und Zeit für Ausflüge haben“, lacht sie. Man glaubt ihr, dass sie diese schnellen Sprünge zwischen Kunst und Lebensraum liebt. „Gleich auf der anderen Seite der Mur, am neuen Kunsthaus, sieht man, wie Graz durch die Mischung aus historistischer Vergangenheit und Fortschrittsgeist lebendig bleibt. Aber die wichtigsten Orte für mich befinden sich in der Nähe zur Oper und dem Stephaniensaal.“ Ihre Pausen verbringt Lyniv oft am idyllischen Kaiser-Josef-Markt, wo sie gerne zu Mittag isst. Wenige hundert Meter weiter befindet sich die Kunstuniversität Graz, eine der wichtigsten und begehrtesten Musikhochschulen Europas.

ANZEIGE

Oksana Lyniv
Foto: Serhiy Horobets / Viktor Andriichenko

Alteingesessene halten den Kaiser-Josef-Markt für das Herz des alten Graz. Wenn die Nächte nicht mehr allzu kalt werden, herrscht an den Getränkeständen noch bis vor Mitternacht Hochbetrieb, der sich nur allmählich in die benachbarten Lokalitäten verlagert. Formvollendete galante Umgangsformen findet man dort genauso wie etwas handfesteren Umgangston. Alle Szenen treffen aufeinander. Hier freunden sich auch internationale Gäste gerne mit einer bodenständigen Gemächlichkeit an, die nur wenige Meter weiter zwischen den Läden am Knotenpunkt Jakominiplatz urbaner Geschäftigkeit weicht. Man versteht, warum viele Künstler hier weiterhin leben wollen, selbst wenn sie längst international gefragt sind.

„Mir gefällt hier die Tradition, die enge Vernetzung mit der Kunstuniversität und den vielen anderen Einrichtungen. So viel Musik, Kunst und Literatur auf engem Raum! In der Nachbarschaft zur Styriarte und zum Steirischen Herbst entsteht eine freundschaftliche Konkurrenz, die sich beglückend auf die Qualität auswirkt.“ Immer wieder entdeckt Oksana Lyniv trotzdem spannende Lücken. In den nächsten Spielzeiten widmet sie sich in Graz wieder ukrainischen Werken und bereitet für 2019/20 einen umfangreichen Zyklus mit Werken von Komponistinnen vor.

„So viel Musik, Kunst und Literatur auf engem Raum“

Im Hauptfoyer der Grazer Oper stehen Büsten des „Evangelimann“-Schöpfers Wilhelm Kienzl und von Alexander Girardi, dem unvergessenen Spieltenor der Wiener Operette. „Ich bin gespannt auf die nächste Achse mit Franz Xaver Mozart, die ich von Lviv hierher legen möchte.“ Den Mozartsohn macht Oksana Lyniv auch in der zweiten Ausgabe des von ihr 2017 gegründeten Festivals LvivMozArt zum Schwerpunkt. Sie springt im Gespräch ständig zwischen dem ukrainischen Namen Lviv und dem deutschen Lemberg hin und her. Neben den Grazer Verpflichtungen fand sie 2016 noch die Zeit zur Gründung des Jugendsymphonieorchesters der Ukraine nach Vorbild des Bundesjugendorchesters. Ihr Auftritt mit den Jugendlichen beim Young Euro Classic am 16. August im Konzerthaus Berlin wird von Arte aufgezeichnet, und für das Grazer Gastspiel am 17. September hat sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. „Wir rekonstruieren Teile eines Konzerts, bei dem Franz Xaver Mozart 1844 hier in Graz als Pianist auftrat. Es gibt eine Komposition von ihm, dazu als repräsentative Werke aus seinem Umfeld Beethovens Die Geschöpfe des Prome­theus und die Ouvertüre zu Boieldieus Rotkäppchen.“

Längst haben wir auf einem Steg wieder die Mur überquert. Die künstliche Murinsel, deren gerundete Form vage Ähnlichkeit mit einer Muschel hat, liegt zwischen dem historischen Graz und den hippen Szene-Locations um den Lendplatz. Ganz in der Nähe lebte lange Jahre der in Lemberg geborene Autor und Historiker Leopold von Sacher-Masoch, dessen Einsatz gegen den Antisemitismus leider viel weniger bekannt ist als seine sprichwörtlich gewordene Prosa. Er, dem man im Kulturhauptstadtjahr 2003 ein umfangreiches Projekt widmete, gehört genauso zu Graz wie der unvergessene Robert Stolz oder Karl Böhm, dessen Ehrenbüste derzeit für das dokumentarische Stück von Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan an das Schauspielhaus am Freiheitsplatz geliehen ist. Zu entdecken gäbe es noch viel mehr, aber Oksana Lyniv muss zurück. Am nächsten Tag leitet sie die Grazer Erstaufführung einer der schönsten und spannendsten Opern Rossinis.


Tipps, Infos & Adressen

Stephaniensaal Graz
Foto: Robert Illemann

Musik & Kunst

Der Grazer Musikverein bietet das ganze Jahr hochkarätige Konzerte. Das Museum Joanneum zeigt eine ­Jubiläumsaustellung des Steirers Peter ­Rosegger. Der Steirische Konzertsommer versteht sich als Einladung in die malerische Landschaft. Als weitere Fe­s­tivals locken die styriarte und der 51. steirische herbst.

Sulmtaler Hendl
Foto: Graz Tourismus / Werner Krug

Essen & Trinken

Kürbiskernöl, Backhendl, Mehlspeisen und dazu ein Glas steirischen Schilcher … Im Grunde kommt man in jedem Gasthaus Richtung Hausberg Schöckl auf seine Kosten. Beliebt ist der Stoffbauer oberhalb des Stadtteils Mariatrost. Beim Laufke in Nähe zu Stadtpark und Univiertel sollte man unbedingt reservieren. Das Café im Burggarten, das Kunsthauscafé oder der Lendplatz mit Bauernmarkt sind Orte zum Verlieben.

Lendhotel Graz
Foto: Lendhotel

Übernachten

Neben Dependancen internationaler Ketten gibt es ein breites Angebot regionaler Anbieter. Das Lendhotel  im hippen Lend-Quartier vereint modernen Komfort und Kunst ebenso wie das in der Altstadt gelegene Augarten Art Hotel oder das Schlossberg-Hotel.

Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here