David Reichelt

Der Klang­tüftler

von Maria Goeth

8. Februar 2018

David Reichelt hat gerade den Deutschen Filmmusikpreis gewonnen. In seinem Studio lüftet der Komponist einige Geheimisse seiner Zunft.

Da liegt es also, eines der Epizen­tren der Film­musik. Im lauschigen Münchner Stadt­teil Wald­tru­de­ring passiere ich hübsche Häuser­reihen mit gepflegten Vorgärten. Ich bin auf dem Weg zu , preis­ge­krönter Film- und Fern­seh­kom­po­nist und zusammen mit Sängerin Caro­line Adler frisch­ge­ba­ckener Gewinner des Deut­schen Film­mu­sik­preises – ausge­zeichnet wurden sie für den lyri­schen Titel­song in Matthias Langs deut­schem Fantasy-Streifen König Laurin.

David Reichelts Titel­song zu Matthias Langs Film König Laurin

An der Tür zur Ideen­schmiede nimmt mich der perfekt gestylte 31-Jährige herz­lich in Empfang. In Erwar­tung eines irgendwie gear­teten Produktiv-Chaos, verblüffen mich Klar­heit, Moder­nität und Aufge­räumtheit des Ortes, der Studio und Privat­woh­nung in einem und in dessen Edel­stahl­küche eine akku­rate Teesamm­lung aufge­reiht ist. Das Arbeits­zimmer wird von einem Schreib­tisch mit drei großen Bild­schirmen, einer auszieh­baren Klaviatur und einigen hoch­wer­tigen Laut­spre­chern domi­niert. In einem Schrank versteckt sich ein Mini-Aufnah­me­studio, das Reichelt selbst mit Akus­tik­mo­dulen ausge­kleidet hat. Auf einem nied­rigen Holz­regal reihen sich exoti­sche Flöten­in­stru­mente anein­ander: von arme­ni­scher Duduk über chine­si­sche Xiao bis zur irischen Tin Whistle und modernem Xaphoon.

David Reichelt

»Für skur­rile Musik­welten räume ich auch mal meine Küche aus und sample Klänge daraus«

Jetzt will ich es wissen. Wie genau kompo­niert man eine Film­musik? Wie verläuft der Arbeits­pro­zess? „Das ist sehr unter­schied­lich“, betont Reichelt. Bei manchen Projekten steigt er früh ein, bekommt bereits die erste Dreh­buch­fas­sung des Films und verfolgt die gesamte Entwick­lung mit. Manchmal passiert das erst sehr spät. Gerade „pitcht“ Reichelt für eine Fern­seh­serie, bewirbt sich also dafür mit einem Musik­kon­zept. Der Film ist fertig abge­dreht. Er muss also „nur“ noch den rich­tigen Sound zum Mate­rial finden. In der Regel entscheiden Produ­zent und Regis­seur, wer eine Musik zum Film kompo­nieren soll. Reichelt arbeitet den fertigen Film mehrere Male durch. Manchmal hat der Cutter bereits soge­nannte „Temp-Tracks“ darun­ter­ge­legt, vorüber­ge­hend einge­setzte Musik aus anderen Filmen, die ihm bei seinem Schneide-Rhythmus hilft. Reichelt igno­riert diese manchmal lästigen Füller elegant, um etwas Neues zu schaffen. Er setzt sich ans Klavier, spielt, kompo­niert und notiert erst einmal einige simple Themen, die melo­di­sche und harmo­ni­sche Kern­aus­sage. Diese Themen entwi­ckelt er dann weiter, macht sich eine sche­ma­ti­sche Auflis­tung, wie er den Film gestalten möchte: Wo soll über­haupt Musik erklingen und für was soll sie stehen? Dabei sind der Regis­seur und später die Produ­zenten invol­viert, mit denen Reichelt über Span­nungs­bögen und Struk­turen debat­tiert.

Dann wird „auspro­du­ziert“, also orches­triert, gege­be­nen­falls Solisten invol­viert und tatsäch­lich einge­spielt. „Wenn ich nicht explizit den Charakter von elek­tro­ni­scher Musik treffen will, nehme ich alles selbst auf“, so Reichelts Ehrgeiz. „Ich baue nicht mit Samples reale Instru­mente nach. Das erreicht nie die 100 Prozent einer echten Inter­pre­ta­tion“. Für gängige Instru­mente hat er eine Stamm­be­set­zung aus seinem Netz­werk, die er „zusam­men­te­le­fo­niert“ und Stück für Stück bei sich im Studio aufnimmt. Vieles spielt Reichelt dabei höchst­per­sön­lich ein, so ist er etwa leiden­schaft­li­cher Saxo­fo­nist oder über­nahm in der märchen­haften Fanta­sie­welt von König Laurin verschie­dene ethni­sche Instru­mente. „Ich habe schon während der Schul­zeit Instru­mente gesam­melt“, strahlt Reichelt. „Ich liebe es, neue zu lernen! Hier im Studio habe ich gerade über 50 verschie­dene. Für skur­rile Musik­welten räume ich auch mal meine ganze Küche aus und sample Klänge daraus. Oder ich gurgle oder singe mit morgend­li­cher Reib­ei­sen­stimme und verzerre das zu synthe­si­zer­ar­tiger Musik.“

David Reichelt

»Ich habe die Musik so arran­giert, dass sie von guten Musi­kern beim ersten Mal zu spielen ist«

Für die opulenten Orches­t­er­klänge der Laurin-Produk­tion hatte Reichelt für zwei Tage das Babels­berger Film­or­chester zur Verfü­gung. „Das war für die Aufnahme von einer ganzen Stunde Orches­ter­musik sehr knackig“, gesteht Reichelt. „Da muss man effi­zient arbeiten. Ich habe die Musik so arran­giert, dass sie von guten Musi­kern beim ersten Mal zu spielen ist und Themen­va­ria­tionen hinter­ein­ander aufge­nommen werden.“ Als reines Film­mu­sik­or­chester sind die Babels­berger gewöhnt, „auf Klick“ einzu­spielen – also einen Klick­track auf ihre Kopf­hörer bekommen, der eine zeit­lich absolut pass­ge­naue Einspie­lung gewähr­leistet. Beim Diri­gent läuft außerdem in einem Bild­schirm der Film mit, der beispiels­weise zusätz­lich mit Count­downs zum Abwinken von Schluss­ak­korden versehen ist. Diese richtet Reichelt selbst ein, der hier zum Produk­ti­ons­leiter wird. Beim anschlie­ßenden Mischen dieser „Hybrid­pro­duk­tionen“ werden dann Orches­ter­klang, unab­hängig davon einge­spielte Solisten und elek­tro­ni­sche Zuspie­lungen zu einem idealen Raum­klang „vermengt“.

Heute ist Reichelt zuneh­mend gut im Geschäft, doch auch für ihn war aller Anfang schwer. Er kompo­niert, seit er sechs Jahre alt ist, obwohl keiner in seiner Familie Musik machte. In der Schule schrieb er Musik für die Thea­ter­gruppe. Die Symbiose zwischen Bild und Musik faszi­nierte ihn. Doch es sollte zermür­bende 19 Aufnah­me­prü­fungen dauern, bis Reichelt seinen Platz in der Kompo­si­ti­ons­klasse von Film­mu­sik­le­gende (Herbst­milch, Schlafes Bruder, Stalin­grad) fand. „Es gab keine Alter­na­tive für mich! Das wollte ich machen“, so Reichelt, deshalb kämpfte er, bis es vier Jahre später endlich klappte.

David Reichelt

»Selbst Musik zu schaffen, war mein grund­sätz­li­ches Bedürfnis!«

Doch dann folgten erste kleine, unbe­zahlte Projekte, etwa mit der Hoch­schule für Fern­sehen und Film in und Musik für Werbe­spots zum Geld­ver­dienen. Peu à peu baute Reichelt sein Netz­werk auf. Es kam eine erste Reihe – die baye­ri­sche Fern­seh­serie Hinda­fing –, in der er die Intrigen und die Verschro­ben­heit der Dorf­be­wohner im schrillen, redu­zierten Jazz­sound auf Schlag­zeug, Bass und Saxofon – Letz­teres von Reichelt selbst gespielt – wider­spie­gelte. „Die Drogen­rausch­szenen bei Hinda­fing sind musi­ka­lisch betrachtet sehr wild“, lacht er. Die insge­samt 4,5 Stunden Film­ma­te­rial sind nach ihrer Fern­seh­aus­strah­lung 2017 nun auf Netflix zu sehen.

Und jetzt? Ist der Deut­sche Film­mu­sik­preis für König Laurin ein höhni­scher Triumph? „Nein“, bleibt Reichelt bescheiden. „Das gibt nach all den Kämpfen und den vielen komplett durch­ge­ar­bei­teten Jahren Kraft und setzt einiges in einem frei. Es war ein über­wäl­ti­gendes Gefühl, und da sind an diesem Abend schon ein paar Freu­den­tränen geflossen.“ Aktuell sitzt Reichelt in den Start­lö­chern für einen weiteren Kino­film, La Palma. Es geht darum, was Liebe bedeutet, um ein Pärchen, das kurz vor der Tren­nung steht und es noch einmal mitein­ander versu­chen will. Und sein Wunsch­traum? Na, wenn Holly­wood anklopfen würde, wäre das schon nicht schlecht. Viel­leicht einen Titel­song für James Bond schreiben …?

Fotos: Maria Goeth