Der blinde Passagier

Wiederentdeckung der Autorin Maria Lazar

Exil als Ding der Unmög­lich­keit

von Antoinette Schmelter-Kaiser

22. Mai 2026

Am Münchner Volkstheater hat „Der blinde Passagier“ Premiere: ein bedrückendes Zeitzeugnis aus den 1930er Jahren über das Dilemma, ein Menschenleben zu retten und dadurch selbst in Gefahr zu geraten.

Der jüdi­sche Arzt Fritz Hart­mann soll Deutsch­land verlassen. Aber alle Grenzen sind für ihn verschlossen. Exil ist für ihn also ein Ding der Unmög­lich­keit. Trotzdem muss und will er weg. Um dieses Dilemma kreist das Stück „Der blinde Passa­gier“, aus ihm ergibt sich seine Dramatik. Denn weil sich Hart­mann auf der Flucht vor Verfol­gern auf ein däni­sches Schiff rettet, wird sein Schicksal mit dem der Besat­zung verwoben. Mora­lisch-mensch­lich gesehen, fühlt diese sich zu Hart­manns Rettung verpflichtet. Gleich­zeitig gerät sie selbst in Gefahr, falls Hart­mann entdeckt werden sollte.

Wie hin- und herge­rissen Kapitän Petersen, seine Tochter Nina, sein Sohn Carl und Steu­er­mann Jörgen, der auch Ninas Verlobter ist, in dieser diffi­zilen Situa­tion sind, zeigt Adrian Figue­roas Insze­nie­rung am Münchner Volks­theater. Manchmal blitzen Momente von Hoff­nung, Liebe und Leich­tig­keit hervor. Insge­samt domi­niert aber eine Atmo­sphäre voller Düsternis, Bedro­hung und Angst, die Bühnen­bild (Irina Schi­cketanz), Musik (Ketan Bhatti) und groß­flä­chige, schwarz-weiße Video­pro­jek­tionen (Benjamin Krieg) intensiv unter­strei­chen; Zentrum des Gesche­hens ist ein riesiges halbiertes Schiff samt Ober­deck, Kajüten und Lade­raum, das konstant auf einer Dreh­bühne kreist, sich hebt und senkt. Dabei liegt der Geruch von Metall und Maschi­nenöl in der Luft.

Am Münchner Volks­theater, das mehr­heit­lich für schrill-über­zeich­nete Insze­nie­rungen steht, fällt die natu­ra­lis­ti­sche Erzähl­weise und Darstel­lungsart dieses Thea­ter­abends aus dem Rahmen. Das erklärt sich aber vor dem Hinter­grund, dass das Stück von der lange verges­senen Autorin Maria Lazar stammt, die selbst Jüdin war und aus Nazi­deutsch­land floh. So wird „Der blinde Passa­gier“ zu einem bedrü­ckenden Zeit­zeugnis aus den 1930er Jahren, das gleich­zeitig ins Hier und Heute über­tragen werden kann. Welche Verant­wor­tung tragen wir für Asyl­su­chende, die nicht länger in ihrer Heimat leben können? Wo posi­tio­nieren sich Deutsch­land zwischen Abschot­tung und Will­kom­mens­kultur? Auch diese Fragen kreisen nach der Première im Kopf.

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Weitere Termine am 27.5., 11./12./25.6., 3./4./17.7.2026
https://www.muenchner-volkstheater.de/programm/schauspiel/der-blinde-passagier

Fotos: Marcella Ruiz Cruz