Der New Yorker Bratschist David Aaron Carpenter tritt als Solist mit renommierten Orchestern in den USA und Europa auf. Als Geschäftsmann handelt er zugleich mit teuren Streichinstrumenten.

n inter­na­tio­na­ler Aner­ken­nung fehlt es David Aaron Car­pen­ter nicht. Der 32-jäh­ri­ge Brat­schist, auf Long Island bei New York auf­ge­wach­sen, gewann Prei­se bei meh­re­ren Wett­be­wer­ben, wur­de von Stars wie Pin­chas Zuker­man, Yuri Bash­met und Chris­toph Eschen­bach geför­dert und trat mit Mit­glie­dern der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker auf. Unter Lei­tung von Diri­gen­ten wie Vla­di­mir Jurow­ski nahm er mit dem Lon­don Phil­har­mo­nic Orches­tra ein kürz­lich bei War­ner Clas­sics erschie­ne­nes Album mit Wer­ken von Antonín Dvořák, Béla Bar­tók und Wil­liam Walton auf. „Ein über­ra­gen­der Vio­laspie­ler unse­rer Zeit“, jubel­te ein Kri­ti­ker der Süd­deut­schen Zei­tung, der ihm einen „unge­mein offen­si­ven, manch­mal ver­zeh­ren­den Ton von so lyri­scher wie dra­ma­ti­scher Kraft“ beschei­nig­te.

Kon­zer­te zu geben und Alben ein­zu­spie­len füllt Car­pen­ters Leben aller­dings nicht aus. „Musik ist nicht das ein­zig Wich­ti­ge in mei­nem Leben. Mehr als zwei oder drei Stun­den am Tag woll­te ich nie üben“, erklärt er frei­mü­tig im Inter­view. Statt sich im Hotel auf Tour­nee­auf­trit­te vor­zu­be­rei­ten, schaut er sich in frem­den Städ­ten lie­ber Muse­en an. Wie sei­ne älte­ren Geschwis­tern Sean und Lau­ren, eben­falls aus­ge­bil­de­te Musi­ker, stu­dier­te er an der Eli­te-Uni­ver­si­tät Prince­ton, mach­te einen Abschluss in Poli­tik­wis­sen­schaf­ten und spe­zia­li­sier­te sich danach auf Wirt­schaft. Gemein­sam betreibt das Trio inzwi­schen einen offen­bar flo­rie­ren­den Han­del mit wert­vol­len Gei­gen, Vio­len und Vio­lon­cel­li von legen­dä­ren Instru­men­ten­bau­ern wie Stra­di­va­ri, Gua­da­gni­ni oder Guar­ne­ri Del Gesù. Das 2010 gegrün­de­te Fami­li­en­un­ter­neh­men bezif­fert den Wert sei­ner Geschäf­te mit Instru­men­ten und Kunst­wer­ken auf mehr als 150 Mil­lio­nen Dol­lar.

David Aaron Carpenter mit seinen Geschwistern Lauren und Sean
Foto: Car­rie Buell
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Car­pen­ter, der in sei­nen extra­va­gan­ten Desi­gner­ja­cken wie aus dem Ei gepellt aus­sieht, zog mit den Geschwis­tern in das ehe­ma­li­ge Town­house des Diri­gen­ten Lorin Maazel am Cen­tral Park und spä­ter in das luxu­riö­se Pla­za Hotel. Als Unter­neh­mer knüp­fen die Car­pen­ters seit­her geschickt Ver­bin­dun­gen zur Finanz- und Musik­welt. Rare Instru­men­te wie Stra­di­va­ri-Vio­li­nen sol­len etwa bei Hedge­fonds-Mana­gern als siche­re Kapi­tal­an­la­gen hoch im Kurs ste­hen. Nach erfolg­ter Trans­ak­ti­on ver­lei­hen man­che Käu­fer ihre Instru­men­te an Musi­ker des von den Geschwis­tern gegrün­de­ten Salo­me Cham­ber Orches­tra, in dem die Car­pen­ters zusam­men mit Absol­ven­ten renom­mier­ter Hoch­schu­len wie der Juil­li­ard School oder dem Cur­tis Insti­tu­te of Music spie­len. Wie David Aaron Car­pen­ter erklärt, könn­ten Nach­wuchs­ta­len­te Ins­trumente im Wert von 300.000 bis 500.000 Dol­lar wohl kaum aus eige­ner Tasche bezah­len. Die Erlö­se von Bene­fiz­kon­zer­ten des Orches­ters, an denen sich bei­spiels­wei­se auch der dama­li­ge Chef­di­ri­gent der New Yor­ker Phil­har­mo­ni­ker, Alan Gil­bert, betei­lig­te, gehen an gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­tio­nen. Die Car­pen­ters haben sich auf die­se Wei­se auch eine öffent­lich­keits­wirk­sa­me Platt­form geschaf­fen, die ihren Geschäf­ten för­der­lich ist.

Ich kann es nie erwar­ten, vor Publi­kum auf­zu­tre­ten. War­um man vor Kon­zer­ten über­haupt Lam­pen­fie­ber haben kann, ver­ste­he ich nicht“, erklärt Car­pen­ter mit einer Mischung aus kind­li­cher Unbe­fan­gen­heit und einer gewis­sen Groß­spu­rig­keit. Wenn er über die Ori­gi­nal­stü­cke und Tran­skrip­tio­nen spricht, die er auf sei­ner Vio­la von Miche­le Deco­net aus dem Jahr 1766 spielt, zwei­felt man nicht an sei­ner Begeis­te­rung für Musik. Wel­chen Spa­gat er zwi­schen Kunst und Kom­merz voll­führt, zeigt sich aller­dings deut­lich, wenn er bei Wer­be­ver­an­stal­tun­gen von Auk­ti­ons­häu­sern auf­tritt, die Instru­men­te zu hor­ren­den Prei­sen anbie­ten. In einem Video auf You­tube spielt er bei Sotheby’s in New York die 1719 von Stra­di­va­ri gefer­tig­te „MacDonald“-Viola. Das eins­ti­ge Instru­ment von Peter Schid­lof, dem 1987 ver­stor­be­nen Grün­der des Ama­de­us Quar­tetts, soll­te vor eini­gen Jah­ren für schwin­del­erre­gen­de 45 Mil­lio­nen Dol­lar den Besit­zer wech­seln. Unter dem Mot­to „Das teu­ers­te Kon­zert aller Zei­ten!“ pos­te­te das Salo­me Cham­ber Orches­tra einen Clip, auf dem Car­pen­ter und ande­re Musi­ker auf ins­ge­samt acht Stra­di­va­ris Astor Piaz­zollas Libertan­go spie­len. Obwohl Car­pen­ter mehr­mals im Fern­se­hen auf­trat, fand die „MacDonald“-Viola zu dem avi­sier­ten Preis kei­nen Abneh­mer.

Kunst hat zwei­fel­los nicht nur einen ide­el­len, son­dern auch einen mate­ri­el­len Wert. Doch wie viel künst­le­ri­sche Frei­heit bleibt erhal­ten, wenn das Preiseti­kett stets über­groß sicht­bar ist? Sei­ne wert­vol­le Deco­net-Vio­la spie­le er nur zu sel­te­nen Anläs­sen, sagt David Aaron Car­pen­ter. „Auch mei­ne Geschwis­ter rei­sen nicht mit ihren Stra­di­va­ris und Guar­ne­ris durch die Welt, obwohl sie uns gehö­ren. Bei beson­ders wich­ti­gen Auf­trit­ten oder bei Plat­ten­auf­nah­men mache ich eine Aus­nah­me. Ansons­ten benut­ze ich eine Kopie mei­nes Haupt­in­stru­ments. Ich möch­te ja nicht, dass es durch Krat­zer oder Schweiß beschä­digt wird.“ Vie­le Musi­ker, die ihr Instru­ment täg­lich spie­len, um ihre Inter­pre­ta­tio­nen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, mögen hier vehe­ment wider­spre­chen. Denn ein Samm­ler­stück, das im Muse­um für die Zukunft kon­ser­viert wird, bleibt von der Gegen­wart abge­kop­pelt.

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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