Man bleibt unter sich: Diana Damrau, die Königin des Koloratursoprans, hat sich dem Werk des Belcanto-Komponisten Gaetano Donizetti unter einem ganz besonderen Aspekt gewidmet und schlüpft für ihr neues Album Tudor Queens in das Korsett dreier tragischer Figuren: Maria Stuarda, Anna Bolena und Elisabetta aus Roberto Devereux.

Liederabend in Hamburg, Diana Damrau und der Harfenist Xavier de Maistre. Der Sopranistin unterläuft bei den französischen Zeilen ein winziger Textdreher. Backstage sagt sie kichernd: „Ich hab‘ gedichtet!“ Damrau kichert gern, und sie tut es oft. Das wirkt erfrischend unverstellt – aber so ist dieses ganze Bündel Energie insgesamt. Kein Brimborium, nirgends. Dabei gehört Damrau seit vielen Jahren zur Weltspitze der Koloratursopranistinnen.

Der Anruf für das CRESCENDO-Interview erreicht die Primadonna in der Küche ihres Ferienhauses in der Provence, wo sie gerade für die Familie Pasta zubereitet. Hin und wieder kichert sie, wenn etwas überkocht.

CRESCENDO: Wo und wie haben Sie den Lockdown überstanden, Frau Damrau?

Diana Damrau: Hier in Südfrankreich. Wir hatten ja über Nacht nichts mehr zu singen und schlagartig einen anderen Beruf: Grundschullehrer. Da ist man den ganzen Tag im Einsatz! Aber so konnten wir hier auch mal den Frühling erleben und uns intensiv um den Garten kümmern. Das war schon eine besondere Zeit.

Wie ist es Ihnen denn mit dem plötzlichen Stillstand gegangen?  

Ich bin erst mal in Schockstarre verfallen. Dann habe ich angefangen, Oratorienarien und etwas freudigeres Repertoire zu singen. Und zu meditieren. Zudem kümmere ich mich um meine Stimme. Das ist die Gelegenheit, den Flieger, der dauernd im Einsatz ist, in den Hangar zu stellen und zum TÜV zu bringen. Ausprobieren, reflektieren, an Stellschrauben drehen, wieder ausprobieren.

»Es wird wahrscheinlich eine Generation von jungen Künstlern verlorengehen.«

Klingt fast beneidenswert. Andere bangen derweil, ob sie überhaupt noch im Geschäft sein werden.

Wir versuchen zu unterstützen, wo es geht, und zu helfen, gerade jungen Sängern. Das muss man doch tun in der Position, die man als namhafter Künstler hat. Es ist erschütternd, wie die Kultur oftmals behandelt bzw. nicht behandelt wird. Es wird wahrscheinlich eine Generation von jungen Künstlern verlorengehen, wegbrechen. Manche können ihren Beruf nicht mehr ausüben. Mit großem Aufwand und viel Kreativität kann man einiges verwirklichen. Aber wenn man dann sieht, was teilweise in anderen Bereichen möglich ist, fragt man sich, weshalb Oper in reduzierter Form oder kleine Konzertformate nicht möglich sind.

Sie haben immerhin im September in Zürich Donizettis Maria Stuarda gesungen, eine der drei Heldinnen Ihres neuen Albums Tudor Queens.

Für ein Bühnentier sind das die tollsten Stücke. Die sind stimmlich und theatralisch eine Riesenfreude. Da kann man mit der Stimme spielen und hat gestandene Frauen vor sich mit allem, was man gestalterisch, stimmlich zeigen kann und darf.

Bei diesen wahnsinnigen Donizetti-Frauen kommt einem unweigerlich Edita Gruberova in den Kopf …

Immer, wenn ich sie irgendwo erleben konnte, bin ich hingegangen! Und dachte: So möchte ich auch gern mal singen.

Und nun singen Sie genauso erfolgreich, aber ganz anders.

Das ist ja das Tolle am Belcanto, dass man sich an der eigenen Stimme orientieren muss. Man hat die Möglichkeit zu entscheiden, wie man die Kadenzen ausziert und wie man die Stimme einsetzt, ob man in höheren oder tieferen Lagen singt. Manche wollen einen dramatischen, andere einen lyrischen Koloratursopran. Es ist sehr individuell. Man kann auch umgestalten, das Tempo variieren und Fermaten einbauen. Man muss den entsprechenden Subtext finden. Es ist natürlich Vokalakrobatik, aber es soll immer mit der Figur verbunden bleiben.

»Wenn Frauen trotz ihres Korsetts implodieren oder explodieren, ist das urmenschlich, urfraulich.«

Donizetti zeigt die Königinnen, die ihre Empfindungen tagein, tagaus panzern mussten, gleichsam von innen. Das emotionale Spektrum ist riesig. Spielt der königliche Hintergrund überhaupt eine Rolle für Ihre Interpretation? 

Die Frauen stecken im Korsett ihres Rangs. Sie waren dauernd in Todesgefahr, sie konnten vor nichts und niemandem sicher sein. Schon das verleiht den Figuren Dringlichkeit. Donizetti schildert sie mit allen Problemen, an denen sie zerbrechen. Wenn sie trotz ihres Korsetts implodieren oder explodieren, hat das nichts Königliches an sich. Das ist urmenschlich, urfraulich.

Die drei Opern entstanden zur Zeit des Risorgimento, der großen Einigungsbewegung Italiens. Hat Donizetti sich seine Sujets aus politischen Motiven ausgesucht?

Ganz bestimmt. Um zu zeigen, was ein absolutistischer Staat für Auswirkungen haben kann. Es war ein Mittel, die Leute aufzurütteln, zu schockieren und zu Diskussionen anzuregen. Natürlich muss man das immer im Kontext der Entstehungszeit begreifen. Wir würden die Themen, die Donizetti behandelt, heute aus einem anderen Blickwinkel sehen, etwa unter dem Aspekt der Emanzipation. Bei Donizetti ist die Frau Opfer von Zwängen. Die Krone und die Verantwortung wurden ihr aufgeladen. Er schildert die Unfreiheit, gegen die der Mensch sich auflehnt, revoltiert oder wahnsinnig wird. Die Sopranstimme dient ihm zur Darstellung für diese Pathologie.  

Diana Damrau widmet sich auf ihrem Album "Tudor Queens" den Königinnen von Gaetano Donizetti
Belcanto-Koloraturen sind ihr Revier: die Koloratursopranistin Diana Damrau
(Alle Fotos des Beitrags: Chris Singer / Parlophone Records Ltd)

Wie man bei Anna Bolena erleben kann, wenn sie im Gefängnis von einem geschmückten Altar fantasiert und die Blumen mit Koloraturen in die Luft zeichnet. Diese Belcanto-Koloraturen sind Ihr Revier. Aber jede Stimme entwickelt sich. In welche Richtung geht es bei Ihnen zurzeit?

Meine Stimme ist und bleibt ein Koloratursopran. Früher war es ein leichterer, jetzt wird es ein etwas schwererer, fraulicherer, ein dramatischer Koloratursopran. Das bedeutet, ich habe die absoluten Höhen, aber auch eine etwas größere Mittellage und Tiefe. Wenn ich lyrischere Rollen singe, dann behält meine Stimme trotzdem ihre Farben und Eigenheiten. Ich habe nur ein Instrument.

Verändert sich die Kondition über die Jahre?

Ich muss schauen, dass ich meine Stimme pflege und mir die nötige Zeit gönne. Ab vierzig stellt einem der Körper schon Fragen. Was früher selbstverständlich ging, fällt nicht mehr so leicht. Dem muss man dann auf den Grund gehen. Die Arbeit an der eigenen Stimme endet nie.

Welches Repertoire würden Sie sich gerne erschließen?

Ich hatte eine Zeit der großen Primadonnenrollen. Jetzt möchte ich mehr Konversationsstil, die Feinheiten, die ich in meiner Muttersprache singen kann. Ich hoffe, dass ich Capriccio in Paris wie geplant interpretieren darf. Und die Figaro-Gräfin. Strauss und Mozart.

Wie sieht Ihr vokales Trainingsprogramm aus?

Die „angry crazy woman“ habe ich während der Auszeit etwas zur Seite gelegt. Aber die Arbeit geht natürlich weiter. Üben ist wie Zähneputzen. Vokalisen, Läufe, hohe Töne, Staccati, alles, was man so braucht zum Belcanto, das volle Programm. Zurzeit mit etwas mehr Muße und Entspanntheit. Das tut gut.

Ihre Söhne sind sieben und neun Jahre alt. Die fragen vermutlich nicht danach, ob die Mutter sich schonen muss. Denken Sie im Familienalltag an Ihre Stimme als Instrument?

Nein. Ich werde auch nicht zur tobenden Königin der Nacht. Aber klar, unser Instrument ist im Dauereinsatz.

Foto Titelbild: Chris Singer / Parlophone Records Ltd