Diana Damrau

Queen Diana

von Verena Fischer-Zernin

12. Oktober 2020

Man bleibt unter sich: Diana Damrau, die Königin des Koloratursoprans, hat sich dem Werk des Belcanto-Komponisten Gaetano Donizetti unter einem ganz besonderen Aspekt gewidmet und schlüpft für ihr neues Album Tudor Queens in das Korsett dreier tragischer Figuren: Maria Stuarda, Anna Bolena und Elisabetta aus Roberto Devereux.

Lieder­abend in , und der Harfe­nist . Der Sopra­nistin unter­läuft bei den fran­zö­si­schen Zeilen ein winziger Text­dreher. Back­stage sagt sie kichernd: „Ich hab« gedichtet!“ Damrau kichert gern, und sie tut es oft. Das wirkt erfri­schend unver­stellt – aber so ist dieses ganze Bündel Energie insge­samt. Kein Brim­bo­rium, nirgends. Dabei gehört Damrau seit vielen Jahren zur Welt­spitze der Kolo­ra­turs­o­pra­nis­tinnen.

Der Anruf für das CRESCENDO-Inter­view erreicht die Prima­donna in der Küche ihres Feri­en­hauses in der Provence, wo sie gerade für die Familie Pasta zube­reitet. Hin und wieder kichert sie, wenn etwas über­kocht.

CRESCENDO: Wo und wie haben Sie den Lock­down über­standen, Frau Damrau?

Diana Damrau: Hier in . Wir hatten ja über Nacht nichts mehr zu singen und schlag­artig einen anderen Beruf: Grund­schul­lehrer. Da ist man den ganzen Tag im Einsatz! Aber so konnten wir hier auch mal den Früh­ling erleben und uns intensiv um den Garten kümmern. Das war schon eine beson­dere Zeit.

Wie ist es Ihnen denn mit dem plötz­li­chen Still­stand gegangen? 

Ich bin erst mal in Schock­starre verfallen. Dann habe ich ange­fangen, Orato­ri­e­na­rien und etwas freu­di­geres Reper­toire zu singen. Und zu medi­tieren. Zudem kümmere ich mich um meine Stimme. Das ist die Gele­gen­heit, den Flieger, der dauernd im Einsatz ist, in den Hangar zu stellen und zum TÜV zu bringen. Auspro­bieren, reflek­tieren, an Stell­schrauben drehen, wieder auspro­bieren.

»Es wird wahr­schein­lich eine Genera­tion von jungen Künst­lern verlo­ren­gehen.«

Klingt fast benei­dens­wert. Andere bangen derweil, ob sie über­haupt noch im Geschäft sein werden.

Wir versu­chen zu unter­stützen, wo es geht, und zu helfen, gerade jungen Sängern. Das muss man doch tun in der Posi­tion, die man als namhafter Künstler hat. Es ist erschüt­ternd, wie die Kultur oftmals behan­delt bzw. nicht behan­delt wird. Es wird wahr­schein­lich eine Genera­tion von jungen Künst­lern verlo­ren­gehen, wegbre­chen. Manche können ihren Beruf nicht mehr ausüben. Mit großem Aufwand und viel Krea­ti­vität kann man einiges verwirk­li­chen. Aber wenn man dann sieht, was teil­weise in anderen Berei­chen möglich ist, fragt man sich, weshalb Oper in redu­zierter Form oder kleine Konzert­for­mate nicht möglich sind.

Sie haben immerhin im September in Doni­zettis Maria Stuarda gesungen, eine der drei Heldinnen Ihres neuen Albums Tudor Queens.

Für ein Bühnen­tier sind das die tollsten Stücke. Die sind stimm­lich und thea­tra­lisch eine Riesen­freude. Da kann man mit der Stimme spielen und hat gestan­dene Frauen vor sich mit allem, was man gestal­te­risch, stimm­lich zeigen kann und darf.

Bei diesen wahn­sin­nigen Doni­zetti-Frauen kommt einem unwei­ger­lich Edita Gruberova in den Kopf …

Immer, wenn ich sie irgendwo erleben konnte, bin ich hinge­gangen! Und dachte: So möchte ich auch gern mal singen.

Und nun singen Sie genauso erfolg­reich, aber ganz anders.

Das ist ja das Tolle am Belcanto, dass man sich an der eigenen Stimme orien­tieren muss. Man hat die Möglich­keit zu entscheiden, wie man die Kadenzen ausziert und wie man die Stimme einsetzt, ob man in höheren oder tieferen Lagen singt. Manche wollen einen drama­ti­schen, andere einen lyri­schen Kolo­ra­turs­o­pran. Es ist sehr indi­vi­duell. Man kann auch umge­stalten, das Tempo vari­ieren und Fermaten einbauen. Man muss den entspre­chenden Subtext finden. Es ist natür­lich Vokal­akro­batik, aber es soll immer mit der Figur verbunden bleiben.

»Wenn Frauen trotz ihres Korsetts implo­dieren oder explo­dieren, ist das urmen­sch­lich, urfrau­lich.«

Doni­zetti zeigt die Köni­ginnen, die ihre Empfin­dungen tagein, tagaus panzern mussten, gleichsam von innen. Das emotio­nale Spek­trum ist riesig. Spielt der könig­liche Hinter­grund über­haupt eine Rolle für Ihre Inter­pre­ta­tion? 

Die Frauen stecken im Korsett ihres Rangs. Sie waren dauernd in Todes­ge­fahr, sie konnten vor nichts und niemandem sicher sein. Schon das verleiht den Figuren Dring­lich­keit. Doni­zetti schil­dert sie mit allen Problemen, an denen sie zerbre­chen. Wenn sie trotz ihres Korsetts implo­dieren oder explo­dieren, hat das nichts König­li­ches an sich. Das ist urmen­sch­lich, urfrau­lich.

Die drei Opern entstanden zur Zeit des Risor­gi­mento, der großen Eini­gungs­be­we­gung Italiens. Hat Doni­zetti sich seine Sujets aus poli­ti­schen Motiven ausge­sucht?

Ganz bestimmt. Um zu zeigen, was ein abso­lu­tis­ti­scher Staat für Auswir­kungen haben kann. Es war ein Mittel, die Leute aufzu­rüt­teln, zu scho­ckieren und zu Diskus­sionen anzu­regen. Natür­lich muss man das immer im Kontext der Entste­hungs­zeit begreifen. Wir würden die Themen, die Doni­zetti behan­delt, heute aus einem anderen Blick­winkel sehen, etwa unter dem Aspekt der Eman­zi­pa­tion. Bei Doni­zetti ist die Frau Opfer von Zwängen. Die Krone und die Verant­wor­tung wurden ihr aufge­laden. Er schil­dert die Unfrei­heit, gegen die der Mensch sich auflehnt, revol­tiert oder wahn­sinnig wird. Die Sopran­stimme dient ihm zur Darstel­lung für diese Patho­logie. 

Diana Damrau widmet sich auf ihrem Album "Tudor Queens" den Königinnen von Gaetano Donizetti
Belcanto-Kolo­ra­turen sind ihr Revier: die Kolo­ra­turs­o­pra­nistin Diana Damrau
(Alle Fotos des Beitrags: Chris Singer / Parlo­phone Records Ltd)

Wie man bei Anna Bolena erleben kann, wenn sie im Gefängnis von einem geschmückten Altar fanta­siert und die Blumen mit Kolo­ra­turen in die Luft zeichnet. Diese Belcanto-Kolo­ra­turen sind Ihr Revier. Aber jede Stimme entwi­ckelt sich. In welche Rich­tung geht es bei Ihnen zurzeit?

Meine Stimme ist und bleibt ein Kolo­ra­turs­o­pran. Früher war es ein leich­terer, jetzt wird es ein etwas schwe­rerer, frau­li­cherer, ein drama­ti­scher Kolo­ra­turs­o­pran. Das bedeutet, ich habe die abso­luten Höhen, aber auch eine etwas größere Mittel­lage und Tiefe. Wenn ich lyri­schere Rollen singe, dann behält meine Stimme trotzdem ihre Farben und Eigen­heiten. Ich habe nur ein Instru­ment.

Verän­dert sich die Kondi­tion über die Jahre?

Ich muss schauen, dass ich meine Stimme pflege und mir die nötige Zeit gönne. Ab vierzig stellt einem der Körper schon Fragen. Was früher selbst­ver­ständ­lich ging, fällt nicht mehr so leicht. Dem muss man dann auf den Grund gehen. Die Arbeit an der eigenen Stimme endet nie.

Welches Reper­toire würden Sie sich gerne erschließen?

Ich hatte eine Zeit der großen Prima­don­nen­rollen. Jetzt möchte ich mehr Konver­sa­ti­ons­stil, die Fein­heiten, die ich in meiner Mutter­sprache singen kann. Ich hoffe, dass ich Capriccio in Paris wie geplant inter­pre­tieren darf. Und die Figaro-Gräfin. Strauss und Mozart.

Wie sieht Ihr vokales Trai­nings­pro­gramm aus?

Die „angry crazy woman“ habe ich während der Auszeit etwas zur Seite gelegt. Aber die Arbeit geht natür­lich weiter. Üben ist wie Zähne­putzen. Voka­lisen, Läufe, hohe Töne, Stac­cati, alles, was man so braucht zum Belcanto, das volle Programm. Zurzeit mit etwas mehr Muße und Entspannt­heit. Das tut gut.

Ihre Söhne sind sieben und neun Jahre alt. Die fragen vermut­lich nicht danach, ob die Mutter sich schonen muss. Denken Sie im Fami­li­en­alltag an Ihre Stimme als Instru­ment?

Nein. Ich werde auch nicht zur tobenden Königin der Nacht. Aber klar, unser Instru­ment ist im Dauer­ein­satz.

Fotos: Chris Singer / Parlophone Records Ltd