Selbst in einem schall­to­ten Raum gibt es noch etwas zu hören. In Cam­bridge an der Har­vard-Uni­ver­si­tät betrat Ende der 1940er-Jah­re John Cage zum ers­ten Mal einen sol­chen Raum und freu­te sich, ein­mal nichts zu hören als Stil­le. Als er den Raum wie­der ver­ließ, hat­te er doch etwas gehört, näm­lich sich selbst. „Ich hör­te zwei Klän­ge, einen hohen und einen tie­fen. Als ich dies dem Ton­in­ge­nieur beschrieb, klär­te er mich dar­über auf, dass der hohe von den Akti­vi­tä­ten mei­nes Ner­ven­sys­tems her­rühr­te und der tie­fe von mei­nem Blut­kreis­lauf kam.“

Das inspi­rier­te Cage zu dem Stück 4’33’’. Ursprüng­lich für Kla­vier gedacht, ist das auf vier Minu­ten und 33 Sekun­den begrenz­te Stück belie­big erwei­ter­bar, sowohl was Dau­er, als auch was Instru­men­ta­ti­on betrifft. Allein – es darf kein ein­zi­ger Ton gespielt wer­den – drei Sät­ze lang tacet, Schwei­gen, nur Stil­le. Plötz­lich hört man im Kon­zert­saal die Ton­ku­lis­se des Publi­kums und der Außen­welt. Neben Fas­sun­gen für Sin­fo­nie­or­ches­ter und Death Metal Band gelang­te 2010, kurz vor Weih­nach­ten, die Pop­ver­si­on der 40-köp­fi­gen All-Star-Band Cage against the Machi­ne in die bri­ti­schen Charts.

Bis Mit­te des 19. Jahr­hun­derts aller­dings gal­ten Opern- und ande­re Musik­auf­füh­run­gen als etwas, das zahl­rei­cher Neben­klän­ge gera­de­zu bedurf­te“

Cage mach­te hör­bar, was seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts den Andachts­ko­dex eines Kon­zert­be­suchs immer wie­der durch­bricht. Aus einem ver­zagt ver­zär­tel­ten Hüs­teln wird ein in der Laut­stär­ke anschwel­len­der, anste­cken­der Hus­ten, der mehr und mehr Akzen­te zu set­zen weiß. Das ist von sol­cher Viel­sei­tig­keit, das gar vom „Röchel­ver­zeich­nis“ die Rede ist. Es folgt das ver­meint­lich pia­nis­si­mo gehal­te­ne Rascheln und Knis­tern des Hus­ten­bon­bon­pa­piers, Räus­pern, wie­der Zurecht­rü­cken, umrahmt von den Klang­bil­dern der betont acht­sam Zuspät­kom­men­den wie Zufrüh­ge­hen­den. Bis Mit­te des 19. Jahr­hun­derts aller­dings gal­ten Opern- und ande­re Musik­auf­füh­run­gen als etwas, das zahl­rei­cher Neben­klän­ge gera­de­zu bedurf­te.

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Zur Zeit Vival­dis wur­de in Vene­dig die Musik von aller­hand beglei­tet: „Vie­le Patri­zi­er gin­gen ver­klei­det in’ Thea­ter, um des­to unge­nier­ter ihre Mai­tres­sen mit in die übri­gens enorm teu­re Loge neh­men zu kön­nen. Dort wur­de gelacht und gelärmt“, und all das getan, was „Mann“ so mit sei­ner Mai­tres­se tut. Des Wei­te­ren „warf man Licht­stum­pen und ande­re Gegen­stän­de auf das Volk im Par­terre, ja, spuck­te hin­ab, wenn man einen kah­len Schä­del sah.“

Im Win­ter 1765/66 bereis­te der eng­li­sche Arzt und Autor Samu­el Sharp Ita­li­en: „In Nea­pel, ja, in ganz Ita­li­en ist es groß in Mode, die Oper als einen Ort zu sehen, um sich zu tref­fen und zu plau­dern, sodass man letzt­end­lich nicht wegen der Musik kommt, son­dern um, ohne jeg­li­che Zurück­hal­tung, die gan­ze Vor­stel­lung über zu lachen und zu reden. Man kann sich den­ken, dass eine Ansamm­lung meh­re­rer hun­dert Leu­te, die sich unter­hal­ten, die Stim­men der Sän­ger über­tö­nen muss. Neben dem Genuss einer laut­star­ken Unter­hal­tung bil­den sich manch­mal klei­ne Grup­pen, um Kar­ten zu spie­len.“

Wenn den Hörern ein Werk wirk­lich gefällt, dann hus­ten sie wei­ter, rut­schen hin und her, flüs­tern; das alles ist der nor­ma­le und behag­li­che Hin­ter­grund der Kon­zert­mu­sik“

Dar­über empör­te sich wie­der­um der ita­lie­ni­sche Lite­ra­tur­kri­ti­ker Giu­sep­pe Baret­ti und ent­geg­ne­te öffent­lich: „Als ob wir einen Mord bege­hen wür­den, wenn wir uns im Par­kett red­se­lig geben oder uns in den Logen zu einer Par­tie Kar­ten tref­fen. Selbst wenn wir nicht geneigt sind zuzu­hö­ren, wären unse­re Sän­ger äußerst unver­schämt, wenn sie nicht ihr Bes­tes geben wür­den, wer­den sie doch für ihr Tun sehr gut bezahlt. Caf­fa­rel­lo [gemeint ist der Kas­trat Gaeta­no Majo­ra­no (1710–1783), von dem sein berühm­ter Gesangs­leh­rer Nico­la Por­po­ra schwärm­te, er sei der „größ­te Sän­ger Ita­li­ens und der gan­zen Welt!“] wur­de bald eines Bes­se­ren belehrt, als es ihm in den Sinn kam, auf der Büh­ne in Turin sei­ne Pflicht zu ver­nach­läs­si­gen unter dem Vor­wand, das Publi­kum ach­te nicht genü­gend auf sei­nen Gesang. Kaum war die Oper zu Ende, wur­de er samt sei­nes maze­do­ni­schen Kos­tüms für eini­ge Näch­te ins Gefäng­nis gesteckt und Abend für Abend von dort auf die Büh­ne gebracht, bis er sich unter wie­der­hol­ten Bemü­hun­gen den Bei­fall aller ver­dient hat­te.“

Über­all gab es „kon­zer­timma­nen­te Geräusch­sym­pto­me“ zu hören: „In den Thea­tern in Vene­dig wur­de je nach Belie­ben applau­diert oder gepfif­fen. Lau­tes, anhal­ten­des Lachen hör­te man, schril­le Töne, tie­fe Bass­stim­men, Kichern, Schwat­zen, Miau­en, Krä­hen, erküns­tel­tes Nie­sen, Hus­ten, Gäh­nen, alles ging bunt durch­ein­an­der.“

Der skan­da­ler­prob­te Kom­po­nist Geor­ge Ant­heil war sich sicher: „Wenn den Hörern ein Werk wirk­lich gefällt, dann hus­ten sie wei­ter, rut­schen hin und her, flüs­tern; das alles ist der nor­ma­le und behag­li­che Hin­ter­grund der Kon­zert­mu­sik.“

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Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

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