Woher kommen eigentlich ...

Die außer­mu­si­ka­li­schen Klänge im Raum ?

von Stefan Sell

20. Mai 2018

»Wenn den Hörern ein Werk wirklich gefällt, dann husten sie weiter, rutschen hin und her, flüstern; das alles ist der normale und behagliche Hintergrund der Konzertmusik.«

Selbst in einem schall­toten Raum gibt es noch etwas zu hören. In Cambridge an der Harvard-Univer­sität betrat Ende der 1940er-Jahre zum ersten Mal einen solchen Raum und freute sich, einmal nichts zu hören als Stille. Als er den Raum wieder verließ, hatte er doch etwas gehört, nämlich sich selbst. „Ich hörte zwei Klänge, einen hohen und einen tiefen. Als ich dies dem Tonin­ge­nieur beschrieb, klärte er mich darüber auf, dass der hohe von den Akti­vi­täten meines Nerven­sys­tems herrührte und der tiefe von meinem Blut­kreis­lauf kam.“

Drei Sätze lang Schweigen

Das inspi­rierte Cage zu dem Stück 4’33’’. Ursprüng­lich für Klavier gedacht, ist das auf vier Minuten und 33 Sekunden begrenzte Stück beliebig erwei­terbar, sowohl was Dauer, als auch was Instru­men­ta­tion betrifft. Allein – es darf kein einziger Ton gespielt werden – drei Sätze lang tacet, Schweigen, nur Stille. Plötz­lich hört man im Konzert­saal die Tonku­lisse des Publi­kums und der Außen­welt. Neben Fassungen für Sinfo­nie­or­chester und Death Metal Band gelangte 2010, kurz vor Weih­nachten, die Popver­sion der 40-köpfigen All-Star-Band Cage against the Machine in die briti­schen Charts.

Cage machte hörbar, was seit Mitte des 19. Jahr­hun­derts den Andachts­kodex eines Konzert­be­suchs immer wieder durch­bricht. Aus einem verzagt verzär­telten Hüsteln wird ein in der Laut­stärke anschwel­lender, anste­ckender Husten, der mehr und mehr Akzente zu setzen weiß. Das ist von solcher Viel­sei­tig­keit, das gar vom „Röchel­ver­zeichnis“ die Rede ist. Es folgt das vermeint­lich pianis­simo gehal­tene Rascheln und Knis­tern des Husten­bon­bon­pa­piers, Räus­pern, wieder Zurecht­rü­cken, umrahmt von den Klang­bil­dern der betont achtsam Zuspät­kom­menden wie Zufrüh­ge­henden. Bis Mitte des 19. Jahr­hun­derts aller­dings galten Opern- und andere Musik­auf­füh­rungen als etwas, das zahl­rei­cher Neben­klänge gera­dezu bedurfte.

Die Oper ein Ort, um zu plau­dern

Zur Zeit Vivaldis wurde in die Musik von aller­hand begleitet: „Viele Patri­zier gingen verkleidet ins Theater, um desto unge­nierter ihre Maitressen mit in die übri­gens enorm teure Loge nehmen zu können. Dort wurde gelacht und gelärmt“, und all das getan, was „Mann“ so mit seiner Maitresse tut. Des Weiteren „warf man Licht­stumpen und andere Gegen­stände auf das Volk im Parterre, ja, spuckte hinab, wenn man einen kahlen Schädel sah.“

Im Winter 176566 bereiste der engli­sche Arzt und Autor Samuel Sharp : „In , ja, in ganz Italien ist es groß in Mode, die Oper als einen Ort zu sehen, um sich zu treffen und zu plau­dern, sodass man letzt­end­lich nicht wegen der Musik kommt, sondern um, ohne jegliche Zurück­hal­tung, die ganze Vorstel­lung über zu lachen und zu reden. Man kann sich denken, dass eine Ansamm­lung mehrerer hundert Leute, die sich unter­halten, die Stimmen der Sänger über­tönen muss. Neben dem Genuss einer laut­starken Unter­hal­tung bilden sich manchmal kleine Gruppen, um Karten zu spielen.“

Kichern, Schwatzen, Miauen, Krähen

Darüber empörte sich wiederum der italie­ni­sche Lite­ra­tur­kri­tiker Giuseppe Baretti und entgeg­nete öffent­lich: „Als ob wir einen Mord begehen würden, wenn wir uns im Parkett redselig geben oder uns in den Logen zu einer Partie Karten treffen. Selbst wenn wir nicht geneigt sind zuzu­hören, wären unsere Sänger äußerst unver­schämt, wenn sie nicht ihr Bestes geben, werden sie doch für ihr Tun sehr gut bezahlt. Caffa­rello [gemeint ist der Kastrat Gaetano Majo­rano (1710–1783), von dem sein berühmter Gesangs­lehrer schwärmte, er sei der „größte Sänger Italiens und der ganzen Welt!“] wurde bald eines Besseren belehrt, als es ihm in den Sinn kam, auf der Bühne in Turin seine Pflicht zu vernach­läs­sigen unter dem Vorwand, das Publikum achte nicht genü­gend auf seinen Gesang. Kaum war die Oper zu Ende, wurde er samt seines maze­do­ni­schen Kostüms für einige Nächte ins Gefängnis gesteckt und Abend für Abend von dort auf die Bühne gebracht, bis er sich unter wieder­holten Bemü­hungen den Beifall aller verdient hatte.“

Überall gab es „konzer­timma­nente Geräusch­sym­ptome“ zu hören: „In den Thea­tern in Venedig wurde je nach Belieben applau­diert oder gepfiffen. Lautes, anhal­tendes Lachen hörte man, schrille Töne, tiefe Bass­stimmen, Kichern, Schwatzen, Miauen, Krähen, erküns­teltes Niesen, Husten, Gähnen, alles ging bunt durch­ein­ander.“ Der skan­da­ler­probte Kompo­nist war sich sicher: „Wenn den Hörern ein Werk wirk­lich gefällt, dann husten sie weiter, rutschen hin und her, flüs­tern; das alles ist der normale und behag­liche Hinter­grund der Konzert­musik.“

Fotos: Luke Hayes / Zaha Hadid Architects