Woher kommen eigentlich...

Die außermusikalischen Klänge im Raum ?

von Stefan Sell

24. Mai 2018

„Wenn den Hörern ein Werk wirklich gefällt, dann husten sie weiter, rutschen hin und her, flüstern; das alles ist der normale und behagliche Hintergrund der Konzertmusik.“

Selbst in einem schall­toten Raum gibt es noch etwas zu hören. In Cam­bridge an der Har­vard-Uni­ver­sität betrat Ende der 1940er-Jahre zum ersten Mal einen sol­chen Raum und freute sich, einmal nichts zu hören als Stille. Als er den Raum wieder ver­ließ, hatte er doch etwas gehört, näm­lich sich selbst. „Ich hörte zwei Klänge, einen hohen und einen tiefen. Als ich dies dem Ton­in­ge­nieur beschrieb, klärte er mich dar­über auf, dass der hohe von den Akti­vi­täten meines Ner­ven­sys­tems her­rührte und der tiefe von meinem Blut­kreis­lauf kam.“

Das inspi­rierte Cage zu dem Stück 4’33’’. Ursprüng­lich für Kla­vier gedacht, ist das auf vier Minuten und 33 Sekunden begrenzte Stück beliebig erwei­terbar, sowohl was Dauer, als auch was Instru­men­ta­tion betrifft. Allein – es darf kein ein­ziger Ton gespielt werden – drei Sätze lang tacet, Schweigen, nur Stille. Plötz­lich hört man im Kon­zert­saal die Ton­ku­lisse des Publi­kums und der Außen­welt. Neben Fas­sungen für Sin­fo­nie­or­chester und Death Metal Band gelangte 2010, kurz vor Weih­nachten, die Pop­ver­sion der 40-köp­figen All-Star-Band Cage against the Machine in die bri­ti­schen Charts.

„Bis Mitte des 19. Jahr­hun­derts aller­dings galten Opern- und andere Musik­auf­füh­rungen als etwas, das zahl­rei­cher Neben­klänge gera­dezu bedurfte“

Cage machte hörbar, was seit Mitte des 19. Jahr­hun­derts den Andachts­kodex eines Kon­zert­be­suchs immer wieder durch­bricht. Aus einem ver­zagt ver­zär­telten Hüs­teln wird ein in der Laut­stärke anschwel­lender, anste­ckender Husten, der mehr und mehr Akzente zu setzen weiß. Das ist von sol­cher Viel­sei­tig­keit, das gar vom „Röchel­ver­zeichnis“ die Rede ist. Es folgt das ver­meint­lich pia­nis­simo gehal­tene Rascheln und Knis­tern des Hus­ten­bon­bon­pa­piers, Räus­pern, wieder Zurecht­rü­cken, umrahmt von den Klang­bil­dern der betont achtsam Zuspät­kom­menden wie Zufrüh­ge­henden. Bis Mitte des 19. Jahr­hun­derts aller­dings galten Opern- und andere Musik­auf­füh­rungen als etwas, das zahl­rei­cher Neben­klänge gera­dezu bedurfte.

Zur Zeit Vivaldis wurde in die Musik von aller­hand begleitet: „Viele Patri­zier gingen ver­kleidet in’ Theater, um desto unge­nierter ihre Mai­tressen mit in die übri­gens enorm teure Loge nehmen zu können. Dort wurde gelacht und gelärmt“, und all das getan, was „Mann“ so mit seiner Mai­tresse tut. Des Wei­teren „warf man Licht­stumpen und andere Gegen­stände auf das Volk im Par­terre, ja, spuckte hinab, wenn man einen kahlen Schädel sah.“

Im Winter 176566 bereiste der eng­li­sche Arzt und Autor Samuel Sharp Ita­lien: „In , ja, in ganz Ita­lien ist es groß in Mode, die Oper als einen Ort zu sehen, um sich zu treffen und zu plau­dern, sodass man letzt­end­lich nicht wegen der Musik kommt, son­dern um, ohne jeg­liche Zurück­hal­tung, die ganze Vor­stel­lung über zu lachen und zu reden. Man kann sich denken, dass eine Ansamm­lung meh­rerer hun­dert Leute, die sich unter­halten, die Stimmen der Sänger über­tönen muss. Neben dem Genuss einer laut­starken Unter­hal­tung bilden sich manchmal kleine Gruppen, um Karten zu spielen.“

„Wenn den Hörern ein Werk wirk­lich gefällt, dann husten sie weiter, rut­schen hin und her, flüs­tern; das alles ist der nor­male und behag­liche Hin­ter­grund der Konzertmusik“

Dar­über empörte sich wie­derum der ita­lie­ni­sche Lite­ra­tur­kri­tiker Giu­seppe Baretti und ent­geg­nete öffent­lich: „Als ob wir einen Mord begehen würden, wenn wir uns im Par­kett red­selig geben oder uns in den Logen zu einer Partie Karten treffen. Selbst wenn wir nicht geneigt sind zuzu­hören, wären unsere Sänger äußerst unver­schämt, wenn sie nicht ihr Bestes geben würden, werden sie doch für ihr Tun sehr gut bezahlt. Caf­fa­rello [gemeint ist der Kas­trat Gaetano Majo­rano (1710–1783), von dem sein berühmter Gesangs­lehrer schwärmte, er sei der „größte Sänger Ita­liens und der ganzen Welt!“] wurde bald eines Bes­seren belehrt, als es ihm in den Sinn kam, auf der Bühne in Turin seine Pflicht zu ver­nach­läs­sigen unter dem Vor­wand, das Publikum achte nicht genü­gend auf seinen Gesang. Kaum war die Oper zu Ende, wurde er samt seines maze­do­ni­schen Kos­tüms für einige Nächte ins Gefängnis gesteckt und Abend für Abend von dort auf die Bühne gebracht, bis er sich unter wie­der­holten Bemü­hungen den Bei­fall aller ver­dient hatte.“

Überall gab es „kon­zer­timma­nente Geräusch­sym­ptome“ zu hören: „In den Thea­tern in Venedig wurde je nach Belieben applau­diert oder gepfiffen. Lautes, anhal­tendes Lachen hörte man, schrille Töne, tiefe Bass­stimmen, Kichern, Schwatzen, Miauen, Krähen, erküns­teltes Niesen, Husten, Gähnen, alles ging bunt durcheinander.“

Der skan­da­ler­probte Kom­po­nist war sich sicher: „Wenn den Hörern ein Werk wirk­lich gefällt, dann husten sie weiter, rut­schen hin und her, flüs­tern; das alles ist der nor­male und behag­liche Hin­ter­grund der Konzertmusik.“

Fotos: Luke Hayes / Zaha Hadid Architects