Direct-to-Disc

Die Wohn­zimmer-Phil­har­monie

von Attila Csampai

18. Juni 2017

In einer exklusiven Edition veröffentlichen die Berliner Philharmoniker ihre ersten „Direct-to-Disc“-Aufnahmen.

Viele Vinyl-Fans betrachten „Direktschnitt“-LPs als das Optimum audio­philen Klang­ge­nusses. Die um die Mitte der 1970er-Jahre in den einge­führte rein analoge Aufnah­me­technik, bei der die Tonsi­gnale von den Aufnah­me­mi­kros direkt in eine Lack­fo­lien-Schneide­ap­pa­ratur geleitet werden, garan­tiert zudem eine authen­ti­sche Wieder­gabe der Auffüh­rung in Echt­zeit ohne jegliche Möglich­keit des nach­träg­li­chen Schnitts oder der Klang­kor­rektur: Die Aufnahme repro­du­ziert also ein pures Live-Erlebnis und zwingt auch die Musiker zu höchster Konzen­tra­tion, da jeder Fehler und jedes Stör­ge­räusch auf der Master­folie fest­ge­halten werden. Da viele Topmu­siker schon damals skep­tisch waren und sich unter Druck gesetzt fühlten, ganze Stücke perfekt ablie­fern zu müssen, entstanden zunächst nur wenige Aufnahmen, die heute in Samm­ler­kreisen Kult­status genießen. Und bereits 1980 berei­tete die digi­tale Revo­lu­tion und die neu einge­führte CD dem Direct-To-Disc-Expe­ri­ment ein schnelles Ende.

Seit einigen Jahren aber erlebt die Vinyl-LP eine wunder­same Renais­sance, und sie brachte den Leiter der renom­mierten Emil-Berliner-Tonstu­dios, Rainer Mail­lard, auf die Idee, die puris­ti­sche Aufnah­me­technik neu zu beleben. Nach einigen gelun­genen DTD-Produk­tionen mit klei­neren Beset­zungen im haus­ei­genen Berliner Studio konnte er für seine ersten Orches­ter­pro­duk­tionen gleich die tech­nik­be­geis­terten und ihren briti­schen Chef gewinnen, und so verfrach­tete man die legen­däre, 400 Kilo schwere Neumann VMS80-Schnei­de­an­lage (Baujahr 1980) direkt in die Berliner Phil­har­monie, wo sie einen im September 2014 ange­setzten Brahms-Zyklus mit nur einem Stereo-Mikrofon insge­samt dreimal live aufzeich­nete. Von diesen drei Versionen wurden die jeweils besten Aufnahmen ausge­wählt und auf insge­samt sechs 180-g-LPs gepresst, mit Spiel­zeiten von maximal 16 Minuten pro Seite. Seit November 2016 gibt es die mit einem groß­for­ma­tigen Begleit­buch verse­hene, mit Leinen über­zo­gene und streng limi­tierte Luxus­e­di­tion zum stolzen Preis von knapp 500 Euro im Handel, was einge­fleischte Vinyl-Freaks aber nicht abschre­cken dürfte.

Der entschei­dende Vorteil des Direkt­schnitts gegen­über Tonband­pro­duk­tionen ist die völlige Rausch­frei­heit der Aufnahme und eine kaum zu fassende magi­sche Haptik und Präsenz, die wie kein anderes Medium „Authen­ti­zität“ verströmt. Der Unter­schied zu aktu­ellen Digi­tal­auf­nahmen fällt noch deut­li­cher aus, da der puris­ti­sche Analog-Transfer viel natür­li­cher und wärmer klingt als der zu einer gewissen Steri­lität und Glätte neigende, compu­ter­ge­steu­erte Digi­tal­sound. Diese ganz beson­dere Live-Span­nung, der natür­liche, schnitt­freie Zeit­ver­lauf und eine dem wirk­li­chen Konzert­er­lebnis sehr nahe kommende dyna­mi­sche Leucht­kraft kenn­zeichnen auch die vorlie­genden Aufnahmen der vier Brahms-Sinfo­nien, die zum Kern­re­per­toire dieses Welt­klasse-Orches­ters gehören: Und trotzdem spürt man, dass die Berliner und Sir Simon sich beson­ders ins Zeug legten und eine vor Energie bers­tende, leiden­schaft­lich-wuch­tige und nobel flie­ßende Inter­pre­ta­tion ablie­ferten, die der zu Ende gehenden Ära Rattle ein würdiges Denkmal setzt: Der heute 62-jährige Brite kulti­viert hier einen dezi­diert „roman­ti­schen“, schwer­blütig-dunklen Brahms- Stil, der wie eine Abkehr wirkt von aller „histo­risch orien­tierten“ Leich­tig­keit und Frische, die in den letzten Jahren auch unser Bild von der Spät­ro­mantik deut­lich verän­dert hat. Es klingt wie eine Rück­be­sin­nung auf die große, mehr als 100 Jahre alte Brahms-Tradi­tion der Berliner Phil­har­mo­niker, und so unter­mauert der ästhe­ti­sche Anspruch den mate­ri­ellen Aufwand: Man wollte gemeinsam etwas Gewich­tiges schaffen, ein Doku­ment ohne Verfalls­datum.

Trotzdem soll nicht verschwiegen werden, dass Tonmeister Rainer Mail­lard hier nur ein gekreuztes Mikrofon-Paar von Senn­heiser (MKH 800 twin) einge­setzt hat, etwa vier Meter über dem Kopf des Diri­genten, und auf jedes Stütz­mi­krofon verzich­tete. Diese „One-Point“-Ästhetik vermit­telt den Eindruck eines eher raum­be­tonten, dichten Misch­klangs und erreicht bei Weitem nicht die brutale Präsenz und die poly­fone Trenn­schärfe der früheren Direkt­schnitte von Crystal Clear Records, die ich zum Vergleich heran­ziehen konnte. Deren unmit­tel­bare Körper­nähe, Haptik und Klar­heit ist in der weit­läu­figen Berliner Phil­har­monie wohl auch schwer herzu­stellen. Wer also diese reale Konzert­saal-Atmo bei sich zu Hause genießen möchte, wird seine Freude haben an dieser musi­ka­lisch zwin­genden und verblüf­fend „authen­tisch“ klin­genden Luxus­e­di­tion.

Fotos: Berliner_Philharmonie