Edita Gruberová hat sich nun still und nachträglich von der Bühne verabschiedet. Ihr letzter Auftritt als Elisabetta in Geatano Donizettis Roberto Devereux am 27. März 2019 an der Bayerischen Staatsoper in München war nicht nur ihr Abschied von der Opernbühne, sondern wurde auch zu ihrem letzten Auftritt. 

Edita Gruberová hat sich nun still und nachträglich von der Bühne verabschiedet. Ihr letzter Auftritt als Elisabetta in Geatano Donizettis Roberto Devereux am 27. März 2019 an der Bayerischen Staatsoper in München war nicht nur ihr Abschied von der Opernbühne, sondern wurde auch zu ihrem letzten Auftritt.

Fünf Jahrzehnte stand Edita Gruberová auf der Bühne. Ihre Leidenschaft und ihre Hingabe galten dem Belcanto. Jene Kunst völliger Stimmbeherrschung, raffinierter Verzierungen und Koloraturen bestimmte ihren Weg. Sie war überzeugt, dass diese Musik für ihre Stimme geschrieben sei. 1946 in Bratislava geboren, erlebte sie eine schwere Jugend in der Tschechoslowakei. Ihr Vater wurde als Antikommunist wegen „Landesverrats“ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt und war nach seiner Freilassung ein gebrochener Mann. Als Tochter eines Antikommunisten, die sich selbst ebenfalls der Parteimitgliedschaft verweigerte, blieb ihr nach ihrer Ausbildung am Konservatorium ihrer Heimatstadt nichts anderes übrig, als in die Provinz zu gehen. Am Opernhaus der kleinen mittelslowakischen Stadt Banská Bystrica begann sie 1968 ihr erstes Engagement, ehe sie hochschwanger mit ihrem Mann, dem mittlerweile verstorbenen Musikwissenschaftler Štefan Klimo, und ihrer Mutter nach Wien flüchtete.

Ernst Fuchs setzte Edita Gruberová als Königin der Nacht auf einem Gemälde ein malerisches Denkmal
Der Maler Ernst Fuchs porträtierte 1989/1990 Edita Gruberová als Königin der Nacht auf einem Gemälde.
(Das Gemälde befindet sich in der Sammlung Gruberová, Zürich.)

1970 debütierte sie als Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte an der Wiener Staatsoper, wo sie in den siebziger Jahren zur Primadonna des Hauses aufstieg. Hier erlangte sie 1976 mit der Arie der Zerbinetta in Richard Strauss‘ Oper Ariadne auf Naxos, einer der schwierigsten Arien, die je für Koloratursopran geschrieben wurden, den Durchbruch zum Weltruhm. Zwei Jahre darauf sang sie – ebenfalls an der Wiener Staatsoper –unter der musikalischen Leitung von Giuseppe Patanè und in der Inszenierung von Boleslaw Barlog die Titelpartie in Donizettis Oper Lucia di Lammermoor und wurde als Sensation gefeiert. Ihr Biograf Niel Rishoi zitiert einen Wiener Kritiker, der von einer „fulminanten Lucia“ schrieb und Gruberová als „Naturbegabung für halsbrecherische Koloraturen“ bezeichnete. 1988 sang sie die Partie an der Metropolitan Opera in New York und 1989 in Zürich.

Wiederentdeckungen kaum gespielter Belcanto-Opern

1991 war sie in dieser Rolle auch an der Bayerischen Staatsoper zu erleben, wo sie 1985 in der Titelpartie von Massenets Oper Manon Lescaut triumphiert hatte. „Man hörte gewissermaßen zu atmen auf. Das Premierenpublikum wurde ganz still“, kommentierte Joachim Kaiser die Aufführung. „Ich habe die Callas und die Sutherland noch in großen Belcanto-Partien erleben dürfen: die Leistung der Gruberová am 19. Oktober 1991 in München kam dem zumindest gleich – ja, war eigentlich noch zwingender.“

Edita Gruberová als Elisabetta an der Wiener Staatsoper
Auch eine schauspielerische Herausforderung: Edita Gruberová an der Wiener Staatsoper als Elisabetta in Donizettis Oper Roberto Devereux, die sie 1990 wiederentdeckt hatte

Mit Wiederentdeckungen kaum gespielter Belcanto-Opern wie Gaetano Donizettis Linda di Chamounix oder Vincenzo Bellinis Beatrice di Tenda beförderte Gruberová den Belcanto-Boom der folgenden Jahre. Dass es ihr gelang, ihre Stimme über all die Jahre zu bewahren und die Partie der Lucia noch 25 Jahre nach ihrem Rollendebüt in einer Jubiläumsaufführung an der Wiener Staatsoper erneut zu singen, führt sie vor allem auf ihre Technik zurück. Auch habe sie immer darauf geachtet, nur bestimmte Rollen anzunehmen, und das nicht zu früh. So gab sie erst 2006 an der Bayerischen Staatsoper ihr Rollendebüt als Norma in Bellinis gleichnamiger Oper.

Zahllose ergreifende Bühnentode

Am liebsten habe sie immer Opern gesungen, in denen sie am Schluss sterbe, bekannte sie einmal. Zahllose ergreifende Bühnentode ist sie im Laufe ihrer Karriere gestorben. Als Violetta wurde sie von der Schwindsucht dahingerafft, als Anna Bolena ging sie ihrer Hinrichtung entgegen, als Lucia verfiel sie in geistige Umnachtung und als Manon Lescaut hauchte sie in den Straßen von Le Havre ihr Leben aus. Sterben musste sie auch in ihrer letzten großen Rolle als Elisabetta in Roberto Devereux. 1990 entdeckte Gruberová diese bis dahin kaum gespielte Oper Donizettis und sang die Partie der Elisabetta am Teatro Liceo in Barcelona. „Das ist die erste Oper, in der ich eine alte Frau spiele, die noch dazu einen jungen Mann liebt“, erklärte sie anlässlich von Silviu Purcaretes Inszenierung des Werkes im Mai 2002 an der Wiener Staatsoper. Über diesen jungen Geliebten Roberto Devereux verhängt Elisabetta am Ende das Todesurteil, ehe die Reue sie übermannt und sie, heimgesucht von schrecklichen Visionen des Enthaupteten, zusammenbricht und stirbt.

Dieser dramatische Bühnentod wurde nun zum Bühnenabschied der großartigen Sängerin. Einen noch geplanten Auftritt beim Maggio Musicale Fiorentino 2020 sagte sie angesichts von dessen Verschiebung ab. Auf Wunsch der slowakischen Staatspräsidentin Zuzana Čaputová absolviert sie am 22. Oktober 2020 noch einen Auftritt anlässlich des slowakischen Staatsbesuchs in der Schweiz. Wie der Bayerische Rundfunk mitteilt, singt Gruberová die beiden Staatshymnen sowie ein slowakisches Lied und eine Arie bei einem Galadiner. Auch zwei konzertante Aufführungen von Roberto Devereux in der Slowakischen Republik sind noch angedacht. 

Zahlreiche Aufnahmen mit Edita Gruberová zum Anhören gibt es in der NML.

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.