Leonie Klein
Leonie Klein (c)Andreas Orban

Eigentlich wollte Leonie Klein Balletttänzerin werden. Bis sie mit fünf Jahren einem Schlagzeuglehrer begegnete. Seither ist der Rhythmus ihr ­Leben.

Sie weiß genau, was sie will: „Ich stel­le mir zuerst den Klang vor, nicht den Schlag, der den Klang aus­löst. Von die­ser Klang­vor­stel­lung aus ent­wick­le ich die Bewe­gung, die ich zu machen habe, um die­sen Klang zu errei­chen. Er muss nicht aus einem Schlag kom­men, es kann auch ein­fach nur eine Berüh­rung sein, egal wie, der Klang muss immer im Vor­der­grund ste­hen.“

Leo­nie Klein ist erst 25 und hat schon viel erreicht: Nicht nur, dass sie früh zu trom­meln begann – bereits zwei Jah­re vor ihrem Abitur war sie Vor­schü­le­rin auf der Hoch­schu­le für Musik in Karls­ru­he. Inzwi­schen hat sie ihren Bache­lor, macht jetzt den Mas­ter für „Schlag­zeug“ wie auch den Mas­ter für „Musik­jour­na­lis­mus für Rund­funk und Mul­ti­me­dia“. Damit nicht genug, arbei­tet sie auch an ihrer Dok­tor­ar­beit. Leo­nie Klein ist auf dem Weg, in der Neu­en Musik eine der Bes­ten ihres Schlags zu wer­den.

Für ihr CD-Debüt hat sie sich ein schwer zu stem­men­des Reper­toire aus­ge­sucht, das sie gut vor­be­rei­tet mit gro­ßer Leich­tig­keit ein­ge­spielt hat. Ja, man gewinnt den Ein­druck, die dif­fi­zi­le und schwer zu spie­len­de Kom­ple­xi­tät der Musik beginnt unter ihren Hän­den zu tän­zeln wie Laub auf den stru­delnd spru­deln­den Wel­len eines Baches: Es perlt, gluckst, säu­selt, und jeder Schlag wird zum Klang – ein Album, das schon beim ers­ten Hören über­ra­schend medi­ta­tiv anmu­tet. Klein kit­zelt aus jeder klei­nen Kom­po­si­ti­ons­an­wei­sung das Größt­mög­li­che her­aus. Das muss nicht laut oder lei­se sein, es muss klin­gen, tönen, schwin­gen, sin­gen. Und vor allem im Her­zen des Zuhö­rers ankom­men.

Es perlt, gluckst, säu­selt, und jeder Schlag wird zum Klang – ein Album, das schon beim ers­ten Hören über­ra­schend medi­ta­tiv anmu­tet.

Ich stel­le mir zuerst den Klang vor, nicht den Schlag, der den Klang aus­löst“

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Ich habe alle Stü­cke selbst vor­ge­schla­gen und gewusst, dass es eine lan­ge Vor­be­rei­tungs­zeit braucht, wenn man sie so spie­len will, dass sie die eige­ne Hand­schrift tra­gen. Für Zyklus von Stock­hau­sen habe ich ein gan­zes Jahr gebraucht.“ Stock­hau­sen über­lässt im Zyklus dem Inter­pre­ten, wo er beginnt und endet, doch ein­mal ange­fan­gen, hat er der Par­ti­tur zu fol­gen. Wie ist es ihr gelun­gen, dane­ben auch noch das gro­ße Instru­men­ta­ri­um im Blick zu behal­ten? „Das ist eine gute Fra­ge!“, lächelt sie. „Ich habe alles aus­wen­dig ein­ge­spielt, das gan­ze Album. Gera­de bei Stock­hau­sen gibt es exakt vor­ge­schrie­be­ne Tei­le und freie Ele­men­te, die jeder Spie­ler nach bestimm­ten Regeln dort ein­set­zen kann, wo er will. Ich habe mir die Mühe gemacht, mir die Stel­len, die ich frei gestal­ten kann, aus der Par­ti­tur aus­zu­schnei­den, um sie in dafür vor­ge­se­he­ne Ras­ter zu kle­ben. So habe ich mir mei­ne eige­ne Par­ti­tur erstellt und die kom­plett aus­wen­dig gelernt, Klang für Klang, Bewe­gung für Bewe­gung. Das In-und-aus­wen­dig-Ken­nen schenkt mir Frei­heit. Ich kann mich anders bewe­gen, als wenn ich stän­dig in die Noten gucken muss, wo ich wei­ter­spie­len soll.“

Der unga­ri­sche Kom­po­nist Péter Eöt­vös beschrieb sich selbst ein­mal sehr bild­lich als „Test­pi­lot“ für Neue Musik. Wie aber wür­de sich dann Leo­nie Klein bezeich­nen? Ganz ein­fach: „Test­pi­lo­ten hat’s genug. Eöt­vös ist Kom­po­nist, ich bin Inter­pre­tin und ver­su­che das, was die Test­pi­lo­ten auf die Bei­ne gestellt haben, an die Leu­te zu brin­gen.“ Sie lacht, wie sie über­haupt viel lacht, und zeigt damit, dass erns­te Musik nicht immer ernst sein muss. Um aber im Bild zu blei­ben: Ist sie also für den Lini­en­flug zustän­dig, damit die Musik ankommt? „Ja, genau, der Inter­pret hat die Auf­ga­be so zu phra­sie­ren, dass eine wirk­li­che Musi­ka­li­tät ent­steht, von der sich ein Publi­kum ange­spro­chen fühlt.“

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Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

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