Perfektionistin Elisabeth Kulman übt das Loslassen: keine Kostüme mehr, in denen sie sich nicht wohlfühlt. Dafür klare Grenzen und ein charmantes Bekenntnis zur Unvollkommenheit.

Ihr Kof­fer wird immer leich­ter. Vor Jah­ren schon hat Eli­sa­beth Kul­man damit begon­nen, von all dem Abschied zu neh­men, was ande­ren als erstre­bens­wer­ter Besitz gel­ten mag, für sie selbst jedoch längst zum Über­flüs­si­gen, Beschwer­li­chen, ja Stö­ren­den zählt. Es ist dies das stets noch wei­ter­ent­wi­ckel­te Ergeb­nis eines sou­ve­rä­nen Selbst­fin­dungs­pro­zes­ses, den die welt­weit gefei­er­te Mez­zo­so­pra­nis­tin gewagt hat – wagen muss­te. „Die Reduk­ti­on auf das Wesent­li­che ist für mich ein Schlüs­sel zum Glück: zur Befrei­ung, zur Leich­tig­keit, zur Fle­xi­bi­li­tät“, sagt sie.

Betrach­tet man das Leben als das Schrei­ben einer Par­ti­tur, dann wird Eli­sa­beth Kul­man immer bes­ser in dem, was das Kom­po­nie­ren wirk­lich aus­macht – und zugleich das Schwie­rigs­te dar­an ist: das Weg­las­sen des Unnö­ti­gen. Fal­sche Töne her­aus­strei­chen. Oder bes­ser noch: gar nicht erst set­zen. Dar­um geht es ihr. Als sie 2015 ihren Rück­zug von der Opern­büh­ne bekannt­gab, um sich künf­tig nur mehr Lied, Ora­to­ri­um, kon­zer­tan­ten Auf­füh­run­gen und Spe­zi­al­pro­jek­ten zu wid­men, war das ein Schock für die Musik­welt.

Aber ich weiß jetzt, was ich brau­che, wel­che Men­schen, wel­che Musik, wel­che Tex­te mir gut­tun“

Aus­ge­rech­net sie, die über uner­schöpf­li­che Ener­gie­re­ser­ven zu ver­fü­gen schien, woll­te auf dem Höhe­punkt lei­ser­tre­ten? Sie, die nach erfolg­rei­chen So­pranjahren die eigent­li­che Natur ihrer Stim­me in tie­fe­ren Regio­nen ent­deck­te und damit statt eines befürch­te­ten Kar­rie­re­knicks erst recht durch­star­ten konn­te, die einen schwe­ren Büh­nen­un­fall mit einem Schlag auf den Kehl­kopf durch eine Zwangs­pau­se spur­los zu über­win­den wuss­te, die mit der Initia­ti­ve „art but fair“ uner­schro­cken für bes­se­re Bedin­gun­gen von Künst­le­rin­nen und Künst­lern kämpft? Ja. „Ande­re lie­ben das, aber für mich wur­de es zuneh­mend schwie­ri­ger, mich zu ver­klei­den, in Kos­tü­me zu schlüp­fen, die ich nicht aus­su­chen konn­te, die manch­mal sogar den Aus­druck erschwer­ten, Tex­te oder Bot­schaf­ten wie­der­zu­ge­ben, hin­ter denen ich nicht ste­hen woll­te“, erklärt Eli­sa­beth Kul­man. „In unse­rer Zeit der Über­rei­zung auf allen Ebe­nen wer­den wir von über­all her zuge­müllt. Wir müs­sen ler­nen zu ent­schei­den, was für uns rele­vant ist, was uns gut­tut und was nicht. Ande­re haben höhe­re Tole­ranz­gren­zen, ich bin sen­si­bler und muss mich frü­her und kla­rer abgren­zen. Ich muss­te ler­nen, Nein zu sagen. Ich stand kurz vor einem Burn-out, spü­re bis heu­te jede Irri­ta­ti­on sofort im Kör­per. Aber ich weiß jetzt, was ich brau­che, wel­che Men­schen, wel­che Musik, wel­che Tex­te mir gut­tun, was mich stärkt.“

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So hat sie sich eine der gesün­des­ten, wohl­tu­ends­ten Stim­men der Gegen­wart erhal­ten, pflegt sie wei­ter und setzt sie so ein, dass man von intui­ti­ver Weis­heit, von klu­gem Gefühl spre­chen möch­te. Nach­zu­hö­ren ist das nicht zuletzt auf einem neu­en Album mit dem Mit­schnitt eines Lie­der­abends von der Schu­ber­tia­de 2017 – mit Wer­ken von Schu­mann, Schu­bert und dem 1941 gebo­re­nen Kom­po­nis­ten Her­wig Rei­ter, gemein­sam gestal­tet mit ihrem bevor­zug­ten Lied­part­ner, dem Pia­nis­ten Edu­ard Kutro­watz. Dass dabei nur Ein­zel­lie­der aus Schu­manns Frau­en­lie­be und -leben vor­kom­men und mit ande­ren Lie­dern ver­knüpft wer­den, hat sei­nen Grund in der schon erwähn­ten Abkehr von Aus­sa­gen, hin­ter denen sie nicht vor­be­halt­los ste­hen kann.

Man hört, wozu ein Künst­ler fähig ist und wozu nicht, wo Gren­zen sind, wo ein Zau­ber ent­ste­hen kann“

„Ich habe ja sogar den kom­plet­ten Zyklus auf­ge­nom­men, und das Ergeb­nis wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert, weil ich’s eben kom­plett anders ange­gan­gen bin – ange­hen muss­te. Im Lau­fe mei­ner wach­sen­den Erfah­rung mit dem Stück habe ich dann jene Lie­der her­aus­ge­nom­men, mit denen ich eine Geschich­te erzäh­len kann – nicht unbe­dingt mei­ne eige­ne, aber eine Geschich­te. Ich muss mich ja gar nicht stän­dig sel­ber dar­stel­len, dar­um geht es über­haupt nicht. Aber es muss bis zu einem gewis­sen Grad etwas sein, mit dem ich glaub­wür­dig sein kann. So haben sich ande­re Lie­der dazwi­schen­ge­scho­ben, die dann gemein­sam die Geschich­te erge­ben, die ich erzäh­len woll­te. Es ist kei­ne beson­de­re Bot­schaft oder gar ein Mani­fest, aber ein spie­le­ri­scher Aus­druck der eige­nen Krea­ti­vi­tät.“

Zum ers­ten Mal hat Eli­sa­beth Kul­man dabei der Ver­öf­fent­li­chung einer unge­schnit­te­nen, rei­nen Live-Auf­nah­me zuge­stimmt: ein Rie­sen­sprung für eine erklär­te Per­fek­tio­nis­tin, ein klei­ner Schritt für eine gelas­se­ne Frau. Über­flüs­sig zu erwäh­nen, dass Publi­kum und Kri­tik in Schwar­zen­berg hin­ge­ris­sen waren. Doch muss man sich die­se Tat­sa­che ver­ge­gen­wär­ti­gen, wenn Kul­man selbst beschei­den reagiert – wobei man ihr die­se Beschei­den­heit eben­so glaubt wie die Tat­sa­che, „dass sie die Lie­der ‚durch­lebt‘ und dabei ganz bei sich selbst ist“, wie es in einer Kri­tik heißt. „Die­se CD doku­men­tiert einen her­aus­ge­grif­fe­nen Abend und ist für mich auch ein Bekennt­nis zur Unvoll­kom­men­heit“, sagt sie also. „Man hört, wozu ein Künst­ler fähig ist und wozu nicht, wo Gren­zen sind, wo ein Zau­ber ent­ste­hen kann, wo man mit Was­ser kocht. Viel­leicht kann es für ande­re sogar eine Ermu­ti­gung sein.“

Ich möch­te alle dazu inspi­rie­ren, Unrecht nicht ein­fach hin­zu­neh­men“

Die Ermu­ti­gung ande­rer hat sie in den letz­ten Jah­ren mit beson­de­rer Hin­ga­be betrie­ben: Dass sie die Kol­le­gin­nen von Erl in der Cau­sa Gus­tav Kuhn im Hin­ter­grund betreut hat und ihnen wei­ter mit Rat und Tat bei­ste­hen will, ist Ehren­sa­che für sie; dass ihre gemein­sa­men Bemü­hun­gen nach lan­ger Zeit erheb­li­chen Gegen­winds nun sogar Erfolg zei­ti­gen, dass die Betrof­fe­nen die Kraft auf­brin­gen konn­ten, ihren Pro­test durch­zu­zie­hen und sich zur Wehr zu set­zen, erfüllt sie mit Freu­de und Stolz. „Ich möch­te alle dazu inspi­rie­ren, Unrecht nicht ein­fach hin­zu­neh­men, son­dern Miss­stän­de auf­zu­zei­gen, für sich selbst ein­zu­ste­hen. Wenn ich da mei­nen Bei­trag leis­ten konn­te, bin ich glück­lich. Das wür­de aber alles nicht gehen, wäre mein Kalen­der gesteckt voll mit Auf­trit­ten.“

Das im Ver­gleich zur Oper ruhi­ge­re Kon­zert­fach lässt ihr dazu Gele­gen­heit – und sie genießt den Vor­teil, dass nicht so weit vor­aus­ge­plant wird wie in der Oper, wo Enga­ge­ments bis zu fünf Jah­re in die Zukunft rei­chen. Man­che Ver­trä­ge kom­men erst ein Jahr oder fall­wei­se sechs Mona­te vor­her. Das lässt ihr neben dem Enga­ge­ment für ande­re auch die Fle­xi­bi­li­tät für spon­ta­ne Wohl­ta­ten zum eige­nen Vor­teil, die in der Regel als Aus­zei­ten unter süd­li­cher Son­ne Gestalt anneh­men. Außer­dem kann sie es sich leis­ten, bei ihren Enga­ge­ments immer wäh­le­ri­scher zu wer­den. „Das Reper­toire ist natur­ge­mäß das ers­te Kri­te­ri­um, dann die Men­schen, also Diri­gen­ten, Orches­ter, Kol­le­gen. Wenn ich jeman­den nicht ken­ne, dann recher­chie­re ich sehr genau – und ist mei­ne Neu­gier­de geweckt, pro­bie­re ich die Zusam­men­ar­beit aus. Drit­tens: die Orte. Erst an vier­ter Stel­le steht die Gage.“

Mir wird immer wie­der attes­tiert, ich sei ein Büh­nen­mensch oder gar eine Ram­pen­sau!“

Das alles hat ihr nicht etwa den Ruf einer Schwie­ri­gen ein­ge­tra­gen und zu schwin­den­den Anfra­gen geführt – ganz im Gegen­teil: Eli­sa­beth Kul­man wird größ­ter Respekt ent­ge­gen­ge­bracht, sie ist an den bes­ten Adres­sen und von den bedeu­tends­ten Part­nern begehrt wie eh und je. Und mit ihrem atem­be­rau­ben­den, neben­bei auch die Gren­zen von Gen­res, Stimm­fä­chern und Gen­der über­win­den­den Pro­gramm „La femme c’est moi“, das sie mit einer Hand­voll erle­se­ner Musi­ker dar­bringt, kann sie auch nach eige­ner Fas­son thea­ter­se­lig wer­den. „Mir wird immer wie­der attes­tiert, ich sei ein Büh­nen­mensch oder gar eine Ram­pen­sau! Ich mache ein­fach das, was mir Spaß macht, Insze­nie­rung und Dra­ma­tur­gie fol­gen mei­nen Ide­en, Tscho Theis­sings Arran­ge­ments sind genau auf mich zuge­schnit­ten. Als Opern­sän­ge­rin war so etwas völ­lig undenk­bar – und genau dar­un­ter habe ich gelit­ten.“ Doch auch ans Danach denkt ­Eli­sa­beth Kul­man: „Ich möch­te mich zuneh­mend zurück­zie­hen und sehe mich künf­tig noch stär­ker in der Rol­le, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen zu stär­ken, ihnen mei­ne Erfah­run­gen mit­zu­ge­ben und letzt­lich den Klas­sik­be­trieb irgend­wo etwas bes­ser zu machen.“

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Walter Weidringer
Walter Weidringer lebt und arbeitet als Musikwissenschaftler, Journalist und Kritiker in Wien. Seit seiner Mittelschulzeit schreibt und spricht er über Musik und ihre Interpretation: in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Programmheften, bei Vorträgen und im Radio. Fit hält er sich damit, beim Eintragen in die Datenbank seiner CD-Sammlung nie mehr als drei Laufmeter im Rückstand zu sein.

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