Geierwally im Münchner Volkstheater
Rebellin auf Konfrontationskurs
von Antoinette Schmelter-Kaiser
25. September 2026
Julia Prechsl inszeniert am Münchner Volkstheater „Die Geierwally“: das Porträt einer kämpferischen jungen Frau, die unter widrigsten Bedingungen eigenwillig ihren Weg geht.
Konventionen entsprechen, sich anpassen? Das ist nichts für Wally, die ebenso freiheitsliebend wie eigenwillig ist. Mit diesen Eigenschaften eckt sie als Rebellin in einer konservativen Dorfgemeinschaft an. Auch zu ihrem autoritär-cholerischen Vater geht sie auf Konfrontationskurs – besonders vehement, als sich Wally dessen Heiratsdiktat nicht beugen will und Vinzenz als Ehemann in spe ablehnt. Zur Strafe wird sie monatelang allein ins Hochgebirge geschickt.
Dort trotzt Wally nicht nur widrigsten Bedingungen, sondern wird durch sie noch stärker und kämpferischer. Konstanter Begleiter ist ein junge Geier, den Wally großgezogen hat. Beziehungen zu Menschen kann sie nicht eingehen – eine fürsorgliche Frau namens Luckard ausgenommen. Und der Bärenjosef, der Wallys einzige Liebe ihres Lebens – anders als im 1873 erschienenen “Geierwally“-Roman von Wilhelmine von Hillern – aber nicht erwidert. So ist und bleibt Wally Einzelgängerin, schwankend zwischen Stolz und Einsicht, nirgendwo dazu zu gehören.
Am Volkstheater München fokussiert sich Regisseurin Julia Prechsl auf Wally, die sich weder reglementieren noch einengen lassen will und dafür mit dem Verlust der Gemeinschaft und ihrer Heimat zahlt. Energie- und emotionsgeladen verkörpert von Marlene Markt, handelt und interagiert Wally selbst, erzählt aber auch in der 3. Person von sich und ihrer Situation. Das tun außerdem Lautsprecher-Stimmen aus dem Off. Weiterer Kunstgriff von Julia Prechsl ist, dass sie die mobbende Dorfgemeinschaft als Chor sprechen lässt. Den Geier besetzt sie kongenial mit Chris-Pascal Eglund Braun: einem Tänzer, Choreographen und Schauspieler, der höchsten Körpereinsatz zeigt.
Das Setting des Stücks bestimmt absolute Reduktion. Lediglich zwei verschiebbare Ebenen auf der Bühne (Jelena Nagorni) deuten das Dorf und die Berge an, minimale Elemente wie aufgeblähte Plastikfolien oder ein beleuchtetes Kreuz den Gletscher und Glauben. So wird alles Volkstümelnde vermieden, das bei den „Geierwally“-Filmen von 1921, 1940 und 1956 reichlich zum Einsatz kam. Einzig die dialektal eingefärbte – und zum Teil schwer verständliche – Sprache verortet „Die Geierwally“ in den Alpen. Mutig-moderne Ergänzung dazu ist Musik – zum Teil eingespielte Techno-Klänge, zum Teil live (Fiete Wachholtz) auf einer Art zerfaserter Wolke intoniert.
Weitere Aufführungen am 27.9., 2./9./16./25.10. und 7.11.2026
https://www.muenchner-volkstheater.de/programm/schauspiel/die-geierwally