Aglika Genova und Liuben Dimitrov sitzen seit 25 Jahren als Klavierduo gemeinsam an den Tasten. Zum Jubiläum haben sie ein Doppelalbum mit Sergei Rachmaninows Werken für Klavier-Duo veröffentlicht. Im Gespräch erzählen sie von ihrer Liebe, ihrem Glauben und ihrer Erfüllung in der Musik. 

Die derzeit erzwungene Digitalisierung hat nicht nur Nachteile. Nein, denn tatsächlich kann man die Menschen direkt in ihrem Zuhause besuchen. Und so erscheinen zu unserem Skype-Termin Aglika Genova und Liuben Dimitrov auf dem Bildschirm, und wir stecken sehr schnell und unmittelbar mitten in einem ausgesprochen angeregten und fröhlichen Gespräch. 

Insgesamt drei Flügel stehen zu Hause in dem großen Haus der beiden Pianisten im Schaumburger Land. Dort können die Musiker sich auch mal bis zwei Uhr nachts in die Musik vertiefen, das stört hier keinen – im Gegenteil. Wenn es vor lauter Begeisterung für die Vorbereitung einer neuen CD-Aufnahme statt Weihnachtsessen nur Tiefkühlpizza gibt, weil das Paar sich nicht von den Tasten trennen kann, dann passiert es schon mal, dass die Nachbarn plötzlich klingeln und einen Korb voller feinster Verpflegung vor die Tür stellen, erzählt Aglika Genova strahlend. Die Musik bestimmt den Alltag. 

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Aglika Genova und Liuben Dimitrov gemeinsam am Flügel im WDR3 Studio bei Sergei Rachmaninows Scherzo aus Duette für Klavier zu vier Händen op. 11

Bevor die beiden zum Duo wurden, waren sie hinter den Kulissen bereits seit fünf Jahren ein Paar – und eigentlich Konkurrenten. Als blutjunge und ehrgeizige bulgarische Studenten in der Klasse von Professor Wladimir Krainew in Hannover erfüllte sich für Aglika Genova und Liuben Dimitrov ein Traum, denn nur die besten der Welt wurden in dieser Klasse aufgenommen. Doch dann kam alles ein bisschen anders. Während der Vorbereitung auf einen Solowettbewerb übte das junge Liebespaar notgedrungen gleichzeitig eine Chopin- Etüde an zwei Instrumenten in einem Raum, und so geschah es, dass die beiden das gemeinsame Spiel an zwei Flügeln für sich entdeckten – und kometenartig als Duo Karriere machten. 

Genova und Dimitrov

»Ohne das Durchhaltevermögen in den Wettbewerben und die strenge Schule von Heinrich Neuhaus und Vladimir Krainev hätten wir vieles später nicht geschafft.«

Ob an zwei Instrumenten oder an einem Flügel zu vier Händen – sie ließen sich vom Repertoire für Klavierduo im Sturm erobern, und auch Professor Krainev war begeistert von seinen begabten Schützlingen und unterstützte sie auf ihrem neuen Weg. Vier große internationale Klavierduo-Wettbewerbe konnten Aglika Genova und Liuben Dimitrov innerhalb von zwei Jahren für sich entscheiden: In Miami, Tokio, im italienischen Caltanissetta und beim renommierten ARD Wettbewerb in München überzeugten sie die Jury technisch und musikalisch auf ganzer Linie. 

In so einem Wettbewerb erlebt man komprimiert innerhalb von zwei Wochen alles, was danach im musikalischen Leben auf einen wartet”, erklärt Liuben Dimitrov. „Ohne das Durchhaltevermögen, das wir in den Wettbewerben gelernt haben und ohne das, was wir durch die strenge Schule von Heinrich Neuhaus und Vladimir Krainev gelernt haben, hätten wir vermutlich vieles später nicht geschafft.” Und Aglika Genova erinnert sich: „Beim Wettbewerb in Miami gab es zum Beispiel fünf Durchgänge, mit Orchesterbegleitung, mit Kammermusik, da musste man alles spielen. Lachend fügt ihr Mann hinzu: „Ja, und das bei 100 Prozent Luftfeuchtigkeit und Sonne bis zum geht nicht mehr.” 

Die beiden haben sich ihren Erfolg ehrgeizig erkämpft, zuerst mit dem Sprung von Bulgarien nach Hannover, dann in unermüdlicher musikalischer Arbeit zu zweit. Inspiration beim Umgang mit Leistungsdruck haben die beiden unter anderem im Spitzensport gefunden. Auch in diesem Umfeld bereiten sich die Athleten zum Teil Monate oder Jahre lang auf einen Wettkampf vor, in dem sich in wenigen Minuten alles entscheidet. 2002 spielte das Klavierduo passenderweise bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City. Seitdem steht vor dem Konzert für die beiden Musiker immer Apfelschorle und Pasta auf dem Speiseplan, um kurz vor dem Auftritt, genau wie die professionellen Spitzensportler, vom unmittelbaren Kick aus Zucker und Kohlenhydraten zu profitieren. 

Genova und Dimitrov

»Gottes Kraft steht für uns an erster Stelle, aus dieser Kraft strömt alles andere. Deshalb sind wir immer von Musik und Liebe umgeben.«

Bei aller Karriereplanung und allen großen Erfolgen, sind Aglika Genova und Liuben Dimitrov in den letzten drei Jahrzehnten als Paar ebenfalls immer enger zusammengewachsen. „Wir erleben unsere Beziehung auch über die Musik, das macht auch die Liebe noch intensiver”, sagt Liuben Dimitrov. Über die Frage, welche der beiden Kräfte denn die größere ist, müssen sie erst einmal nachdenken. „Wir beide sind sehr gläubige Menschen”, sagt Aglika Genova. „Gottes Kraft steht für uns an erster Stelle, aber aus dieser Kraft strömt dann alles andere. Deshalb sind wir immer von Musik und Liebe umgeben. Love, love, love – überall, wissen Sie…” Die Pianistin lacht. „Das ist für uns aber alles immer mit Gottes Gnade verbunden. Ohne Gott und ohne Musik wären wir verloren.” 

Während viele Musiker gerne aufnehmen, was sie gerade auf Tournee für das Publikum gespielt haben, ist für Aglika Genova und Liuben Dimitrov jedes neue CD-Projekt wie ein eigenes Kind. Der musikalischen Auseinandersetzung, die den Aufnahmen vorausgeht, widmen sie sich jedes Mal mit großer Sorgfalt. „Wir vergessen dann für eine gewisse Zeit völlig die Welt um uns herum”, sagt Liuben Dimitrov. Im Januar haben die beiden Pianisten die Aufnahmen für ihr neues Album mit Werken der amerikanischen Komponistin Amy Beach beendet, es ist bereits das 17. Album, das sie gemeinsam eingespielt haben, darunter 11 Konzerte mit Orchester. 

Genova und Dimitrov

»Wir versuchen, so nahe wie möglich an die Seele des Komponisten heranzukommen, damit wir die Musik nicht nur verstehen, sondern auch erfühlen.«

Gerade wenn man das Gesamtwerk eines Komponisten aufnimmt, lernt man ihn als Künstlerpersönlichkeit noch einmal besonders intensiv kennen. Solowerke von Liszt hatten beide schon während ihrer Kindheit in Bulgarien gespielt, doch während der Aufnahmen für ihr Liszt-Album wurde ihnen erst die ganze Palette an Emotionen bewusst, die in seiner Musik für Klavierduo steckt. „Wir versuchen, so nahe wie möglich an die Seele des Komponisten heranzukommen, damit wir die Musik nicht nur verstehen, sondern auch erfühlen”, sagt Liuben Dimitrov voller Begeisterung. „Als wir Rachmaninow aufnahmen, vertieften wir uns so in sein Leben und lasen so viel über ihn, dass wir sogar manche seiner Ausdrucksweisen im Alltag übernahmen”. 

Wenn zwei Solisten sich als Klavierduo zusammentun, muss jeder einen Schritt zurücktreten und sich auf eine gleichberechtigte Rolle an den Tasten einlassen. Für Aglika Genova und Liuben Dimitrov ist es als Paar Ehrensache, sich gegenseitig zu unterstützen und auch musikalisch immer wirklich gemeinsame Sache zu machen. „Wir sind bereits als Kinder in Bulgarien in Wettbewerben gegeneinander angetreten”, erzählt Liuben Dimitrov lächelnd. „Wenn ich damals mitbekommen habe, dass Aglika sich für denselben Wettbewerb angemeldet hatte, wusste ich immer ‚Oh Mann, jetzt sollte ich noch ein bisschen mehr üben.’” Beide lachen. „Sie war damals meine ernsthafteste Konkurrentin. Heute ist sie für mich in jedem Sinne die stärkste Frau, die ich kenne.” 

Genova und Dimitrov

»Für uns ist es zu jeder Zeit wichtig, alles tiefgründig zu analysieren. Wir setzen uns immer die höchsten Ziele.«

Das Leben als Klavierduo ist äußerst vielseitig. Ob die beiden Musiker beim Spielen vierhändig an einem Instrument sitzen oder jeder einen Flügel für sich hat, macht für sie einen Riesenunterschied. In Werken für zwei Klaviere klingen die Instrumente wie ein ganzes Orchester, die Klangfarben haben große Dimensionen. Beim Spiel zu vier Händen muss man dagegen anders mit der Dynamik und der musikalischen Gestaltung umgehen. „Ohne die richtige Pedalkunst verschwimmt beim vierhändigen Spiel schnell alles”, erklären die Pianisten. Die Brillanz und Transparenz jedoch in jedem Moment perfekt auszubalancieren, das sei in den Proben die aufwendigste Angelegenheit. „Ich sage immer, mein Mann ist der Master der Pedalisierung”, lacht Aglika Genova. „Für uns ist es zu jeder Zeit wichtig, alles tiefgründig zu analysieren und professionell an alle Projekte heranzugehen. Wir setzen uns immer die höchsten Ziele.”

Auftrittstermine und weitere Informationen unter: pianoduo.info

Rachmaninoff: Complete Works for Piano Duo, Genova&Dimitrov (cpo)

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Katherina Knees infizierte sich mit sechs Jahren im Kinderchor der Städtischen Bühnen Münster nachhaltig mit einer Leidenschaft für alles, was mit Musik und Theater zu tun hat. Später studierte sie Kontrabass in Köln, wobei sie entdeckte, dass sie eines noch lieber machte, als selbst zu musizieren: mit Musikern sprechen und die Gedanken über Musik aufschreiben. So studierte sie in Düsseldorf noch Musikwissenschaften und Kunstgeschichte, drehte Filme für WDR und Arte, machte Musikreportagen und schreibt seit vielen Jahren mit Begeisterung über alles, was die Musikwelt und ihre Interpreten bewegt.

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