Gidon Kre­mer zählt zu den größ­ten Gei­gern über­haupt.
Umso mehr wiegt die Wert­schät­zung, die er Mie­c­zysław Wein­berg zu des­sen 100. Geburts­tag schenkt:
Mit einer Welt­er­steinspie­lung ehrt er den Kom­po­nis­ten, der viel zu lan­ge im Schat­ten sei­nes Freun­des Dmi­tri Schosta­ko­witsch stand.

Für die Musik der Gegen­wart hat sich Gidon Kre­mer schon früh vol­ler Lei­den­schaft ein­ge­setzt. In der Sowjet­uni­on traf der gebür­ti­ge Let­te Künst­ler aus Russ­land und Ost­eu­ro­pa, die sich ihre Frei­räu­me in dem tota­li­tä­ren Staat täg­lich neu erobern muss­ten. „Ich inter­es­sier­te mich damals vor allem für Kom­po­nis­ten wie Alfred Schnitt­ke, Sofia Gubai­du­li­na, Arvo Pärt oder Valen­tin Sil­vestrov, die alle im Unter­grund arbei­te­ten“, erin­nert sich Kre­mer. Mit den Wer­ken von Mie­c­zysław Wein­berg begann er sich erst viel spä­ter zu beschäf­ti­gen. „Als ich in den 60er-Jah­ren in Mos­kau stu­dier­te, erleb­te ich ihn zwar als Pia­nist mit mei­nem Leh­rer David Ois­trach, dem Cel­lis­ten Mstis­law Rostro­po­witsch oder der Sopra­nis­tin Gali­na Wisch­new­ska­ja. Doch lei­der habe ich es ver­säumt, ihn per­sön­lich ken­nen­zu­ler­nen.“ Erst nach der Grün­dung sei­ner Kre­me­ra­ta Bal­ti­ca 1997 ent­deck­te der welt­be­kann­te Gei­ger all­mäh­lich Wein­bergs umfang­rei­ches Oeu­vre. 154 sei­ner Wer­ke sind erhal­ten, dar­un­ter 22 Sin­fo­ni­en, vier Kam­mer­sin­fo­ni­en, sechs Opern sowie Bal­let­te, Film- und Zir­kus­mu­sik. „Auf der Suche nach Stü­cken für mein Ensem­ble mach­te ich Aus­flü­ge in die Welt der unbe­kann­ten Musik. Wein­berg war zu dem Zeit­punkt schon tot. Mitt­ler­wei­le habe ich an die 15 Wer­ke von ihm gespielt.“
Zum 100. Geburts­tag des Kom­po­nis­ten im Dezem­ber hat Kre­mer zum ers­ten Mal die 24 Prä­lu­di­en, die Wein­berg für Rostro­po­witsch schrieb, in sei­ner eige­nen Bear­bei­tung für Vio­li­ne auf­ge­nom­men. „Die Musik­welt hat ihn lan­ge Zeit stark unter­schätzt. Zu sei­nem Geburts­tag möch­te ich ihm Gerech­tig­keit wider­fah­ren las­sen.“ War­um Rostro­po­witsch das ihm gewid­me­te Werk nie auf­ge­führt hat, weiß Kre­mer nicht. Er selbst wur­de erst durch ande­re Cel­lis­ten dar­auf auf­merk­sam. „Als ich dann hör­te, dass eines der Prä­lu­di­en einen Bezug zu Schu­mann hat­te, klick­te es plötz­lich bei mir. Ich beschloss, den Zyklus für Vio­li­ne zu set­zen. Damit ist ein neu­es Werk ent­stan­den, das hof­fent­lich vie­le Gei­ger ani­mie­ren wird, die­se Musik zu spie­len.“
Auf einem klei­nen abge­le­ge­nen Land­gut im äußers­ten Osten Litau­ens hat Kre­mer die Prä­lu­di­en auf CD ein­ge­spielt. „Die­ser Ort ver­mit­telt die Inti­mi­tät und Ruhe, die die­se Musik braucht, um auf uns zu wir­ken.“ Wenn er den Zyklus im Kon­zert auf­führt, wer­den dazu oft ein­dring­li­che Schwarz-Weiß-Bil­der des litaui­schen Foto­gra­fen Anta­nas Sut­kus an die Büh­nen­wand pro­ji­ziert. „Es ist nicht ein­fach, bei­des mit­ein­an­der in Ein­klang zu brin­gen“, erzählt er. „Die wun­der­ba­ren Fotos kom­men und gehen, wäh­rend ich wei­ter­spie­le. Sie sol­len nicht von der Musik ablen­ken, son­dern das Hör­erleb­nis inten­si­vie­ren. Im Grun­de geht es um Emo­tio­nen, die Töne und Bil­der glei­cher­ma­ßen aus­lö­sen kön­nen.“ Die Prä­lu­di­en und die Bil­der sind als Brü­cke zu einer Welt gedacht, die es heu­te nicht mehr gibt. Das Pro­jekt trägt daher den bezie­hungs­rei­chen Titel „Pre­ludes to a lost time“, in Anleh­nung an Mar­cel Prousts lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Zeit. Der Mit­schnitt eines Kon­zerts im Gogol Cen­ter in Mos­kau ist in Paul Smacz­nys Film­por­trät Gidon Kre­mer – Fin­ding Our Own Voice zu sehen, das Accen­tus im Mai als DVD her­aus­bringt.
Die Grün­de, war­um Wein­berg lan­ge Zeit ein Schat­ten­da­sein führ­te, sind viel­fäl­tig. Die Erfah­rung von Flucht, Ver­trei­bung und Ver­fol­gung hat sein Leben tief geprägt. Im Dezem­ber 1919 in War­schau gebo­ren, schrieb der Sohn eines Musi­kers sei­ne ers­ten Stü­cke bereits als Jugend­li­cher und stu­dier­te am Kon­ser­va­to­ri­um Kla­vier. Wegen sei­ner jüdi­schen Her­kunft floh er bei Aus­bruch des Zwei­ten Welt­kriegs vor den Nazis in die weiß­rus­si­sche Stadt Minsk, wo er sich bei Was­si­li Solotar­jow, einem Schü­ler von Niko­lai Rim­ski-Kor­sa­kow, in Kom­po­si­ti­on aus­bil­den ließ. Als die Wehr­macht im Som­mer 1941 die Sowjet­uni­on über­fiel, ret­te­te er sich nach Tasch­kent in Usbe­ki­stan. Sei­ne Eltern und die jün­ge­re Schwes­ter, die in Polen geblie­ben waren, wur­den im KZ ermor­det.
Als Dmi­tri Schosta­ko­witsch auf Wein­bergs Ers­te Sin­fo­nie auf­merk­sam wur­de, lud er den jun­gen Künst­ler 1943 nach Mos­kau ein, wo er bis zu sei­nem Tod 1996 leb­te. Wein­berg hat­te ein enges Ver­hält­nis zu sei­nem Men­tor. Die düs­te­re Grund­stim­mung, die Schosta­ko­witschs Wer­ke durch­zieht, ist auch bei Wein­berg zu spü­ren. Die Freund­schaft zwi­schen ihnen habe immer wie­der Anlass zu Miss­ver­ständ­nis­sen gege­ben, bedau­ert Kre­mer. „Oft hieß es, Wein­berg sei ledig­lich Schosta­ko­witschs Schü­ler und ein zweit­ran­gi­ger Kom­po­nist gewe­sen. Dabei spricht vie­les dafür, dass sie sich gegen­sei­tig beein­flusst haben. Das erkennt man bei­spiels­wei­se bei Wein­bergs Zehn­ter Sin­fo­nie, die kurz vor Schosta­ko­witschs 14. Sin­fo­nie ent­stand“, erklärt er. „Wein­bergs Sin­fo­nie wur­de zwar ohne Sän­ger und Schlag­werk kon­zi­piert, doch der Ein­satz der Streich­in­stru­men­te ist ähn­lich wie bei Schosta­ko­witsch. Ich den­ke, dass sie Brü­der im Geis­te waren und dass sie das, was sie an der ­Rea­li­tät stör­te, in ihre Musik hin­ein­pro­ji­zier­ten.“
Wie Schosta­ko­witsch geriet auch Wein­berg wegen sei­nes Kom­po­si­ti­ons­stils ins Visier der sowje­ti­schen Behör­den. Ihm wur­den „for­ma­lis­ti­sche Ten­den­zen“ vor­ge­wor­fen, weil sei­ne Wer­ke nicht der offi­zi­el­len Kul­tur­dok­trin ent­spra­chen. Um finan­zi­ell zu über­le­ben, schrieb er Film- und Zir­kus­mu­sik. Wein­berg wur­de in der Sowjet­uni­on nicht nur wegen sei­ner pol­ni­schen Her­kunft dis­kri­mi­niert. Er bekam auch anti­se­mi­ti­sche Kam­pa­gnen am eige­nen Leib zu spü­ren. Sein Schwie­ger­va­ter Solo­mon Michoels, Grün­der des Mos­kau­er Jüdi­schen Thea­ters, starb 1948 bei einem Mord­an­schlag, den die Geheim­po­li­zei als Auto­un­fall insze­niert hat­te. 1953 wur­de der Kom­po­nist unter dem Vor­wand inhaf­tiert, sich für die Aus­ru­fung einer jüdi­schen Repu­blik auf der Krim ein­ge­setzt zu haben. Der selbst vom Regime drang­sa­lier­te Schosta­ko­witsch for­der­te in einem muti­gen Brief die Frei­las­sung des Freun­des. Die Gefäng­nis­to­re öff­ne­ten sich für ihn aber erst nach dem Tod Sta­lins eini­ge Mona­te spä­ter. Einem grö­ße­ren Publi­kum wur­de Wein­berg post­hum bekannt, als die sze­ni­sche Urauf­füh­rung sei­ner Oper Die Pas­sa­gie­rin 2010 bei den Bre­gen­zer Fest­spie­len als Sen­sa­ti­on gefei­ert wur­de.
Gidon Kre­mer enga­giert sich dafür, Wein­bergs Musik in die Welt hin­aus­zu­tra­gen. Zu sei­nem 70. Geburts­tag und zum 20-jäh­ri­gen Bestehen der Kre­me­ra­ta Bal­ti­ca spiel­ten Kre­mer und sein Ensem­ble 2017 alle Kam­mer­sin­fo­ni­en Wein­bergs sowie das Kla­vier­quin­tett op. 18 mit der Pia­nis­tin Yuli­an­na Avde­eva ein. Anfang Mai erscheint ein Dop­pel­al­bum, auf dem das City of Bir­ming­ham Sym­pho­ny Orches­tra unter Lei­tung sei­ner Che­fin Mir­ga Graži­nytė-Tyla gemein­sam mit der Kre­me­ra­ta zu hören ist. „Neben der Zwei­ten Sin­fo­nie, einem Jugend­werk, haben wir die letz­te voll­ende­te Sin­fo­nie mit dem Bei­na­men Kad­dish auf­ge­nom­men. Ein unglaub­li­ches Werk!“, schwärmt Kre­mer.
Mit sei­nem Kam­mer­or­ches­ter plant er in die­sem Jahr noch eine Wein­berg-Hom­mage, die mit visu­el­len Ele­men­ten ver­bun­den ist. Im Juni wird die­se Per­for­mance beim Hol­land Fes­ti­val in Ams­ter­dam ihre Welt­pre­mie­re erle­ben. Der Titel „Chro­ni­cle of Cur­rent Events“ ist eine Anspie­lung auf eine Zeit­schrift, die in der Sowjet­uni­on in den 70er-Jah­ren im Unter­grund zir­ku­lier­te. „Bei der Auf­füh­rung wer­den wir Vide­os zei­gen, die rus­si­sche Künst­ler in Zusam­men­ar­beit mit dem in Russ­land inhaf­tier­ten Regis­seur Kirill Serebren­ni­kow gemacht haben“, ver­rät Kre­mer. „Wein­bergs Musik wird kei­ne blo­ße Zuspie­lung zu den Bil­dern sein, son­dern die Bil­der wer­den unter dem Ein­druck der Musik ent­ste­hen. Auch mit die­sem Expe­ri­ment wol­len wir dazu bei­tra­gen, sei­nen 100. Geburts­tag wür­dig zu feiern.“n
Mie­c­zysław Wein­berg: „24 Pre­ludes“, Gidon Kre­mer (Accen­tus)

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