Auro-3D-Technik Gottes ­Stimme

Der Organist Peter Kofler spielt in der Münchner Michaelskirche Bach mit neuer Technik ein. Mit der Auro-3D-Technik macht er sein Projekt „Opus Bach“ zu einem ganz neuen Klangerlebnis.

Seit der Erfin­dung der ste­reo­fo­nen Auf­nah­me in den 1960er-Jah­ren ermög­licht die Audio­tech­nik eine Hör­erfah­rung, die die tat­säch­li­chen räum­li­chen Gege­ben­hei­ten des Live­kon­zerts abbil­det. Ja, noch mehr: Bei beson­ders gelun­ge­nen Auf­nah­men, ­abge­spielt in einem ent­spre­chen­den Set­ting, kann die­se Erfah­rung das Ori­gi­nal sogar über­tref­fen und gera­de­zu über­na­tür­lich wer­den. Lan­ge war Ste­reo das Maß aller Din­ge. Bis das For­mat erwei­tert wur­de, was tat­säch­lich vom Kino aus­ging, als 1978 mit „Super­man“ zum ers­ten Mal ein Film für ein Sur­round Set­up mit 5plus1-Kanä­len pro­du­ziert wur­de.

Die räum­li­che Auf­lö­sung unse­rer Ohren ist so dif­fe­ren­ziert, dass wir erken­nen, aus wel­cher Rich­tung ein Geräusch kommt. Um dies in der Audio-Wie­der­ga­be zu simu­lie­ren, wer­den die akus­ti­schen Lauf­zei­ten von der Schall­quel­le zum Ohr mit ver­teil­ten Laut­spre­chern vor und hin­ter dem Hörer wie­der­ge­ge­ben. Wäh­rend der klas­si­sche 5.1‑Surround-Klang in einer Ebe­ne ange­ord­net ist, nahm sich die nächs­te Erwei­te­rung der Mehrkanal­wiedergabe der ver­ti­ka­len Dimen­si­on an. Die neu­es­ten Ver­fah­ren wie Dol­by Atmos und Auro-3D trei­ben die­se Ent­wick­lung auf die Spit­ze: Bei Auro-3D kom­men neben den 5.1‑Kanälen noch vier Kanä­le in einer über dem Hörer gele­ge­nen Ebe­ne hin­zu sowie ein Laut­spre­cher direkt über dem Kopf, der von den Ent­wick­lern beschei­den „Voice of God“ genannt wird. Schon seit Dezem­ber 2014 sind Auro-3D-fähi­ge AV Recei­ver ab ca. 1.000 Euro zu haben. Natür­lich braucht man für die Wie­der­ga­be der 10p­lus1-Kanä­le ­auch eben­so vie­le Laut­spre­cher, einen davon in der Decke über dem Hör­platz.

Eine neue Dimen­si­on räum­li­cher Wahr­neh­mung erschließt sich: Wän­de und Decken des eige­nen Wohn­zim­mers ver­schwin­den“

Der Gewinn, den man dadurch erhält, ist ein­zig­ar­tig. Mir per­sön­lich erschloss er sich beim Hören der ers­ten Auf­nah­men des Pro­jekts „Opus­Bach“, das die­se Tech­no­lo­gie nutzt. Der Orga­nist der Münch­ner Micha­els­kir­che Peter Kof­ler spielt unter die­sem Titel das gesam­te Orgel­werk Bachs ein. „Aus­gangs­punkt bei alle­dem war die Über­le­gung, dass eine Orgel zual­ler­erst into­niert ist für den Hörer im Kir­chen­raum“, sagt Ton­meis­ter Mar­tin Fischer, der für die tech­ni­sche Sei­te des Pro­jekts ver­ant­wort­lich zeich­net. Er hat für die Auf­nah­me auf der 2011 von Orgel­bau Rie­ger reor­ga­ni­sier­ten und erwei­ter­ten Orgel in St. Micha­el eine Mikro­fo­nie­rung erar­bei­tet, die nicht nur die Far­big­keit der mit 75 Regis­tern aus­ge­stat­te­ten Orgel in für das Ver­ständ­nis der Bach’schen Poly­fo­nie nöti­ger Trans­pa­renz ein­fängt, son­dern auch den Kir­chen­raum hör­bar wer­den lässt. Durch den zusätz­li­chen Laut­spre­cher in der Decke erschließt sich eine neue Dimen­si­on räum­li­cher Wahr­neh­mung: Wän­de und Decke des eige­nen Wohn­zim­mers ver­schwin­den und wer­den noch mehr als mit bis­he­ri­gen Wie­der­ga­be­ge­rä­ten zu Kon­zert­sä­len, Open-Air-Büh­nen oder eben zur Münch­ner Micha­els­kir­che.

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Zum Glück kann man auch auf ein­fa­chen Ste­reo­an­la­gen in den Genuss der dif­fe­ren­zier­ten Inter­pre­ta­ti­on Kof­lers kom­men, da die Auro-3D-
For­ma­te sich auch dort abspie­len las­sen. Das Pro­jekt „Opus Bach“ ist in Werk­grup­pen geglie­dert, die im Halb­jah­res­rhyth­mus ver­öf­fent­licht wer­den. Das Pro­gramm des Volu­me 1 ori­en­tiert sich an Felix Men­dels­sohns Leip­zi­ger Bach-­Kon­zert vom 6. August 1840, das den Anfang der Bach-Renais­sance mar­kiert. Auch die wei­te­ren Volu­mes, von denen bis­her drei erschie­nen sind, prä­sen­tie­ren in sich geschlos­se­ne Pro­gram­me mit ent­spre­chen­der musi­ka­li­scher Dra­ma­tur­gie. So erschließt sich Bachs Orgel­werk orga­nisch, ohne die sonst häu­fig anzu­tref­fen­de aka­de­mi­sche Glie­de­rung nach Gat­tun­gen. Und all dies in bis­her nicht dage­we­se­ner Klang­qua­li­tät. Ein­ge­denk des Bach’schen Mot­tos: Got­tes Stim­me allein zur Ehre!

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Alexander Rapp
Er ist ein Multitalent. Im ersten Werdegang Physiker, spielt Alexander Rapp leidenschaftlich gerne Blockflöte, fotografiert, filmt, schreibt und pendelt dafür zwischen München, Berlin und Rotterdam. Berufsbegleitend schloss er sein Musikwissenschaftsstudium ab.

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