Claude Debussy, Hans Werner Henze

Die zehn wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts

von Ruth Renée Reif

20. Februar 2022

Die Oper, ein Kind westlicher Kultur des 17. Jahrhunderts, entfaltete sich im 18. und 19. Jahrhundert zu voller Blüte. Monumentale Werke bescherten ihr im 20. Jahrhundert Reife und Bedeutsamkeit.

Die Aus­wahl ist streitbar. Gar man­ches hätte in den Kanon Auf­nahme finden können: Elektra von , Die Drei­gro­schen­oper von , Lulu von , Jeanne d’Arc au bûcher von Arthur Hon­egger, Die Teufel von Loudun von , Le Grand Macabre von György Ligeti, Das Mäd­chen mit den Schwe­fel­höl­zern von . Auch an Dmitri Schosta­ko­witsch, Sieg­fried Mat­thus und wäre zu denken. Aber wel­ches Werk hätte wei­chen sollen?

So sind es die fol­genden zehn geworden, wobei die Rei­hen­folge keine Wer­tung abgibt, son­dern der Chro­no­logie ihrer Urauf­füh­rungen folgt.

Pelléas et Mélisande von Claude Debussy (1863–1945) nach dem gleichnamigen Drama von Maurice Maeterlinck

Claude Debussy
War sofort inspi­riert von Mau­rice Maeter­lincks sym­bo­lisch ver­schlun­genem Drama:
(Foto: © Félix Nadar)

Claude Debussy lernte das Drama Pel­léas et Méli­sande 1892 kennen und ersuchte Mau­rice Maeter­linck sofort um Erlaubnis, es zu ver­opern. Er ver­tonte das sym­bo­lisch ver­schlun­gene Drama in flie­ßendem Gleichmaß. Der Sprech­ge­sang bewegt sich in einer end­losen Melodie dahin. „Ver­gessen Sie bitte, dass Sie Sänger sind!“, for­derte er die Dar­steller auf, als er ihnen die Oper am Kla­vier vorspielte.

2017 setzte Robert Wilson Pel­léas et Méli­sande an der l’Opera de Bas­tille in Szene. 

zitiert in seiner Debussy-Bio­grafie aus einem Inter­view, das Debussy anläss­lich der Urauf­füh­rung gab. Er habe sich für die Musik eine Frei­heit gewünscht, erklärte Debussy darin. „Das Drama Pel­léas, das trotz seiner traum­haften Atmo­sphäre mehr Mensch­lich­keit ent­hält als man­ches soge­nannte ‚lebens­nahe‘ Doku­ment, schien meinen Absichten wun­derbar zu ent­spre­chen. Es hat eine geheim­nis­volle beschwö­rende Sprache, deren Sen­si­bi­lität von der Musik und ihrem orches­tralen Gewand über­nommen werden konnte.“

Mary Garden als Mélisande bei der Uraufführung
Die zarte und zer­brech­lich wir­kende Mary Garden ver­kör­perte zum Ärgernis von Mau­rice Maeter­linck, der seine Frau in der Rolle sehen wollte, die Méli­sande 1902 in der Urauf­füh­rung an der Opéra Comique de Paris

Die Urauf­füh­rung am 30. April 1902 an der Opéra Comique in Paris war aller­dings nicht erfolg­reich. Das Publikum lang­weilte sich. Im dritten Akt deckten Lacher, Rufe und Schreie den Orches­ter­klang zu, und es kam sogar zu Tät­lich­keiten. Aber wie Fischer-Dieskau ver­merkt, gab es, als sich der Schluss­vor­hang unter Pfiffen und all­ge­meinem Lärm senkte, auch Hörer im Saal, die ahnten, dass sie an „einem denk­wür­digen Ereignis“ teil­ge­nommen hatten. „Sie spürten, in der Spar­sam­keit des Aus­drucks, in dem eigen­tüm­lich erre­genden Rezi­tativ, in den selten gesetzten lei­den­schaft­li­chen Akzenten eine neue musi­ka­li­sche Intensität.“ 

Porgy and Bess von George Gershwin (1898–1937) sowie Edwin DuBose Heyward und Dorothy Heyward nach DuBose Heywards Novelle Porgy und Ira Gershwins Songtexten

George Gershwin
War ein erfolg­rei­cher Kom­po­nist von Broadway-Musi­cals und eroberte mit seiner Oper Porgy and Bess die Welt:

George Gershwin hatte bereits eine Reihe überaus erfolg­rei­cher Broadway-Musi­cals geschrieben und mit seinen Kom­po­si­tionen die Kon­zert­säle erobert, als er auch als Opern­kom­po­nist den Gipfel des Erfolgs bestieg. In dem Roman Porgy fand er das Sujet für die große ame­ri­ka­ni­sche Gegen­warts­oper. 22 Monate kom­po­nierte er an dem Werk und schuf Lieder wie Sum­mer­time, It ain’t necessa­rely so und O I got plenty o’nuttin’.

Mit unge­bro­chener Begeis­te­rung: 2019/2020 eröff­nete die Metro­po­litan Opera in die Saison mit James Robin­sons neuer Insze­nie­rung von George Gershwins Porgy and Bess. In den Titel­par­tien standen Eric Owen und Angel Blue auf der Bühne.

Eine Pro­be­auf­füh­rung am 30. Sep­tember 1935 in Boston erzielte großen Erfolg. Die Urauf­füh­rung am 10. Oktober 1935 durch die Theater Guild im New Yorker Alvin-Theater war eben­falls ein Erfolg, und die Oper blieb 16 Wochen lang auf dem Spiel­plan. Ihren Welt­ruhm erlangte sie aller­dings erst nach Gershwins Tod, als meh­rere ame­ri­ka­ni­sche Bühnen sie nachspielten. 

Trailer zu Otto Pre­min­gers Film Porgy and Bess mit Sidney Poi­tier, Dorothy Dan­dridge und Sammy Davies junior aus dem Jahr 1959

In Europa erfolgten noch wäh­rend des Zweiten Welt­krieges die ersten Auf­füh­rungen. Und die 1952 begon­nene Welt­tournee der der Ever­yman Opera Com­pany mit War­field und in den Titel­rollen sicherte den Erfolg. 1959 kam der Film von Otto Pre­minger mit Sidney Poi­tier, Dorothy Dan­dridge und Sammy Davies junior heraus und erreichte Mil­lionen von Kinobesuchern. 

Moses und Aron von Arnold Schönberg (1874–1951) nach dem Zweiten Buch Mose

Arnold Schönberg
Arnold Schön­berg wenige Jahre vor seinem Tod in den

Arnold Schön­berg ver­fasste den Text zu seiner Oper Moses und Aron bereits im Oktober 1928. Ange­sichts des zuneh­menden Anti­se­mi­tismus’ in Öster­reich wandte er sich reli­giösen Themen zu und stützte sich auf die Kapitel drei, vier und 32 aus dem Zweiten Buch Mose. In der Oper ver­kör­pern die beiden Brüder Moses und Aron das dia­lek­ti­sche Paar von Geis­tig­keit und Erd­ge­bun­den­heit. So besetzt Schön­berg den den­kenden Men­schen Moses mit einem Sprecher.

In der Spiel­zeit 2018/2019 setzte Calixto Bieito die Oper Moses und Aron an der Sem­per­oper in Dresden in Szene. 

Die Kom­po­si­tion, die auf einer Zwölf­ton­reihe basiert, begann er 1930 in und schloss sie 1932 in ab. Vom dritten Akt skiz­zierte er jedoch nur einige Takte und ließ die Oper auch in den fol­genden 19 Jahren seines Lebens unvoll­endet. So gab es zu Schön­bergs Leb­zeiten keine Auf­füh­rung. Ledig­lich den Tanz um das Gol­dene Kalb aus dem zweiten Akt führte Her­mann Scher­chen im Rahmen der Darm­städter Feri­en­kurse für Neue Musik 1951 kurz vor Schön­bergs Tod kon­zer­tant auf. 

1975 drehten Jean-Marie Straub und Danièle Huillet in Ita­lien und Ägypten einen Film nach Arnold Schön­bergs Oper Moses und Aron. Die musi­ka­li­sche Lei­tung über­nahm , der die Arbeit an dem Film als einen Wen­de­punkt in seinem Leben bezeichnete. 

Erst 1954 kam es unter Hans Ros­baud zu einer ersten kon­zer­tanten Auf­füh­rung des Gesamt­werks, wobei Schön­berg noch vor seinem Tod zuge­stimmt hatte, dass der dritte Akt gespro­chen werden könne. Die sze­ni­sche Urauf­füh­rung, die eben­falls Ros­baud lei­tete, erfolgte am 6. Juni 1975 in im Rahmen des Welt­mu­sik­festes der Inter­na­tio­nalen Gesell­schaft für Neue Musik. Der unvoll­endete dritte Akt wurde weg­ge­lassen. Dieses Frag­ment for­derte die Regis­seure der wei­teren Insze­nie­rungen zu zahl­rei­chen Expe­ri­menten heraus. 

Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann (1918–1970) nach dem gleichnamigen Drama von Reinhold Michael Lenz

im Gespräch mit dem Diri­genten Michael Gielen, der die Urauf­füh­rung der Oper Die Sol­daten lei­tete
(Foto: © Otto Noecker)

Bernd Alois Zim­mer­mann schrieb die Oper Die Sol­daten im Auf­trag der Stadt von 1958 bis 1960. Wäh­rend eines Auf­ent­halts in über­ar­bei­tete er sie anschlie­ßend. Was ihn an dem Drama des Sturm-und-Drang-Dich­ters Lenz anzog, war, dass alle Per­sonen „unent­rinnbar in eine Zwangs­si­tua­tion geraten, unschuldig mehr als schuldig, die zu Ver­ge­wal­ti­gung, Mord und Selbst­mord und letzten Endes in die Ver­nich­tung des Bestehenden führt“.

2013 setzte Calixto Bieito am Bernd Alois Zim­mer­manns Oper Die Sol­daten in Szene.

Der Ort der Hand­lung ist Flan­dern, die Zeit „ges­tern, heute und morgen“. Erzählt wird von Marie, die durch einen fran­zö­si­schen Offi­zier in Verruf kommt und in der Folge immer mehr ins Elend gerät, bis ihr eigener Vater sie nicht mehr erkennt. Zim­mer­mann zeigt, wie Marie von allen Per­sonen des Stü­ckes brutal ver­ge­wal­tigt wird. Er ver­ar­beitet zahl­reiche Büh­nen­künste vom Bal­lett über die Pan­to­mime bis zum Film und ver­wendet Sprech­ge­sang und Geräusch­ku­lissen. Neben einem 120-köp­figen Orchester mit Harfe, Celesta, Gitarre und Orgel schreibt er auch noch eine Jazz-Combo und Ton­band­mon­tagen vor. Für die Bühne sieht er Col­la­ge­technik, Simul­tan­bühne und „Zeit­spi­rale“ vor.

Der Beginn des ersten Akts der Oper Die Sol­daten von Bernd Alois Zim­mer­mann
(© Schott)

1963 wurden drei Szenen aus der Oper vom West­deut­schen Rund­funk gespielt. Am 15. Februar 1965 erfolgte an den Städ­ti­schen Bühnen Köln die mit Michael Gielen am Pult Urauf­füh­rung. Dieser nannte das Ereignis ein „Husa­ren­stück“, weil auf­grund der ver­schie­denen Zeit­schichten sieben Diri­genten nötig gewesen wären. Fünf Jahre darauf nahm Zim­mer­mann sich das Leben. Eine wei­tere Oper Medea nach dem Thea­ter­stück von Hans Henny Jahnn blieb Frag­ment. So ist Die Sol­daten die ein­zige Oper, die Zim­mer­mann hinterließ. 

Die Bassariden von Hans Werner Henze (1926–2012) sowie Wystan Hugh Auden und Chester Kallman nach dem Drama Die Bakchen des Euripides

1966 im Gespräch mit dem Diri­genten Chris­toph von Dohnányi zur Vor­be­rei­tung der Urauf­füh­rung seiner Oper Die Bassa­riden bei den Salz­burger Festspielen

Hans Werner Henze sagte sofort zu, als Wystan Hugh Auden und Chester Kallman ihm den Vor­schlag unter­brei­teten, die Bak­chen als Sujet für eine Oper zu ver­wenden. Er zeigte sich begeis­tert „von der Macht der sze­ni­schen Situa­tionen, die das Werk bot“. Auden und Kallman folgten weit­ge­hend der Vor­lage des Euri­pides. Doch rei­cherten sie den Stoff durch Anklänge an Nietz­sche und Wagner sowie christ­liche und psy­cho­lo­gi­sche Motive an.

2018 kehrte Hans Werner Henzes Oper Die Bassa­riden an den Ort ihrer Urauf­füh­rung zurück: setzte sie in der Fel­sen­reit­schule in Szene. Am Pult stand .

Im Zen­trum der Hand­lung steht der Gott Dio­nysos, der auf die Erde kommt, um sich an dem Herr­scher­haus, das seinen Kult ver­achtet, zu rächen. Henze ordnet den beiden Gegen­spie­lern Pen­theus und Dio­nysos jeweils eine Zwölf­ton­reihe zu, wobei die beiden musi­ka­li­schen Bereiche durch zahl­reiche struk­tu­relle Bezüge inein­an­der­greifen, bis der dio­ny­si­sche Bereich die Ober­hand gewinnt. „Ich habe ver­sucht“, erläu­tert Henze, „in meiner Par­titur dar­zu­stellen, wie das Ton­ma­te­rial des Gottes Dio­nysos langsam, lockend listig und am Ende dann auch äußerst gewalt­tätig die mön­chisch-keu­sche Klang­welt des Pen­theus ver­nichtet – sie zunächst unter­höhlt, dann unter­mi­niert und schließ­lich buch­stäb­lich in die Luft jagt.“

Die Urauf­füh­rung am 6. August 1966 unter der Regie von Gustav Rudolf Sellner und mit Chris­toph von Dohnányi am Pult im Rahmen der war kein großer Erfolg. Die deut­sche Erst­auf­füh­rung, die eben­falls unter der Regie von Sellner stand, fand noch im glei­chen Jahr an der Deut­schen Oper Berlin statt. 23 Jahre später setzte der Inten­dant Götz Fried­rich das Werk erneut auf den Spiel­plan und ver­half ihm nach Mei­nung der Kritik mit seiner Insze­nie­rung zu einer Wiederentdeckung.

Fried­rich insze­nierte das Werk als moderne Parabel. „Immer schreibt die Geschichte mit, wenn ein Schrift­steller oder Kom­po­nist oder meh­rere Autoren ein Werk kon­zi­pierten“, erklärte Fried­rich. „Und oft schrieb die Geschichte weiter, eröff­nete Aspekte und Dimen­sionen, die in den Werken ursprüng­lich nur im Ansatz oder gar nicht ent­halten waren.“ In dieses Werk schrieb sich die Geschichte in beson­derer Weise ein. Denn mitten in die Pro­ben­ar­beit fiel der 9. November 1989. 

Einstein on the Beach von Philip Glass (1937)

Philip Glass und Robert Wilson
and Robert Wilson 1976 anläss­lich der Urauf­füh­rung von Ein­stein on the Beach
(Foto: © Robert Mapp­lethorpe)

Philip Glass kom­po­nierte Ein­stein on the Beach in Zusam­men­ar­beit mit dem Regis­seur Robert Wilson. Dieser schlug in Anspie­lung auf Nevil Shutes Roman On the Beach über einen post­nu­klearen Welt­un­ter­gang auch den Titel vor. Inspi­riert von John Cage, stand Glass ein offenes Werk vor Augen. So fügte er in loser Rei­hen­folge Hand­lungen und Bilder anein­ander, in denen Albert Ein­stein die Zunge her­aus­streckt, die zur Ter­ro­ristin gewor­dene Ver­le­ger­tochter Patricia Hearst auf­tritt, ein Raum­schiff zu sehen ist, Frauen, auf einem Glas­tisch lie­gend und von unten beleuchtet, tanzen, Ein­stein Glei­chungen schreibt und Raum­fahrer ein Raum­schiff besteigen. Als der Vor­hang fällt, liest man darauf die Formel „E= mc2“.

Ein Ein­blick in die Insze­nie­rung der Urauf­füh­rung von Philip Glass’ Oper Ein­stein on the Beach

Addi­tive und zykli­sche Pro­zesse bestimmen die Musik und schaffen kom­plexe rhyth­mi­sche und har­mo­ni­sche Struk­turen. Das von Glass vor­ge­se­hene Instru­men­ta­rium besteht aus zwei elek­tro­ni­schen Orgeln, Flöte, Saxofon und Kla­ri­nette sowie einem Solo-Geiger, der den Hobby-Geiger Ein­stein mimt.

In dem Doku­men­tar­film Ein­stein on the Beach: The Chan­ging Image of Opera bli­cken Philip Glass und Robert Wilson zurück auf die Ent­ste­hung der Oper.

Die Urauf­füh­rung erfolgte am 25. Juli 1976 mit dem 1966 von Glass ins Leben geru­fenen Philip Glass Ensemble unter der Lei­tung von Michael Riesman auf dem Fes­tival von in Frank­eich und dau­erte rund fünf Stunden. Den großen Erfolg brachte am 21. November 1978 die Metro­po­litan Opera in New York mit ihrer Insze­nie­rung. 1985 kam der Doku­men­tar­film Ein­stein on the Beach: The Chan­ging Image of Opera heraus. Auf der Grund­lage der Wie­der­auf­nahme der Oper an der Brooklyn Aca­demy of Music (BAM) zeigt er den Schaf­fens­pro­zess des Werks. 

Saint François d’Assise von Olivier Messiaen (1908–1992)

und der Diri­gent Kent Nagano
(Foto: © Bridgeman) 

Oli­vier Mes­siaen arbei­tete acht Jahre lang an seiner Oper Saint Fran­çois d’Assise. Rolf Lie­ber­mann hatte ihm im Bei­sein des fran­zö­si­schen Staats­prä­si­denten Georges Pom­pidou den Auf­trag erteilt, sodass Mes­siaen nicht ablehnen konnte. Er schuf eine 2000 Seiten umfas­sende Par­titur von vier­ein­halb Stunden Auf­füh­rungs­dauer. Das Libretto schrieb Mes­siaen auf der Grund­lage der Bibel und zwei anonymen fran­zis­ka­ni­schen Codices aus dem 14. Jahrhundert.

2011 setzte mit Kent Nagano am Pult Oli­vier Mes­siaens Oper Saint Fran­çois d’Assise an der Baye­ri­schen Staats­oper in Szene. 

Sein Ziel war es: „Die fort­schrei­tenden Sta­dien der Gnade in der Seele des hei­ligen Fran­ziskus zu schil­dern. Alles, was keine Farben, keine Wunder, keine Vögel, keine Fröm­mig­keit und keinen Glauben ent­hielt, habe ich aus­ge­spart.“ Die Oper beginnt mit einer Szene der „voll­kom­menen Freude“. Diese ist der Aus­gangs­punkt von Fran­ziskus’ spi­ri­tu­eller Reise. „Am Anfang ist er ein­fach Fran­ziskus. Dann wird er nach und nach zum Hei­ligen Fran­ziskus und sogar zum Super­hei­ligen Franziskus.“

Bei der Urauf­füh­rung am 28. November 1983 im Thé­âtre National de l‘Opéra de Paris assis­tierte Kent Nagano. Er erin­nerte sich später an die Ängste Mes­siaens: „Ich habe gelebt, um Saint Fran­çois zu schreiben, und ich fühle, dass ich nichts mehr kom­po­nieren werde“, habe er geklagt. Am Ende jedoch stand: „Tri­umph!!! Volles Haus!!!!!!… Das gesamte Publikum stand auf und applau­dierte zwanzig Minuten lang!!! Gigan­ti­scher Erfolg!!!!!“ Auf­grund des unge­heuren Auf­wands an Instru­men­ta­listen und Sän­gern sowie der Länge des Werks kamen in der Folge den­noch nur kon­zer­tante Auf­füh­rungen ein­zelner Szenen zustande. Voll­ständig kon­zer­tant wurde die Oper 1988 an der Opéra Lyon unter der musi­ka­li­schen Lei­tung von Kent Nagano auf­ge­führt. Und Nagano stand auch am Pult der groß­ar­tigen Insze­nie­rung von Her­mann Nitsch mit Paul Gay in der Titel­rolle 2011 an der Baye­ri­schen Staatsoper. 

Nixon in China von John Adams (1947)

John DeMain, John Adams, Alice Goodman und Peter Sellars
John DeMain, , Alice Goodman und Peter Sel­lars bei der Vor­be­rei­tung der Urauf­füh­rung der Oper Nixon in China
(Foto: © Ken Howard)

John Adams kom­po­nierte Nixon in China auf Anre­gung des Regis­seurs Peter Sel­lars. Elf Jahre nach dem Besuch Richard Nixons in China 1972, der den ersten Staats­be­such eines ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­denten in der Volks­re­pu­blik China dar­stellte, unter­brei­tete Sel­lars seinen Vor­schlag, eine Oper dar­über zu schreiben. Adams bestand auf einem lite­ra­ri­schen Libretto. Und so wurde die Dich­terin Alice Goodman hinzugezogen.

John Adams Oper Nixon in China 2011 an der Metro­po­litan Opera in New York mit James Mad­delena als Nixon

Gemeinsam rekon­stru­ierten sie den Ablauf der sieben his­to­ri­schen Tage vom 21. bis zum 27. Februar 1972, fassten ihn, ver­teilt auf die drei Akte der Oper, zusammen und den Per­sonen Stimm­lagen zu. Mrs. Nixon sollte ein lyri­scher Sopran sein, die Frau Maos ein Kolo­ra­turs­o­pran. Mao selbst wurde ein Tenor und Nixon ein Bariton. Auch dis­ku­tierten sie die Atmo­sphäre der ein­zelnen Szenen.

Zwei Jahre arbei­tete Adams an der Par­titur. Seine Musik ist ein­gängig, aber voller Über­ra­schender Wen­dungen. In den ersten 30 Takten lässt Adams die Geiger, Brat­scher und Key­boarder im Orchester gleich­blei­bend auf­stei­gende Ton­lei­tern spielen, die er 159 Takte lang immer um eine Oktave erhöht. Dazu fügen Holz­bläser lang­same Ton­lei­tern hinzu. Die Bas­sisten treten hinzu sowie die Posau­nisten, und alles wird akzen­tu­iert von einem hohen „Kling!“

Die Urauf­füh­rung erfolgte am 22. Oktober 1987 an der Houston Grand Opera unter der Regie von Peter Sel­lars und mit Edo de Waard als musi­ka­li­schem Leiter. Als Nixon und Mao standen James Mad­da­lena und John Duy­kers auf der Bühne.

Das Schloss von Aribert Reimann (1936) nach dem gleichnamigen Roman von Franz Kafka und dessen Dramatisierung von Max Brod

Aribert Reimann und Michael Boder
Ari­bert Rei­mann und Michael Boder über der Par­titur bei der Vor­be­rei­tung der Urauf­füh­rung der Oper Das Schloss
(Foto: © )

Ari­bert Rei­mann war bereits wäh­rend der Schul­zeit auf Kafkas Roman Das Schloss auf­merksam geworden. Doch erst für seine sechste Oper griff er den Stoff auf. „Mit einem Mal fühlte ich, dass dieser Stoff uns heute in beson­derer Weise angeht“, beschrieb er im Gespräch seine Moti­va­tion. „Die Figur des K., der als Fremder in eine Gemein­schaft kommt und nichts weiter will, als auf­ge­nommen und aner­kannt zu werden und diese Gemein­schaft, die sich wei­gert, einen Fremden unter sich zu dulden und alles unter­nimmt, um ihm zu schaden – das sind Aspekte des Werks, die wir in der Asy­lan­ten­pro­ble­matik jeden Tag erleben.“ Zugleich seien es die grund­sätz­li­chen mensch­li­chen Fra­ge­stel­lungen gewesen, die ihn an Kafkas Roman fesselten.

Szenenfoto zu Aribert Reimanns Oper Das Schloss
Ari­bert Rei­manns Oper Das Schloss in der Insze­nie­rung von an der Deut­schen Oper Berlin
(Foto: © Kra­nich­photo / Deut­sche Oper Berlin)

Im Sommer 1989 begann er mit der Erstel­lung des Textes. Musi­ka­lisch sieht er das Werk als Syn­these von vielem, was er bisher kom­po­nierte. Die Oper beginnt mit einer auf­stei­genden Folge von 15 Tönen, die in Ver­än­de­rungen immer wie­der­kehren und „die abso­lute Uner­reich­bar­keit des Schlosses“ sym­bo­li­sieren. Und sie endet ebenso: Die gleiche auf­stei­gende Ton­reihe in den Strei­chern, die zurück­führen in die Stille. K. kam aus dem unend­li­chen Nichts und kehrt dahin zurück, ohne die Bedeu­tung des Schlosses ent­rät­selt zu haben und ohne in sein Inneres gelangt zu sein. Die Urauf­füh­rung am 2. Sep­tember 1992 an der Deut­schen Oper Berlin im Rahmen der 42. Ber­liner Fest­wo­chen fand unter der musi­ka­li­schen Lei­tung von Michael Boder statt. Regie führte Willy Decker mit Wolf­gang Schöne als K. Anschlie­ßend wurde das Werk mehr­fach nachgespielt.

Licht von Karlheinz Stockhausen (1928–2007)

Com­po­nist Karl­heinz Stock­hausen tij­dens repe­titie Michaels Heim­kehr (in opdracht NOS geschreven), kop *12 juni 1980

Karl­heinz Stock­hausen hatte sich jah­re­lang als Gegner der Oper gezeigt. Auf der Holz­ter­rasse eines Tem­pels in der japa­ni­schen Stadt Kyoto aber überkam ihn die Idee einer Opern-Hep­ta­logie. Aus einer ein­zigen kom­plexen „Formel“ sollte diese ent­stehen. 25 Jahre lang arbei­tete er an dem auto­bio­gra­fi­schen Pro­jekt: Gesang, Instru­men­tal­musik, Ton­band­klänge, Tanz und Bewe­gung, Wort und Bild – alle Büh­nen­künste sollten sich zu einer Ein­heit zusammenfügen.

Die Thea­ter­truppe La Fura dels Baus insze­nierte mit dem Ensemble Musik­fa­brik 2011 die Oper Sonntag aus dem Zyklus Licht von Karl­heinz Stockhausen 

Jede Oper des Zyklus ordnet Stock­hausen einem Wochentag zu. Die sieben Wochen­tage stehen für die Peri­odi­sie­rung der Zeit durch den Men­schen und sym­bo­li­sieren das mensch­liche Leben. Den ein­zelnen Wochen­tagen schreibt Stock­hausen Pla­neten, Farben, Cha­rak­ter­ei­gen­schaften, Sinn und mytho­lo­gi­sche Ele­mente zu. Der Titel Licht ver­weist auf Gött­li­ches, das er aus allen mög­li­chen Mythen und Reli­gionen schöpft und durch die Figuren Eva, Luzifer und Michael ver­kör­pern lässt.

Donnerstag, Oper von Karlheinz Stockhausen an der Mailänder Scala
Karl­heinz Stock­hau­sens Oper Don­nerstag kam als erste aus dem Zyklus Licht 1981 an der Mai­länder Scala zur Uraufführung.

Die Urauf­füh­rung von Don­nerstag über Stock­hau­sens Ver­lust seiner Eltern und seine Erfül­lung in der Musik erfolgte am 15. März 1981 an der Mai­länder Scala. Auch Samstag über Luzifer und Montag über die Ent­ste­hung der Mensch­heit wurden 1984 und 1988 an der Mai­länder Scala urauf­ge­führt. Die Opern Dienstag über den Kampf der himm­li­schen Trom­peten gegen die Posaunen Luzi­fers und Freitag über die Ver­ei­ni­gung von Eva mit Kaino kamen 1993 und 1996 an der Sem­per­oper in zur Urauf­füh­rung. Die Urauf­füh­rungen von Sonntag, dem Tag des weißen Lichts, und Mitt­woch als „Tag der Ver­ei­ni­gung, der Zusam­men­ar­beit und des Ver­ständ­nisses“ 2001 in Köln und 2012 in Bir­mingham schlagen bereits den Bogen ins 21. Jahrhundert.


Fotos: Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper