Helen Dabringhaus

Die Kunst des Schwal­ben­flugs

von Stefan Sell

14. November 2021

Helen Dabringhaus begeistert mit ihrem virtuosen Flötenspiel und einem Entdeckergeist, der sie nach Unbekanntem und Vergessenem suchen lässt.

Ihr Master­stu­dium voll­endete sie mit Best­note, holte Preise über Preise und ist heute eine äußerst gefragte Flötistin. Ihre Konzert­reisen führten sie nach , Südkorea, Frank­reich, und in die . Im März 2021 erschien von ihr Iberts Flöten­kon­zert in einer gran­diosen.

und Negin Habibi geben Einblick in ihre Album und spielen aus Anton Diabellis Grande Séré­nade op. 67

Mit der Gitar­ristin Negin Habibi veröf­fent­lichte sie ihre Diabelli-CD mit Werken für Flöte und Gitarre. Was auch immer sie anpackt, die Flötistin Helen Dabring­haus ist mit Herz und Seele dabei, heiter, tempe­ra­ment­voll und einfühlsam. Zudem hat sie sich in aller stilis­ti­schen Offen­heit auf Erstein­spie­lungen spezia­li­siert.

Helen Dabringhaus, Flötistin

»Das Span­nende an Unbe­kanntem ist bereits der Moment der Entde­ckung.«

CRESCENDO: Mit dem haben Sie für die wunder­bare Aufnahme der Musik von den 2021 erhalten. Wie fühlt sich das an?

Helen Dabring­haus: Ehrlich gesagt, ein biss­chen surreal. Ich war extrem über­rascht und kann es noch gar nicht so richtig glauben.

Rinck, aber auch Johann Wilhelm Wilms, als Kompo­nisten beide eher unbe­kannte Zeit­ge­nossen Beet­ho­vens – worin liegt der beson­dere Reiz bei Erstein­spie­lungen?

Das Span­nende an Unbe­kanntem ist bereits der Moment der Entde­ckung – dass es niemand bisher kennt. Dazu kommt, dass ich keinerlei vorge­ge­bene inter­pre­ta­to­ri­sche Refe­renz habe: Ich kann unbe­ein­flusst das Stück für mich entde­cken, das seit wer weiß wie vielen Jahren nicht mehr oder sogar noch nie gespielt wurde. Man kann nicht mal schnell eine Aufnahme anhören und es besser machen. Dadurch sind die Proben viel mehr eine Entde­ckungs­reise als bei den Stan­dard­werken, die man unwei­ger­lich irgendwie im Ohr hat.

Und was kann auf so einer Entde­ckungs­reise passieren?

Die Arbeit am ersten Wilms-Album war beson­ders faszi­nie­rend. Ich hatte mit dem ersten Satz der zweiten Sonate ein großes Problem, weil ich ihn irgendwie zu depressiv fand. Immer wieder habe ich mit mir geha­dert. Dann habe ich mit meinem Pianisten einfach mal etwas Anderes auspro­biert, und inzwi­schen ist dieser Satz einer der vergnüg­testen auf der CD. Einen solchen Turnaround habe ich auf diese Weise noch nie erlebt.

Rinck, Wilms, Diabelli, Beet­hoven – all diesen Kompo­nisten ist gemein, dass sie längst verstorben sind. Gibt es aus der zeit­ge­nös­si­schen Musik etwas, das Einfluss auf die Inter­pre­ta­tion von Werken verstor­bener Kompo­nisten hat? Ist viel­leicht sogar ein Touch Groove denkbar, wie man ihn aus dem Jazz kennt?

Ja genau, gerade so einen leicht jazzigen Groove hat die Musik der klas­si­schen Epoche ja in der Tat. Es hieß mögli­cher­weise anders, aber diese Bezeich­nung passt schon… Was aber die zeit­ge­nös­si­sche Musik betrifft, da geht es meist nicht um Groove, sondern viel­mehr um die verschie­denen neuar­tigen Klang­er­zeu­gungs­mög­lich­keiten. Ich kann nicht eine Berio-Sequenza [Werk für Flöte Solo, 1958, Anm.d.Red.] auf eine Beet­ho­ven­so­nate über­tragen, das sind verschie­dene Welten, natür­lich auch sehr span­nend.

Helen Dabringhaus, Flötistin

»Ich wollte immer Flöte spielen, nie etwas anderes.«

Mit fünf haben Sie ange­fangen, Klavier zu spielen, mit neun Jahren Flöte. Warum gerade Flöte? Was hat Sie dazu bewegt?

Ich wollte immer Flöte spielen, nie etwas anderes. Ich habe zu Hause viel Musik gehört, viel Musik mit Flöte, viel mit Paul Meisen, der einfach einen so fantas­ti­schen Klang hervor­ge­bracht hat, dass ich mich schnell verliebt habe. Seine Prokofjew-Sonate ist so groß­artig gespielt – das wollte ich auch können!

Sie haben eine wunder­volle Einspie­lung des Flöten­kon­zerts von vorge­legt. Ibert war 1934 bei seiner Urauf­füh­rung gar nicht dabei, hielt sich statt­dessen in seinem Hotel in auf und verfolgte die Über­tra­gung im Radio. Über­lie­fert ist, er hätte vor sich hinge­lä­chelt und zuge­hört, „als ob er die Musik gar nicht kenne und sie gerade jetzt erst voller Vergnügen entdeckte“. Dieses Entde­cken voller Vergnügen wird hier wieder hörbar. Für einen Außen­ste­henden sehr, sehr virtuos.

Es ist auch für einen Innen­ste­henden sehr virtuos.

Aus dem Allegro Scher­z­ando wurde damals gleich ein Wett­be­werbs­stück. Es klingt buch­stäb­lich atem­be­rau­bend, denn es braucht auch den Atem, sich der Band­breite der Ausdrucks­mög­lich­keiten, die Ibert hier geschaffen hat, ganz und gar zu widmen. Gera­dezu über­mütig stellen Sie sich der Heraus­for­de­rung dieses Spiels. Da ist im wahrsten Sinne des Wortes langer Atem gefragt. Woher kommen Technik und Ausdauer?

Ich mache an fünf bis sechs Tagen die Woche Sport, dreimal ein von Physio­the­ra­peuten erar­bei­tetes Kraft­trai­ning als Ausgleich für die Haltung des Instru­ments, die ergo­no­misch ja nicht gerade günstig ist, und gehe zwei- bis dreimal die Woche joggen, um die Kondi­tion zu haben. Was das Joggen betrifft, bin ich zum Glück fast süchtig.

Helen Dabringhaus, Flötistin

»Ich stelle mir vor, wie ein Vogel fliegt, sich hoch­schwingt und durch die Luft segelt.«

Ihr Spiel erin­nert an die Kunst des Schwal­ben­flugs am Sommer­himmel. Haben Sie beim Spielen auch solche Bilder im Kopf?

Defi­nitiv! Es läuft immer ein Film in meinem Kopf ab, ich bin ein sehr bild­hafter Mensch. Wenn ich ein Stück spiele ohne Möglich­keit zur Imagi­na­tion, dann funk­tio­niert es nicht, und ich muss mir Bilder suchen. Nicht ohne Grund heißt mein Duo mit Gitarre „Duo Images“, es geht nicht einfach nur um rich­tige Into­na­tion und Zusam­men­spiel – Negin Habibi und ich erzählen beide gern Bilder­ge­schichten. Ich habe viele Erin­ne­rungen an Begeg­nungen mit Freunden, tatsäch­lich auch an Erleb­nisse mit Tieren. Früher hatte ich ein Pferd, wir hatten eine sehr enge Bezie­hung. Ich stelle mir dann vor, wie ich auf diesem Pferd sitze, galop­piere, trabe, springe. Oder ich stelle mir vor, wie ein Vogel fliegt, sich hoch­schwingt und durch die Luft segelt. Auch Menschen, die ich kenne, benutze ich als Charak­tere in der Musik, dann spiele ich so, wie ich mir vorstelle, dass es diese Person sagen würde.

Vergleichbar mit einer Roman­au­torin, die ihre Prot­ago­nisten aus dem Freundes- und Bekann­ten­kreis rekru­tiert?

Ja, aber ich verrate nicht, wer wo wie vorkommt…

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Weitere Informationen zu Helen Dabringhaus unter:
helendabringhaus.com 

Fotos: ´Christian Dabringhaus