Hélène Grimaud erkundet zu Hause in New York Partituren, vermisst die spirituelle Verbindung mit dem Publikum – und hat das Album „The Messenger“ mit Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und Valentin Silvestrov herausgebracht. 

CRESCENDO: Madame Grimaud, eigentlich hätten Sie sich im Herbst auf eine Tournee mit der Camerata Salzburg begeben sollen…

Hélène Grimaud: Ja, aber die Absage war für mich unvermeidbar. Mittlerweile erscheint die schmerzliche Entscheidung ja tatsächlich noch vernünftiger als zu dem Zeitpunkt, an dem ich sie getroffen habe. Es gibt ja keine Garantie, dass Termine halten, wenn überall die Infektionszahlen steigen, die Regeln strenger werden und Städte und ganze Länder auf die rote Liste kommen. Mit dem erhöhten Risiko, das sich aus meiner Krankengeschichte ergibt, war die Sache leider klar – ganz zu schweigen davon, dass ich seit langem in den USA lebe und keine Wohnung mehr in Europa habe, ein Einreiseverbot besteht und ich weder zurück nach Hause noch nirgendwo in eigenen vier Wänden bleiben könnte, sollte ich krank werden. Aber es ist traurig und frustrierend. Die furchtbare Unsicherheit wird wohl noch länger dauern. 

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Hélène Grimaud spielt in der Großen Aula der Universität Salzburg Der Bote, das titelgebende Werk ihres Albums, in der Fassung für Solo-Klavier, das der ukrainische Komponist Valentin Silvestrov 1996 im Gedenken an seine verstorbene Frau schrieb.

Körperliche Gesundheit ist wichtig, aber auch die seelische. Hat sich durch die Pandemie Ihr Verhältnis zur Musik verändert – oder ist das eine dumme Frage für eine Künstlerin, die schon schwere Krankheiten überwunden hat? 

Die Frage ist gar nicht dumm. Bei all diesen Streaming-Projekten ist mir eines aufgefallen: So schön sie auch waren, hatten sie doch auch etwas – ich will nicht sagen Deprimierendes, denn das wäre übertrieben, und schließlich haben sie auch viel Gutes bewirkt. Aber: Wir blühen und gedeihen erst durch die Verbundenheit mit einem Publikum. Es gibt einfach keinen Ersatz für das gemeinsame Erlebnis von Musik an ein und demselben Ort, für die spezielle Dringlichkeit, die dabei entsteht, diese Gemeinschaft zwischen den Menschen auf der Bühne und im Publikum. Das ist für mich durchaus eine Art von Wunder. Es ändert nicht das Verhältnis zur Kunstform selbst, aber zu der Art, in der man sie tagtäglich lebt. 

Das Spielen für sich selbst ist eine andere Kategorie?  

Die Freude an Musik ist da, die tägliche Arbeit mit den Noten bleibt; mit manchen Partituren hat man sich schon angefreundet, mit anderen ist man noch nicht auf Du und Du. Die Neugier lebt! Gerade jetzt habe ich Zeit, auch Werke auszuprobieren, die nicht direkt mit meinem Repertoire der nächsten Zeit in Verbindung stehen; aus reinem Vergnügen, ohne Druck. Das ist alles wertvoll und für sich genommen schon auch erfüllend – aber dennoch fehlt mir das Entscheidende, diese spirituelle Dimension. Ich komme immer wieder auf das englische Wort communion zurück, die Gemeinschaft. Ich weiß, dass das religiös klingt und ich begreife es auch mehr allgemein spirituell – aber das ist der existentielle Kern der Sache. 

Hélène Grimaud

»Das liebe ich so an der Camerata Salzburg: Diese Musikerinnen und Musiker besitzen diese wunderbare Individualität, sowohl als Einzelspieler als auch als lebendiger Klangkörper.«

Einen spirituellen Eindruck im allgemeinen Sinn vermittelt auch Ihr neues Album mit dem Titel The Messenger, das Sie mit der schon erwähnten Camerata Salzburg aufgenommen haben. Was zeichnet dieses Orchester aus?

Es gab viele Gründe für meine Vorfreude auf die nun so schmerzlich abgesagte Tournee nach den Aufnahmesitzungen Ende Januar in Salzburg! Ich hatte schon ein paarmal mit der Camerata zusammengearbeitet, etwa in Aix-en-Provence vor ein paar Jahren. Wir haben uns von Beginn an bestens verstanden und auch rasch Pläne geschmiedet. Aber durch unsere vollen Terminkalender hat es etwas gedauert, bis wir uns wirklich gezielt zusammensetzen konnten – und das übrigens direkt im Studio: Es gab kein vorheriges Abklopfen und Zusammenfinden in Konzerten. Wir haben uns einen Tag vor der ersten Aufnahme zur Probe getroffen, und das Einverständnis war sofort wieder dasselbe. Man braucht diesen Gleichklang in Dingen, die nicht erklärt und besprochen werden können. Die Chemie ist einfach da oder nicht, sie lässt sich nicht künstlich erzeugen. Ich weiß nicht, ob es am gemeinsamen Herzschlag liegt, am Atem, am nicht bloß Zuhören, sondern am Aufeinanderhören, an der Energie … Es ist undefinierbar, aber wenn man es fühlt, ist es großartig. Das liebe ich so an der Camerata Salzburg: Diese Musikerinnen und Musiker besitzen diese wunderbare Individualität, sowohl als Einzelspieler von höchster Qualität als auch als Organismus, als lebendiger Klangkörper. Das erlebt man nicht alle Tage. 

Die Aufnahmen sind ohne einen Dirigenten entstanden – was ist da leichter, was schwerer?  

Ohne einen Dirigenten spielt man eher Kammermusik im Großen, jeder Einzelne wird zum direkten Partner. Das geht tatsächlich leichter ohne eine zusätzliche Instanz und ist für mich ein Ideal im Musizieren mit Kammerorchester. Ich habe Mozartkonzerte mit verschiedenen Partnern gespielt, besonders gern erinnere ich mich zum Beispiel an die Zusammenarbeit mit Manfred Honeck und mit großem Orchester: Das ist auch unschlagbar, aber zugleich ein anderes Paar Schuhe. Im Kammerorchesterformat kann man dafür eine viel tiefer gehende Dichte und Intimität erzeugen, die etwas Besonderes ist. 

Hélène Grimaud

»Mozarts Stücke in Moll besitzen die spezielle Aura einer Auseinandersetzung mit dem Schicksal.«

Ihre Deutung des d‑Moll-Klavierkonzerts KV 466 ist gewiss das Gegenteil jeder süßen „Mozartkugel“, nämlich kantig, dramatisch, insistierend, manchmal sogar auf nuancierte Weise hämmernd – mehr als bei vielen anderen Interpreten.  

All diese Adjektive, die Sie benützen, stehen für mich untrennbar mit Mozarts wenigen Stücken in Molltonarten in Verbindung, die eine besondere persönliche Bedeutung besitzen – die spezielle Aura einer Auseinandersetzung mit dem Schicksal. Man könnte sagen, dass mich solche Stücke besonders anziehen, weil sie mir pianistisch ebenso entgegenkommen wie generell beim Musizieren. Zugleich denke ich, dass bei meinen Aufnahmen zum Beispiel der Konzerte in A‑Dur KV 488 oder F‑Dur KV 459 sehr wohl auch lyrischere, sanftere, leichtere Qualitäten hörbar sind. Aber das d‑Moll Konzert und die beiden Fantasien in d‑Moll und c‑Moll sind mir sehr nahe, bedeuten mir sehr viel – und es war meine volle Absicht, sie so darzustellen, wie Sie es beschreiben. 

Sie spielen die üblichen Kadenzen von Beethoven …  

Ich habe viel Material durchstöbert und auch schon selbst improvisiert, aber letztlich geht es mir um Qualität, und ich halte Beethovens Kadenzen für unerreicht. Es ist kein Zufall, dass er gerade für dieses Stück welche geschrieben hat. Im trotzigen Aufbegehren sind sich die beiden Komponisten so nahe wie nirgendwo sonst. 

Hélène Grimaud

»Valentin Silvestrovs Musik spricht zu uns, als wäre sie ein Echo von etwas Vergangenem.«

Die Dramaturgie des Albums durchziehen zwei verschiedene Arten von Kombinationen oder Gegenüberstellungen: Zum einen bilden Mozarts Fantasien für Klavier solo ein dramatisches Vorspiel und eine Art Überleitung zu den Werken für Klavier und Orchester, zum anderen treffen Mozart und Valentyn Silvestrov, der 1937 in Kiew geboren wurde, aufeinander. Wie sind Sie darauf gekommen?  

Diese Kombination basiert mehr auf Gefühl als auf einem speziellen Konzept. Silvestrov fasziniert mich schon länger, auf meinem letzten Album war bereits Musik von ihm vertreten. Mozart und er haben viel gemeinsam – in der Transparenz und Klarheit ihrer Texturen. Ich finde diese Parallelen interessant: die Unbeständigkeit, das Flüchtige. 

Der Mozart des d‑Moll-Konzerts ist dramatisch, dunkel, kämpferisch – weit weg vom immer noch manchmal bemühten Klischee der Lieblichkeit. Silvestrov hingegen ist zeitgenössische Musik, die oft für schwer zugänglich gehalten wird, für zu kompliziert und so weiter – aber er klingt tröstlich und sanft, baut stark auf Tonalität und Gefühl.  

Silvestrovs Musik spricht zu uns, als wäre sie ein Echo von etwas Vergangenem. Zugleich kommt auch Mozart für mich wie aus einer jenseitigen Welt: Beide überschreiten sie die Grenzen der unmittelbaren Realität. Das verbindet die beiden. Für mich ist dabei Mozart eher der Komponist der Zukunft, Silvestrov jener der Vergangenheit. Dieses Paradox fasziniert mich.

Auftrittstermine und weitere Informationen zu Hélène Grimaud unter: www.helenegrimaud.com