Hélène Grimaud

Faszi­nie­rendes Paradox

von Walter Weidringer

29. November 2020

Hélène Grimaud erkundet zu Hause in New York Partituren, vermisst die spirituelle Verbindung mit dem Publikum – und hat das Album „The Messenger“ mit Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und Valentin Silvestrov herausgebracht.

CRESCENDO: Madame Grimaud, eigent­lich hätten Sie sich im Herbst auf eine Tournee mit der Came­rata begeben sollen…

: Ja, aber die Absage war für mich unver­meidbar. Mitt­ler­weile erscheint die schmerz­liche Entschei­dung ja tatsäch­lich noch vernünf­tiger als zu dem Zeit­punkt, an dem ich sie getroffen habe. Es gibt ja keine Garantie, dass Termine halten, wenn überall die Infek­ti­ons­zahlen steigen, die Regeln strenger werden und Städte und ganze Länder auf die rote Liste kommen. Mit dem erhöhten Risiko, das sich aus meiner Kran­ken­ge­schichte ergibt, war die Sache leider klar – ganz zu schweigen davon, dass ich seit langem in den lebe und keine Wohnung mehr in Europa habe, ein Einrei­se­verbot besteht und ich weder zurück nach Hause noch nirgendwo in eigenen vier Wänden bleiben könnte, sollte ich krank werden. Aber es ist traurig und frus­trie­rend. Die furcht­bare Unsi­cher­heit wird wohl noch länger dauern. 

Hélène Grimaud spielt in der Großen Aula der Univer­sität Salz­burg Der Bote, das titel­ge­bende Werk ihres Albums, in der Fassung für Solo-Klavier, das der ukrai­ni­sche Kompo­nist 1996 im Gedenken an seine verstor­bene Frau schrieb.

Körper­liche Gesund­heit ist wichtig, aber auch die seeli­sche. Hat sich durch die Pandemie Ihr Verhältnis zur Musik verän­dert – oder ist das eine dumme Frage für eine Künst­lerin, die schon schwere Krank­heiten über­wunden hat?

Die Frage ist gar nicht dumm. Bei all diesen Strea­ming-Projekten ist mir eines aufge­fallen: So schön sie auch waren, hatten sie doch auch etwas – ich will nicht sagen Depri­mie­rendes, denn das wäre über­trieben, und schließ­lich haben sie auch viel Gutes bewirkt. Aber: Wir blühen und gedeihen erst durch die Verbun­den­heit mit einem Publikum. Es gibt einfach keinen Ersatz für das gemein­same Erlebnis von Musik an ein und demselben Ort, für die spezi­elle Dring­lich­keit, die dabei entsteht, diese Gemein­schaft zwischen den Menschen auf der Bühne und im Publikum. Das ist für mich durchaus eine Art von Wunder. Es ändert nicht das Verhältnis zur Kunst­form selbst, aber zu der Art, in der man sie tagtäg­lich lebt. 

Das Spielen für sich selbst ist eine andere Kate­gorie? 

Die Freude an Musik ist da, die tägliche Arbeit mit den Noten bleibt; mit manchen Parti­turen hat man sich schon ange­freundet, mit anderen ist man noch nicht auf Du und Du. Die Neugier lebt! Gerade jetzt habe ich Zeit, auch Werke auszu­pro­bieren, die nicht direkt mit meinem Reper­toire der nächsten Zeit in Verbin­dung stehen; aus reinem Vergnügen, ohne Druck. Das ist alles wert­voll und für sich genommen schon auch erfül­lend – aber dennoch fehlt mir das Entschei­dende, diese spiri­tu­elle Dimen­sion. Ich komme immer wieder auf das engli­sche Wort commu­nion zurück, die Gemein­schaft. Ich weiß, dass das reli­giös klingt und ich begreife es auch mehr allge­mein spiri­tuell – aber das ist der exis­ten­ti­elle Kern der Sache. 

Hélène Grimaud

»Das liebe ich so an der : Diese Musi­ke­rinnen und Musiker besitzen diese wunder­bare Indi­vi­dua­lität, sowohl als Einzel­spieler als auch als leben­diger Klang­körper.«

Einen spiri­tu­ellen Eindruck im allge­meinen Sinn vermit­telt auch Ihr neues Album mit dem Titel The Messenger, das Sie mit der schon erwähnten Came­rata Salz­burg aufge­nommen haben. Was zeichnet dieses Orchester aus?

Es gab viele Gründe für meine Vorfreude auf die nun so schmerz­lich abge­sagte Tournee nach den Aufnah­me­sit­zungen Ende Januar in Salz­burg! Ich hatte schon ein paarmal mit der Came­rata zusam­men­ge­ar­beitet, etwa in vor ein paar Jahren. Wir haben uns von Beginn an bestens verstanden und auch rasch Pläne geschmiedet. Aber durch unsere vollen Termin­ka­lender hat es etwas gedauert, bis wir uns wirk­lich gezielt zusam­men­setzen konnten – und das übri­gens direkt im Studio: Es gab kein vorhe­riges Abklopfen und Zusam­men­finden in Konzerten. Wir haben uns einen Tag vor der ersten Aufnahme zur Probe getroffen, und das Einver­ständnis war sofort wieder dasselbe. Man braucht diesen Gleich­klang in Dingen, die nicht erklärt und bespro­chen werden können. Die Chemie ist einfach da oder nicht, sie lässt sich nicht künst­lich erzeugen. Ich weiß nicht, ob es am gemein­samen Herz­schlag liegt, am Atem, am nicht bloß Zuhören, sondern am Aufein­an­der­hören, an der Energie … Es ist unde­fi­nierbar, aber wenn man es fühlt, ist es groß­artig. Das liebe ich so an der Came­rata Salz­burg: Diese Musi­ke­rinnen und Musiker besitzen diese wunder­bare Indi­vi­dua­lität, sowohl als Einzel­spieler von höchster Qualität als auch als Orga­nismus, als leben­diger Klang­körper. Das erlebt man nicht alle Tage. 

Die Aufnahmen sind ohne einen Diri­genten entstanden – was ist da leichter, was schwerer? 

Ohne einen Diri­genten spielt man eher Kammer­musik im Großen, jeder Einzelne wird zum direkten Partner. Das geht tatsäch­lich leichter ohne eine zusätz­liche Instanz und ist für mich ein Ideal im Musi­zieren mit Kammer­or­chester. Ich habe Mozart­kon­zerte mit verschie­denen Part­nern gespielt, beson­ders gern erin­nere ich mich zum Beispiel an die Zusam­men­ar­beit mit und mit großem Orchester: Das ist auch unschlagbar, aber zugleich ein anderes Paar Schuhe. Im Kammer­or­ches­ter­format kann man dafür eine viel tiefer gehende Dichte und Inti­mität erzeugen, die etwas Beson­deres ist. 

Hélène Grimaud

»Mozarts Stücke in Moll besitzen die spezi­elle Aura einer Ausein­an­der­set­zung mit dem Schicksal.«

Ihre Deutung des d‑Moll-Klavier­kon­zerts KV 466 ist gewiss das Gegen­teil jeder süßen „Mozart­kugel“, nämlich kantig, drama­tisch, insis­tie­rend, manchmal sogar auf nuan­cierte Weise hämmernd – mehr als bei vielen anderen Inter­preten. 

All diese Adjek­tive, die Sie benützen, stehen für mich untrennbar mit Mozarts wenigen Stücken in Moll­ton­arten in Verbin­dung, die eine beson­dere persön­liche Bedeu­tung besitzen – die spezi­elle Aura einer Ausein­an­der­set­zung mit dem Schicksal. Man könnte sagen, dass mich solche Stücke beson­ders anziehen, weil sie mir pianis­tisch ebenso entge­gen­kommen wie gene­rell beim Musi­zieren. Zugleich denke ich, dass bei meinen Aufnahmen zum Beispiel der Konzerte in A‑Dur KV 488 oder F‑Dur KV 459 sehr wohl auch lyri­schere, sanf­tere, leich­tere Quali­täten hörbar sind. Aber das d‑Moll Konzert und die beiden Fanta­sien in d‑Moll und c‑Moll sind mir sehr nahe, bedeuten mir sehr viel – und es war meine volle Absicht, sie so darzu­stellen, wie Sie es beschreiben. 

Sie spielen die übli­chen Kadenzen von Beet­hoven … 

Ich habe viel Mate­rial durch­stö­bert und auch schon selbst impro­vi­siert, aber letzt­lich geht es mir um Qualität, und ich halte Beet­ho­vens Kadenzen für uner­reicht. Es ist kein Zufall, dass er gerade für dieses Stück welche geschrieben hat. Im trot­zigen Aufbe­gehren sind sich die beiden Kompo­nisten so nahe wie nirgendwo sonst. 

Hélène Grimaud

»Valentin Silvestrovs Musik spricht zu uns, als wäre sie ein Echo von etwas Vergan­genem.«

Die Drama­turgie des Albums durch­ziehen zwei verschie­dene Arten von Kombi­na­tionen oder Gegen­über­stel­lungen: Zum einen bilden Mozarts Fanta­sien für Klavier solo ein drama­ti­sches Vorspiel und eine Art Über­lei­tung zu den Werken für Klavier und Orchester, zum anderen treffen Mozart und Valentyn Silvestrov, der 1937 in Kiew geboren wurde, aufein­ander. Wie sind Sie darauf gekommen? 

Diese Kombi­na­tion basiert mehr auf Gefühl als auf einem spezi­ellen Konzept. Silvestrov faszi­niert mich schon länger, auf meinem letzten Album war bereits Musik von ihm vertreten. Mozart und er haben viel gemeinsam – in der Trans­pa­renz und Klar­heit ihrer Texturen. Ich finde diese Paral­lelen inter­es­sant: die Unbe­stän­dig­keit, das Flüch­tige. 

Der Mozart des d‑Moll-Konzerts ist drama­tisch, dunkel, kämp­fe­risch – weit weg vom immer noch manchmal bemühten Klischee der Lieb­lich­keit. Silvestrov hingegen ist zeit­ge­nös­si­sche Musik, die oft für schwer zugäng­lich gehalten wird, für zu kompli­ziert und so weiter – aber er klingt tröst­lich und sanft, baut stark auf Tona­lität und Gefühl. 

Silvestrovs Musik spricht zu uns, als wäre sie ein Echo von etwas Vergan­genem. Zugleich kommt auch Mozart für mich wie aus einer jensei­tigen Welt: Beide über­schreiten sie die Grenzen der unmit­tel­baren Realität. Das verbindet die beiden. Für mich ist dabei Mozart eher der Kompo­nist der Zukunft, Silvestrov jener der Vergan­gen­heit. Dieses Paradox faszi­niert mich.

>

Auftrittstermine und weitere Informationen zu Hélène Grimaud unter: www.helenegrimaud.com